Rezension über:

Gerrit Jasper Schenk: Zeremoniell und Politik. Herrschereinzüge im spätmittelalterlichen Reich, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, 823 S., 16 Abb., 8 Karten, ISBN 978-3-412-09002-9, EUR 79,00
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Rezension von:
Gernot Kirchner
Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Gernot Kirchner: Rezension von: Gerrit Jasper Schenk: Zeremoniell und Politik. Herrschereinzüge im spätmittelalterlichen Reich, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 1 [15.01.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/01/1954.html


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Gerrit Jasper Schenk: Zeremoniell und Politik

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Bei der Studie handelt es sich um die geringfügig überarbeitete Fassung einer Dissertation, die im Oktober 2000 an der Universität Stuttgart eingereicht wurde. Der 'adventus regis' im spätmittelalterlichen Reich, den Schenk de facto unter dem Begriff "Herrschereinzug" betrachtet (126), ist schon länger Thema historischer Untersuchungen. Schenk hebt sich jedoch durch einen innovativen kulturwissenschaftlich ausgerichteten Ansatz von älteren Arbeiten ab. Sein Ziel ist weniger eine umfassende Interpretation des spätmittelalterlichen Herrschereinzugs als vielmehr, die "grundlegenden methodischen und interpretatorischen Mittel" bereitzustellen, die erst eine "Analyse und Interpretation zeremonieller Phänomene beim Herrschereinzug und darüber hinaus erlauben" (80). In zweiter Linie bietet die Studie dann eine Interpretation des Phänomens "Herrschereinzug". Im Kern geht es um die Aussagewerte von Zeremonialquellen und Zeremonien für Historiker und Kulturwissenschaftler. Hierfür stellt der "Herrschereinzug" das Exemplum dar: Inwieweit können Herrschereinzüge als "spezifisch mittelalterliche Kulturpraxis" (75) in ihrer formalisierten zeremoniellen Gestaltung politische, rechtliche und geistige Verhältnisse widerspiegeln (76)? Was kann man anhand von Herrschereinzügen über das Verhältnis von "Zeremoniell und Politik" im Mittelalter aussagen? Dies soll anhand eines Idealschemas des Herrschereinzugs geprüft werden. Am Ende steht "eine engere Charakterisierung des spätmittelalterlichen deutschen Adventuszeremoniells" (70), für den Einzug von Königen / Kaisern in Reichsstädten, muss präzisierend hinzugefügt werden (126). Diese Charakterisierung soll dann zukünftig Interpretationen konkreter Herrschereinzüge erleichtern.

Die Studie ist in folgende Abschnitte unterteilt: In einem einführenden Abschnitt (I. Voraussetzungen) erläutet Schenk detailliert die bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit mittelalterlichen Zeremoniellen seit der Frühen Neuzeit (15-46). Anschließend erklärt er für seine Studie zentrale Begriffe und Themenfelder (47-75). Danach legt er seine Fragestellung und Vorgehensweise dar (75-80).

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit dem zentralen methodischen Schritt der Quellenkritik (II. Grundlagen: Quellen, Spezialisten, Wahrnehmungen und Traditionen). Diese selbstverständliche Voraussetzung historischer Interpretation wurde leider in älteren Arbeiten nicht immer stringent durchgeführt. Der Abschnitt ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es eigentlich machen sollte. Aber Schenk leistet hier noch mehr. Seine kritische Sichtung der Zeremonialquellen (= alle Quellen, die etwas über ein Zeremoniell, hier den Herrschereinzug, aussagen) führt zu einer Typologie der relevanten spätmittelalterlichen Quellen. Hierbei stehen die spezifischen Zeremonialquellen, wie Einzugsberichte und Ordines, im Zentrum. Einen Schwerpunkt legt Schenk auf die bislang in der Forschung vernachlässigten "spezifischen städtisch-bürgerlichen Zeremonialbücher" (126). Die Typologisierung mündet in die Frage nach Zeremonialsammlungen (= Quellen, die bewusst für die zukünftige Durchführung eines Zeremoniells erstellt wurden). Entgegen der bisherigen Forschungsmeinung kann er ihre Existenz überzeugend nachweisen. In diesem Zusammenhang fragt Schenk nach der Tradierung und Vermittlung von Zeremonialwissen, nach "Netzwerken von Zeremonialspezialisten" (229-237). Hierbei kommt er zu dem interessanten Ergebniss, dass schon im Spätmittelalter das Verfügen über (zeremoniales) Wissen Herrschaft legitimieren konnte (200) und dieses deshalb wohl geheim gehalten wurde (229). Erfreulich ist, dass auch die zentrale Bedeutung von Bildquellen zumindest kurz der von Textquellen kritisch gegenübergestellt wird (211-221).

Den Thesen des Abschnittes ist in einem umfangreichen Anhang (V. Quellenanhang (Fallbeispiele), 515-688) eine Auswahl "einschlägiger, typischer und spezifischer Beispiele" (515) der hier besprochenen Quellentypen in kritischen Editionen an die Seite gestellt worden. Sie ermöglichen eine erste Überprüfung der Thesen des Autors. Den Anspruch, "ein neues und bisher weitgehend unbekanntes Bild von der Planung, Vorbereitung und Durchführung von Herrschereinzügen vor allem in Reichsstädten" (227) entworfen zu haben, muss man allerdings etwas relativieren. Der spätmittelalterliche 'adventus regis' ist jedoch sicherlich bislang noch nicht so systematisch und akribisch quellenkritisch erfasst worden.

Im dritten Abschnitt (III. Analysen) wird dann ausgehend von den vorangehend behandelten Quellen zunächst ein Idealschema des Herrschereinzugs erstellt (III.A. Adventus und Adventuszeremoniell: Ein Idealschema in sechs Phasen). Schenk behandelt dabei die Phasen eines 'adventus' sehr detailliert: von der Ankündigung der nahenden Ankunft des Herrschers, über die Vorbereitungen bis hin zum eigentlichen 'adventus'. Hierbei diskutiert Schenk in beachtenswerter Weise alle bekannten Aspekte der einzelnen Phasen sowie Sonderfälle und Ausnahmen. So entwirft er ein Idealschema des spätmittelalterlichen 'adventus regis' in all seinen möglichen Fassetten. Alleine das Ende des Aufenthaltes wird nicht thematisiert. Dies ist verwunderlich, denn die zeremonielle Gestaltung der 'profectio' zeigt ihre Bedeutung sowie dass der Aufenthalt Bestandteil des 'adventus' war. Auch stellt sie für Schenk ein Kriterium der Abgrenzung des Herrschereinzugs dar (47).

In einem zweiten Teil (III.B. Einzelelemente des Adventuszeremoniell) werden dann zwei Einzelelemente des Idealschemas exemplarisch analysiert. Die Auswahl fiel auf zwei "wenig untersuchte, aber aufschlußreiche Komplexe" (80): Reden und Baldachin. Stilisierte Reden spielen schon seit der Antike eine zentrale Rolle im Adventuszeremoniell sowie als Medium für Vorstellungen vom Herrschereinzug. Ihre wichtige Funktion als "Zeremonialquellen par excellence" (206) scheinen sie bis in das Spätmittelalter bewahrt zu haben (446). Baldachine stellten seit dem Spätmittelalter ein wichtiges Statussymbol und Herrscherprivileg dar. Ob aber die Spoliierung des Baldachins einen "rituellen Kern des Adventuszeremoniells" darstellt (504), wäre zu diskutieren. Dagegen spricht, dass wir für frühere Zeiten kein ähnliches Ritual im Adventuszeremoniell fassen können. Hier wird immer der 'introitus' als Kern des 'adventus' hervorgehoben (so auch Schenk, 289). Die Baldachinspoliierung erscheint daher eher als spezifisch spätmittelalterliche Modifikation des Adventuszeremoniells. Dies macht sie in der Tat als möglicherweise wichtiges Ritual zur "Erhaltung der sozialen Struktur" (504) für Untersuchungen besonders interessant.

Ein Quellenanhang mit zahlreichen Fallbeispielen, ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis sowie mehrere Indices und Abbildungen wie Karten runden den aufwändig gestalteten Band ab. Schenk hat sich generell die benutzerfreundliche Mühe gemacht, seine Thesen durch Abbildungen anschaulich zu präsentieren. Dem steht leider gegenüber, dass man in der Fülle des Materials und der Aspekte oft Schwierigkeiten hat, den Ausführungen und Argumentationslinien zu folgen.

Schenk befasst sich mit dem Herrschereinzug nicht nur aus der Perspektive des einziehenden Herrschers, sondern auch aus Sicht der aufnehmenden Stadt. Die Gegenüberstellung von Intention wie Instrumentalisierung des Zeremoniells aufseiten des Herrschers sowie der Beherrschten wird erst in den letzten Jahren unternommen. Genauso verhält es sich mit dem von Schenk hinzugenommenen Aspekt, auch die Funktionen und Auswirkungen auf die städtische Gemeinschaft zu hinterfragen. Die umfassende Behandlung des Herrschereinzugs ist natürlich nur durchführbar, weil seit dem Spätmittelalter überhaupt erst häufiger mehrere und darunter auch städtische Quellen zu bestimmten Herrschereinzügen überliefert sind. Der Schwerpunkt der Untersuchung im 15. Jahrhundert ist daher bezeichnend.

Schenk erfasst als "Herrschereinzug" mehr als den eigentlichen "Einzug" eines Herrschers. Insofern ist der von ihm für das behandelte Phänomen gewählte Terminus irritierend. Wie andere neuere Arbeiten zum 'adventus', versteht Schenk sinnvollerweise das Phänomen letztendlich als temporär begrenzten Aufenthalt des Herrschers an einem bestimmten Ort (47). So ist nur durch die Erfassung des Aufenthaltes und der in seiner Zeit erfolgten Handlungen klar erkennbar, dass auch die Aufnehmenden aus einem Herrscherbesuch Vorteile zogen. Die Anerkennung des Herrschaftsanspruches des einziehenden Herrschers durch Huldigung war nur ein Aspekt, worauf Schenk mehrfach zurecht hinweist (zum Beispiel 204). Daher ermöglicht nur die umfassende Definition des Phänomens, es wissenschaftlich korrekt zu behandeln. Diese Definition entspricht dem Wesen des Phänomens, wie es in dem ursprünglichen lateinischen Terminus 'adventus' mitklingt. Schenk, der den Terminus irritierenderweise kaum verwendet, nimmt jedoch eine problematische, wenn auch prinzipiell richtige Unterteilung vor. Er differenziert das Gesamtphänomen von dem Teilelement des "eigentlichen Adventuszeremoniell", nämlich der Ankunft des Herrschers (239). Für dieses Teilelement wäre die Bezeichnung "Herrschereinzug" zutreffender und verständlicher gewesen. Der Nutzen der von Schenk vorgenommenen Differenzierungen bleibt unklar. Ob die Verwendung des Terminus 'adventus' wirklich "eine tendenziell klerikale Perspektive" anzeigt und er vornehmlich über liturgische Kontexte und Quellen in die mittelalterliche Kultur gelangte, wie Schenk annimmt (54, 59), wäre durch zukünftige Arbeiten noch zu klären. Dies impliziert schließlich, dass auch das Zeremoniell selbst über seine kirchliche Funktion in die mittelalterliche Kultur gelangte. Der liturgische 'adventus' geht allerdings auf den römischen 'adventus principis' zurück. So spielten herrschaftliche Attribute beim 'adventus Christi' immer eine zentrale Rolle. Spiegelten also die weltlichen Herrschereinzüge des Mittelalters die Ikonografie des Einzugs Jesu in Jerusalem, oder waren die liturgischen Einzüge eine Kopie der politischen 'adventus' (vergleiche 213-217)?

Generell bereiten die eingangs der Studie aufgestellten Abgrenzungskriterien für das erfasste Phänomen Probleme (47-48). Schenk will bewusst seinen Untersuchungsgegenstand nicht zu eng fassen, um "nicht von vornherein wichtige Erscheinungen [...] auszuschließen". Dies ist sinnvoll, doch sind die aufgestellten Kriterien, um den "Herrschereinzug" präziser zwischen dem "Davor", also der Anreise, und dem "Danach", also der Abreise, definieren zu können (47), problematisch. Es stellt sich zum einen die Frage, ob bei dem generell temporären Charakter der Herrschereinzüge im Spätmittelalter der zeitliche Abstand von Phänomenen zum eigentlichen Einzug eine sinnvolle Kategorie ist? Dass manche Besuche der Herrscher sehr lange dauern konnten und in diesen Fällen irgendwann bestimmte Handlungen nicht mehr in ursächlichem Zusammenhang mit dem Herrscherbesuch standen, sei unbestritten. Allerdings macht Schenk keine konkreten Angaben, wie oft dies in seinem Untersuchungszeitraum der Fall war. Auch über die durchschnittliche Dauer eines Herrscherbesuchs wird nichts gesagt. Ob die zeitliche Grenze zur Erfassung eines Phänomens als Teil des Herrschereinzugs tatsächlich bei einer Woche liegen sollte (47), erscheint fraglich. Wichtiger scheinen sachliche Bezüge zu sein, doch bleiben Schenks Ausführung hierzu recht allgemein (48). So behandelt er nur Aspekte des Aufenthaltes des Herrschers, "die noch in enger Verbindung zum Adventus stehen" (239). Damit versteht er den Aufenthalt also doch nicht als eigentliches Element des 'adventus'. Zu überlegen wäre, ob nicht das Kriterium "Klärung oder Darstellung des gegenseitigen Verhältnisses", das Kerncharakteristikum des Herrschereinzugs (507 und öfter), bestimmend sein sollte. "Leitbegriffe" als Indizien zu verwenden (48) birgt das Problem, dass die meisten Termini sich lediglich auf die Ankunft und das Einziehen beziehungsweise Einholen beziehen (vergleiche 48-52). Das Kriterium des Formalisierungsgrades eines Phänomens (48) setzt Vergleiche voraus. Diese sind nur anhand bereits eruierter Belege möglich, was aufgrund der verwendeten Kriterien aber problematisch erscheint.

So wird verständlich, dass Schenk sich vor allem auf den "Erstadventus" stützt (238 und öfter). Bei der Quellenlage im Spätmittelalter sind Erstbesuche eines Herrschers leicht zu identifizieren. Doch ergibt sich hieraus ein Problem für die Relevanz des Idealschemas. Der Erstadventus stellt nämlich die "Großform" (238) dieses Zeremoniells dar. Doch was sagt dieses "Groß"-Zeremoniell über das Zeremoniell bei weiteren Einzügen desselben Herrschers in dieselbe Stadt aus? Dass wegen Abgrenzungsschwierigkeiten oft keine absoluten Angaben über die Häufigkeit von Einzelphänomenen gemacht werden können (240), ist nachvollziehbar. Doch wären Angaben zu ihrem Auftreten bei allgemeinen Einzügen im Rahmen der hier gewählten Vorgehensweise wünschenswert gewesen. Man erfährt leider auch nicht, wie viele Belege nun der Studie absolut zu Grunde liegen. Aus einer "Sammlung von rund 500 Adventus in rund 80 Städten" benutzte Schenk eine "Auswahl von Einzügen in 31 Städten, von denen eine genügende Anzahl ausführlicher Quellen berichten" (238). Die Auswahl beschränkt sich auf Einzüge deutscher Könige in bestimmten Reichsstädten (77-78, eine Liste der Städte gibt 238 mit Anmerkung 5).

Schenk entwickelt in seiner Studie ein Idealschema, das bei der Untersuchung konkreter Herrschereinzüge als Leitraster sicherlich hilfreich ist. In konkreten Punkten muss aber seine Relevanz geprüft werden. Schenks Befund der Existenz von speziellen Zeremonialsammlungen in und Netzwerken zeremoniellen Wissens zwischen spätmittelalterlichen Reichsstädten bestätigt die zentrale Bedeutung der Adventuszeremonie im Spätmittelalter, zumindest auf Reichsebene. Für andere Ebenen gilt dies noch zu prüfen.

Gernot Kirchner