Rezension über:

Jens Reiche: Architektur und Bauplastik in Burgund, Petersberg: Michael Imhof Verlag, ISBN 978-3-935590-07-5
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Rezension von:
Uta Schedler
Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Uta Schedler: Rezension von: Jens Reiche: Architektur und Bauplastik in Burgund, Petersberg: Michael Imhof Verlag, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/4757.html


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Jens Reiche: Architektur und Bauplastik in Burgund

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Nicht weniger als ein Buch über "Architektur und Bauplastik in Burgund" verspricht der Einband. Dieser unnötig aufgeblasene Titel verärgert. Zur Sprache kommen die burgundische Architektur und Bauskulptur um 1100, insbesondere jene der Kirchen von Gourdon und Mont-Saint-Vincent, im südwestlichen Burgund und in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen. Beides sind Bauten, die unzweifelhaft zur zweiten Garnitur der burgundischen Romanik gehören. Der Verfasser ist sich indes darüber im Klaren und stellt sich dieser Diskrepanz im ersten Absatz der Einleitung. In einem Vergleich zwischen einem Figurenkapitell aus Cluny und einem aus Gourdon skizziert er fast schonungslos die Qualitätsunterschiede zwischen einem Werk erster Güte und einem zweitklassigen, um dann allerdings - und berechtigt - auf die geringe Bereitschaft in der kunsthistorischen Forschung zu verweisen, eingetretene Pfade zu verlassen und den Blick auf Peripheres zu lenken, obwohl solche Werke durchaus Eigenständiges, bisweilen sogar Innovatives vor Augen führen. Die auch und gerade mit der burgundischen Romanik verbundene Vorstellung von einem "fertigen" Stil und einer vermeintlich längst geklärten Chronologie sei daher in Frage zu stellen. Stattdessen müsse eine "Feinchronologie" und ein "Netz" von Wechselbeziehungen zwischen Bauten des "hohen" Stils und so genannten provinziellen Werken der Zeit um 1100 erstellt werden. Abermals schrauben sich die Erwartungen des Lesers nach oben. Dieses Mal werden sie erfüllt.

Der Verfasser beginnt mit einer kurzen, kritischen Stellungnahme zum lieb gewordenen Schlagwort der "burgundischen Schule" und - als deren mehr oder weniger paradigmatisches Beispiel (je nach Forschungsstandpunkt) - zur Kontroverse um die Abteikirche von Cluny, um sich dann mit stupender Detailgenauigkeit der Kirche Notre-Dame in Gourdon widmen. Dem mangels Dokumenten kurzen Abriss über die Geschichte des Baus folgt eine Mauertechnik und bauarchäologische Befunde gleichermaßen einschließende Beschreibung des Baus als Ganzheit. Das minuziöse Vorgehen manifestiert sich vor allem in der Analyse der Kapitelle und einzelnen Architekturglieder mit der Absicht, ein tragfähiges Fundament für die Ableitung allgemeiner Beurteilungskriterien zu schaffen. Bezeichnend ist, dass zu Beginn des Abschnitts über die Kapitelle zunächst die "Terminologie der Beschreibung" geklärt wird. Die Intention des "Netzwerks" kündigt sich an, und sie gibt auch Antwort auf die Frage, die man sich anfangs stellt, warum alle (fotografisch und in Zeichnungen wiedergegebenen) Kapitelle im Text behandelt werden und auf einem Katalog im Anhang verzichtet worden ist.

Die Kirche Saint-Vincent in Mont-Saint-Vincent erscheint auf den ersten Blick wie ein Gegenprogramm zu jener in Gourdon, obwohl sie Notre Dame im Bautypus entspricht. Es ist eine dreischiffige gewölbte Basilika mit vierjochigem Langhaus, vorspringendem, niedrigem Querhaus und ursprünglich drei Apsiden. Saint-Vincent besitzt allerdings eine interessante dreigeschossige, unten offene Vorhalle, die in Gourdon fehlt, und im Mittelschiff bemerkenswerte Quertonnen, während Notre Dame kreuzgratgewölbt ist. Verglichen mit letzterer weist sie zudem eine anders bedingte und weit schlichtere Gliederung auf; sie ist deutlich finsterer und kahler, und das Wenige an Bauskulptur erscheint noch unbeholfener, provinzieller als jene in Gourdon. An dieser Stelle schleicht sich der Verdacht ein, ob nicht doch die bis dato unzureichende Erforschung beider Kirchen den Autor dazu bewogen hat, sich den beiden Kirchen zu widmen und zwei Baumonografien zusammenhanglos nebeneinander zu stellen. Der praktizierte chirurgische Blick auf die Einzelheiten der Bauplastik lehrt jedoch, dass der Teufel wieder einmal im Detail steckt. Der Verfasser kann nicht nur auf stilkritischem Wege, sondern auch durch Untersuchungen des verwendeten Steinmaterials und der Bearbeitungstechniken sowie durch Vermessungen plausibel darlegen, dass zwischen Gourdon und Mont-Saint-Vincent gleichwohl enge Kontakte bestanden, dass sogar ein und dieselbe Werkstatt zugange war. Deren Herkunft und mögliche weitere Werke gilt es nun zu klären. Die Arbeit am "Netzwerk" beginnt und zugleich die Auseinandersetzung mit Bauten des "hohen" Stils.

"Verwandtes" ist das Stichwort des umfangreichen zweiten Teils, den ein Vergleich zwischen Mont-Saint-Vincent und der Kirche Saint-Philibert in Tournus mit ihren Quertonnen im Mittelschiff respektive zwischen Gourdon und weiteren kreuzgratgewölbten Kirchen einleitet. Wegen der Quertonnen ist ein Bezug von Mont-Saint-Vincent zu Tournus gesehen worden, seit Saint-Vincent Forschungsobjekt wurde. Beide sollten letztlich die einzigen Kirchen in Burgund mit dieser Wölbungsform bleiben. Während in der älteren Literatur enge, teilweise sogar baugeschichtliche Verbindungen angenommen wurden, relativiert dies der Verfasser durch Verweis auf die in der Tat unterschiedlichen Gliederungsstrukturen und Raumverhältnisse. Saint-Philibert wird unausgesprochen zum spannenden Sonderfall, der die Kirche ja letztlich ist. Dominierend war zu dieser Zeit in Burgund die Längstonne. Für die Kreuzgratgewölbe in Mittel- und (!) Querschiff von Notre Dame in Gourdon lassen sich nur wenige Vergleichsbeispiele nennen (Ancy-le-Duc, Toulon-sur-Arroux, Bragny-en-Charollais, Issy-l´Éveque), denen der Verfasser noch ein weiteres hinzufügt (Perrecy-les-Forges). In der Forschung ist diese Wölbungsform als politisch motiviert, als anticluniazensisch interpretiert worden. Vorliegende Studie widerlegt diese These überzeugend insofern, als in Gourdon von einer Opposition gegen Cluny nicht die Rede sein kann, da zahlreiche Architekturelemente eindeutig von Cluny III abhängig sind. Der Begriff anticluniazensische, aber ebenso cluniazensische "Schule" könne daher nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Um dergleichen Fragwürdigkeit zu entgehen, bleibt der Verfasser seiner Methode der detaillierten Werkanalyse treu, mit der im folgenden Kapitel verwandte Bauskulptur und Architektur im Südwesten Burgunds untersucht werden. Schon in den 1920er-Jahren war der Forschung aufgefallen, dass zahlreiche Kapitelle verschiedener romanischer Kirchen Südwestburgunds sich wenigen, von Ort zu Ort immer wieder auftauchenden Typen zuordnen lassen. In der Tradition der von Henri Focillon begründeten französischen Kunstgeschichtsschreibung hatte Eliane Vergnolle nach formal objektiven Klassifizierungskategorien wie Struktur, Komposition, Motivik fünf Kapitelltypen unterschieden. Mit dem Ziel "willkürliche Vergleiche nach Augenschein" (196) zu vermeiden, übernimmt der Verfasser ihre Kategorien, präzisiert und erweitert sie allerdings. Mit diesem Rüstzeug werden dann Kapitelle von über zwanzig Bauten dieser Region analysiert, die mehr oder weniger zum Umkreis der Kapitelle in Mont-Saint-Vincent und Gourbon gehören. Dazu zählen auch Spitzenbauten wie Vézelay, Tournus, Saint-Lazare in Autun, Charlieu oder Paray-le-Monial. Nicht nur Stilkriterien werden angewendet, sondern auch Steinbearbeitung und Vermauerungstechniken untersucht. Zu Recht wird darauf verwiesen, dass diese, anders als der Stil, dessen Wandel nicht unbedingt linear verläuft, kontinuierlich entwickelt wurden und daher frühere und spätere Bauphasen klären können. Ergebnis dieser gründlichen empirischen Forschungsarbeit, bei der trotz aller Konzentration auf die Kapitelle der architektonische Kontext nicht außer Acht gelassen wurde, ist erstens: Die Werkstätten sind fassbar und unterscheidbar, ebenso wie die Verbindungen untereinander, wodurch zweitens eine begründete "Feinchronologie" der behandelten Bautengruppe ermöglicht wurde, wie sie bisher nicht erstellt werden konnte, anhand der wenigen, teilweise auch zweifelhaften archivalischen Daten ohnedies nicht. Und sie verweist darüber hinaus auf ein tatsächlich enges Netz von Wechselbeziehungen zwischen Bauten des "hohen" Stils und peripheren. Die systematische Untersuchung führte noch zu einem weiteren aufschlussreichen Resultat, das man durchaus noch stärker hätte betonen können. Die Werkstätten der zweitrangigen Bauten der Region, darunter gerade jene von Mont-Saint-Vincent und Gourdon, erwiesen sich als weit mobiler in der Region als die Werkstätten der Spitzenbauten.

Ein kurzer, aber instruktiver Abschnitt über Vorläufer der Kapitelle aus dem 11. Jahrhundert leitet zum letzten Teil über, in der noch einmal zu einer eindimensional stilistischen Betrachtung auf Distanz gegangen wird. Bemerkenswert ist die Reserviertheit gegenüber den bis dato ausgiebig betriebenen Stilvergleichen mit anderen Gattungen, mit Elfenbeinarbeiten und mit der Fresko- oder Buchmalerei, wohingegen berechtigt Musterbücher als Vorlagen für die Motive angenommen werden, die sich aus dieser Zeit freilich nicht erhalten haben. Auch kohärente Programme der Bauskulptur lassen sich offenbar kaum nachweisen, und die gängige Annahme, der Auftraggeber habe die Architektur bestimmt, und Formenübernahmen seien mit dessen Herkunft zu begründen, ist gleichfalls problematisch. Vielmehr sei für die Wahl von Steinmetzen weniger der Auftraggeber der Kirchen ausschlaggebend gewesen, sondern eher die regionale Nähe der Baustellen untereinander.

Jens Reiche hat mit seiner Arbeit, die 1999 in Bonn als Dissertation angenommen worden ist, ein wichtiges Werk zur burgundischen, insbesondere südwestburgundischen Architektur und vor allem Kapitellskulptur vorgelegt, das nicht nur inhaltlich überzeugt, sondern auch durch die sachliche, gegenüber abweichenden Auffassungen stets unpolemische Darstellung. Dem Buch ist eine lebhafte Rezeption zu wünschen.

Kleinere Einwände seien lediglich am Rande vermerkt. So irritiert ein wenig die beliebige Verwendung der Worte "Skulptur" und "Plastik". Die Austauschbarkeit ist zwar längst gang und gäbe, aus etymologischen Gründen wie auch aus Gründen des Werkprozesses, der sich eben nicht als plastisches Modellieren, sondern als Arbeit mit dem Meißel darstellt, sollten solche Werke besser einheitlich als Skulptur bezeichnet werden. Die Kritik am Begriff der "Schule" ist etwas zu hart ausgefallen insofern, als damit ja kein festes Ausbildungsprogramm gemeint ist, sondern ein gemeinsames oder - gemäß dem Leitwort im zweiten Teil des Buches - "verwandtes" Formen- und Motivrepertoire sowie identische oder ähnliche Techniken. Diese Kriterien sind aber auch die Grundlage, auf welcher der Verfasser seine Werkstätten zu fassen und zu unterscheiden versucht. Für den irreführenden Titel am Bucheinband ist vermutlich der Verleger verantwortlich, der ansonsten vorzügliche Arbeit geleistet hat, mit einer Einschränkung allerdings noch: angesichts der Fülle an Bauwerken und zahlreichen Querverweisen vermisst man schmerzlich ein Register.

Uta Schedler