Rezension über:

Horst Dinstühler: Wein und Brot, Armut und Not. Wirtschaftskräfte und soziales Netz in der kleinen Stadt. Jülich im Spiegel vornehmlich kommunaler haushaltsrechnungen des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts (= Forum Jülicher Geschichte; Bd. 31), Jülich: Verlag der Joseph-Kuhl-Gesellschaft 2001, 742 S., ISBN 978-3-932903-18-2, EUR 35,80
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Rezension von:
Olaf Richter
Hauptstaatsarchiv Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Olaf Richter: Rezension von: Horst Dinstühler: Wein und Brot, Armut und Not. Wirtschaftskräfte und soziales Netz in der kleinen Stadt. Jülich im Spiegel vornehmlich kommunaler haushaltsrechnungen des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts, Jülich: Verlag der Joseph-Kuhl-Gesellschaft 2001, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 1 [15.01.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/01/2894.html


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Horst Dinstühler: Wein und Brot, Armut und Not

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Mit der auf städtischen sowie Armenhaus- und Hospitalsrechnungen basierenden Arbeit Horst Dinstühlers, einer im Jahr 2000 bei Professor Wilhelm Janssen an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn angenommenen Dissertation, liegt die für die Stadt Jülich wohl abschließende Bearbeitung der Wirtschafts- und zum Teil auch Sozialgeschichte der zweiten Hälfte des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts vor. Damit werden für den Untersuchungszeitraum, der aufgrund der Überlieferungslage für die Jahre nach dem Stadtbrand von 1547 bis zu den 1610 einsetzenden kriegerischen Ereignissen eine dichte Quellengrundlage bietet, die älteren Arbeiten von Joseph Kuhl, Friedrich Lau und Matthias Vaßen sowohl infolge der Auswertung bislang unbekannter Quellen ergänzt als auch an verschiedenen Stellen korrigiert und nicht zuletzt neue, modernere Fragestellungen diskutiert. Über die lokale Begrenztheit auf eine der wichtigsten Städte des Jülicher Herzogtums hinaus erbringt die profunde Studie, die eindrucksvoll die ausdifferenzierte Wirklichkeit städtischen Wirtschaftslebens einer frühneuzeitlichen Mittelstadt vor Augen führt, neue Erkenntnisse zur allgemeinen Landesgeschichte und bietet in methodischer Hinsicht Orientierung für vergleichbare Untersuchungen anderer Städte.

Dinstühler benutzte außer der Überlieferung des Jülicher Stadtarchivs, dessen Leiter er ist, auch Quellen verschiedener Kommunalarchive des Raumes sowie des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf. Letzteres vor allem, um die landesherrliche Wirtschaftstätigkeit in der Stadt mit einzubeziehen, wie sie in den Amtsrechnungen erkennbar ist. Im Unterschied zu anderen Orten des Herzogtums besteht für eine Untersuchung der frühesten kommunalen Rechnungsüberlieferung in Jülich eine äußerst günstige Quellenlage, was hinsichtlich des Herzogtums für das 16. und 17. Jahrhundert mit Abstrichen lediglich für Nideggen, Sittard und Süchteln gesagt werden kann.

In einem der eigentlichen Untersuchung vorangestellten Teil reflektiert der Autor die Spezifika der Quellengattung städtischer Rechnungen beziehungsweise der Wirtschaftsunterlagen sozialer Einrichtungen. Er stellt ihre Entstehung im Geflecht von Stadtschreibern, Räten und Bürgermeistern und deren Geschäftspraxis im Rahmen des komplexen lokalen Währungssystems dar und ordnet sie in den Kontext der allgemeinen stadtgeschichtlichen Forschung ein. Gerade hinsichtlich seiner sozialgeschichtlichen Fragestellungen ist sich Dinstühler des Umstands bewusst, dass diese Quellen ungeachtet aller Genauigkeit und vergleichsweise gegebenen Zuverlässigkeit dennoch lediglich einen Ausschnitt der städtischen Verwaltungstätigkeit widerspiegeln. So ist es für die frühneuzeitliche städtische Verwaltung nicht ungewöhnlich gewesen, dass weitere eigenständige Rechnungen geführt wurden, die nicht in der städtischen Überlieferung erscheinen oder einfach auch verloren sind.

Der Hauptteil der bis auf wenige Unklarheiten gut strukturierten Arbeit - so ist dem Rezensenten unklar, warum die Botenlöhne (325-332) von der Rubrik "Boten" (236-242) getrennt wurden, da doch beides unter die Überschrift Ausgaben, Verwaltungskosten fällt - gliedert sich in eine Darstellung der einzelnen Einnahmen und Ausgaben, gefolgt von einem analog aufgebauten Teil über die sozialen Einrichtungen des Jülicher Gast- und Heilig-Geist-Hauses beziehungsweise einer karitativen Stiftung. Dinstühler gelingt es, die Quellen, die in einigen Fällen wie etwa "Ausgabe ins gemein" sachlich nicht völlig klar zu differenzieren sind, in eine überzeugende Einteilung zusammenzufassen. Auch geht er mit den Eigentümlichkeiten frühneuzeitlicher Rechnungsführung souverän um, zum Beispiel indem er vom Schreiber erwartete, aber später nicht realisierte Buchungen in späteren Rechnungen identifiziert. Gelegentlich strich der Schreiber diese Summen nämlich nicht, sondern nahm sie zwecks Ausgleichs fiktiv in den Ausgabenteil desselbigen oder gar eines der nachfolgenden Jahre auf.

Wenn aufgrund der Detailfülle, die sich in den jeweiligen, teils über mehrere Seiten erstreckenden Auflistungen für einzelne Rechnungsjahre, in einigen Fällen ergänzt durch grafische Darstellungen, ausdrückt, die einzelnen Bereiche an dieser Stelle auch nur ansatzweise referiert werden können, so seien im Folgenden gleichwohl einige Eindrücke vermittelt: Die städtischen Einnahmen setzen sich im Wesentlichen aus Akzisen, wie der jährlich an Bürger versteigerten Brot-, Fleisch- und Viehakzise, dann Zinserträgen aus Geldanlagen oder Verkäufen, Brüchten, schließlich den Durchlaufposten der Stiftungsgelder und des Schatzes der drei vor den Stadtmauern liegenden Dörfer Broich, Stetternich und Petternich zusammen. Der zentrale Posten unter den Einnahmen war die Weinakzise, die mitunter gut 60% der Gesamteinnahmen abdeckte - "mit der Weinakzise fiel und stand der Jülicher Finanzhaushalt" (43). Daneben waren vor allem die Schatzzahlungen an die Landeskasse mit ungefähr einem Viertel bis einem Drittel des gesamten Etats von Bedeutung. Dinstühler beschränkt sich nicht auf die Einordnung der Rechnungsposten in den wirtschaftlichen Kontext, sondern geht ausführlich auf die jeweiligen Voraussetzungen und Umstände ein, wie etwa bei der Bierherstellung. Zudem ist er stets bemüht, die Ergebnisse auch sozialgeschichtlich zu interpretieren, beispielsweise indem er den im Unterschied zum Bierkonsum deutlicheren Rückgang des Weinumsatzes in Seuchenzeiten auf die überproportionale Stadtflucht der begüterten Bewohner zurückführt oder an anderer Stelle die Bierwirte und Tuchhändler in die gesellschaftliche Schichtung der Stadt einordnet. Bei der Untersuchung der Ausgaben lassen zum Beispiel die Reisespesen für städtische Gesandte nach 1580 eine zunehmende Professionalisierung bei der Vertretung der Stadt auf der landespolitischen Ebene erkennen. Auf Landtagen befand sich fortan mindestens ein Jurist unter den maximal drei städtischen Vertretern Jülichs. Weiterhin geben die Botenlöhne Hinweise auf die Außenbeziehungen der Stadt. Dabei ragen die Beziehungen zum herzoglichen Hof und zum landständischen Städtekollegium heraus. Auch waren häufig aus wirtschaftlicher Notwendigkeit Gänge in die benachbarte Stadt Düren zur Erkundung der dortigen Marktpreise erforderlich.

Überblickt man den gesamten Untersuchungszeitraum, so ist festzustellen, dass Ereignisse wie der verheerende Stadtbrand von 1547, die Pestepidemien Ende der 1570er- und 1590er-Jahre sowie die Einflüsse des spanisch-niederländischen Krieges oder auch wirtschaftliche Teuerungen, mit denen jeweils die individuellen Schicksale der Einwohner existenziell verknüpft waren, die städtische Haushaltsbilanz nur verhältnismäßig schwach tangierten. In diesen Jahren konnte die Mehraufwendung durch Einnahmesteigerungen weitgehend ausgeglichen werden. Diese Krisenfestigkeit des Haushalts war vorwiegend durch das vom Herzog verliehene Unabhängigkeitsprivileg von 1416 bedingt, das der Stadt gegen Entrichtung eines Festbetrags an die Landeskasse die Festlegung der Akzisehöhe überließ, andererseits durch die privaten, das heißt mittels Stiftungen finanzierten Sozialeinrichtungen und -kassen, die also den städtischen Etat nicht belasteten. Dinstühler unterzieht auch diese Institutionen, das Gast- und Heilig-Geist-Haus beziehungsweise die Bongart'sche Stiftung, einer ausführlichen Betrachtung, wobei es ihm gelingt, ebenso wie zuvor bei der Beschreibung des Geschäftsgangs bei Rechnungslegungen oder Akziseverpachtungen aus den Quellen eine anschauliche Schilderung der Vorgänge zu zeichnen.

Hingegen wird der Lesefluss leider gelegentlich durch die immense Detailfülle und geradezu erschöpfende Betrachtung der Quellen unter den verschiedensten Gesichtspunkten gestört, sodass an einigen Stellen eine Gewichtung der Diskussion sinnvoller gewesen wäre. Insofern nimmt die Arbeit vereinzelt den Charakter eines Nachschlagewerkes an. Abschließend sei nur kritisch auf einige Formalien verwiesen: Die bei ihrem Umfang schwierige Handhabung der Tabellen führt verschiedentlich zu Spaltenüberschneidungen, darüber hinaus fallen laxe Formulierungen auf wie etwa "auf's Rathaus [...] geladen" (60) oder "lächerliche Summe" (194). Ebenso wäre in einigen Fällen anstelle eines Quellenzitats (etwa: eine Frau, die "umb qwader famen willen von tzouverijen" inhaftiert war, 114) eine Erklärung oder Umschreibung ratsamer gewesen. Auch hätte man verschiedentlich Unklarheiten vermeiden können, wenn die Abkürzungen durchgängig aufgelöst oder stattdessen alle im Abkürzungsverzeichnis angegeben worden wären. Mängel birgt auch das in sechs Rubriken untergliederte Register, worin sich beispielsweise eine Person hinter zwei Namen verbirgt ("Schinkern, Amtmann" und "Waldenburg, Wilhelm von", 724 und 727). Außer dem erwähnten Register wird die trotz dieser kleineren Monita beeindruckende Untersuchung durch ein Literaturverzeichnis und ein teilweise vom Autor erstelltes Kartenwerk hilfreich ergänzt.

Olaf Richter