Rezension über:

Lukas Clemens: Tempore Romanorum constructa. Zur Nutzung und Wahrnehmung antiker Überreste nördlich der Alpen während des Mittelalters (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 50), Stuttgart: Hiersemann 2003, X + 565 S., 32 Abb., ISBN 978-3-7772-0301-0, EUR 188,00
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Rezension von:
Thomas Schauerte
Schwetzingen
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Schauerte: Rezension von: Lukas Clemens: Tempore Romanorum constructa. Zur Nutzung und Wahrnehmung antiker Überreste nördlich der Alpen während des Mittelalters, Stuttgart: Hiersemann 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/4060.html


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Lukas Clemens: Tempore Romanorum constructa

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Angesichts des mediävistischen Interesses an der Antikenrezeption in Literatur, Philosophie oder Naturwissenschaft, namentlich aber in der Bildenden Kunst liegt hier nun eine wichtige historische Abhandlung vor, die von archäologischer, mittellateinischer und nicht zuletzt von kunstgeschichtlicher Seite größte Beachtung verdient. Der Autor dieser Mainzer Habilitationsschrift aus dem Jahre 2000 ist Kustos am Rheinischen Landesmuseum Trier und seit Jahren als profunder Kenner der Materie hervorgetreten.

Die geläufigere Antikenrezeption sei dem Einsetzen des Humanismus im 15. Jahrhundert, welche die Nachbardisziplinen mit ungebrochener Intensität vorrangig erkunden, lässt Clemens bewusst außen vor (4), indem er seinem Untersuchungszeitraum im 13. Jahrhundert mit guten Gründen ein Ziel setzt: denn für diese Zeit weisen die Quellen ein deutlich nachlassendes Interesse an antiken Hinterlassenschaften auf, das vielfach zum Abbruch der Monumente führte (417 ff.).

So strebt der Historiker zunächst für das Vorhandene wie das Verlorene eine nüchterne archäologisch-historische Bestandsaufnahme an, wie dies auch den instruktiven Überschriften des ersten Hauptteils (15-240) deutlich zu entnehmen ist. Ihm schließt sich auf knapp 170 Seiten unter der Überschrift "Die Wahrnehmung von antiken Überresten im Mittelalter" der philologische und kulturgeschichtliche Blick auf das ausgebreitete Material an.

Den Untersuchungsraum bilden dabei die einstigen gallischen und germanischen Provinzen Raetia, Noricum und das rechtsrheinische Dekumatsland, da hier eine besonders dichte klerikale Schriftkultur anzutreffen ist, wohingegen Britannien und Südfrankreich ausgeklammert werden (6 ff.). Im deutschen Kulturkreis steht damit vor allem die römische Vergangenheit der vornehmsten Konstituenden des nachmals Heiligen Römischen Reiches, der Kurerzbistümer Mainz, Köln und Trier, im Zentrum des Interesses; daneben sind aber auch mittelalterliche Bischofssitze wie etwa Metz, Cambrai, Verdun oder Besançon vertreten. Das deutliche Schwergewicht liegt allerdings auf Trier, und mit Blick auf seine Publikationen und Arbeitsstätte tritt man dem Autor sicher nicht zu nahe, wenn man die einstige kaiserliche Residenz mit ihrer staunenswerten Fülle antiker Großbauten und reichen schriftlichen Überlieferung für den eigentlichen Spiritus Rector dieser Untersuchung halten möchte. Schließlich war eine kürzlich beendete Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums den Kaiserpalästen in Konstantinopel, Ravenna und Trier gewidmet, und eine archäologische Sensation stellte vor einigen Tagen die Entdeckung des vielleicht ersten nordwesteuropäischen Militärlagers der Zeit um 30 v. Chr. auf dem Trierer Petrisberg dar. Hingegen ist etwa Augsburg als Hauptstadt der Raetia und Municipium deutlich unterrepräsentiert, obwohl die römische Vergangenheit stets Bestandteil des städtischen Selbstbewusstseins war und Konrad Peutinger die Stadt ab 1505 zum Vorort der humanistischen Archäologie und Epigraphik in Deutschland machen sollte. Vor allem mit Blick auf Trier, doch auch anhand zahlreicher anderer Beispiele kann Clemens folgerichtig die "nahezu flächendeckende Präsenz römerzeitlicher Überreste [...] auch ausserhalb kontinuierlich bewohnter Städte" konstatieren (203), und es lässt sich wohl verallgemeinern, was der Autor über Metz sagt: "Viele römerzeitliche Monumente sind erst während der frühen Neuzeit endgültig der Spitzhacke zum Opfer gefallen" (24). Eindringlich kann er so das Bild einer vielfach noch immer stark antik geprägten Urbanität und Infrastruktur im Mittelalter entwerfen (162), um schließlich zu der Feststellung zu gelangen, dass sich - abgesehen natürlich von Rom selbst - das mittelalterliche Erscheinungsbild von Romania und Germania bezüglich antiker Relikte kaum sehr unterschieden haben dürfte (203).

Dabei standen die mittelalterlichen Chronisten dem provinzialrömischen Teil der eigenen Vergangenheit zwar oftmals als einem unverstandenen und daher beliebig interpretierbaren Fremden gegenüber; doch kann Clemens den gängigen Vorstellungen von historischen Brüchen und Epochenschwellen manche treffenden Einschätzungen gebildeter Kleriker, vor allem aber das Vorhandensein einer materialen Kontinuität von erstaunlichen Dimensionen entgegenstellen, die hier erstmals in einem größeren Zusammenhang veranschaulicht wird.

In diesen beiden Aspekten sind auch die methodischen Präferenzen des Autors begründet, die in der "Zusammenschau von archäologischen Befunden und schriftlicher Quellenüberlieferung" liegen (427) - ein Anspruch, dem der Verfasser auf oftmals faszinierende Weise gerecht wird. Entscheidend dabei ist, dass auch archäologisch längst nicht mehr Nachweisbares gleichwertig neben dem nur in Bruchteilen Überkommenen steht. Der genaue Blick auf Katasterpläne, Gemarkungsgrenzen oder Straßenverläufe und sehr häufig auf die Etymologie der Orts- und Flurnamen brachte hier Aufschluss: Nicht ohne weiteres würde man etwa vermuten, dass der Trierer "Langenborn" seit dem 13. Jahrhundert einen Teilverlauf des Ruwer-Aquädukts erinnert (70).

Nicht minder interessant ist die Frage nach den Arten des Umgangs mit dieser römischen Hinterlassenschaft und den strukturellen Voraussetzungen dafür (Kapitel II.2.-4.). Schon die Analyse der Besitzverhältnisse an antiker Bausubstanz eröffnet aufschlussreiche Erkenntnisse. So sind seit dem Frühmittelalter vielfach die Bischöfe und Klöster durch herrscherliche Schenkungen Besitzer antiker Ruinenstätten: Als Bischof Hugo von Vienne 1153 der dortige Thermenkomplex durch Kaiser Friedrich I. übertragen wird, nutzt er ihn pragmatisch für den Einbau einer Burg (122), und dem Bericht von einer ähnlichen Schenkung Herzog Theodos von Bayern an Bischof Rupert von Passau im frühen 8. Jahrhundert ist auch der lateinische Titel von Clemens' Buch entlehnt (260 f.). Will man es dagegen zunächst als hochgemute herrscherliche Antikenrezeption ansehen, wenn sich König Philipp II. Augustus von Frankreich einen Donjon im Zentrum des Amphitheaters von Rouen errichten lässt (96), dann dominieren bei näherem Hinsehen letztlich praktische Gründe, denn es befand sich schlicht in königlichem Besitz und bot zudem geeignetes Baumaterial die Fülle. Gerade in Bezug auf diese profanste aller Möglichkeiten des Umgangs mit der Antike referiert Clemens Details, die ein gewerbliches Ausschlachten der Substanz vor Augen führt, angefangen von Kalkbrennereien in Ruinenfeldern, die marmorne Kapitelle und Skulpturen für ihre Öfen zertrümmerten, bis hin zu den Kalksinter-Ablagerungen in Aquädukten als begehrtem Marmor-Ersatz.

Sodann lenkt Clemens den Blick mit Nachdruck auf den ambitionierteren Umgang der Geschichtsschreiber mit den antiken Monumenten (Teil III): Die ausgiebig zitierten Gesta Treverorum etwa bieten schon in der ersten Redaktion vor 1060 eine frühe Auseinandersetzung mit der römischen Vergangenheit und liegen damit deutlich vor den ungleich berühmteren Mirabilia urbis Romae (313). Indem die Gesta die Ruinen vor allem als Zeugnisse einer mythischen Stadtgründung Triers noch ganze 1250 Jahre vor jener Roms interpretieren, erweisen sie zum einen den immer währenden vergleichenden Blick auf Rom als konstitutiv für die Wertschätzung der eigenen Antike; zum anderen verdeutlichen sie die "Ehrwürdigkeit" (nach H. Fichtenau, 354), die mit der Konstruktion einer derart illustren Abkunft verbunden wurde. Im Falle Triers bildeten die Bemühungen um den bischöflichen Primat in der Belgica den Hintergrund solch ambitiöser Fiktionen (341 f.) und zugleich das Vorbild für zahlreiche ähnliche Historien (etwa in Göttweig, Jülich, Reims, Tournai oder Xanten). Dabei werden die antiken Bauwerke, Standbilder oder Inschriften als "Beweise" in das Wunderwerk der etymologischen Welterklärung des Mittelalters integriert.

Trotz beschwerlicher Querverweise (lediglich nach Kapiteln) und wenigen, oft mäßigen Abbildungen bietet das Buch nicht nur ein faszinierendes Panorama, sondern zugleich eine lebendig geschriebene Einführung in die Thematik mit interdisziplinärer Reichweite. Wertvolle Impulse dürfte es nicht zuletzt der Erforschung der nordalpinen Antikenrezeption seit Renaissance und Humanismus geben, da es deren Voraussetzungen in ein helleres Licht rückt. Leider scheint man sich nicht um einen Druckkostenzuschuss bemüht zu haben, sodass diese wichtige Studie angesichts des exorbitant hohen Preises nicht die Verbreitung finden wird, die ihm unbedingt zu wünschen ist.

Thomas Schauerte