Rezension über:

Karen Henderson: Slovakia. The Escape from Invisibility (= Postcommunist States and Nations), London / New York: Routledge 2002, XIX + 140 S., ISBN 978-0-415-27436-4, GBP 55,00
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Rezension von:
Stefan Bollinger
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Bollinger: Rezension von: Karen Henderson: Slovakia. The Escape from Invisibility, London / New York: Routledge 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 [15.06.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/06/3288.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Karen Henderson: Slovakia

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Der Zusammenbruch des Realsozialismus ging einher mit dem Aufstieg sich bislang benachteiligt fühlender Nationen, die den Umbruch beförderten und für eine eigenständige staatliche Entwicklung nutzten. Das trifft auch auf die Slowakei zu, deren Staatswerdung im Unterschied zur ehemaligen Sowjetunion und zum ehemaligen Jugoslawien friedlich und weitgehend im Einvernehmen mit der bis dahin dominierenden Nation erfolgte. Karen Henderson liefert mit ihrer knappen, gleichwohl tiefgründigen Situationsanalyse Material für eine differenzierte Beschäftigung mit diesem neuen Staat. Sie zeichnet das Porträt eines "Ausbruchs aus der Unsichtbarkeit" in vier Kapiteln: die Zeit vor der Unabhängigkeit; die Politik des neuen Staates; seine Stellung in der Welt; die Ökonomie.

Ein Vorteil der Verfasserin ist der mitfühlende, dennoch distanzierte Blick von außen auf jene kleine Nation und ihre 1992 eher aus politischer Rivalität und dem Unvermögen der in Prag und Preßburg/Bratislava regierenden Politiker entstandene Sezession. Dieser Außenblick verhindert nationalistisches Verklären. Henderson macht keinen Hehl daraus, dass trotz mancher Streitfragen im Zusammenleben von Tschechen und Slowaken ebenso unter österreichisch-ungarischer Herrschaft wie auch nach der Gründung der ČSR 1918 und in der realsozialistischen Periode bis 1989 die Gemeinsamkeiten weit größer waren als die Unterschiede. Sie verweist auf die Probleme der jeweils andersartigen historischen Erfahrung angesichts der deutsch-österreichischen Dominanz im westlichen und der magyarischen Dominanz im östlichen Landesteil. Sie erinnert daran, dass der Konflikt zwischen den beiden slawischen Nationen bis 1945 von Spannungen mit anderen Volksgruppen überlagert war.

Wichtig ist das Herausarbeiten jener demokratischen wie nationalbewegten Positionen, die sich in der Zeit der k.u.k. Monarchie herausbildeten und in Einklang mit den tschechischen Unabhängigkeitsbestrebungen 1918 ihren Ausdruck in der gemeinsamen Staatsgründung fanden. Das damalige Konzept von nation building mit der Vorstellung einer homogenen tschecho-slowakischen Nation, die Unterschiede zulasten der Slowaken nivellierte, war begrenzt. Zum Glück entgeht Henderson der Versuchung, undifferenziert mit dem "Slowakischen Staat" von Hitlers Gnaden unter Jozef Tiso umzugehen, dem Helfershelfer im antikommunistischen und antijüdischen Feldzug. So kann sie den Slowakischen Nationalaufstand 1944 ebenso würdigen wie die demokratischen Chancen 1945-48, trotz der starken Rolle der Kommunisten insbesondere in Böhmen und Mähren (allerdings mit Verweis darauf, dass diese die einzige übernationale Partei bildeten). Mit Ausschaltung der bürgerlichen Parteien im Februar 1948 begann die Stalinisierung des Landes. Nicht zuletzt die Verfolgung slowakischer "Nationalisten" wurde ein probates Mittel zur Disziplinierung, weniger aus tschechisch-nationalistischen denn aus ideologisch-politischen Gründen. Folgerichtig fielen Teile der slowakischen KP-Führung diesen Verfolgungen zum Opfer. Immerhin bauten die Kommunisten im slowakischen Landesteil die Schwer- und Rüstungsindustrie aus und erhöhten den Lebensstandard - allerdings mit wirtschaftlicher Monokultur. Hier wäre eine differenzierte Würdigung dieser Zeit wünschenswert. Erst der Prager Frühling brachte die formale Föderalisierung der ČSSR zu Stande.

Die Verfasserin stellt die Formierung des politischen und wirtschaftlichen Lebens 1992/93 im neuen Staat ausführlich dar. Die noch fehlende zeitliche Distanz erschwert jedoch eine Beurteilung, sodass Mečiar wie Dzurinda als Ministerpräsidenten eine viel zu große Rolle einnehmen, da ihr Wirken noch nicht abschließend eingeschätzt werden kann. Fraglich wird so die eher negative Bewertung Mečiars als die eines nationalistischen Politikers sehr eigener Prägung. Sein Versuch, unter Rückgriff auf die nationalen Eliten zu privatisieren - und dabei Unterschleif zuzulassen - und seine skeptische Haltung zur Westbindung kontrastieren mit einer Privatisierung zu Gunsten ausländischer Investoren. Wirtschaftlicher "Ausverkauf" sowie einmischende "Ratschläge" vonseiten der EU und den USA erscheinen vielen Slowaken bis heute als verhängnisvoll. Sozialgeschichtliche Betrachtungsweisen sollten deshalb ereignisgeschichtliche Studien ergänzen. Diese Kritik schmälert nicht die Leistung der Autorin, sondern ist Anspruch an eine künftige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Slowakei und anderen osteuropäischen Transformationsstaaten.

Stefan Bollinger