Rezension über:

Gabriel de Tarde: Die Gesetze der Nachahmung. Aus dem Französischen von Jadja Wolf, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2003, 416 S., ISBN 978-3-518-58367-8, EUR 34,90
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Rezension von:
Stefan Jordan
Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Jordan: Rezension von: Gabriel de Tarde: Die Gesetze der Nachahmung. Aus dem Französischen von Jadja Wolf, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/4642.html


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Gabriel de Tarde: Die Gesetze der Nachahmung

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Am Ende des 19. Jahrhunderts erfreuten sich die Theorien Gabriel Tardes großer Popularität in Frankreich; bald jedoch gerieten sie in den Schatten der wirkmächtigeren Konzepte Émile Durkheims. Vor allem durch seine Rezeption bei Gilles Deleuze angestoßen, erfreut sich das Tarde'sche Werk seit einigen Jahren einer Renaissance im französischsprachigen Raum. Neben der von Éric Alliez seit 1999 veranstalteten Werkausgabe entstand seit den späten 1980er-Jahren eine Reihe detaillierter Analysen. Auch in Italien griffen neuere historische Studien - besonders zur Kriminalismusforschung - Gedanken Tardes auf, der in Deutschland heute kaum bekannt ist.

Gabriel Tarde wurde 1843 in Sarlat en Dordogne geboren und in einer Jesuitenschule erzogen. Anschließend studierte er Naturwissenschaften, Philosophie und Recht. Durch eine Augenkrankheit fast völlig erblindet, schlug er eine juristische Laufbahn ein: als Gehilfe des Staatsanwalts, später als Richter. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Anerkennung, die er durch Arbeiten zur vergleichenden Kriminologie und zum Strafrecht erlangte, wurde er zum Leiter der Abteilung für Kriminalstatistik am französischen Justizministerium ernannt. 1900 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und erhielt einen philosophischen Lehrstuhl am Collège de France, den Henri Bergson nach Tardes Tod 1904 übernahm.

"Die sozialen Gesetze" (1908) war bislang der einzige Text Tardes in deutscher Übersetzung. Mit "Die Gesetze der Nachahmung" (Originalausgabe: "Les lois de l'imitation", Paris 1890, 5. Auflage 1907) erschien nun endlich sein Hauptwerk auf Deutsch. Ähnlich wie seine soziologischen Zeitgenossen Durkheim und René Worms widmet sich Tarde darin der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft. Anders als Durkheim, der die Kraft des Überindividuellen in der Gesellschaft betont, und auch anders als Worms, der von organologischen Zusammenhängen zwischen Einzelnem und sozialem Ganzen ausgeht, vertritt Tarde eine Theorie, die Elemente der Philosophie Hegels und Einflüsse des nomologischen Denkens Comtes erkennen lässt. Hierin kommen der "Nachahmung" ("imitation") und der "Gegen-Nachahmung" ("contre-imitation") als Handlungen, die Vorbilder imitieren oder ihr genaues Gegenteil sein wollen, zentrale Bedeutung zu: Als "Gesellschaft" definiert Tarde eine Gruppe von Menschen, die viele durch Nachahmen oder Gegen-Nachahmen erzeugte Ähnlichkeiten aufweist. Das Verhältnis zwischen Individuum und sozialem Gegenüber - die Soziabilität - wird damit als Kopierverhalten bestimmt.

Tardes Ausführungen, deren Rezeption durch eine schwerfällige, sprachverliebte, häufig mystisch-bildhafte und zu Redundanzen neigende Gedankenführung erschwert wurde und die Durkheim und später Franz Oppenheimer als "Theorie der Einfachheit" denunzierten, sind in weiten Teilen einer historischen Soziologie verschrieben. Tarde teilt die Engels'sche Vorstellungen einer "Urhorde" und vom Hervorgehen der Gesellschaft aus dem familiären Verband; der Ablauf der Geschichte gestaltet sich wie im Hegel'schen Idealismus und im Marx'schen Materialismus als Stufenfolge verschiedener Rassen, wobei Tarde den Rassenbegriff nicht rein biologistisch versteht, sondern "Rasse" als historisch gewachsene, zu einem biologischen Verband gewordene, kulturell einheitliche Entität definiert. Mit diesen Gedanken grenzt er sich deutlich ab gegenüber etwa zeitgleichen Theorien wie denen Chamberlains oder - etwas früher - Gobineaus. Die Gestalt der durch das Prinzip der Nachahmung charakterisierten Gesellschaft beschreibt Tarde als "Masse" beziehungsweise - bezogen auf seine Gegenwart - als "Publikum". Im Gegensatz zur rassisch begrenzten "Masse" wird das "Publikum" als unbegrenzt ausdehnungsfähig definiert.

Tardes Werk zählt mit Scipio Sigheles "La folla delinquente" (1891) und Gustave LeBons "Psychologie des Foules" (1895), die sich auf "Die Gesetze der Nachahmung" beziehen, zu den Formationstexten der Massenpsychologie, die als wissenschaftliche Reaktion auf 'Krisen der Moderne' (industrieller Pauperismus, Formation einer Arbeiterklasse, schwindende Religiosität, 'Demokratismus', fragmentierte Persönlichkeit und anderes mehr) im Décadence-Zeitalter entstand. Charakteristisch für diese Richtung der Sozialpsychologie ist die Vorstellung einer triebgesteuerten, gesetz- und ziellosen, gewalttätigen Masse, die eines Führers bedarf, um gelenkt und geordnet zu werden. Dieser Führer - den Tarde mit einem Begriff Hippolyte Taines "meneur" nennt - ist jene Person, in der der Zeitgeist sich am deutlichsten ausspricht und die über ein herausgehobenes Prestige verfügt. Deutlich lässt sich in den Theorien Tardes, Sigheles und LeBons die Hegel'sche "List der Vernunft" erkennen, die sich des 'großen Mannes' bedient, um den Volksgeist voranzubringen. Anders als bei Hegel ist dieser Volksgeist aber nicht transzendental, sondern rasseimmanent gedacht; anders als bei Hegel das "Volk" wird die "Masse" bei allen drei Denkern als minderwertig und gefährlich betrachtet - nicht ohne Grund nähern sich Tarde und Sighele ihr mit dem Interesse von Kriminologen.

Doch nicht nur als Wiederentdeckung von allein soziologiehistorischem Wert und wegen seiner soziologischen Erklärung des Fin de Siècle als Zeitalter des 'Niedergangs in die Moderne' ist "Die Gesetze der Nachahmung" beachtenswert. Von Bedeutung ist der Text besonders als 'Stein des Anstoßes'. Die gesellschaftspolitischen Implikationen des in den frühen Theorien der Massenpsychologie entworfenen Gesellschaftsmodells haben für ein halbes Jahrhundert die Vorstellungen davon geprägt, was "Gesellschaft" ausmache und ausmachen solle. Das gilt für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der "Masse" (McDougall, Freud, Reiwald, Ortega y Gasset, Canetti), die ebenso auf dem frühen massenpsychologischen Modell aufbaut, wie für politische Texte. Die Rezeption von LeBons Thesen in Hitlers "Mein Kampf" wurde bereits nachgewiesen; auch Tardes Ideen dürfte man hier wieder finden, wenngleich sie wie in den meisten deutschen Schriften aus nationalistisch-'rassischen' Rücksichten nie kenntlich gemacht wurden.

Das Massedenken war aber nicht auf eine konservative, autoritäre und faschistische Weltsicht beschränkt: 'Gewerkschafts-' und 'Parteiführer' und die 'Masse der Genossen' gab es auch auf der Linken, der 'gewählte Führer' einer 'demokratischen Masse' war ein Ideal der demokratischen Mitte, und nicht zuletzt wurde schon in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das Bild des 'Hirten' in der katholischen Kirche in das vom 'Kirchenführer' übergeleitet. Tarde und andere haben ein klassen- und schichtenübergreifendes Erklärungsmodell geschaffen, das zwar im Detail deutungsoffen ist, sich zugleich aber zu einer späteren 'Gleichschaltung' (in Deutschland) eignete, indem es in seinen Grundsätzen und in seiner Begrifflichkeit auf gesamtgesellschaftlichen Konsens stieß. Mit der Übersetzung von "Les lois de l'imitation", die leider weder einen einführenden Beitext noch ein Register enthält, liegt nun eine wichtige Quelle zur Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor; es wäre wünschenswert, wenn eine Übertragung von Tardes "La logique sociale" (1895) folgen würde, das die Gedanken von "Die Gesetze der Nachahmung" fortsetzt und an das sich der bereits 1908 übersetzte Band über "Die sozialen Gesetze" anschließt.

Stefan Jordan