Rezension über:

Rolf-Jürgen Grote / Vera Kellner: Die Bilderdecke der Hildesheimer Michaeliskirche. Erforschung eines Weltkulturerbes. Aktuelle Befunde der Denkmalpflege im Rahmen der interdisziplinären Bestandssicherung und Erhaltungsplanung der Deckenmalerei (= Schriften der Wenger-Stiftung für Denkmalpflege; 1), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002, 181 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-422-06401-0, EUR 39,80
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Rezension von:
Christine Jakobi-Mirwald
Weiler
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Christine Jakobi-Mirwald: Rezension von: Rolf-Jürgen Grote / Vera Kellner: Die Bilderdecke der Hildesheimer Michaeliskirche. Erforschung eines Weltkulturerbes. Aktuelle Befunde der Denkmalpflege im Rahmen der interdisziplinären Bestandssicherung und Erhaltungsplanung der Deckenmalerei, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 12 [15.12.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/12/2740.html


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Rolf-Jürgen Grote / Vera Kellner: Die Bilderdecke der Hildesheimer Michaeliskirche

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Die Hildesheimer Michaeliskirche, einer der bedeutendsten ottonischen Bauten in Deutschland, enthält mit ihrer im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts entstandenen Holzdecke eines der wenigen erhaltenen Beispiele für monumentale Tafelmalerei des Mittelalters, das nur durch rechtzeitige Auslagerung der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entging. Diesem zentralen Kunstwerk ist nun ein Sammelband gewidmet, der die Ergebnisse einer detaillierten Bestandsaufnahme im Jahr 1999 zusammenfasst. Damals konnte ein interdisziplinäres Team aus Naturwissenschaftlern, Restauratoren und Kunsthistorikern im Rahmen eines zweimonatigen Projekts, das von der Wenger-Stiftung für Denkmalpflege finanziert wurde, die Decke vom Gerüst aus untersuchen. Dabei wurde der Bestand vollständig mit verschiedenen Verfahren dokumentiert. Das Ziel war eine genaue Erfassung von Schadens- und Altersbeständen, die eine Grundlage für die folgende konservatorische Wartung der Decke darstellen. Projektleitend war das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege, ferner beteiligten sich das Deutsche Bergbau-Museum sowie die Fachhochschule Hildesheim-Holzminden, Studiengang Restaurierung.

Zum Inhalt im Einzelnen: Das Buch gliedert sich in vier Hauptteile, deren ersten die "Geistesgeschichtliche Annäherung" darstellt. Volkmar Keils Beitrag "Das theologische Programm der Decke - eine Einführung" (12-15) stellt das Bildprogramm der Decke, die Wurzel Jesse, im Zusammenhang mit der Gesamtanlage der Kirche und den weiteren Motiven der Decke vor. Andreas Lemmel - "Der biblische Hintergrund und Sinngehalt des Deckenbildes" (16-27) - liefert die ikonographischen Grundlagen der biblischen Figuren und Szenen. Axel Bolvig - "Der Stammbaum' (28-34) - arbeitet die Implikationen des Baummotivs auch im Zusammenhang mit einer Huldigung an den kanonisierten Kirchengründer Bernward heraus.

Im zweiten Hauptteil - "Kunst- und kulturgeschichtlicher Diskurs" - liefert zunächst Harald Wolter-von dem Knesebeck kunsthistorische Beobachtungen zur Holzdecke von St. Michael, in ihrem Verhältnis zur sächsischen Buchmalerei in der älteren Forschung und nach heutigem Wissensstand (36-58), sodann eine eingehende Analyse des Malstils und eine Einordnung in den Zusammenhang der sächsischen Buchmalerei. Dem Wolfenbütteler Musterbuch und dem Goslarer Evangeliar, denen zum Teil die gleichen Vorlagen zu Grunde liegen, fügt er Vergleiche mit dem Sedlecer Antiphonar in Prag, dem Donaueschinger Psalter in Stuttgart, einem Hildesheimer Evangeliar im Hamburger Kunst- und Gewerbemuseum, dem Jüngeren Wöltingeroder Psalter in Wolfenbüttel und dem Evangeliar Heinrichs des Löwen hinzu. Als Beispiel für die künstlerische Selbsteinschätzung wird die sehr selbstbewusste Inschrift des Malers Johannes Gallicus zitiert, der die etwa gleichzeitigen Wandmalereien in St. Blasius in Hildesheim schuf. Im Folgenden kurzen Aufsatz von Harald Wolter-von dem Knesebeck wird ein Medaillon aus dem Ende des 19. Jahrhunderts ergänzten Teil vorgestellt, in dem sich der Restaurator ein Denkmal gesetzt hat: "Zum Selbstbildnis des Restaurators Joseph Bohland an der Hildesheimer Decke - ein Exkurs" (59). Mechthild Müller - "Realien auf ausgewählten Bildern der Decke" (60-67) - erschließt die dargestellten Gewänder, Möbel und Gebrauchsgegenstände. Christine Wulf - "Epigraphische Beobachtungen zur Holzdecke von St. Michael" (68-69) - macht auf die Grenzen dieser Untersuchungsverfahren angesichts der Formvielfalt romanischer Majuskeln und angesichts der erfolgten Erneuerungen aufmerksam.

Ein dritter Hauptteil widmet sich "Handwerksgeschichtliche(n) Grundlagen": Ulfrid Müller - "Ein schwieriger und langer Weg vom Baum im Wald bis zur fertig bemalten Decke. Wie es gewesen sein wird - Rückschlüsse, Vermutungen, Möglichkeiten" (72-79) - versucht die Rekonstruktion eines Arbeitsplans unter Berücksichtigung aller heute erforschbaren Umstände, und kommt auf die Daten 1211 und 1215 als frühestmöglichen Beginn beziehungsweise Ende der malerischen Arbeiten. Peter Klein - "Dendrochronologische Untersuchungen an Bohlen der Holzdecke von St. Michael" (80-81) - zeigt vor allem die Grenzen der dendrochronologischen Untersuchung auf, die etwa das genaue Datieren einzelner Abschnitte nicht ermöglicht.

Den wichtigsten Abschnitt des Buches macht der vierte Teil aus: "Aktuelle interdisziplinäre Befunde der Denkmalpflege zur Zustandserfassung und Bestandssicherung der Deckenmalerei". Die hier versammelten Aufsätze dürften durchaus auch für vergleichbare Projekte als Richtlinien von Interesse sein. Sie stellen die ganze Bandbreite der heute verfügbaren technischen Möglichkeiten vor, führen aber auch, wie die beiden ersten Titel, die notwendigen Vorbereitungsarbeiten vor Augen. Christina Achhammer/Elke Behrens/Oskar Emmenegger/Detlev Gadesmann/Rolf-Jürgen Grote/Jürgen Heckes/Annette Hornschuch beschreiben "Organisation und Planung des Projekts" (84-88). Rüdiger Lilge übernahm die "Archivalische Aufarbeitung" (89-91); dazu gehört die umfassende Übersicht im Anhang. Christina Achhammer/Oskar Emmenegger/Detlev Gadesmann - "Technik der ursprünglichen Malerei" (92-103) - beschäftigen sich mit allen maltechnischen Fragen wie Vorbereitung der Tafeln, Vorzeichnung, Arbeit mit Schablonen und Farbauftrag und liefern zahlreiche Mikroaufnahmen des Malschichtenaufbaus. Christina Achhammer/Oskar Emmenegger/Detlev Gadesmann - "Zusammenfassende Darstellung der Maßnahmen und Eingriffe der Vergangenheit" (104-111) - führen die insgesamt vier Überarbeitungsphasen und die dabei vorgenommenen Maßnahmen vor Augen. Helmut Berling/Bernhard Blömer/Axel Büssing - "Bauphysikalische Betrachtung der Deckenkonstruktion" (112-115) - stellen die Befunde von Kernbohrungen vor. Elke Behrens/Jürgen Heckes - "EDV-gestützte Dokumentationsverfahren" (116-121) - bieten einen Einblick in die im Rahmen des Projekts erstellten CAD-Kartierungen und in die Datenbank. Christina Achhammer/Elke Behrens/Oskar Emmenegger/Detlev Gadesmann zeigen in "Zusammenfassende Beurteilung der Kartierungen aus restauratorischer Sicht" (122-127), dass diese eine wichtige Grundlage für spätere Konservierungsmaßnahmen sind, die allerdings keineswegs eine direkte Befunderhebung überflüssig machen. Annette Horschuch/Maro Moskopp - "Multispektrale Bestandserfassung und -analyse" (128-133) - zeigen die Möglichkeiten eines relativ neuen Hilfsmittels auf, das Kontrollen vom Boden aus ermöglicht. Christina Achhammer/Eva-Maria Eilhardt-Braune/Oskar Emmenegger/Detlev Gadesmann geben in "Gedanken zur Erhaltungsplanung aus restauratorischer Sicht" (134-135) eine Zusammenfassung der Arbeiten, die zwar erwiesen haben, dass die Hildesheimer Decke keiner akuten Gefährdung ausgesetzt ist; sie zeigen aber auch eine Reihe von möglichen späteren Problemen auf und verdeutlichen die Notwendigkeit einer ständigen Kontrolle.

Die Benutzung des Buches wird durch eine Reihe von Apparaten erleichtert: ein Glossar der Fachausdrücke von Christina Achhammer/Oskar Emmenegger/Detlev Gadesmann (136-138), ein Überblick über die Archivrecherchen, nach Archiven geordnet, von Rüdiger Lilge (140-147) und einen ausführlichen Tafelteil (150-181), in dem die einzelnen Segmente jeweils durch eine Schemaskizze, eine Gesamtaufnahme und alle einzelnen Teile dokumentiert werden. Ein dem Buch beigefügtes "Lesezeichen" unterstützt die Erinnerung durch eine Gesamtaufnahme der Decke. Auch der Zugang zu den einzelnen Aufsätzen wird jeweils durch eine deutsche Zusammenfassung und ein (davon abweichendes) englisches Summary erleichtert; sie enthalten Anmerkungen und Literaturverzeichnisse in zwei getrennten Anhängen.

Die selbst gestellte Aufgabe, nämlich die Dokumentation aller erreichbaren Fakten über die Hildesheimer Decke, dürfte dieses typographisch sehr ansprechend gestaltete Buch auf lange Zeit mehr als erfüllen. Obwohl sich ein großer Teil des Buches vorwiegend an den Restaurator beziehungsweise Naturwissenschaftler richtet, ermöglicht die reich illustrierte und gut kommentierte Aufmachung auch dem diesbezüglich weniger vorbelasteten Kunsthistoriker den Zugang.

Christine Jakobi-Mirwald