Rezension über:

Avraham Barkai: "Wehr Dich!". Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1893-1938, München: C.H.Beck 2002, 496 S., 24 Abb., ISBN 978-3-406-49522-9, EUR 44,90
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Rezension von:
Miriam Rürup
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität, Berlin / Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e.V. an der Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Marcus Pyka
Empfohlene Zitierweise:
Miriam Rürup: Rezension von: Avraham Barkai: "Wehr Dich!". Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1893-1938, München: C.H.Beck 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 7/8 [15.07.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/07/1875.html


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Avraham Barkai: "Wehr Dich!"

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Im Juli 1895 rief Martin Mendelsohn, erster Vorsitzender des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV), die deutschen Juden dazu auf, angesichts der Gefahr des Antisemitismus tätig zu werden (23). Diesem Aufruf ist das Zitat "Wehr Dich!" entlehnt, und bereits dessen Verwendung als Titel weist auf das Bestreben Barkais hin, den CV als eine Organisation selbstbewussten, ja wehrhaften deutschen Judentums darzustellen.

Avraham Barkai, 1921 in Berlin geboren und heute in Israel lebend, legt hiermit eine erste umfassende Bestandsaufnahme der Geschichte des CV vor. Auf knapp 500 Seiten erläutert er die Entwicklung dieses Vereins, der von 1893 bis zu seiner Auflösung durch die Gestapo Ende 1938 existierte. Er gilt als die größte und wichtigste deutsch-jüdische Organisation, der etwa 20 bis 25% der deutschen Juden angehörten.

Barkai konstatiert gleich eingangs, dass es ihm auch darum gehe, die auf eine zionistische Sicht reduzierte Geschichtsschreibung deutsch-jüdischen Lebens um eine andere Perspektive zu erweitern. Er verwendet dafür den Begriff der "Rehabilitierung" (8) des CV, was ein wenig nach dem Bemühen um eine Ehrenrettung des Vereins klingt. Eine Dominanz zionistischer Geschichtsschreibung ist zumindest in der israelischen Forschung sicher nicht von der Hand zu weisen. Insofern ist die Erweiterung des Blickes auf jüdische Organisationen, die nicht zionistisch und dennoch selbstbewusst jüdisch waren, notwendig - ein Gedanke, der mit der zionistischen Logik unvereinbar war. Zukünftige Studien werden sich hoffentlich auch von dieser bislang vorherrschenden Dichotomie von "Zionismus" und "Assimilation" lösen. Ein Ansatz dazu könnte eine vergleichende Studie zwischen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) und dem CV sein, deren Führungsschicht sich weitgehend aus derselben bürgerlichen jüdischen Mittelschicht rekrutierte.

Ausgangspunkt für Barkais Forschungen war die Wiederentdeckung des verloren geglaubten Archivs des Centralvereins, das 1938 von der Gestapo beschlagnahmt worden war und seitdem als verschollen galt. Die Dokumente tauchten 1990 im so genannten Moskauer Sonderarchiv wieder auf.

Barkai untersucht den ideologischen Wandel, den der CV durchlief, zugespitzt etikettiert er dies in CV-eigenem Vokabular als die Wandlung von einem "Abwehr-" zu einem "Gesinnungsverein". Der CV war 1893 mit der Intention gegründet worden, den Antisemitismus auf juristischem Wege zu bekämpfen und ihm das Wasser durch Aufklärung über das "wahre" Wesen des Judentums abzugraben. Allmählich wandelte er sich aber zu einem "Gesinnungsverein", der aus der Defensive heraustrat und ein bewusstes Selbstverständnis als Deutsche und Juden anstrebte. Der Keim dafür war bereits in den in den Anfangsjahren herausgebildeten Arbeitsbereichen der "Inneren Mission" und der "Apologetik" gelegt, wobei jene die "Erziehung der Juden" anstrebte und diese die Aufklärung der Nichtjuden über das "wahre Judentum" (37f.). Die Abkehr vom bloßen Abwehrverein erfolgte zum einen aufgrund der Veränderung der äußeren Umstände und der steigenden Virulenz des Antisemitismus - mit den damit sinkenden Eingreif-Möglichkeiten auf juristischem Weg. Zum anderen wurde der Prozess der "jüdischen Selbstfindung" auch in Abgrenzung zum Zionismus und im Bestreben, seiner nationalen Definition des Judentums etwas entgegen zu setzen, beschleunigt.

Barkai arbeitet heraus, dass der abschätzige Ruf des CV als "Assimilantenverein" an der Realität vorbei ging, da seine Mitglieder sich nicht aus "indifferenten" Juden zusammensetzten, für die der Schritt zur Konversion nurmehr klein gewesen wäre, sondern der Verein im Gegenteil dazu beitrug, die "Auflösungstendenzen in der deutsch-jüdischen Gemeinschaft" (371) aufzuhalten.

Obendrein gelingt es Barkai, ein wesentlich differenzierteres Bild des CV und seiner ideologischen Prämissen und Vorstellungen von 'Deutschtum' und 'Judentum' zu zeichnen, als bislang in der Gegenüberstellung von zionistischen und assimilatorischen Vereinen geschehen. Das Ringen um eine Anpassung an die äußeren Umstände vor allem nach 1933 beweist tatsächlich eine größere Flexibilität in der CV-Ideologie als bisher wahrgenommen wurde. Diese hart erkämpfte Offenheit ermöglichte, wenn auch unter dem Druck der NS-Herrschaft, eine funktionierende Zusammenarbeit mit den Zionisten und eine der CV-Ideologie diametral entgegengesetzte Beteiligung an Auswanderungsbemühungen, wie zum Beispiel die Einrichtung des Auswandererlehrgutes in Groß-Breesen zeigt.

Barkai erzählt seine Geschichte des Centralvereins chronologisch in acht Kapiteln. Den größten Raum nehmen dabei die Entwicklung und die ideologischen Richtungskämpfe innerhalb des CV während der Weimarer Republik ein. Ausführlich schildert er das Ringen um die Strategie der Abwehrarbeit des CV sowie die Herausbildung und den Wandel von Positionen in der Diskussion um Fragen der Zugehörigkeit. Die Erzählung, die sehr nah (manchmal fast zu nah) an den Quellen bleibt, entwirft dabei ein sehr detailreiches Bild der zunehmenden ideologischen Prägnanz, die die führenden Denker und Intellektuellen des CV herausbildeten. Diese "Ideologisierung der Politik" (9), auf die Barkai an verschiedenen Stellen hinweist, kennzeichnete den CV und führte letztlich zu einem selbstbewussteren (Selbst)Bild vom Judentum.

Besonders positiv hervorzuheben ist der "soziobiografische" Exkurs (149ff.), in dem Barkai die weitgehend homogene bürgerliche Prägung der verschiedenen Führungsgenerationen des CV analysiert. Dieser Ansatz, der die Wandlungen auf ideologischer Ebene vor allem in der Führungsschicht des CV mit dem jeweiligen Sozialisationshintergrund der wechselnden Generationen verknüpft , verdient es, zukünftig noch eingehender berücksichtigt zu werden. Allerdings ist es etwas hoch gegriffen, dafür den Begriff "Generation" anzuführen, konzentriert sich Barkai doch auf einen engen Kreis in der (vornehmlich Berliner) Führungsschicht des CV, was jedoch sicherlich auch der Quellenlage geschuldet ist.

Wiederholt wird auf den prägenden Einfluss der jüdischen Jugendbewegung und des Kartell-Convents der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC) für das Profil des CV hingewiesen. Barkai betrachtet hier aber lediglich die personellen Kontinuitäten, die dazu führten, dass Ludwig Holländer als Bindeglied zwischen den "Generationen" ab 1921 seine früheren Bundesbrüder aus den Reihen der jüdischen Studentenverbindungen in den CV holte. So begann die politische Sozialisation einiger Vertreter vor allem der zweiten "Generation" der Führungsschicht des CV in den Studentenverbindungen des KC, wie beispielsweise die Hauptvorstandsmitglieder Bruno Weil und Ernst Herzfeld, die zur "organisatorischen und inhaltlichen Neuorientierung des CV" (160) beitrugen. Allerdings versäumt der Autor es, auf die Analogie in der Namensgebung zwischen KC und CV einzugehen, die auf mehr als nur personelle Übereinstimmungen hinweist. (25)

Insgesamt handelt es sich um eine außerordentlich bestechende, streckenweise geradezu spannend zu lesende ideengeschichtliche Darstellung der Entwicklung des CV von seinen Anfängen, hauptsächlich aber ab dem Ersten Weltkrieg bis zu seiner Auflösung 1938. Barkai hat viele Ansätze eingearbeitet, die Anregung für weitere Forschungen sein können. Teilweise wäre ein stringenterer, analytischerer Aufbau wünschenswert gewesen. Doch dies ist ebenso wie das zu bedauernde Fehlen einer methodischen und quellenkritischen Einführung vermutlich dem Bestreben des Verlags geschuldet, ein Buch "für den allgemein interessierten Leser" (10) und nicht ausschließlich für ein Fachpublikum vorzulegen. Das ist durchaus gelungen. Unter diesem Aspekt kann auch die erfrischend unkonventionelle Verschiebung der Skizzierung des Forschungsstandes in den Epilog betrachtet werden, womit die Historiographie des CV zu Recht selbst zu einem Teil der Geschichte des CV in Deutschland wird.

Miriam Rürup