Rezension über:

Christina Rohwetter: Zur Typologie des Herrschers im französischen Humanismus. Le Livre de l'Institution du Prince von Guillaume Budé (= Dialoghi / Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs; Bd. 7), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2002, 141 S., ISBN 978-3-631-39768-8, EUR 25,10
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Rezension von:
Cornel Zwierlein
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Cornel Zwierlein: Rezension von: Christina Rohwetter: Zur Typologie des Herrschers im französischen Humanismus. Le Livre de l'Institution du Prince von Guillaume Budé, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 12 [15.12.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/12/2738.html


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Christina Rohwetter: Zur Typologie des Herrschers im französischen Humanismus

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Die romanistische Monografie zu Budés 1519 geschriebenem Fürstenspiegel, den er François I gewidmet hatte und der erst 1547 postum gedruckt wurde, trägt den Charakter einer Studienabschlussarbeit. Eigentliches Anliegen ist eine Interpretation von Budés Fürstenspiegel aus philologischer Perspektive, also insbesondere unter dem Formaspekt, der bislang zu sehr vernachlässigt worden sei. Zuvor erfolgt mit dem Ziel der Kontextualisierung in den ersten beiden Kapiteln (11-60) eine überblicksartige, synthetisierende Skizze zu dem, was Humanismus und Renaissance in Frankreich ausmachten, zum Leben und Werk Budés sowie zur Herrscherpersönlichkeit François' I und insbesondere seiner Kulturpolitik. Die eigentliche Textanalyse im dritten Kapitel umfasst die Seiten 61 bis 115.

Gegen einige Einwände in der Forschung befürwortet Rohwetter die Klassifizierung des Textes von Budé als humanistischer Fürstenspiegel. In der Widmungsepistel erkennt sie das selbstbewusste Auftreten des Humanisten, der seinem Herrn als ratgebender Rhetor gegenübertritt und ihn als "roy surnommé Musegetes" anspricht. Rohwetter betont die Berufung Budés auf die Sinnhaftigkeit des Einsatzes rhetorischer Stilmittel und weist deren Verwendung dann auch nach. Damit will sie das in der Forschung zuweilen aufgestellte Urteil, der "Institution" mangele es an einer hinreichend stringenten Gesamtstruktur, entkräften. Jenseits der Frage, ob dieser ältere Vorwurf wissenschaftlich Sinn macht, kann man zweifeln, ob dessen Entkräftung gelungen ist. Das Herrscherbild, das Budé zeichnet, ist zunächst von den Herrschertugenden geprägt, die sich allerdings, einer allgemeinen humanistischen Tendenz folgend, kaum von denen eines vir oder civis bonus schlechthin unterscheiden. Die geistig-intellektuellen Tugenden werden weit höher geschätzt als die körperlichen, auch wenn Budé die physische Schönheit François' rühmt. Das eigene Studium, insbesondere aber die mäzenatische Förderung der litterae und der artes durch den König, werden als entscheidende Ingredienz von Budés Herrscherbild hervorgehoben. Insbesondere das Studium der Rhetorik wird betont, aber auch die Kenntnis der historischen exempla, aus denen nützliches Wissen abzuleiten ist. In einer, wie Rohwetter zu Recht hervorhebt, interessanten (wenngleich im 15. / 16. Jahrhundert durchaus geläufigen) Umwendung der methodischen Konsequenzen des so genannten "zyklischen" Geschichtsbildes wird von François I erwartet, dass er selbst, von der Natur begünstigt und aufgrund seiner Tugend, nachahmenswerte Handlungs-exempla produziert. Somit wird die Unterhaltung von Hofhistoriographen unumgänglich, damit diese Exempel für die Zukunft festgehalten werden. An dieser Stelle möchte man einhaken und weiterdenken: Hier steckt - in nuce -, aufbauend auf dem zyklischen Geschichtsbild, dessen methodische Bedeutung ja nicht im Zyklus, sondern im Wissen um die prinzipielle, anthropologisch fundierte Gleichförmigkeit der den Menschen möglichen Handlungsabläufe und Kausalitätsverhältnisse liegt, der Ansatzpunkt sogar für ein Fortschrittsdenken. Der tugendhafte Herrscher muss für die Speicherung und Überlieferung seiner erfolgreichen Handlungsweisen sorgen, damit spätere Generationen ("die Menschheit") hierauf aufbauen können. Sein eigenes Handeln rückt so in eine dienende Funktion am Menschheitsganzen ein, das die Zukunft umfasst.

Rohwetter fasst weiter zusammen, wie Budé sein Herrscherbild in Anlehnung an mythologische Figuren (Merkur, der bekannte topos vom Hercule gaulois), an antike und (seltener) biblische Herrschergestalten (insbesondere Cäsar) füllt. Entscheidend ist die Selbst-Bildung des Königs, "[g]öttliche Legitimation und Gerichtsbarkeit stehen in Budés Regierungsethik nicht im Vordergrund" (114). Zum Schluss geht Rohwetter konform mit der bisherigen literaturhistorischen Auffassung, dass Budés Fürstenspiegel von einem "radikale[n] Bekenntnis zum Absolutismus" zeuge, weil der Herrscher zwar Gott, nicht aber den Gesetzen unterworfen sei und für Budés Auffassung vom Gemeinwesen die mittelalterliche Metapher vom corpus mysticum keine Rolle mehr spiele, die (Bezugnahme auf Kantorowicz) den "Konstitutionalisten" als Argumentationsbasis für die Machtbeschränkung des Königs hätte dienen können.

Die Arbeit Rohwetters liefert ein griffiges Bild vom Inhalt des einzigen französischsprachigen Werks Budés. Ob das eigene Anliegen, die Bedeutung des formalen Aspekts bei der Werkanalyse hervorzuheben, tatsächlich erfüllt wurde, kann man bezweifeln. Der Nachweis einer durchgängigen Werkstruktur wird nicht wirklich geführt. Die Rhetorik - die sowohl als Gegenstand von Budés Ausführungen wie als Lehre der Textorganisation für die Analyse des Budé-Textes selbst wichtig ist - ist zwar thematisch angeschnitten. Ihre Bedeutung ist aber kaum hinreichend ausgelotet; hier fehlt auch eine eingehendere Auseinandersetzung mit der inzwischen äußerst breiten Spezialliteratur zur Rhetorikgeschichte (Fumaroli, Historisches Wörterbuch der Rhetorik und so fort). Die tatsächlich frappant prominente Stellung dieser ars liberalis in einem Fürstenspiegel kann man natürlich als "typisch humanistisch" erfassen, muss aber darum umso gründlicher ihrer Funktion und - soweit möglich - der Stellung nachspüren, die Budé ihr in seinem spezifischen Wissenschaftskonzept einräumte. Ähnlich ist angesichts einer jahrzehntelangen Diskussion im Bereich der Geschichtswissenschaften (zuletzt die andauernde Henshall-Debatte) eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Absolutismusbegriff zu vermissen, wenn er hier denn etikettierende Funktion haben soll. Rohwetters Zusammenfassung des Budé-Textes lässt den Leser ratlos zurück, wenn er im Hinterkopf die Frage hat, was denn nun das entscheidend Neue am "Absolutismus" gegenüber mittelalterlichen Herrscherbildern sei, sieht man einmal von der Argumentation ex negativo mit dem Fehlen der corpus-mysticum-Metapher ab. Für diese inhaltliche Frage wie vielleicht überhaupt für eine interpretatorische Annäherung an Budé erscheint es unumgänglich, den einzigen französischsprachigen Text Budés nicht losgelöst von seinen textkritischen und antiquarischen Arbeiten, insbesondere von den "Annotationes" und "De Asse", zu lesen (wie es - dies nur am Rande - auch nicht tunlich erscheint, Budés lateinische Briefe an Erasmus weder in deutscher Übersetzung noch im Original, sondern in einer vorliegenden französischen Übersetzung zu zitieren - 36f.). Schon in Maxim Marins französisch-deutscher Textausgabe des "Livre de l'Institution" von 1982 sind die Anspielungen Budés auf die römischen Rechtstexte nur unzulänglich aufgelöst (die Digesten sind auch keine "Gesetzessammlung" [29], das könnte man nur vom Codex und den Novellen sagen; Iustinian fasste die Rechtsbücher nicht "als Corpus iuris civilis" zusammen - diese Bezeichnung taucht vor der Ausgabe des Denis Godefroy von 1583 nur ganz sporadisch in der spätesten Textüberlieferung um 1500 auf). Gerade die Annotationen zum ersten Digestentitel, in denen es ja um die allgemeine Rechts- und Gerechtigkeitslehre geht, bieten einiges weiterführende Material für die Interpretation insbesondere von Budés Verständnis der im "Livre de l'institution" zentralen iustitia distributiva. Noch allgemeiner könnte man von hier aus wohl die Fragestellung entwickeln, ob das, was Rohwetter wie üblich als "absolutistisches", tendenziell "säkularisiertes" Herrschaftsbild bezeichnet, vielleicht im Grunde eine komplizierte Amalgamierung aus Versatzstücken antiker wie rinascimental-italienischer Tugend- und Herrschaftslehren gerade eher republikanischer Provenienz ist.

Ohne der Studie Rohwetters ihren Wert - gerade für den deutschen Sprachraum, wo nicht viel Forschungsliteratur zu Budé vorliegt - absprechen zu wollen, darf zum Schluss die etwas pikante Frage gestellt werden, ob für die Publikation der wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit (bei Verzicht auf die nicht weiterführende Synthese zur französischen Renaissance am Anfang und bei einiger Kondensierung) nicht ein Artikel ausgereicht hätte.

Cornel Zwierlein