Rezension über:

Kristina Krüger: Die romanischen Westbauten in Burgund und Cluny. Untersuchungen zur Funktion einer Bauform, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2003, 326 S., 162 Abb., ISBN 978-3-7861-1812-1, EUR 98,00
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Rezension von:
Stephan Gasser
Lehrstuhl für mittelalterliche Kunstgeschichte, Université de Fribourg
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Gasser: Rezension von: Kristina Krüger: Die romanischen Westbauten in Burgund und Cluny. Untersuchungen zur Funktion einer Bauform, Berlin: Gebr. Mann Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/4892.html


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Kristina Krüger: Die romanischen Westbauten in Burgund und Cluny

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Die Arbeit von Kristina Krüger, 1998 als Dissertation an der Freien Universität Berlin eingereicht, untersucht Form und Funktion einer Gruppe romanischer Westbauten in Burgund. Die Hauptthese Krügers lautet: Das gesteigerte Interesse an der Totenmemoria bei den Cluniazensern führte dazu, dass unter Abt Odilo (994-1049) in Cluny zu Beginn des 11. Jahrhunderts der Typus der doppelgeschossigen Vorkirche entwickelt wurde, der sich anschließend während etwa 100 Jahren in cluniazensischen oder Cluny nahe stehenden Abteien verbreitete. Das ungeweihte Erdgeschoss diente der Bestattung, das Obergeschoss mit Altarstelle der ungestörten Abhaltung der Gedächtnismessen. Schriftquellen zur unmittelbaren Verifizierung dieser These existieren nicht. Die Autorin liefert aber in monografischen Untersuchungen zu zwölf Westbauten im Herzogtum Burgund und seiner Umgebung (1. Teil) sowie mit der Klärung des Begriffs galilaea, der seit dem 11. Jahrhundert für Westbauten fassbar ist (2. Teil), unzählige Indizien.

Gemeinsames Merkmal der im ersten Teil untersuchten Objekte ist ein grobes formales Kriterium, nämlich ihre Zugehörigkeit zum Typus des Westbaus. Dabei unterscheidet Krüger Vorkirchen, Vorhallen, Westemporen und Portalkapellen mit und ohne liturgische Nutzung. Ihr besonderes Interesse gilt den zweistöckigen Vorkirchen mit liturgisch genutztem Obergeschoss. Die monografischen Abschnitte bieten weit mehr als eine Betrachtung der einzelnen Westbauten. Neben einer funktionalen Beschreibung liefern sie jeweils zum gesamten Baukomplex ausführliche Informationen zu Forschungsstand, Archäologie, Baugeschichte, Restaurierungen, historischem Kontext, Funktion und Bildprogramm, die bisweilen über das Notwendige hinausgehen. Krüger arbeitet dafür nicht nur die bisherige Literatur umfassend auf, sie integriert auch zahlreiche unpublizierte Forschungsresultate und kommt gelegentlich zu neuen Ergebnissen (Frühdatierung der Vorkirche von Romainmôtier um 1040/50, Mutmaßung von Vorgängern für die heutigen Westbauten von Paray-le-Monial und Charlieu, Spätdatierung der gesamten Kirche von Payerne ins ausgehende 11. bis mittlere 12. Jahrhundert, Annahme einer von Beginn weg doppelgeschossig geplanten Vorhalle in Autun und einer ursprünglich geplanten, aber nicht ausgeführten Portalkapelle bei tiefer liegendem Vorkirchenobergeschoss in Vézelay). Allgemein stellt die Autorin im Bereich der burgundischen Westbauten folgende Entwicklung fest: Im 11. Jahrhundert dominiert die Vorkirche mit durchgehender Geschosstrennung und Altarstelle im Obergeschoss (Tournus, Romainmôtier). Diese wird im 12. Jahrhundert durch einen Vorhallentypus abgelöst, dessen Obergeschoss zugunsten eines ausführlichen Bildprogramms im Erdgeschoss zur Portalkapelle reduziert wird (Vézelay, Autun). Dagegen sind die von einer Westempore überhöhten Vorhallen des 13. Jahrhunderts nur noch letzte Ausläufer einer überholten Bautradition (Pfarrkirchen in Dijon und Cluny). Die Mehrzahl der doppelgeschossigen Vorkirchen ortet Krüger an Klosterkirchen, bei denen es sich ausschließlich um Gotteshäuser traditioneller Benediktiner-, insbesondere Cluniazenserkonvente handelt. Das Obergeschoss der Vorkirchen scheint vor allem von Konventsangehörigen genutzt worden zu sein, da man es von der Klausur oder den Seitenschiffen der Kirche her erreichte und seine engen Zugänge gegen eine hohe Besucherfrequenz sprechen.

Zahlreiche neue Erkenntnisse bringt der zweite Teil der Untersuchung, der anhand mittelalterlicher Schriftquellen der Bedeutung des Begriffs galilaea nachspürt und in eine These zur Funktion doppelgeschossiger Vorkirchen mündet. Als architektonische Bezeichnung ist der Terminus 1027/48 erstmals für den Westbau von Cluny II fassbar. Er wird in der Folge für verschiedenartige Westbauten verwendet, in denen Rechtshandlungen, Grablegen und Altarstellen nachweisbar sind. In Consuetudines kommt der Begriff galilaea ausgehend vom Liber tramitis, das wie der Westbau von Cluny II unter Abt Odilo entstanden ist, fast ausschließlich in cluniazensischen oder Cluny nahe stehenden Klöstern vor. Dort bezeichnet er meist eine Prozessionsstation, die insbesondere an Ostern als Ort der feierlichen Verkündigung der Auferstehung Christi - dem liturgischen Höhepunkt der Osterfeier - von Bedeutung ist. In der Exegese erscheint der Terminus galilaea im Zusammenhang mit der Aufforderung des auferstandenen Christus an die Jünger, ihm nach Galiläa zu folgen, um ihn dort zu sehen. Seit den Kirchenvätern wurde diese Passage als transmigratio im Sinne eines durch die Auferstehung Christi vollzogenen Überganges vom Tod in ein neues Leben sowie als revelatio im Sinne einer Gottesschau der Gerechten am Ende der Zeiten ausgelegt. Ruppert von Deutz brachte in seinem Liber officialis (um 1111), dessen Grundlage cluniazensiche Consuetudines waren, als einziger den theologischen Begriff der galilaea mit dem Westbau einer Kirche in Zusammenhang. Die sonntägliche Weihwasserprozession diente laut Rupert der Erinnerung an die resurrectio Christi, die durch Nachvollzug der einzigen Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern in einer Prozession gefeiert werde. Da deren letzte Station die Vorkirche sei, bezeichne man diese in Erinnerung an den Ort des Geschehens als galilaea.

Mit guten Argumenten schließt Krüger zahlreiche ältere Thesen bezüglich der Funktion burgundischer Westbauten aus, so etwa die Idee der Vorkirche als Konversenkirche (Sennhauser), Laienkirche (Hubert), Ort der Buße (Héliot) oder des Visitatio-Sepulchri-Spiels (Heitz). Vielmehr betrachtet sie die Intensivierung der Totenfürsorge unter Abt Odilo in Cluny (Einführung des Allerseelen-Feiertages, umfassende Totenfürsorge für Mönche und familiares, Festlegung der Memorialleistungen im Liber tramitis) und das gleichzeitige Auftauchen der doppelgeschossigen Vorkirche als neuer Bautyp im Burgund sowie die zeitgenössische Bedeutung des Begriffs galilaea als hinreichende Indizien für einen Zusammenhang zwischen Vorkirche und monastischer Totenmemoria. Am Altar im Obergeschoss, das die wesentliche Neuerung dieses Bautyps darstellt, wurden ihres Erachtens die Tricenarien und Anniversarien für die Verstorbenen gelesen. Die Idee der Vorkirche als Ort der Totenfürsorge bestätigt sich laut Krüger in den stets um Endzeiterwartung und Auferstehungshoffnung kreisenden Bildprogrammen, im - allerdings erst spät und nur selten nachgewiesenen - Michaelspatrozinium des Obergeschosses und in den Gräbern hoher Würdenträger im Erdgeschoss direkt unterhalb der Altarstelle.

Da direkte Schriftquellen fehlen und die Resultate der archäologischen Grabungen nicht immer eindeutig sind, basieren viele der Überlegungen Krügers auf Hypothesen. Es ist der Autorin zu Gute zu halten, dass sie diese klar deklariert und dem Leser durch strikte Offenlegung affirmativer wie auch negativer Argumente eine eigene Meinungsbildung ermöglicht. In den meisten Fällen haben die Annahmen Krügers einen hohen Wahrscheinlichkeitswert. Trotzdem ist Vorsicht am Platz, wo bedeutende Thesen voneinander abhängig gemacht werden. Dies gilt insbesondere für die Hauptthese der Arbeit. Im Gegensatz zu Christian Sapin sieht Krüger den Ausgangspunkt für die burgundischen Vorkirchen nicht im karolingischen Westbau von St-Germain in Auxerre, sondern in demjenigen von Cluny II. Die Doppelgeschossigkeit - unabdingbare Voraussetzung für die weitere Interpretation der Autorin - ist für keinen der beiden Bauten nachweisbar. Für Cluny wird sie von Krüger aus den wenig jüngeren Vorkirchen in Tournus und St-Germain in Auxerre (beide um 1020/30) hergeleitet. Nur wenn dies zutrifft ist allerdings die auf dem Liber tramitis und weiteren cluniazensischen Consuetudines aufbauende Interpretation der galilaea als Ort der monastischen Totenmemoria überzeugend. Des weiteren dürften folgende Fragen Anlass zu Diskussionen geben: Wie erklärt es sich, dass die frühesten gesicherten Vorkirchen des fraglichen Typs (Tournus, Auxerre) nicht in cluniazensischen Abteien errichtet wurden? Inwieweit kann der für das Erdgeschoss von Westbauten nachgewiesene Terminus galilaea auf deren Obergeschoss übertragen werden? Wieso bleibt in den Consuetudines die praktische Durchführung der Gedächtnismessen unerwähnt, wenn diesen in Cluny neuerdings so große Bedeutung zukam? Reicht bei der erheblichen Ausdehnung der Totenfürsorge in Cluny ein einziger Altar, um all die Tricenarien und Anniversarien zu lesen?

Wie auch immer man diese Fragen beantwortet: Durch die Arbeit Krügers und die Ergebnisse des Kolloquiums Avant-nefs et espaces d'acceuil dans l'église entre le IVe et le XIIe siècle von 1999 in Auxerre (Akten herausgegeben von Christian Sapin, Paris 2002) hat die Erforschung der Form und Funktion von Westbauten innert Kürze bedeutende neue Impulse erhalten.

Stephan Gasser