Rezension über:

Gabriele Hundrieser / Hans-Georg Pott (Hgg.): Geistiges Preußen - Preußischer Geist. Deutsch-polnische Konferenz Allenstein/Olsztyn 20.-21. September 2002, Bielefeld: Aisthesis Verlag 2003, 217 S., ISBN 978-3-89528-420-5, EUR 24,50
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Rezension von:
Jens Stüben
Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Jens Stüben: Rezension von: Gabriele Hundrieser / Hans-Georg Pott (Hgg.): Geistiges Preußen - Preußischer Geist. Deutsch-polnische Konferenz Allenstein/Olsztyn 20.-21. September 2002, Bielefeld: Aisthesis Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 [15.03.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/03/5515.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Gabriele Hundrieser / Hans-Georg Pott (Hgg.): Geistiges Preußen - Preußischer Geist

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Der vorliegende Band präsentiert die Beiträge zu einem Symposium, das die "Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum", Düsseldorf, in Zusammenarbeit mit den Universitäten Allenstein/Olsztyn, Posen/Poznań und Düsseldorf sowie dem Kulturbund "Borussia", Allenstein, im Jahr 2002, also als Nachtrag zu dem mit wissenschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen fast überladenen Preußenjahr 2001, im einstigen preußischen Kernland veranstaltete. Das 1701 an der Schnittstelle der deutschen, polnischen und litauischen Kultur errichtete Königreich war denn auch Tagungsthema: Preußen als geistiges Gebilde mit den ihm zugeschriebenen Werten, die preußische Staats- und Gesellschaftsform als Gegenstand der Identifikation oder der Kritik einzelner Autoren. In bestmöglicher Weise über die Hauptthesen aller elf Beiträge informiert die Einleitung von Walter Engel (Düsseldorf), auf die hier nachdrücklich verwiesen sei.

In einem einführenden Essay über die Grenzen Preußens leitet der Historiker Hans Hecker (Düsseldorf) die legendären 'preußischen Tugenden', die als geistiges Erbe den Zerfall des Staates Preußen überdauert haben und noch heute vorbildhaft, ja - Ländergrenzen übergreifend - identitätsprägend wirken, von der ursprünglichen territorialen Beschaffenheit Preußens her: Das Streben nach Arrondierung seines Staatsgebietes habe eine effiziente Verwaltung erforderlich gemacht und hervorgebracht, als Kehrseite der Medaille jedoch auch den berüchtigten Polizei- und Militärstaat, der aggressive und überhebliche Verhaltensweisen erzeugt und begünstigt habe und von seinen Nachbarn als Aggressor und Unterdrücker wahrgenommen worden sei - ein Beitrag also auch zur Ätiologie und Genese polnischer Deutschlandbilder. Umgekehrt um deutsche Polenstereotype geht es in den Aufsätzen von Włodzimierz Zientara (Toruń), der frühneuzeitliche Reiseberichte über das königlich-polnische Preußen und Polen analysiert, sowie von Hubert Orłowski (Poznań), der den von ihm gesammelten und dokumentierten Belegen des Diktums "Polnische Wirtschaft" weitere hinzufügt. In die 1860er-Jahre, die Zeit des Erscheinens kaum mehr bekannter thematisch einschlägiger Romane und Erzählungen wie "Die Stimme des Vaterlandes oder der deutsche Pole" von Carl Nietzki, verlegt Orłowski "die Geburtsstunde der 'ost-preußischen' Literatur", so der Titel seines Beitrags, mit welchem er seine in dem Tagungsband "Preußen in Ostmitteleuropa" [1] kurz zuvor publizierten Darlegungen zur Entstehung des Ostpreußenthemas ausdrücklich ergänzt. Behandelt Orłowski die Konstruktion ostpreußischer Identität in Abgrenzung zum Polentum, so richtet Alina Kuzborska (Olsztyn) in ihrem Aufsatz "Litauer und Deutsche im Werk von Donelaitis und Vydūnas" den Blick auf das als "Preußisch-Litauen" bezeichnete nördliche Ostpreußen.

Die keineswegs einstimmige Haltung zeitgenössischer Autoren - Voltaire, Lessing, Willibald Alexis und Fontane - gegenüber Preußen als Staat und als kulturelle Entität sowie gegenüber seinen Repräsentanten arbeiten Yvonne-Patricia Alefeld (Düsseldorf), Michael Rohrwasser (Berlin), Regina Hartmann (Szczecin) und Hans-Georg Pott (Düsseldorf) differenziert heraus. Doch auch in zeitlicher Entfernung bleibt Preußen ein Referenzobjekt, an dem sich die Autoren reiben: Gertrude Cepl-Kaufmann (Düsseldorf) zeigt, wie in dem Preußen-Verständnis des geschichtsbewussten Danziger Lokalpatrioten Günter Grass die 'preußischen Untugenden' über den Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit fortwirken; und Gabriele Hundrieser (Düsseldorf) erinnert an den Wandel in der Bewertung Preußens und seiner Denkmäler durch die DDR-Kulturpolitik, der gegenüber sich Heiner Müllers Preußenkritik kontrazyklisch verhalte. Das Müller-Zitat, mit dem sie ihren Beitrag eröffnet, erhellt nicht nur des Autors Preußenbild, sondern bietet auch die Legende zu der farbigen Abbildung auf dem Cover, die den vorliegenden Band schon äußerlich ansprechend macht: Es handelt sich um das von dem Schriftsteller als Allegorie des Verhältnisses von Macht und Geist gesehene Rauchsche Reiterstandbild Friedrichs des Großen zu Berlin. Dass Preußens Intellektuelle, die "hinten am Schwanz" des Rosses "stehen" - nach Müller Sinnbild ihrer Disziplinierung und Unterdrückung -, dennoch in einem Lande lebten, dessen Hauptstadt einen in Deutschland unvergleichlichen kulturellen Aufschwung nahm, wird aus einem Essay des 2003 verstorbenen Warschauer Germanisten Tadeusz Namowicz deutlich: Der vom preußischen Hof relativ unabhängigen geistigen Metropole Berlin, nicht aber dem kleinstädtischen, um den Dichterfürsten Goethe (und die Erinnerung an ihn) zentrierten Weimar, komme im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Prädikat 'Kulturstadt' zu. So signalisiert bereits der Buchdeckel die mit dem Phänomen Preußen verbundene Ambivalenz, die auch die einzelnen, allesamt sehr lesenswerten Beiträge des überlegt konzipierten Bandes reflektieren.

Anmerkung:

[1] Matthias Weber (Hg.): Preußen in Ostmitteleuropa. Geschehensgeschichte und Verstehensgeschichte (= Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Bd. 21), München: Oldenburg 2003.

Jens Stüben