Rezension über:

Harald Heppner / Eduard Staudinger (Hgg.): Region und Umbruch 1918. Zur Geschichte alternativer Ordnungsversuche, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2001, 261 S., ISBN 978-3-631-37349-1, EUR 46,00
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Rezension von:
Martin Malek
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Martin Malek: Rezension von: Harald Heppner / Eduard Staudinger (Hgg.): Region und Umbruch 1918. Zur Geschichte alternativer Ordnungsversuche, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 [15.06.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/06/3290.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Harald Heppner / Eduard Staudinger (Hgg.): Region und Umbruch 1918

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Harald Heppner und Eduard Staudinger vom Institut für Geschichte der Universität Graz scheinen bisherige Forschungen zur Neuordnung Europas am Ende des Ersten Weltkrieges zu sehr an nationalstaatlichen beziehungsweise überregionalen Ordnungsprinzipien orientiert gewesen zu sein. Der von ihnen zusammengestellte Sammelband geht daher vom "kleinen Raum" als Ordnungsmodell aus (9). Ein wichtiger Aspekt dabei ist "nicht zustande gekommene" Geschichte, das heißt erörterte oder immerhin in Ansätzen verwirklichte politische Optionen, die sich jedoch nicht dauerhaft durchsetzen konnten. Schauplätze sind die zerfallenden Imperien der Habsburger und der Romanows. Dabei geht es dezidiert nicht um die in den letzten Jahren populären Spekulationen mitunter durchaus seriöser Historiker, was etwa im Falle eines Sieges der Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg oder Deutschlands in einem der beiden Weltkriege geschehen hätte können (beispielsweise bei What If?, herausgegeben von Robert Cowley, New York 1999).

Arnold Suppan vom Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien illustriert das Zerbrechen der Donaumonarchie anhand der Vorgänge in den Brennpunkten Prag, Zagreb, Budapest, Galizien und Sarajevo sowie die Konsequenzen für den Südostalpenraum. Staudinger erinnert in seinem Beitrag unter anderem an im damaligen Deutsch - Österreich unter der Losung "Los von Wien" angestellte Überlegungen zur Schaffung einer "Kärntner Republik" und einer "Republik Tirol".

Der Lage Sloweniens in der Umbruchszeit sind Beiträge von Jurij Petrovšek und Janez Cvirin (beide von der Universität Ljubljana) gewidmet. Sie arbeiten übereinstimmend heraus, dass die Slowenen zwar den Zerfall der Donaumonarchie begrüßten, aber im neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929 Jugoslawien) sehr rasch desillusioniert waren. Cvirin zufolge wurden die Deutschsprachigen in Slowenien "über Nacht zur rechtlosen Minderheit" (90). Sie versuchten daher, im südlichen Teil der Krain eine sowohl von Deutsch - Österreich wie vom Königreich Serbien - Kroatien - Slowenien unabhängige "Republik Gottschee" unter dem Schutz einer "nicht-deutschen Großmacht" (wobei die USA in Aussicht genommen wurden) zu schaffen.

Zwei Texte von Mitarbeitern des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Budapest behandeln die Situation in und um Ungarn. László Szarka erörtert die Kantons- und Autonomiepläne des Nationalitätenfachmanns der Regierung Michael Károlyis, Oszkár Jászi, im Winter 1918/19. Diese besaßen allerdings keine Aussicht auf Verwirklichung, weil die Abtrennung der Nationalitätengebiete von Ungarn von vornherein beschlossene Sache war. Zoltán Szász stellt die "z.T. abenteuerlichen Konzepte" (114) dar, die - bekanntlich vergeblich - entworfen wurden, um Siebenbürgen für Ungarn zu retten.

Die Slowakei stand Ende 1918 vor mehreren Alternativen: Verbleib bei Ungarn als integraler Bestandteil; autonomer Bestandteil eines neuen Ungarn; Selbstständigkeit, aber Bindung an Ungarn; volle Unabhängigkeit; Aufgehen in einem tschechischen Staat; Eintritt in eine Tschecho - Slowakei. Ungeklärt war auch die territoriale Ausdehnung der Slowakei, die je nach Variante unterschiedlich ausfallen konnte. Dušan Kováč vom Institut für Geschichte an der Slowakischen Akademie der Wissenschaften bietet einen Rückblick auf die Jahrhunderte der gemeinsamen slowakisch-ungarischen Geschichte und meint, dass für die Slowaken 1918 ein "Jahr der Befreiung aus nationaler Unterdrückung" gewesen sei (127). Peter Švorc von der Universität Prešov beleuchtet eine Fußnote der Geschichte, nämlich die Ende 1918 für wenige Tage bestehende "Slowakische Volksrepublik" im Osten des Landes.

Udo Gehrmann stellt detailliert Konzepte eines "Südostbundes" dar, der mehrere Kosakenheere und die Bergvölker des Nordkaukasus umfassen sollte. Am 21. Oktober 1917 wurde sogar ein entsprechender Vertrag unterzeichnet. Der Verfasser vermittelt - auch dank der Auswertung von Archivmaterialien - ein anschauliches Bild der Vorgänge im Süden des früheren Zarenreiches, wo sich Ansprüche Sowjetrusslands, der Ukraine und Deutschlands/ Österreich - Ungarns überschnitten. Mit dem Sieg der Roten Armee auch in dieser Region im Oktober und November 1920 setzte sich jedoch der traditionelle russische Zentralstaat wieder gegen die "kleinen" Ordnungsversuche zur Bildung selbstständiger Kosakenstaaten durch.

Kerstin S. Jobst (Universität Hamburg) schildert Versuche zur Ordnung der Krim 1917-21 im Spannungsfeld zwischen Russland, der Ukraine, den Krimtataren und den Mittelmächten. Eva Stolberg (Universität Bonn) legt einen - auch wegen der Auswertung japanischer Quellen - beeindruckenden Beitrag über die 1920-22 existierende Fernöstliche Republik vor. Sie weist darin nach, dass dieser "Pufferstaat" seine Entstehung spezifischen Bedingungen, nämlich dem russischen Bürgerkrieg und der ausländischen (hier japanischen) Intervention, verdankte und es Lenin letztlich ausschließlich um die Wiederherstellung der imperialen Einheit Russlands ging.

Die Beiträge des Sammelbandes legen natürlich zahlreiche Assoziationen zur Gegenwart nahe. So finden sich mehrere Gegenüberstellungen von Realitäten und besonders seit 1989 reaktivierten nationalen Mythen. Kováč zufolge kann von einem angeblich "tausendjährigen Bestreben" der Slowaken nach Eigenstaatlichkeit keine Rede sein, weil diese bis zum Ersten Weltkrieg - wenngleich zeitweise "mit beschränkter Haftung" - ungarische Patrioten gewesen seien (120).

Die Desintegrationsprozesse am Ende des Ersten Weltkrieges in Mittel- und Osteuropa weisen unverkennbar einige Parallelen zur Auflösung der UdSSR, Tito- Jugoslawiens und der Tschechoslowakei 1991/92 auf, und damals wie am Ende des 20. Jahrhunderts schien - so urteilen jedenfalls die Herausgeber - die Idee des Regionalen an Relevanz zu gewinnen. Allerdings ist eine Rolle der postsowjetischen Kosaken in der russischen Regionalpolitik, die Gehrmann andeutet (202), durch die neuerliche Zentralisierung im Gefolge des Aufstieges von Wladimir Putin zum Präsidenten (1999/2000) sehr unwahrscheinlich geworden. Darin könnte man, wenngleich auf einer anderen Ebene, eine Wiederholung ihres Schicksals von 1920 sehen.

Die meisten Artikel des Buches bestechen durch Sachlichkeit und Unvoreingenommenheit. Lediglich Fritz Fellner (ehemals Universität Salzburg) bevorzugt einen ideologisch motivierten Ansatz, der die meisten Probleme von Deutschland und den Deutschsprachigen (in der Donaumonarchie) ausgehen sieht. Er stützt sich auch immer noch auf Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht" (1961), wogegen etwa Niall Fergusons sehr viel ausgewogeneres und aktuelleres Werk "Der falsche Krieg" (1998) nicht zur Kenntnis genommen wird. Noch bedauerlicher ist allerdings, dass der Ukraine kein eigener Beitrag des Sammelbandes gewidmet ist: Sie war bekanntlich Schauplatz mehrerer Staatsbildungsversuche (Ukrainische Volksrepublik, Westukrainische Volksrepublik), bevor sich 1920 auch hier die Sowjetmacht endgültig durchsetzte.

Martin Malek