Rezension über:

Heidrun Edelmann: Heinz Nordhoff und Volkswagen. Ein deutscher Unternehmer im amerikanischen Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, 363 S., 36 Abb., ISBN 978-3-525-36268-6, EUR 24,90
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Rezension von:
Ralf Ahrens
Institut für Geschichte, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Ahrens: Rezension von: Heidrun Edelmann: Heinz Nordhoff und Volkswagen. Ein deutscher Unternehmer im amerikanischen Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 9 [15.09.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/09/3013.html


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Heidrun Edelmann: Heinz Nordhoff und Volkswagen

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Die deutsche Unternehmensgeschichte hat im letzten Jahrzehnt nicht nur einen erheblichen quantitativen Aufschwung erfahren. Sie war auch Gegenstand einer regen Debatte über theoretische Erklärungsansätze und analytische Zugänge, die noch längst nicht abgeschlossen ist. Zugleich ist seit geraumer Zeit ein wieder erwachtes Interesse am biografischen Genre festzustellen, das die individuelle oder kollektivbiografische Perspektive als Zugriff auf umfassendere historische Problemstellungen nutzt. Die Lebensgeschichte Heinz Nordhoffs, der zwei Jahrzehnte lang die Geschäftspolitik von Volkswagen prägte, hätte sich hervorragend zur Verknüpfung dieser Forschungsinteressen angeboten, denn das Wolfsburger Unternehmen wurde unter seiner Leitung (1948-1968) zum umsatzstärksten deutschen Industrieunternehmen und zum drittgrößten Automobilkonzern der Welt.

Heidrun Edelmanns Nordhoff-Biografie überrascht jedoch gleich zu Beginn mit einer indirekten Absage an die aktuelle Forschungsdiskussion, denn dem Buch fehlt eine Einleitung. Edelmann will offenbar, so darf man auch aus der weiteren Darstellung schließen, in erster Linie die Lebensgeschichte Heinz Nordhoffs erzählen. Daran wäre nichts auszusetzen, wäre das Buch nicht gleichzeitig eine Geschichte des Volkswagenwerks beziehungsweise, seit der Privatisierung 1960, der Volkswagenwerk AG. Edelmann muss also gleichzeitig die Erfolgsgeschichte dieses Unternehmens erzählen, und dabei macht sich das Fehlen einer klaren Fragestellung deutlich bemerkbar.

Edelmann arbeitet zunächst Nordhoffs biografische Prägung durch ein "betriebswissenschaftlich" angereichertes Maschinenbaustudium in Berlin sowie seine Aktivität im katholischen Studentenverein heraus. Aus dem anschließenden Kapitel über Nordhoffs "Lehrjahre" bei der Adam Opel AG (1929-1938) erfährt man zwar einiges über die Reibungen der privaten Kraftfahrzeug-Industrie mit der Automobilpolitik des NS-Regimes, aber nur wenig über Nordhoffs Geschäftspolitik und Karriere; die einzigen verfügbaren Quellen scheinen seine Presseerklärungen gewesen zu sein. Seine Fähigkeiten als Manager jedenfalls führten ihn 1942 an die Spitze von Opels Brandenburger Lastkraftwagen-Werk, dessen Effizienz er über den Krieg hinweg mit Blick auf die anschließende Zivilproduktion zu bewahren suchte. Edelmann zeigt die Gegensätze zwischen Nordhoffs kaufmännischen, weltmarktorientierten Effizienzvorstellungen und dem technokratischen Rationalisierungskonzept der Speer-Ära überzeugend auf. Sie stilisiert auch diese unterschiedlichen Interessen, die ein vorübergehendes Arrangement mit dem Regime und die Auszeichnung als "Kriegsmusterbetrieb" nicht ausschlossen, ebenso wenig zur Oppositionshaltung wie Nordhoffs Bemühungen um eine ausreichende Versorgung der Zwangsarbeiter im Opel-Werk, die er jedenfalls nach außen hin wirtschaftlich-pragmatisch begründete. Die Charakterisierung seiner Haltung als "innere Emigration" (62) wirkt angesichts von Nordhoffs ungebremster Aktivität allerdings auch nicht sehr überzeugend.

Von der amerikanischen Militärregierung als ehemaliger "Wehrwirtschaftsführer" vorerst an einer leitenden Tätigkeit gehindert, übernahm Nordhoff 1948 von den Briten die Leitung des Volkswagenwerks. Rund zwei Drittel des Buchs beschreiben Nordhoffs Arbeit bei VW, die mit einer Organisationsreform nach dem expliziten Vorbild von Opel respektive General Motors begann. Die Vorbildfunktion der amerikanischen Industrie wird auch an anderen Stellen deutlich. Eine kritische Auseinandersetzung mit der umstrittenen These von der "Amerikanisierung" der westdeutschen Industrie, für die Nordhoff als weiteres Beispiel fungieren soll (157), sucht man jedoch vergebens. Stattdessen porträtiert Edelmann den Generaldirektor als omnipräsenten Allroundmanager, dessen autokratischer Führungsstil sich im Umgang mit den leitenden Mitarbeitern ebenso manifestierte wie in der Distanz zu Unternehmerverbänden, Politik und Gewerkschaften. Seine gleichzeitig ertragsorientierte (und in den Boomjahren entsprechend großzügige) wie paternalistische Sozial- und Lohnpolitik vertrat Nordhoff möglichst in direkter Kommunikation mit der Belegschaft. Ausführlich beschreibt Edelmann auch Nordhoffs unmittelbare Lenkung der Konstruktions-, Produktions- und Preispolitik. Die Geschichte des Unternehmens selbst aber muss der Leser aus einer Fülle von Details rekonstruieren, die locker um Nordhoffs geschäftspolitische Statements herumgruppiert oder direkt daraus referiert werden.

Viele dieser Details sind nicht neu, vor allem sind sie anderswo bereits in einem systematischen Zusammenhang nachzulesen. Volker Wellhöners 1996 erschienene Studie über das Volkswagenwerk als Beispiel des "westdeutschen Fordismus", in dem die Erfolgsgeschichte von VW bis in die frühen Sechzigerjahre längst gründlich - und zur Auseinandersetzung einladend - analysiert worden ist, steht zwar pflichtgemäß im Literaturverzeichnis. Sie wird von Edelmann aber nicht ein einziges Mal zitiert (dafür finden sich in den Anmerkungen andere Kurztitel, die im Literaturverzeichnis nicht aufgelöst werden). Ebenso fehlt jegliche Übersicht über die Entwicklung von Produktion, Belegschaft, Produktivität und Bilanzen. Stattdessen löst sich die Strukturgeschichte eines Großunternehmens in lauter unverbundene Detailzahlen auf.

Seit der Privatisierung 1960 musste Nordhoff eine Erosion seiner Machtstellung hinnehmen. In einem Vorstand mit (theoretisch) kollektiver Führungsverantwortung trat "König Nordhoff" (so ein Spiegel-Titel aus dem Jahr 1955) zwar weiterhin im gewohnten Stil auf. Aber Konflikte innerhalb des Vorstands ließen sich mit dem Appell an "Gemeinschaft" ebenso wenig beherrschen wie die komplizierteren Marktbedingungen nach dem Ende des Wirtschaftswunders, das den Automobilherstellern lange Zeit einen Verkäufermarkt beschert hatte. Die Zeit für den Führungsstil Nordhoffs, der die VW-Belegschaft immer noch als "meine Arbeitskameraden" ansprach und kollektiv duzte (305), war abgelaufen.

Als Nordhoff 1968 im Amt verstarb, endete zweifellos auch eine Epoche in der Geschichte von Volkswagen. Diese Unternehmensgeschichte jedoch, und darin liegt das Hauptproblem der Studie, wird dem Leser regelmäßig aus der Perspektive von Heinz Nordhoff präsentiert. Schätzungsweise die Hälfte des Buchs besteht aus direkten oder indirekten Referaten von dessen Äußerungen, die Edelmann zwar kommentierend erläutert, aber kaum hinterfragt. Daraus ergibt sich zwangsläufig der Eindruck, Nordhoffs Darstellungen seien mehr oder weniger mit der alltäglichen Praxis im Unternehmen gleichzusetzen, die Ursachen für den Unternehmenserfolg also vor allem in der Person des Generaldirektors zu suchen. Am deutlichsten demonstrieren das die letzten Seiten, die doch noch so etwas wie ein Fazit darstellen. Heinz Nordhoff erscheint hier als schlicht genialer Unternehmer und gar als Entwicklungshelfer des Wirtschaftswunders, "der die einzigartige Chance, die sich ihm 1948 in Wolfsburg bot, konsequent genutzt hatte, um Deutschlands Rückstand auf dem Gebiet der Produktion und der Verbreitung von Personenkraftwagen zu überwinden" (310).

Heidrun Edelmann hat die anschaulich erzählte und gründlich recherchierte Lebensgeschichte einer prägenden Managerpersönlichkeit vorgelegt. Leider ist sie der Faszination dieser Persönlichkeit allzu weit erlegen.

Ralf Ahrens