Rezension über:

Ralph Jessen / Jacob Vogel (Hgg.): Wissenschaft und Nation in der europäischen Geschichte, Frankfurt/M.: Campus 2003, 316 S., ISBN 978-3-593-37155-9, EUR 24,90
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Rezension von:
Andreas Daum
University at Buffalo, NY
Redaktionelle Betreuung:
Martina Heßler
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Daum: Rezension von: Ralph Jessen / Jacob Vogel (Hgg.): Wissenschaft und Nation in der europäischen Geschichte, Frankfurt/M.: Campus 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 [15.03.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/03/2568.html


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Ralph Jessen / Jacob Vogel (Hgg.): Wissenschaft und Nation in der europäischen Geschichte

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Die Konstituierung von Nationen vollzog sich im Europa des 19. Jahrhunderts parallel zur Ausbildung von Wissenschaften als professionellen, forschungsorientierten und institutionell verankerten Disziplinen. Der vorliegende, instruktive Sammelband fragt nach den Wechselwirkungen zwischen diesen Prozessen, wobei unter Wissenschaft primär die Naturwissenschaften verstanden werden. Die Herausgeber unterscheiden dabei fünf analytische Ebenen: die Entstehung von nationalen Wissenschaftslandschaften, Nation als Argument, Wissenschaft als symbolische und argumentative Ressource der Nation, die Entstehung wissenschaftlicher Bilder der Nation und die Dialektik von nationalem und internationalem Wissenschaftsverständnis.

Die Mehrzahl der zwölf Einzelbeiträge konzentriert sich darauf, das Selbstverständnis von Naturwissenschaftlern und die ihnen oder ihren Disziplinen zugewiesenen politischen Zweckbestimmungen als anpassungsfähig und anpassungswillig im Rahmen nationalstaatlicher Interessen darzustellen: Professionelle und nationale Identität, so Ulrike Fell, verstärkten sich wechselseitig in der Ausbildung der Chemiker-Community in der französischen III. Republik. Rudolf Virchows reformerische Naturwissenschaft von 1848 habe sich zum Bestandteil eines integrationistischen Nationalismus gewandelt, wie Constantin Goschler argumentiert. Dass die Vertreter der klassischen deutschen Physik ein national-bürgerliches Selbstverständnis als "Kulturträger" zur Schau stellten (Gabriele Metzler), nicht zuletzt bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ergänzt das Bild. Gleichermaßen spiegelten öffentliche Memorial- und Festkulturen die Wandlungen nationalstaatlicher Orientierungen, etwa im Falle der inszenierten Erinnerung an den Mineralogen Georgius Agricola und der Biografik Alexander von Humboldts, die von Jakob Vogel und Nicolaas Rupke behandelt werden.

Ob und wie dabei die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens von nationalen Ideen beeinflusst wurde, bleibt in diesem Band eher eine offene Frage. Hier kann die wissenschaftliche Statistik als Anschauung dienen, wie Sybilla Nikolow ausführt. Die Kontrahenten im Berliner Antisemitismusstreit der 1880er-Jahre waren sich bewusst, dass die Definition eines nationalen Volkes davon abhing, wie man das Volk zählte und demografische Daten kategorisierte: Adolph Wagner sah Treitschkes These von einer wachsenden Einwanderung aus dem Osten mit den verfügbaren Berliner Daten belegt. Salomon Neumann dagegen leitete den Anstieg der jüdischen Bevölkerung aus Verschiebungen in den Geburten- und Sterblichkeitsraten Preußens ab.

Olga A. Valkova weist darauf hin, dass die Wahl einer nationalen Veröffentlichungssprache im zaristischen Russland den Konflikt zwischen Westlern und Slavophilen nährte. Zudem konnten unter dem Dach einer Nation verschiedene politische Deutungsentwürfe um wissenschaftliche Legitimation konkurrieren. Beim "Festival of Britain" auf Londons South Bank im Jahr 1951 nutzten - so Becky E. Conekin - die Labour-Regierung und linksliberale Intellektuelle die Chance, naturwissenschaftlich induzierte Modernität zu ästhetisieren und für das breite Publikum die Infrastruktur eines zukunftsorientierten, sozialdemokratischen Großbritannien zu entwerfen.

Einige Beiträge dieses Bandes lassen erkennen, dass die Wechselbeziehung von Naturwissenschaften und Nation nicht in wechselseitigen Funktionalisierungen aufgehen. Gewiss entwarfen der deutsche Geograf Friedrich Ratzel und sein französischer Kollege Paul Vidal de la Blache "Nationalgeographien". Aber Iris Schröder weist nach, dass sich die Verwissenschaftlichung der Geografie, die Nationalisierung staatlichen Territoriums und die Territorialisierung der Nation nicht einfach aufeinander abbildeten. Zudem gab es vor 1914 enge Verbindungen und Lernprozesse zwischen deutschen und französischen Intellektuellen im Bereich der Geografie. Eckhard Fuchs weitet den Blick noch stärker und thematisiert die Internationalisierung wissenschaftlicher Forschungspraxis ebenso wie den normativen Internationalismus in einer Zeitspanne, jener des Imperialismus und Ersten Weltkriegs, die gemeinhin als repräsentativ für den Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik gesehen wird. Fuchs belegt, dass internationale Forschungskooperationen zwischen 1890 und 1920 zunahmen und Deutschland aus dem normativen Internationalismus nicht ausgeschlossen wurde. Dabei kristallisierte sich nicht nur eine amerikanisch-europäische, sondern auch eine pazifische und lateinamerikanische Kooperationszone heraus, und die USA legten die Grundsteine für ihre bald zentrale Stellung im internationalen Forschungsvergleich.

Am weitesten entfernt sich H. Glenn Penny von der Nation als dominierendem Deutungsmuster. Sein Beitrag mahnt an, den polyzentrischen Charakter der deutschen Nation, gerade auch im Kaiserreich, ernst zu nehmen. Die "deutsche" Ethnologie entwickelte sich in einem innerdeutschen Konkurrenzkampf regionaler urbaner Zentren, angetrieben von lokalen Eliten, bürgerlichen Interessen und kosmopolitischen Visionen. Selbst die kaiserliche Regierung in Berlin zeigte wenig Neigung zu einem zentralen, deutschen ethnologischen oder einem deutschen Kolonialmuseum.

Die Aufsätze dieses interessanten Bandes drängen geradezu darauf, weiterführende Differenzierungen zu bedenken und zu hinterfragen, ob 'die Nation' immer die primäre Orientierungsgröße wissenschaftlicher Theorie und Praxis ist und sich deren politischer Gehalt im Sinne eines ideologischen Funktionalismus angemessen erfassen lässt. Naturwissenschaftliche Praktiken, Kommunikationsformen und Räume von Wissen entwickelten sich gerade im Zeitalter des Nationalismus in lokalen und regionalen Zusammenhängen: in Städten und Regionen mit, aber auch ohne Universitäten; in verstreuten Akademien und aus wissenschaftlichen Vereinen heraus; in der Provinz und an der Peripherie von Nationalstaaten sowie in Kolonien und an Außenposten von Imperien. Eben diese disparaten Institutionen, Akteure und Initiativen waren nicht allein auf nationale Zentren hin orientiert, sondern wirkten in eigenen Wissenszusammenhängen. Sie kommunizierten zudem vielfach miteinander über nationale Grenzen hinweg und konnten so selbst zu Zentren werden.

Die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ), die Marc Schalenberg im vorliegenden Band in einem instruktiven Vergleich mit der British Association for the Advancement of Science behandelt, ist ein Beispiel. Die Mehrzahl ihrer Treffen vor dem Ersten Weltkrieg fand in Städten ohne universitäre Infrastruktur statt. Gerade diese Regionen mobilisierten Ressourcen für die Tagungen und profitierten von den Impulsen der GDNÄ.

Die vielfältigen Interaktionen, die sich aus dem Zusammenspiel von lokalen Wissensressourcen, internationalem Transfer und globaler Kommunikation ergeben, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Ähnliches gilt auch für die Lesarten von Wissenschaft: Die Memoralisierung von Wissenschaftlern als politische Strategie, deren wissenschaftliche Programmtexte und politische Vorstellungen wandelten sich nicht nur analog zu jenen Interessen, die in Nationalstaaten dominierten, sondern mitunter auch im Widerspruch dazu, im gleichzeitigen Wettstreit, und im Dienste regionaler Konstellationen. Es bleibt zu überprüfen, welche unterschiedlichen und partikularen sozialen Interessen in welchem Zeitraum welche Forschungsmethoden oder Erinnerungsformen hervorbrachten, wann diese so interpretiert wurden, dass sie Anschluss an nationale Deutungsmuster fanden, und wie unterschiedlich solche und andere Deutungsmuster tatsächlich rezipiert wurden - im Vergleich von männlichem und weiblichem Publikum, vor dem Hintergrund unterschiedlicher politischer Milieus und im Austausch über nationale Grenzlinien hinweg.

Neuere Forschungen zur Geschichte des biologischen Evolutionismus - mit Wurzeln im Milieu der radikalen Naturalisten in Großbritannien in den 1830er-Jahren und national wie sozial heterogenen Rezeptionslinien, die sich Jahrzehnte später gleichzeitig zu eugenischen Denkformen in Staaten ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtung entwickelten, indes in Deutschland nach 1933 zu einer exterministischen Staatsideologie vulgarisiert wurden - haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie lohnenswert es ist, solche komplizierten Zusammenhänge zu thematisieren.

Andreas Daum