Rezension über:

Friedrich Lenger: Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung. (1849-1870er Jahre) (= Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte; Bd. 15), 10., völlig neu bearb. Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta 2003, 406 S., ISBN 978-3-608-60015-5, EUR 42,00
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Rezension von:
Christian Jansen
Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Christian Jansen: Rezension von: Friedrich Lenger: Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung. (1849-1870er Jahre), 10., völlig neu bearb. Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/05/2288.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Der neue 'Gebhardt' zum 19. Jahrhundert" in Ausgabe 4 (2004), Nr. 5

Friedrich Lenger: Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung

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Wohl alle deutschen Historikerinnen und Historiker des 20. Jahrhunderts haben in Schule oder Studium mit dem Gebhardt zu tun bekommen. Zugleich jedoch war der Gebhardt in den letzten Jahrzehnten zum Synonym für eine nicht länger akzeptable Fixierung auf Politikgeschichte geworden. Nun ist das traditionsreiche Handbuch neu konzipiert worden. Die Herausgeber (Alfred Haverkamp, Wolfgang Reinhard, Jürgen Kocka und Wolfgang Benz) stehen für eine auch methodisch reflektierte, theoretisch informierte Sozialgeschichte, die die konservativ-nationalistische Ausrichtung hinter sich gelassen hat, der sich die deutsche Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert verpflichtet fühlte. Entsprechend erheben sie - in dem jedem Band vorausgeschickten Vorwort zur 10. Auflage (IX-XV) - den hohen Anspruch, in populärer Form den neuesten Forschungsstand zu reflektieren, nicht mehr Politikgeschichte in den Vordergrund zu stellen, sondern Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte zu integrieren und mikrogeschichtliche Forschungen ebenso zu berücksichtigen wie "transnationale Zugriffe". Geblieben sind die Herausgeber bei dem Ziel, mit der deutschen Geschichte politische Orientierung zu bieten: weder "von nationaler Hybris" geprägt "noch von Desorientierung und Katastrophenangst zerklüftet" (X), sondern nun gut europäisch und pluralistisch.

Jenseits solcher Zugeständnisse an den politischen Zeitgeist ist eine wirkliche Neukonzeption gelungen - im vorliegenden Band beginnt die Darstellung der Politikgeschichte erst auf Seite 257! Die 10. Auflage wertet nicht zuletzt das 19. Jahrhundert auf: Neben dem Mittelalter (8 Bände) und der Frühen Neuzeit (4 Bände) wird es als eigene, von 1806 bis 1918 währende Epoche in der deutschen Geschichte wahrgenommen und mit fünf Bänden fast so ausführlich behandelt wie das 20. Jahrhundert (1918-2000), dem sechs der insgesamt 23 darstellenden Bände des neuen Gebhardt gewidmet sind. Insbesondere die nachrevolutionäre Epoche, die Gegenstand des hier zu besprechenden Bandes ist, wird - wie bereits in verschiedenen anderen Überblicksdarstellungen seit Wolfram Siemanns Buch 'Gesellschaft im Aufbruch' (Frankfurt am Main 1990) - neu bewertet, nicht mehr nur als "Reichsgründungszeit" begriffen, die vom überragenden "Staatsmann" Bismarck bestimmt worden sei, sondern als "formative Phase der Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft" in "Deutschland" (XVII).

Lengers Band ist in drei Teile gegliedert: Wirtschaft ("Industrielle Revolution") - Gesellschaft und Kultur - Politik. Einleitend wird in einem knappen, aber anregenden und sehr gut informierenden Überblick "Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung" auf "Grundprobleme der Forschung und der Epoche" eingegangen. Abschließend sichert ein (unlogischer Weise dem letzten Hauptteil zugeordnetes) Kapitel unter der Überschrift "Industrielle Revolution, bürgerliche Gesellschaft und Nationalstaatsgründung als 'Revolution von oben'" die Ergebnisse des Bandes. Schon der im Vergleich zum Einleitungskapitel kaum veränderte Titel deutet darauf hin, dass dieses Fazit mager ist. Mithilfe mentalitätsgeschichtlicher Fragestellungen oder unter Zuhilfenahme von Modellen der neueren Sozial- und Kulturgeschichte (zum Beispiel dem Paradigma der Generation) hätten sich aus der anschaulich vermittelten Umbruchphase der 1850er- und 1860er-Jahre im Resümee mehr Funken schlagen lassen!

Mit seiner Dreigliederung stellt Lenger Wehlers strukturgeschichtlichem Fünfschritt (Demografie - Ökonomie - soziale Ungleichheit - politische Herrschaft - Kultur) und den primär chronologischen Gliederungen der wichtigsten anderen Überblicksdarstellungen zur nachrevolutionären Epoche [1] implizit ein stärker ökonomisches Erklärungsmodell gegenüber. Das lässt sich gerade für die nachrevolutionäre Epoche mit dem prägenden Einfluss, den der Take off der Industrialisierung auf alle Lebensbereiche wie auch die politische Entwicklung hatte, gut begründen. Hinzu kommt, dass Lengers Stärken besonders im Bereich der Wirtschaftsgeschichte liegen; hier ist er leicht verständlich und innovativ zugleich - vor allem in den Kapiteln 4 ("Regionale Differenzierung, Integration und Kommunikation") und 5 ("Die Ordnung der Wirtschaft"). Gerade für die wirtschaftsgeschichtlichen Teile ist der Verzicht des Verlages (offenbar in allen Bänden) auf Tabellen, Grafiken und Karten aber auch besonders schmerzlich. Gegen den starken ersten Teil fallen der zweite und erst recht der dritte ab. Dies zeigt sich schon an der Gliederung, die - anders als im ersten Teil - recht konventionell ist: Die vier Kapitel des zweiten Teils behandeln Bevölkerungsentwicklung - soziale Schichten - Bildung, Wissenschaft und Kultur - Religion und Kirche; die vier des dritten Teils die Reaktionsära - die Neue Ära - Reichsgründung - (innere) Nationsbildung. Diesem wenig inspirierten Aufbau entspricht die partielle Übernahme älterer, von der nationalliberalen Apologie der Bismarck'schen, großpreußischen Nationalstaatsgründung geprägter Deutungsmuster (Reichsgründungszeit, Neue Ära, nationale Bewegung statt Nationalismus oder nationalistische Bewegung, preußisch-österreichischer statt preußisch-deutscher Krieg, Ultramontanismus et cetera).

In diesem zweiten Teil stützt sich Lenger wie viele Autoren vor ihm immer wieder auf die Beobachtungsgabe von Zeitgenossen wie Wilhelm Heinrich Riehl, Gustav Freytag oder Friedrich Engels und verlässt teilweise gerade wegen dieser Zitate zu wenig die ausgetretenen sozialgeschichtlichen Pfade. Gilt dies für die deskriptiven Passagen, so gelingt es Lenger zu Beginn von Kapitel 7 präzise und verständlich darzustellen, welche fundamentalen Veränderungen der Übergang von der ständischen Gesellschaft zu modernen Klassenstrukturen mit sich brachte. Gut gelungen ist auch das Kapitel über Bildung, Wissenschaft und Kultur. Im Religionskapitel wird abschließend der Kulturkampf am Beispiel Baden und nur bis 1871 dargestellt; der preußische Kulturkampf wird hingegen im dritten Teil (Politik) behandelt.

Eine andere Akzentuierung der politischen Zäsuren hätte im dritten Teil eine neue und weniger nationalgeschichtliche Perspektive schaffen können. Hierzu zwei Bemerkungen:

1. Neben der unbestreitbaren Zäsur von 1866/67 spielten die europäischen Umbrüche des Krimkriegs (1854-56) und der italienischen Nationalstaatsgründung eine wesentlich wichtigere Rolle als der preußische Regentschaftswechsel (1858), mit dem Lenger wie die ältere Literatur die Neue Ära beginnen lässt. [2] Er weist immerhin darauf hin, dass es sich keineswegs um ein rein preußisches Phänomen handelte, sondern dass zu etwa derselben Zeit Regimewechsel auch in Baden, Bayern, Österreich und anderen deutschen Staaten stattfanden.

2. Das Ende der liberalen Ära und damit einen sinnvollen Endpunkt für Lengers Darstellung der innenpolitischen Entwicklung markieren meines Erachtens bereits die Jahre 1875/76 und nicht erst 1878/79: 1875 schlossen sich die unterschiedlichen sozialistischen Strömungen zu einer Partei zusammen und leiteten damit den rasanten Aufstieg der organisierten Arbeiterbewegung ein; die Gründung der Deutschkonservativen Partei beendete die Krise des Konservativismus nach der Reichsgründung und erweiterte Bismarcks Machtbasis und Variationsmöglichkeiten; die Bildung des CDI als erstem schutzzöllnerischen Wirtschaftsverband läutete eine folgenreiche Verschiebung von den Parteien zu den Interessenverbänden ein; die Ablösung Leopold von Hoverbecks durch den jüngeren, nicht mehr von der strömungsübergreifenden Zusammenarbeit in den Fortschrittsparteien der frühen Sechzigerjahre geprägten Eugen Richter bedeutete den Anfang einer zunehmenden Ideologisierung des Linksliberalismus seit 1875; nun erst wurde mit dem Aufbau konkurrierender liberaler Parteiorganisationen begonnen, während Lengers Darstellung den Anschein erweckt, als seien bereits 1867 mehrere distinkte liberale Parteien aus der Fortschrittspartei heraus entstanden. In der Administration bedeutete 1876 der Rücktritt des liberalen Rudolf Delbrück als Chef des Reichskanzleramtes einen Bruch; nach der Ablehnung von Bismarcks Rücktrittsgesuch verschärfte der Kanzler bereits Ende 1875 seine Angriffe auf den entschiedenen Liberalismus und leitete damit die politische Wende ein.

Positiv ist jedoch festzuhalten, dass Lenger nicht den verbreiteten Fehler (wie etwa Wehler in Band 3 seiner Gesellschaftsgeschichte) begeht, Österreichs Ausschluss aus der Nationalstaatsbildung bereits auf die Zeit vor 1866 zurückzuprojizieren. Wo immer die Forschungsliteratur es erlaubt, bezieht er die Entwicklungen in der Habsburgermonarchie ein. Insgesamt ist Lenger eine sehr gut lesbare Überblicksdarstellung gelungen, die insbesondere Studierenden empfohlen werden kann. Ein aufmerksameres Lektorat hätte einzelne hermetische Formulierungen erklären sollen, die mehr Spezialwissen verlangen, als von der Zielgruppe des Gebhardt erwartet werden kann, zum Beispiel "Bevölkerungsweise" (124), "Hajnal" (126), "Fideikommiß" (146) oder "Beobachtersleute" (327).

Innerhalb der insgesamt etwas zu knapp dargestellten politischen Geschichte werden die Konflikte mit den ethnischen Minderheiten, die quer zur deutschen Nationsbildung lagen, allzu kurz behandelt. Gar keine Beachtung finden die zahlreichen politischen "Gründer", die die deutsche Politik und Gesellschaft der 1850er- und 1860er-Jahre mitgeprägt haben: Ich denke an Politiker wie Ludwig Bamberger, Arnold Ruge, Julius Fröbel, Constantin Frantz oder Ludwig August von Rochau, den Ideologen der "Realpolitik", die in Lengers Buch ebenfalls nicht vorkommen, ohne die aber der entscheidende Mentalitätswandel im liberalen Bürgertum nicht zu erklären ist. Ein stärkeres Augenmerk auf die politischen Gründer in der entstehenden deutschen Zivilgesellschaft hätte dem dritten Teil nicht nur mehr Farbe und Leben eingehaucht, sondern auch geholfen, die konventionellen Pfade der Darstellung bisweilen zu verlassen.

Angesichts des Preises dürften viele sich trotz der Qualitäten von Lengers Darstellung für das Buch von Brandt [3] entscheiden, dem im Bereich der politischen Geschichte auch der Vorzug zu geben ist, während Lengers Stärken in den wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Abschnitten liegen. Für Lenger und allgemein für den Gebhardt spricht das gute Sachregister; für Brandt das Vorhandensein von (wenigstens einigen) Tabellen. Dem typisch deutschen Bilderverbot (keine Karten, keine Karikaturen, keine Kunst) unterwerfen sich beide. Hier können deutsche Wissenschaftler, Lektoren und Verleger nach wie vor von angelsächsischen textbooks viel lernen!

Anmerkungen:

[1] Neben dem erwähnten Buch von Wolfram Siemann: Wolfgang J. Mommsen: Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reiches unter Otto v. Bismarck 1850 bis 1890, Berlin 1993; Harm-Hinrich Brandt: Deutsche Geschichte 1850-1870. Entscheidung über die Nation, Stuttgart 1999.

[2] Vergleiche zur näheren Begründung meine Darstellung der politischen Geschichte in der nachrevolutionären Epoche: Einheit, Macht und Freiheit. Die Paulskirchenlinke und die deutsche Politik in der nachrevolutionären Epoche (1849-1867), Düsseldorf 2000, sowie die Einleitung zu meiner Briefedition: Nach der Revolution 1848/49: Verfolgung - Realpolitik - Nationsbildung. Politische Briefe deutscher Liberaler und Demokraten aus den Jahren 1849-1861, Düsseldorf 2004.

[3] Vergleiche Brandt: Deutsche Geschichte (wie Anmerkung 1).

Christian Jansen