Rezension über:

Ingo Hermann: Hardenberg. Der Reformkanzler, Berlin: Siedler 2003, 448 S., ISBN 978-3-88680-729-1, EUR 24,90
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Rezension von:
Georg Seiderer
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Georg Seiderer: Rezension von: Ingo Hermann: Hardenberg. Der Reformkanzler, Berlin: Siedler 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 4 [15.04.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/04/3132.html


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Ingo Hermann: Hardenberg

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In der Historiografie stand der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg lange Zeit im Schatten des Freiherrn vom und zum Stein. Der angebliche Opportunismus Hardenbergs, seine aufklärerisch geprägte und teilweise an französischen Vorbildern orientierte etatistische Haltung, seine mangelnde Eignung, ihn zu einem Vorläufer der nationalen Einigung zu stilisieren, schließlich sein von Amouren und finanziellen Schwierigkeiten begleiteter Lebensweg trugen ihm lange Zeit eine mindere Wertschätzung im Vergleich zu Stein ein, die ein Grund dafür gewesen sein dürfte, dass ihm, anders als diesem, bis zum Zweiten Weltkrieg keine große Biografie gewidmet wurde. Nach dem Krieg wurde eine umfassende Biografie über Hardenberg auch durch die für westdeutsche Historiker erheblich verschlechterte Quellenlage erschwert; die relevanten Bestände im Deutschen Zentralarchiv zu Merseburg waren lange nicht uneingeschränkt zugänglich. Bis vor kurzem standen daher nur zwei größere Biografien über Hardenberg zur Verfügung: zum einen das Torso gebliebene Werk von Hans Haussherr, das mit seinen beiden, 1943 (2. Auflage, 1965) und 1963 erschienenen Teilen die Zeit von 1750 bis 1800 und von 1810 bis 1812 umfasst und in seinen Urteilen noch stark von einer kritischen Sicht auf Hardenberg bei größerer Hochschätzung Steins geprägt war, sowie die 1967 veröffentlichte Biografie von Peter Gerrit Thielen, die nicht nur ein positiveres Bild Hardenbergs entwirft, sondern auch den Privatmenschen Hardenberg in stärkerem Maße einbezieht als Haussherr.

Im Zuge der seit den 1960er-Jahren intensivierten Forschungen zu den preußischen Reformen kam es zu einer zunehmenden Wertschätzung Hardenbergs, dessen Modernisierungspolitik nun im Vergleich mit dem konservativeren Stein eine Neubewertung erfuhr. Dies führte jedoch zunächst nicht zu einer eingehenderen Beschäftigung mit der Person Hardenberg - dem stand auch der häufig der Strukturgeschichte verpflichtete Ansatz gerade der revisionistischen Untersuchungen zu den preußischen Reformen entgegen. Erst in den letzten Jahren nimmt auch das biografische Interesse an dem preußischen Staatskanzler spürbar zu, was sich bislang vor allem in der pünktlich zum 250. Geburtstag Hardenbergs durch Thomas Stamm-Kuhlmann vorgelegten Edition von Hardenbergs Tagebüchern und einer ebenfalls von Stamm-Kuhlmann 2001 herausgegebenen Aufsatzsammlung niedergeschlagen hat, die sich als "Bestandsaufnahme der Hardenberg-Forschung" versteht.

Die Biografie Hardenbergs von Ingo Hermann ist weniger ein weiterführender Beitrag zur Hardenbergforschung denn ein flüssig geschriebenes Sachbuch für den "historisch interessierten Leser". Es beruht nur in geringem Maße auf archivalischen Studien; seine Grundlagen sind die Literatur und die edierten Quellen, hinzu kommen die Bestände des 2001 errichteten Familienarchivs in Lietzen. Hermanns leitendes Interesse richtet sich auf die Frage, aus "welchem Holz der Mensch geschnitzt [ist], der fähig und lebenslang motiviert ist, Reformen zu konzipieren, zu wagen und gegen starke Widerstände durchzusetzen?" (412). Stärker noch als der Politiker steht damit die Persönlichkeit Hardenbergs im Mittelpunkt seiner Darstellung, die ein lebendiges Bild von dessen Leben zeichnet. Hermann schildert Kindheit, Jugend und Studienjahre, er zeigt dem Leser den Gatten und Vater und er beleuchtet unvoreingenommen die Beziehungen Hardenbergs zu den Frauen, die - nicht ohne "Schuld" Hardenbergs - letztlich immer wieder unglücklich verliefen. Der Verzicht auf eine moralisierende Bewertung seiner Verbindungen und Amouren kennzeichnet die Darstellung ebenso wie die Betonung des von aristokratischem Standesdünkel freien Bekenntnisses Hardenbergs zu seiner letzten Gattin, der ehemaligen Schauspielerin Charlotte Schönemann. Entbehrlich indes scheinen die mitunter naiv psychologisierend wirkenden Deutungen, die Hardenberg unterlegt werden, wenn davon die Rede ist, dieser sei auf der "Suche nach der heilenden Geborgenheit in der Nähe einer Frau" gewesen (125) und habe dabei "manches Abenteuer in Kauf" genommen (167).

Die Darstellung von Hardenbergs politischem Wirken bezieht die Stationen als Beamter in Hannover und Braunschweig ein, wobei Hermann auch auf die Konflikte um die geplanten Schulreformen Joachim Heinrich Campes eingeht. In ihrem Zentrum steht Hardenbergs Politik als preußischer Staatsmann, beginnend mit den Reformen in den fränkischen Fürstentümern Ansbach und Bayreuth bis hin zu dem im wenigstens halben Scheitern endenden Ausklang der Reformzeit nach dem Wiener Kongress. Ausführlich werden die Intrigen und Feindseligkeiten geschildert, denen Hardenberg zeit seines Lebens ausgesetzt war, wobei auch deutlich gemacht wird, in welchem Maße er von dem zaudernden Friedrich Wilhelm III. abhängig war. Ein besonderes Augenmerk gilt, aufbauend auf den grundlegenden Untersuchungen Andrea Hofmeister-Hungers, Hardenbergs Verhältnis zur "opinion", zur öffentlichen Meinung, deren Bedeutung dieser früh erkannte und die er seit seiner Zeit als dirigierender Minister der fränkischen Fürstentümer gezielt zu beeinflussen suchte; eingehend gewürdigt werden Hardenbergs Bemühungen um die Judenemanzipation.

Im Großen und Ganzen informiert die Darstellung Hermanns zuverlässig über das politische Wirken Hardenbergs, wenngleich immer wieder kleinere Fehler unterlaufen. So waren es nicht etwa die Freimaurer, von denen sich Friedrich Wilhelm II. "manipulieren" ließ (148), sondern die Rosenkreuzer; Kotzebue dürfte wohl schwerlich als "liberale[r] Schriftsteller" (379) zu bezeichnen sein; die Ausführungen über die Landeshoheit in Franken, die Revindikationen und die Stellung der fränkischen Reichsritterschaft zu den Fürstentümern Ansbach und Bayreuth übernehmen allzu unbesehen den preußischen Standpunkt, und die markgräfliche Sommerresidenz Triesdorf wurde auch von Hardenberg korrekt bezeichnet und nicht etwa als "Diersdorf" (97, 99).

Das generell festzustellende Bemühen Hermanns, Hardenberg eine gerechte, ja, ausgesprochen positive Würdigung zuteil werden zu lassen, führt nicht selten dazu, dass Brüche und Widersprüche zu sehr geglättet werden - und dies gilt für den Politiker Hardenberg nicht minder als für den Privatmann. So erscheint etwa Hardenbergs Verhalten im Zusammenhang mit der Teplitzer Punktation und den Karlsbader Beschlüssen 1819 allzu sehr lediglich als eher unwillig hingenommener Kompromiss mit seinen Gegnern im Umkreis Friedrich Wilhelms III. - die Frage, ob Hardenbergs Bereitschaft, den Kurs der Repression mitzutragen, nicht doch auch Kontinuitäten zu seinem vorherigen Umgang mit der "öffentlichen Meinung" aufwies, wird nicht gestellt. Hinzu kommt, dass die Darstellung der politischen Ziele und leitenden Vorstellungen Hardenbergs an entscheidenden Punkten blass bleibt. Dies gilt zumal für seine Verfassungspolitik. Hardenberg, der Friedrich Wilhelm III. mehrfach ein Verfassungsversprechen abrang, wird zu Recht als entschiedener Befürworter einer gesamtstaatlichen Verfassung Preußens geschildert, der dieses Ziel in seinen letzten Lebensjahren beharrlich verfolgte, aber an seinem unwilligen König und den restaurativen Kräften in dessen Umgebung scheiterte. Welcher Art konkret Hardenbergs Vorstellungen von einer Verfassung waren, erfährt der Leser allerdings nicht. Zwar ist viel von "Konstitutionalismus", ja, von "Demokratie" und "Parlamentarisierung" die Rede, doch bleibt die Darstellung diesbezüglich im Gebrauch von Schlagwörtern, deren Reichweite und Grenzen nicht näher bestimmt werden, stecken und rückt Hardenberg allzu geradlinig in eine Vorläuferschaft der modernen Demokratie. Zugleich finden sich häufig überflüssige Gegenwartsbezüge - die Palette reicht von Adenauers "Keine Experimente!" bis hin zu Schröders "Politik der ruhigen Hand" -, die problematische Assoziationen hervorrufen und dem Leser den Zugang zur Reformzeit vor 200 Jahren weniger erschließen helfen als vielmehr verstellen.

Trotz dieser kritischen Bemerkungen ist zu betonen, dass es sich insgesamt um ein lebendig und im Allgemeinen gut geschriebenes Porträt des Staatskanzlers Hardenberg handelt, das es vermag, ihn und die Grundzüge seiner Politik auch einer breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen. Die, wie der Umschlag verheißt, "lange erwartete Biografie über Karl August von Hardenberg" indes ist es nicht.

Georg Seiderer