Rezension über:

Architekten- und Ingenieurverein Berlin (Hg.): Berlin und seine Bauten. Teil VII. Band B: Sozialbauten, Redaktion: Peter Güttler, Berlin: Ernst & Sohn 2002, VIII + 362 S., 608 s/w-Abb., ISBN 978-3-43302-203-0, EUR 65,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Frank Schmitz
Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Frank Schmitz: Rezension von: Architekten- und Ingenieurverein Berlin (Hg.): Berlin und seine Bauten. Teil VII. Band B: Sozialbauten, Redaktion: Peter Güttler, Berlin: Ernst & Sohn 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 1 [15.01.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/01/4171.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Architekten- und Ingenieurverein Berlin (Hg.): Berlin und seine Bauten

Textgröße: A A A

Filippo Brunelleschi schuf mit seinem Florentiner Findelhaus (1419-26) ein frühes Beispiel für einen Sozialbau, der weit über ein Mindestmaß an Wohltätigkeit hinausging und auch Ansprüche an städtische Repräsentation erfüllte. Versuche von vergleichbarem architektonischen Rang blieben weltweit eine Seltenheit. Jahrhunderte lang waren Waisenhäuser, Ledigenheime und Obdachlosenasyle geprägt von äußerster materieller Beschränkung, waren nicht mehr als ein Ausdruck von Barmherzigkeit.

Im 19. und 20. Jahrhundert verschärfte sich die Notwendigkeit, Einrichtungen für ältere Menschen, für Waisen, für Ledige in größerer Zahl zu schaffen. Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen höheren Mobilität der Arbeitnehmer hatten sich traditionelle Sozialstrukturen zunehmend aufgelöst, so dass ältere Menschen oft nicht mehr im Familienkreis betreut werden konnten. Nach dem Ersten Weltkrieg kam das Problem vieler Witwen und unverheirateter Frauen hinzu, für die besonders in Berlin mit seinen Großwohnungen der Jahrhundertwende kein adäquater Wohnraum vorhanden war.

Der jüngst erschienene Band "Sozialbauten" aus der Reihe "Berlin und seine Bauten" widmet sich den Ledigenheimen, Kindertagesstätten, Altenheimen, Studentenwohnheimen, Bauten für Behinderte und Jugendfreizeitheimen in der Hauptstadt. Zunächst mag man dabei an architektonisch anspruchslose Zweckbauten denken. Doch die Verfasser des vorliegenden Bandes erzählen nicht nur eine Geschichte von sozialer Randständigkeit und Ausgrenzung, sondern auch eine Geschichte qualitätvoller Architektur, die sich um eine funktionale und zugleich würdevolle Behausung ihrer Bewohner bemühte. Neben bekannten Bauten wie Bruno Tauts Ledigenheim in Schöneberg (1919-20) ist dabei manche Entdeckung zu machen. Ein "Tagesheim für tuberkulös gefährdete Kinder" (1929) in Berlin-Lichtenrade von Fritz Bräuning verband die erforderliche gedeckte Terrasse zur Frischluftkur mit einer anspruchsvollen, gemäßigt sachlichen Formensprache. Die Nachkriegsmoderne der fünfziger bis siebziger Jahre brachte in Berlin zahlreiche Bauten von ausgezeichneter Qualität hervor, die durch ihre oft periphere Lage bisher wenig bekannt sind und erst langsam in ihrer Bedeutung erkannt werden. So schufen Hans Christian Müller, Georg Heinrichs und Ludwig Leo mit dem Studentenwohnheim Eichkamp (1959) eine der bedeutendsten Anlagen dieser Gattung in Deutschland, da sie durch hervorragende Grundrissorganisation die gebotene Sparsamkeit umsetzten, ohne dass eine Massenbehausung durch endlose Reihung immer gleicher Apartments entstanden wäre. Das Evangelische Studentenwohnheim der Freien Universität in Berlin-Dahlem (1963-64) von denselben Architekten wartet mit ähnlichen Qualitäten auf. Der gestaffelte, zweigeschossige Bau aus Sichtbeton und gelbem Ziegel fügt sich ausgezeichnet in die umgebende Villenbebauung ein.

Der Berliner Architekten- und Ingenieur-Verein gibt seit den 1960er Jahren die Reihe "Berlin und seine Bauten" heraus, die anhand der einzelnen Gattungen den Berliner Baubestand wissenschaftlich aufarbeitet. Die aktuelle Monografie ergänzt die entsprechenden Bände zu "Schulen" und "Krankenhäusern" (beide 1998), die Sozialbauten im weiteren Sinne behandelten. Die Bände erscheinen in einheitlicher, jeweils geringfügig modifizierter Gestaltung, so dass sich der Nutzer der älteren Titel leicht zurechtfindet. Der aktuelle Band gliedert sich in mehrere Aufsätze, die sich jeweils einer Gruppe von Sozialbauten widmen. Anders als in einer Denkmaltopografie reicht die Auswahl der Bauten bis in die Gegenwart und umfasst damit viele (noch) nicht denkmalgeschützte Objekte. Es gelingt den Verfassern dabei, die Entwicklung des jeweiligen Bautyps nachzuzeichnen.

Marina Döring schildert mustergültig die Genese der Berliner Studentenwohnheime. Sie skizziert studentisches Wohnen vor dem Aufkommen des vergleichsweise jungen Bautyps, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg größere Verbreitung fand. Einer stark sozialgeschichtlich ausgerichteten Charakterisierung der Objekte folgt die überzeugende Analyse der gegenwärtigen Situation der Studentenwohnheime, deren Fortbestand angesichts des aktuellen Berliner Überangebots an Wohnraum fraglich erscheint. Der einzige Wermutstropfen liegt in dem konsequenten Verzicht auf Vergleichsbeispiele, die den Leser mit der Frage allein lässt, wie die geschilderte Entwicklung in einem nationalen und internationalen Rahmen zu verorten ist. Schon kurze Hinweise und Vergleiche könnten das Verständnis deutlich erweitern und dem Band über seine regionale Ausrichtung hinaus Interesse sichern. Eine abschließende Liste der erwähnten Bauten mitsamt Literaturangaben sowie ein Namensregister erleichtern den Zugriff. Das Straßenregister ist hingegen schwer nutzbar, da es die Straßen nicht alphabetisch auflistet, sondern zuerst nach Bezirken und Ortsteilen gruppiert. Der Leser muss also bereits wissen, in welchem Teil der Stadt die gesuchte Straße liegt.

Einige Autoren des Bandes sind Berliner Architekten, unter ihnen Jörn-Peter Schmidt-Thomsen und Eckhard Feddersen. Damit schreibt der vorliegende Band einen Geburtsfehler fort, der vielen Bänden der Reihe "Berlin und seine Bauten" anhaftet. So erfreulich die Entwerfer-Perspektive auf die jeweiligen Gebäude sein mag, so problematisch ist es, Architekten die Entwürfe aus eigener Feder sowie die ihrer Konkurrenten bewerten zu lassen. Eines der Resultate ist, dass jüngere Bauten der 1980er und 1990er Jahre überproportional vertreten sind. Während bei älteren Bauten durch Zerstörungen und Abrisse die Zahl der Objekte ohnehin reduziert ist, wäre eine kritische Auswahl der jüngeren Beispiele dringend vonnöten gewesen. Insbesondere im Umfeld der Internationalen Bauausstellung IBA 1987 sind im Westteil der Stadt viele Kindertagesstätten entstanden, die einer strengen Bewertung nicht durchweg standhalten. Der vorliegende Band entlässt den Leser mit dem unangenehmen Beigeschmack der Vorteilsnahme, wenn er im Register feststellt, dass kaum ein anderer Architekt mit seinen Bauten sooft Erwähnung findet wie zwei der Autoren des Bandes.

Frank Schmitz