Rezension über:

Gunther Hirschfelder: Alkoholkonsum am Beginn des Industriezeitalters (1700-1850). Vergleichende Studien zum gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Bd. 1: Die Region Manchester (= Bd. 1), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, VIII + 384 S., ISBN 978-3-412-16702-8, EUR 44,90
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Rezension von:
Jörg Vögele
Institut für Geschichte der Medizin, Heinrich Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Vögele: Rezension von: Gunther Hirschfelder: Alkoholkonsum am Beginn des Industriezeitalters (1700-1850). Vergleichende Studien zum gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Bd. 1: Die Region Manchester, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/3392.html


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Gunther Hirschfelder: Alkoholkonsum am Beginn des Industriezeitalters (1700-1850)

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Der Bonner Volkskundler Gunther Hirschfelder untersucht im Rahmen seiner Habilitationsschrift den Alkoholkonsum an der Schwelle des Industriezeitalters als Indikator kulturellen und gesellschaftlichen Wandels. Dabei möchte er seine Arbeit zwischen Nahrungsethnologie, volkskundlicher Arbeiterforschung und Sozialgeschichte ansiedeln. Im vorliegenden ersten Band steht der Alkoholkonsum in der Region Manchester im Mittelpunkt, für den zweiten Band wird eine analoge Vorgehensweise für den Raum Aachen angekündigt.

Zunächst konzentriert sich Hirschfelder auf die Gaststätten und andere Orte des Alkoholkonsums als, wie er es nennt, raum- und objektbezogene Komponenten des Alkoholkonsums. Die dominierende Rolle kommt hier den Gaststätten zu - untersucht werden verschiedene Typen, Öffnungszeiten und Personal -, der Autor diskutiert aber auch die allerdings geringere Bedeutung des Alkoholkonsums am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit. In große Quellenprobleme gerät Hirschfelder schließlich, wenn es um den Alkoholkonsum im privaten Haushalt geht. Der zweite Teil der Studie verfolgt die Auswertung der gesellschaftsbezogenen Komponenten. Dabei geht es im Wesentlichen um eine alters-, geschlechts- sowie berufs- und gruppenspezifische Differenzierung des Alkoholkonsums. Bei Letzterer konzentriert sich der Autor insbesondere auf Kleriker, Militärs sowie politische und wirtschaftliche Führungsschichten. Hier lautet ein wichtiges Fazit des Autors: Bestrebungen, den Alkohol aus dem Sozialleben der Mittel- und Oberschichten zu verbannen, konnten sich nicht durchsetzen. Der dritte Hauptteil schließlich befasst sich mit der Menge des Alkoholkonsums, seinen Folgen hinsichtlich Aggression und Gewalt sowie den gesellschaftlichen Reaktionen, wie sie sich etwa in der Temperenzbewegung bündelten.

Insgesamt handelt es sich um eine ausführliche Darstellung, die erfreulicherweise die Sekundärliteratur unterschiedlichster Disziplinen berücksichtigt und auf unterschiedlichsten gedruckten und ungedruckten Quellen fußt. Diese reichen von Chroniken, Flugblättern und Zeitungen bis hin zu Akten über öffentliche Feierlichkeiten, Fabrikdisziplin und Armenunterstützung. Angesichts seiner postulierten Fragestellung hat der Autor mit Manchester, der ersten Fabrikstadt der Welt (Friedrich Engels), eine gute Wahl getroffen. Auch die thematische Schwerpunktsetzung mag aus volkskundlicher Sicht begründet und die gewonnenen Ergebnisse mögen reichhaltig sein, aus geschichtswissenschaftlicher Sicht mangelt es allerdings deutlich an der Einbettung in die historischen Entwicklungen und Zusammenhänge, insbesondere wenn, wie Hirschfelder immer wieder betont, der gesellschaftliche Wandel analysiert werden soll. Hier bleibt die Arbeit oft zu beschreibend und oberflächlich. Manche Formulierungen verlieren sich deshalb geradezu in Trivialitäten, wenn etwa der Leser wiederholt darauf hingewiesen wird, dass gesellschaftlicher und kultureller Wandel in besonderem Maße von den ökonomischen Rahmenbedingungen bestimmt wird und dass diese sich infolge der Industrialisierung einschneidend änderten. Bei der Verknüpfung von Alkoholkonsum und gesellschaftlichem Wandel scheint dem Autor auch gelegentlich die Trennschärfe verloren zu gehen, was nun abhängige und was unabhängige Variable gewesen sein soll. Die fehlende analytische Schärfe rührt sicherlich auch aus der zwar reichhaltigen, aber oft unsystematischen und bruchstückhaften Quellenlage her. Gleichwohl beeindruckt die Arbeit in den beschreibenden Teilen. In der ausführlichen Wiedergabe und der Menge der oft längeren, ausführlichen Originalzitate sowie der nahe an den Quellen ausgerichteten Darstellung liegt eindeutig die Stärke der Arbeit: Die Fülle von Details und Impressionen aus bislang nicht verwendetem Quellenmaterial gibt einen aufschlussreichen Einblick in die städtische Lebenswelt im England der Zeit von 1700 bis 1850 und zeichnet ein lebhaftes Panorama vergangener Trinkkultur.

Jörg Vögele