Rezension über:

Dietrich Ebeling (Hg.): Aufbruch in eine neue Zeit. Gewerbe, Staat und Unternehmen in den Rheinlanden des 18. Jahrhunderts (= Der Riss im Himmel. Clemens August und seine Epoche; Bd. 8), Köln: DuMont 2000, 287 S., ISBN 978-3-7701-5006-9, EUR 25,00
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Rezension von:
Tobias Fröhmelt
Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Fröhmelt: Rezension von: Dietrich Ebeling (Hg.): Aufbruch in eine neue Zeit. Gewerbe, Staat und Unternehmen in den Rheinlanden des 18. Jahrhunderts, Köln: DuMont 2000, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 [15.03.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/03/3706.html


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Dietrich Ebeling (Hg.): Aufbruch in eine neue Zeit

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Die Wirtschaftsgeschichte des Rheinlandes im 18. Jahrhundert ist Thema des letzten Bandes der Reihe "Der Riss im Himmel", die begleitend zur Ausstellung im Jahr 2000 in Brühl, Bonn, Jülich und Miehl verschiedenste Aspekte innerhalb dieser Kulturepoche behandelt. In regional unterschiedlich angesiedelten Studien untersuchen zehn Wissenschaftler Bereiche des wirtschaftlichen Lebens sowie dessen Bedeutung für politische und gesellschaftliche Entwicklungen der untersuchten Epoche. Dietrich Ebeling will als Herausgeber damit der von ihm angesprochenen Krise des Faches Wirtschaftsgeschichte entgegentreten (8). Gerade im Rheinland, als Keimzelle des industriellen Zeitalters für das Reich, als Schnittpunkt zwischen althergebrachtem Zunftwesen und neuen Produktionsformen, lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung dieser Zeit konzentriert darstellen. Ebeling kündigt neue Leitlinien durch die Infragestellung alter Thesen innerhalb dieser Aufsätze an. Die dargestellten Beispiele regionaler Forschungen sollen als Anstoß für eine positive Entwicklung der Disziplin wirken.

In seiner folgenden Bestandsaufnahme des wirtschaftlichen Lebens im Rheinland des 18. Jahrhunderts befasst sich Ebeling mit einer Reihe von Aspekten der ökonomischen Dynamik dieser Zeit. Neben der grundsätzlichen Entwicklung skizziert er den Niedergang und Aufstieg alter und neuer Wirtschaftsregionen sowie den Kampf um qualifizierte Arbeitskräfte zwischen Handwerk und Manufakturwesen. Aber auch die oftmals fehlende aktive Wirtschaftspolitik der jeweiligen Landesherren wird beleuchtet. Die alte These des Stufenmodells in der Abfolge wirtschaftlicher Entwicklung sieht er als endgültig überholt an und ersetzt diese durch das Nebeneinander alter und neu entstandener Organisationsformen in den verschiedenen Gewerben. Auch die Monopolbildung, ähnlich wie bei den althergebrachten Zünften als Abwehrmaßnahme gegen unliebsame Konkurrenz, wird in seiner Einführung gestreift. Mit dem Ausblick auf die soziale Situation der Arbeitnehmer im Garn- und Tuchgewerbe untermauert er seinen in der Einleitung gegebenen Hinweis auf die Wichtigkeit und Aktualität der Disziplin Wirtschaftsgeschichte angesichts der Ökonomisierung unseres heutigen gesellschaftlichen und politischen Lebens.

Claudia Schnurmann skizziert das Rheinland in ihrer umfangreichen Analyse als Handelsregion und Lebensraum, der sich einer territorialen Einordnung oftmals durch wechselnde Herrschaftsverhältnisse entzieht. Sie schildert die vielfältigen wirtschaftlichen Verflechtungen des Rheinlands mit dem übrigen Reich und den angrenzenden Niederlanden. Dabei kommt dem Aufstieg zunftfreier Gewerbestädte wie Krefeld, Mönchengladbach-Rheydt oder Elberfeld mit ihren neuen Fabrikations- und Vertriebsmethoden große Bedeutung zu. Im Gegensatz dazu analysiert sie am Beispiel der Handelsmetropole Köln, dass das Beharren auf Zunftgesetz und Privilegien zu einem Verlust von Marktanteilen, zumindest im regionalen Umfeld, führte. Dagegen konnte Köln seine Bedeutung im Fern- und Transithandel bis in die Franzosenzeit hinein bewahren. In ihrem Fazit ordnet sie den rheinischen Handel als festen Bestandteil des europäischen und interkontinentalen Handels ein. Rheinland und Handel - ein Begriffspaar, das fester Bestandteil im Alltagsleben der damaligen Bevölkerung war.

In einem weiteren überblicksartigen Artikel behandelt Stefan Gorißen die verschiedenen Gewerbe im Herzogtum Berg. Dabei kennzeichnet er diese Region als eine der fortgeschrittensten im Reich, die im 18. Jahrhundert eine Zeit intensiven Wachstums erfuhr. Die Entwicklung protoindustrieller Strukturen wird von ihm für das Textilgewerbe im Tal der Wupper, die Eisen verarbeitenden Gewerbe im Bereich Solingen und Remscheid sowie die Tuchfabrikation rund um Lennep dargestellt. Auch das von starker Privilegienvergabe durch den Landesherrn geprägte Seidenwebergewerbe in Mülheim am Rhein wird von ihm beschrieben. Im Vergleich dazu konstatiert er für das Herzogtum Kleve eine erheblich geringere Gewerbedichte. Die unterschiedliche Entwicklung beider rheinischer Gewerberegionen wird für ihn nicht durch die klassische These der fehlenden tradierten Strukturen der Zünfte für den Bereich des bergischen Landes erklärt, sondern ergibt sich weitaus stärker durch die besondere regionale Tradition und Struktur der vorhandenen Arbeiterschaft. Den Schlüssel zur Klärung dieser Frage sieht er allerdings in der bisher wenig beachteten Frage nach den "Konkurrenzverhältnissen auf dem Absatzmärkten" (78) und ihren Auswirkungen auf die Produktionsregionen. Diese Geschichte des Handlungsrahmens muss erst noch geschrieben werden. Gorißen widerlegt jedoch die bisherige Forschungsmeinung durch seine fundierte vergleichende Untersuchung.

Mit der Untersuchung des Krefelder Seidenwebergewerbes durch Peter Kriedte wendet sich nun ein Historiker einem Thema innerhalb eines enger gefassten regionalen Raums zu. Träger der rasanten Entwicklung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die im 17. Jahrhundert aus Gladbach und Rheydt vertriebenen Mennoniten, die zunächst nur das Krefelder Leinengewerbe gestärkt hatten. Durch Bildung eines Oligopols mit der Unterstützung preußischer Beamter profitierte Krefeld zwar erheblich vom Niedergang des Niederländischen Seidenwebergewerbes, lähmte sich aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend selbst. Erst nach der Auflösung dieses Oligopols nach 1794 war der Weg frei für technische Innovationen durch erhöhten Konkurrenzdruck, der letztlich eine weitere Expansion des Gewerbes bewirkte, den alteingesessenen Familien aber wirtschaftliche Einbrüche brachte. Einen wichtigen Aspekt skizziert Kriedte in seiner Auseinandersetzung mit der antizyklischen Beschäftigungspolitik der Verleger und Fabrikanten, die zwar nicht primär sozialen Zwecken diente, aber letztendlich zu einer komfortablen Beschäftigungssituation für die Seidenbandweber und Fabrikmeister führte.

Thomas Bartolosch widmet sich dem Verlagswesen im Westerwald und beleuchtet damit den wirtschaftlichen Aufstieg einer klimatisch und von den agrarischen Verhältnissen benachteiligten Region. Ein aufwändiges System von Unterverlegern und Faktoren sicherte den Kontakt zu den Tuchherstellungszentren Barmen, Elberfeld und Siegen. Unter Mitwirkung der Landesherren konnte durch strenge Konzessionsvergabe eine gewisse Prosperität in dieser Region geschaffen werden. Die Baumwollspinnerei im Nebenerwerb wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem wichtigen Zulieferer der vorgenannten Weberei- und Tuchherstellungszentren. Hier zeigt sich, wie durch geschickte Initiative einzelner Kaufleute, Verleger und wirtschaftlich denkender Landesherren ein dringend benötigtes Arbeitskräftepotenzial erschlossen werden konnte. Gleichzeitig bedeutete dies für eine erwerbsschwache Region bescheidenen Wohlstand.

Die Tuchindustrie im Aachener Raum ist Ausgangspunkt der Studie von Martin Schmidt, in deren Analyse vor allem die Werkbauten der aufstrebenden Manufakturen eine wichtige Rolle spielen. Dabei zeigt Schmidt plastisch, dass im Gegensatz zu bisherigen Thesen der Fortbestand des klassischen Verlagswesens mit dem Aufkommen zentralisierter Fertigungsverfahren bei der Veredlung der Tuche keineswegs gefährdet war. Es entwickelte sich ein Nebeneinander und eine Verzahnung beider Strukturen. Trotzdem nahm insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Anteil des fixen Kapitals im Gegensatz zum bisher überwiegenden umlaufenden Kapital stark zu. Dafür stehen stellvertretend die dargestellten Manufakturbauten. Der Trend zur Zentralisierung verschiedenster Verarbeitungsprozesse war aber nicht nur eine Auswirkung wirtschaftlicher Entwicklung, sondern wurde durch schnell wechselnde Modetrends und den höheren Anspruch an die Qualität der Tuche notwendig.

Die Messingindustrie am Standort Stolberg wird von Jürgen G. Nagel untersucht. Er räumt dabei gründlich mit dem Gründungsmythos auf, wonach die Blüte dieser Industrie der religiösen Toleranz des neuen Landesherrn zu verdanken war - der Niedergang derselben im Aachener Raum wäre demnach ausschließlich der katholischen Gegenreformation geschuldet. Vielmehr waren es nachweislich unternehmerische Entscheidungen und naturräumliche Faktoren, die zur Abwanderung und dann zur Blüte der Messingproduktion im Stollberger Raum sowie zu seiner weltmarktbeherrschenden Stellung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts führten. Vorsichtig deutet Nagel diesen Aufschwung als Grundlage für die industrielle Entwicklung dieser Region bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Claus Rech beschreibt anhand eines ebenfalls regional begrenzten Beispiels die protoindustrielle Entwicklung im Bereich des Hüttenwesens. Als Beispiel dient ihm dazu der Ort Eisenschmitt in der Südeifel und die Besitzerfamilie Pidoll. Vor allem die frühe Bildung einer Kapitalgesellschaft führt der Autor als entscheidenden Faktor für die wirtschaftliche Expansion des beschriebenen Hüttenwerks an. Dagegen waren die in dieser Region eher traditionell genossenschaftlich arbeitenden Betriebe früh dem hohen Konkurrenzdruck erlegen. Daneben analysiert Rech das besondere soziale Spannungsfeld, das in solch einem verhältnismäßig kleinen Ort durch den Zuzug auswärtiger Arbeitnehmer entstand. Besonders der Niedergang dieser Industrie Ende des 18. Jahrhunderts führte zu einer Verarmung der schon traditionell wirtschaftschwachen Region und schließlich zu einer Deindustrialisierung.

Die Stellung von Wesel als bedeutende preußische Garnisonsstadt ist mittlerweile hinreichend beleuchtet worden. Einen besonderen Aspekt erarbeitet Angela Giebmeyer in ihrem Beitrag. So stellte die gewerbliche Tätigkeit der Soldaten die Stadt mit ihrer schrumpfenden Einwohnerzahl im 18. Jahrhundert und damit auch das geringer werdende Gewerbe vor große Probleme. Den zunehmenden Klagen der Bürgerschaft versuchte die preußische Verwaltung durch eine Gratwanderung zwischen Fürsorgepflicht für ihre Soldaten und Schutz des städtischen Gewerbes nachzukommen. Diese Entwicklung zeichnet Giebmeyer detailliert nach. Auch die Gründung einer Spinnschule, als Beschäftigungsmöglichkeit für die zahlreichen verarmten Witwen und Waisen der Soldaten, zeigt die Autorin im Spannungsfeld zwischen kommunalen Wirtschaftsinteressen und Fürsorgepflicht des Staates. Allerdings führte die Arbeitsverpflichtung dieser äußerst armen und bislang auf Almosen angewiesenen Bevölkerungsschicht nicht selten zu Ausbeutungsversuchen durch Fabrikanten und Verleger, die billige Arbeitskräfte benötigten. Aber auch die Stadt selbst versuchte durch die Vermittlung dieses Personenkreises in Manufakturen und "Spinnschulen" ihre eigenen hohen Aufwendungen für die Armenfürsorge zu verringern.

Abschließend zeigt Rolf Plöger anhand eines neu entdeckten Kartenwerks zum Grundbesitz der Grafen von Salm-Reifferscheidt-Dyck, welche Möglichkeiten sich durch computergestützte geografische Informationssysteme (GIS) für die Kulturlandschaftsforschung ergeben können. Die leider zu kleinschrittige Vorgehensweise bei der Beschreibung des angewandten Verfahrens lassen die historischen Ergebnisse - bei aller verständlichen technischen Begeisterung für das System - zu sehr in den Hintergrund geraten. Dabei bietet dieses Verfahren immense Möglichkeiten, den Einfluss des Landesherrn bei der kulturräumlichen Gestaltung seiner Herrschaft genauestens zu untersuchen. Zu zeigen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Kartenwerken auch unter wirtschaftshistorischen Gesichtspunkten, vor allem was die Bestandsaufnahme der Besitzungen und ihrer Verwendungen betrifft, forschungsrelevante Ergebnisse liefern kann, bleibt ein Verdienst dieses Beitrags.

Ob dieser Band die zu Anfang vom Herausgeber versprochenen neuen Leitlinien und Thesen für die Wirtschaftsgeschichte liefern kann, bleibt zweifelhaft. So werden hervorragende Einzelstudien mit einer Fülle von Details präsentiert, die vom Kenntnisreichtum und den intensiven Forschungen ihrer Verfasser zeugen. Aufbrüche in neue Zeiten werden regional begrenzt dargestellt. Allerdings fragt sich der vor allem nach der Einleitung erwartungsvolle Leser, ob dem Sammelband nicht ein deutlicherer roter Faden gut getan hätte. So wäre eine stärkere Verknüpfung der einzelnen Aufsätze wünschenswert gewesen. Überschneidungen, wie zum Beispiel in den Aufsätzen von Schmidt und Nagel, die den Stolberger Raum, natürlich mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber dennoch teilweise wiederholend untersuchen, wären zu vermeiden gewesen. Bis auf die wenigen angeführten Beispiele sind neue Thesen für die wirtschaftshistorische Forschung der einzelnen Themen des Bandes nicht herausgearbeitet worden. Allerdings bietet das Sammelwerk einen Überblick des Forschungsstandes zu den angeführten regionalen Studien. Wenn man aber berücksichtigt, dass dieser Sammelband anlässlich der groß angelegten Ausstellung zu einem Kölner Kurfürsten erschienen ist, drängt sich die Frage nach der Berücksichtigung des Kurstaats in den beschriebenen Untersuchungen auf. Bis auf den einführenden Artikel des Herausgebers und die Überblicksdarstellung Schnurmanns zum rheinischen Handel ist die Darstellung wirtschaftlicher Entwicklungen für den kurkölnischen Bereich verschwindend gering. Damit zeigt sich ein seit jeher bestehendes Problem der rheinischen Wirtschaftsgeschichte. Auch ältere Studien zu diesem Thema klammern den Herrschaftsbereich des Erzstifts weitgehend aus, weil die dynamische wirtschaftliche Expansion und die produktionstechnischen Veränderungen dieser Zeit in Gewerbezentren weitab vom großen rheinischen Machtzentrum Köln stattfanden. Hier hätte der vorliegende Band eine Möglichkeit gehabt, neue forschungsgeschichtliche Leitlinien vorzugeben. Durch die Ausklammerung der eigentlichen Forschungsfrage hinsichtlich der Rolle und Entwicklung des Kurkölner Territoriums wird diese große Chance leider nicht genutzt.

Tobias Fröhmelt