Rezension über:

Stefan Flesch (Hg.): Das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seine Geschichte und seine Bestände. Herausgegeben aus Anlass des 150-jährigen Bestehens unter Mitarbeit von Michael Hofferberth und Andreas Metzing (= Schriften des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland; 33), Düsseldorf: Evangelische Kirche im Rheinland 2003, XIII + 473 S., ISBN 978-3-930250-46-2, EUR 36,00
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Rezension von:
Carlies Maria Raddatz
Landeskirchenarchiv der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Carlies Maria Raddatz: Rezension von: Stefan Flesch (Hg.): Das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seine Geschichte und seine Bestände. Herausgegeben aus Anlass des 150-jährigen Bestehens unter Mitarbeit von Michael Hofferberth und Andreas Metzing, Düsseldorf: Evangelische Kirche im Rheinland 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 1 [15.01.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/01/4610.html


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Stefan Flesch (Hg.): Das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland

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Bestandsübersichten von Archiven werden von Benutzern und Nachbararchiven gern zum Nachschlagen genutzt. Doch zur Lektüre laden diese Resultate vieljähriger mühevoller Arbeit selten ein. Anders die hier anzuzeigende Bestandsübersicht und Geschichte des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland: Der Herausgeber und Archivleiter, Stefan Flesch, setzt sich mit landläufigen Vorurteilen gegenüber Archiven auseinander und überbietet sie, indem er seinem Vorwort als Motto ein Zitat August Sinnholds aus dem Jahr 1842 voranstellt, das endet: "und nicht selten sind stöhnende Klagen, Weheruf, Geisterspuk und Getümmel in Archiven vernommen worden" (IX). Statt Spukgeschichten bietet das älteste landeskirchliche Archiv in der Evangelischen Kirche in Deutschland den Leserinnen und Lesern eine anschauliche Darstellung seiner Geschichte - die Erste seit 1936 -, und benennt auch die Begrenzungen (landes-)kirchlicher Archive und ihrer Quellen offen. Der eingangs erwähnten Gefahr "historistisch selbstverliebter Nabelschau" sind die Verfasser nicht erlegen (XI).

Die ersten Bemühungen um die Anlage eines Archivs gingen 1631 von der Klevischen Provinzialsynode in Wesel aus. Die Gründung eines Provinzialkirchenarchivs beim Konsistorium in Koblenz wurde am 25. Oktober 1853 von der Rheinischen Provinzialsynode beschlossen und am 28. Juni 1854 von König Friedrich Wilhelm IV. genehmigt. Zunächst hatte es allerdings den Charakter einer Sammlung, der nicht einmal der eigene Träger seine Akten anvertraute (6). Von 1858 bis 1925 wurde es nebenamtlich von Koblenzer Pfarrern geleitet, welche die von den Kirchengemeinden übernommenen Bestände wissenschaftlich auswerten und gegenüber widerstrebenden Presbyterien viel Überzeugungsarbeit für die Bewahrung historischer Überlieferung leisten mussten. Die Entwicklung wird vor dem Hintergrund der jeweiligen politischen und geistesgeschichtlichen Situation geschildert. Präses Walther Wolff erreichte die Professionalisierung der Arbeit des Archivs und seine Verlegung nach Bonn im Jahr 1928. Dort sollte es die Theologiestudenten zu kirchenhistorischer Arbeit motivieren (18). Für die Archivpflege war das Rheinische Provinzialkirchenarchiv weiterhin nicht zuständig. Diese Aufgabe übernahm das Amt zur Pflege rheinischer Kirchengeschichte in Zusammenarbeit mit der Archivberatungsstelle Rheinland, eine Einrichtung des Provinzialverbands der Rheinprovinz. Im Gefolge der von der Deutschen Evangelischen Kirche angesichts der Beanspruchung durch die 'Ariernachweise' verordneten Einsetzung von Archivpflegern wurde in der rheinischen Landeskirche am 22. Februar 1938 die Berufung ehrenamtlicher Archivpfleger für jeden Kirchenkreis angeordnet. Während des Zweiten Weltkrieges konzentrierte sich die Arbeit des Archivs auf eine Aufstellung aller rheinischen Pfarrer seit der Reformation. Deshalb wurde nur ein Teil der Bestände ausgelagert. So fielen am 18. Oktober 1944 mit dem Gebäude des Provinzialkirchenarchivs auch Personalakten der Pfarrer und der Konsistorialbestand einem Luftangriff zum Opfer. Nun begann eine Odyssee des Archivs, die 1950/51 mit seiner Verlegung nach Düsseldorf endete.

Die Entwicklung der folgenden Jahrzehnte, die Erweiterung der Arbeitsgebiete um Archivpflege und Verwaltungsausbildung, das Missverhältnis zwischen Personalausstattung und dem "herkulischen Aufgabenspektrum" (43) machen Quellenzitate sehr anschaulich. Andere landeskirchliche Archive werden ihre Probleme in diesen humorvollen Schilderungen wieder erkennen. Die unzureichende Raumausstattung wurde auch mit dem Umzug an den heutigen Dienstsitz im Jahr 1971 nicht behoben.

Eine Zweigstelle des landeskirchlichen Archivs in Düsseldorf ist die Evangelische Archivstelle Koblenz / Boppard. Ihre Entstehung wurde veranlasst durch das Anerbieten des damaligen Staatsarchivs Koblenz im Frühjahr 1952, den Religionsgesellschaften ihre 1798 per Dekret des französischen General-Regierungskommissars eingezogenen Kirchenbücher zurückzugeben. Allerdings war die Voraussetzung ihr Verbleib als geschlossener Bestand im Land Rheinland-Pfalz. Im Oktober 1952 wurden sie in das Koblenzer Büro des Beauftragten der Evangelischen Kirche im Rheinland für das Land Rheinland-Pfalz verbracht und dort von einem Staatsarchivar im Ruhestand unter vollkommen unzureichenden Arbeitsbedingungen betreut. 1957 stellte das Staatsarchiv in seinem Neubau Raum zur Verfügung. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Bestände erweitert. Die Arbeit basierte auf der Einsatzbereitschaft halbtags beschäftigter Pensionäre. Seit 1987 traten Pfarrer im Wartestand an ihre Stelle. Im Mai 1994 übernahm erstmals ein hauptamtlich beschäftigter Archivar die Leitung. 1996 konnte die Archivstelle in Boppard ein angemessenes Domizil beziehen. Die Archivgeschichte endet mit einem Kapitel über die Dienstbibliothek und einem Quellenanhang.

Der Bestandsübersicht ist außer Benutzungshinweisen eine mehrfarbige Karte der Kirchenkreise der Evangelischen Kirche im Rheinland beigegeben. Die Tektonik ist in neun Gruppen gegliedert: 1. Oberbehörden, 2. Provinzial- und Landeskirchliche Ämter und Einrichtungen, 3. Mittelbehörden / Kirchenkreise, 4. Kirchengemeinden, 5. Selbständige Werke und Einrichtungen, 6. Handakten, 7. Nachlässe, 8. Sammlungen, 9. Kirchenbücher. Die Bestände werden mit den üblichen Angaben (Laufzeit, Umfang, Findmittel, Signatur, Bestandsgeschichte, Klassifikation, Literatur und ergänzende Archivbestände) vorgestellt. Die Bestandsgeschichten sind mitunter lesenswerte Kurzabrisse einzelner Kapitel rheinischer Kirchengeschichte, zum Beispiel zum Bestand "Konsistorium Birkenfeld" (1592-1950) (112 f). Viele Bestände werden auch durch Fotos vorgestellt. Neben den üblichen Personenfotos zu Nachlässen und Aufnahmen einzelner Dokumente finden sich Bilder eigener Aussagekraft, zum Beispiel das Foto zum Bestand Evangelische Akademie Mülheim / Ruhr vom 29. Oktober 1960: Die Superintendenten der Landeskirche auf den Balkons des neuen Erweiterungsbaus in kleinen Gruppen angeordnet (146).

Als Ergänzung zur gedruckten Bestandsübersicht ist für 9 € eine CD-ROM mit dem Katalog der Dienstbibliothek und vier Findbüchern im HTML-Format erhältlich.

Carlies Maria Raddatz