Rezension über:

Margo Todd: The Culture of Protestantism in Early Modern Scotland, New Haven / London: Yale University Press 2002, 450 S., 16 Abb., ISBN 978-0-300-09234-9, USD 40,00
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Rezension von:
Francisca Loetz
Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Joachim Eibach
Empfohlene Zitierweise:
Francisca Loetz: Rezension von: Margo Todd: The Culture of Protestantism in Early Modern Scotland, New Haven / London: Yale University Press 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 [15.06.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/06/3162.html


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Margo Todd: The Culture of Protestantism in Early Modern Scotland

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Viele von uns werden sich wohl daran erinnern können, wie sie einst den Mond betrachteten und sich fragten, was es denn mit diesem fernen Himmelskörper auf sich habe. So soll es, wie Todd zitiert, auch einem Engländer des 17. Jahrhunderts ergangen sein: Aus englischer Sicht habe für viele der schottische Protestantismus dem Mond geglichen. Hätten die einen in ihm eine unscheinbare, kleine Lichtquelle gesehen, hätten andere ihn als eine große, leuchtende, fremde Welt betrachtet. Todds Anliegen ist es, diese Welt des schottischen Protestantismus, die wir aus kirchen- und reformationsgeschichtlichen Satellitenaufnahmen gut kennen, aus der Nähe zu beleuchten. Gemeint ist "die Kultur des Protestantismus": "[the] accumulation of values, meanings and ways of expressing and transmitting [the roots of Scottish identity]" (402).

Die Nähe, die Todd zu ihrem Gegenstand, der Umsetzung des Calvinismus in den Alltag der frühneuzeitlichen Schotten, herstellt, verdankt sie ihren Quellen. Auf dem Hintergrund des gedruckten theologischen Schrifttums widmet Todd sich einer intensiven Lektüre der Protokolle der Sittengerichte, die im Gegensatz zu England in Schottland häufig und für längere Zeiträume überliefert sind. Ferner greift Todd auf materielle Quellen wie Kirchenbänke oder Grabsteine zurück, die in einigen wenigen Schwarzweißfotos abgebildet sind. Beide Quellenformen sind auskunftsfreudig genug, kleine "Geschichten" darüber zu "erzählen", wie alltägliches Verhalten mit calvinistischen Normvorstellungen in Einklang gebracht wurde. Angesichts der konkreten Detailfreude der Texte und Gegenstände ist die Entscheidung, eine qualitative Auswertung der Quellen vorzunehmen und auf einen quantitativen Zugriff zu verzichten, überzeugend. Todd ergänzt damit statistisch vorgehende Arbeiten um anschauliches, lebendiges Material.

Todds klar strukturierte und durchgehend empirisch konsistent argumentierende Studie ist ein typisches Beispiel anglo-amerikanischer Forschung und Stilistik: Die Rezeption von Forschungskontroversen bleibt auf die Literatur der Kollegen und Kolleginnen in Nordamerika und Großbritannien begrenzt, sodass internationale Diskussionen souverän übergangen werden, obwohl die betreffenden Werke zum Teil in englischer Übersetzung vorliegen. Die sorgfältigen Anmerkungen - sie sind erfreulicherweise als Fußnoten abgedruckt, was für englischsprachige Verlage längst nicht mehr selbstverständlich ist - dienen nicht dazu, Kontrahenten abzufertigen, sondern liefern empirische Nachweise und geben weiterführende Literatur an. Methodische Fragen werden großzügig nebenbei abgehandelt. Ein eigenes Kapitel zur angewandten Methodologie und Quellendiskussion, wie sie in der deutschsprachigen Literatur zu erwarten wären, wird man vergeblich suchen. Dass Todd sich aus der Ethnologie inspiriert, wird stattdessen im Verlauf der Darstellung deutlich, wenn das Abhalten von Sittengerichten oder der Vollzug des Gottesdienstes als ins Szene gesetzte, dynamische Rituale "gelesen" werden. Nicht umsonst fällt ganz zum Schluss der Name Clifford Geertz, nachdem zuvor in einigen wenigen Fußnoten weitere Autoritäten der Ethnologie genannt worden sind.

Die Beschreibung, die Todd vom religiösen Alltag der Schotten der Highlands und Lowlands liefert, ist bei einer Länge von gut vierhundert Seiten dank des flüssigen und präzisen Stils eine zugleich vergnügliche und informative Lektüre. Die Darstellung kreist um die Leitfrage, wie aus Altgläubigen, die den (sinnen-)reichen Ritualen des Katholizismus entstammten, also in einer ikonisch zentrierten Religion verwurzelt waren, (weiterhin überwiegend illiterate) Neugläubige wurden, deren Glaubensvorstellungen nunmehr ausschließlich auf der Wortverkündigung zu ruhen, also logozentrisch zu sein hatten. Die Antwort liefert Todd, indem sie zentrale Elemente im Leben der Gemeinden untersucht: die Verkündigung theologischer Inhalte, die Anwendung der zwei protestantischen Sakramente, der Vollzug der Reue und Versöhnung mit Gott wie auch mit der Gemeinde mithilfe öffentlicher Bußrituale, die Einführung gottgefälliger Lebensformen im Alltag etwa durch das rigorose Einhalten der Sabbatruhe, die Schlichtung von Konflikten, die Regulierung des Sexualverhaltens im Kampf gegen "Unzucht", die symbolische Bedeutung von Räumen und Gegenständen in der Kirche beziehungsweise auf dem Friedhof und die Stellung wie auch Wirkung der Geistlichen beziehungsweise Ältesten unter den Bedingungen des praktizierten Grundsatzes der Priesterschaft aller Gläubigen. Umfassender und konkreter ist das Innenleben von calvinistischen Gemeinden, soweit ich sehe, trotz vorliegender Arbeiten zu den Niederlanden, zur Schweiz, zu Frankreich oder England nicht beschrieben worden. Davon zeugt bereits der mit einem Personenregister kombinierte Sachindex, in dem man ein Stichwort wie "door" finden kann.

Die Antworten, die Todd in durchgehend systematischem Bezug auf die Leitfrage gibt, finden sich jeweils am Ende der Kapitel und sind im Resümee in aller wünschenswerten Klarheit zusammengefasst. Sie unterstreichen die Kritik an der Vorstellung, dass die Durchsetzung des (schottischen) Calvinismus eine repressive, von unbarmherzigen Geistlichen und Sittengerichten erzwungene Disziplinierung der Gläubigen gewesen sei, die in ihrem vergnügungslosen und von strenger Sittenaufsicht kontrollierten Leben nicht mehr viel zu lachen gehabt hätten. Mit einem kurzen abschließenden Blick auf die englischen Verhältnisse argumentiert Todd gegen dieses Klischee, indem sie nachzeichnet, wie teilweise altgläubige Formen des Rituals für die neuen theologischen Inhalte umfunktioniert wurden. Statt den Bruch hervorzuheben, den die Reformation dargestellt habe, werden damit die rituellen Kontinuitäten zum Mittelalter betont. Ferner führt Todd etliche Beispiele an, wie zumeist menschlich-pragmatische und nicht gnadenlos-dogmatische Geistliche und Kirchenälteste zwar Strafen verhängten, aber sich in Ehekonflikten, bei der Vernachlässigung von Kindern oder bei Armut auch für Versöhnung, Fürsorge und Unterstützung einsetzten. Dabei findet Todd hinreichend Belege dafür, dass soziale Kontrolle nicht allein vertikal von Vertretern der Kirche, sondern auch horizontal von Gemeindemitgliedern, zum Beispiel durch Anzeigen eines Nachbarn oder durch Selbstanklage, geübt wurde. Hier gelingt es Todd in besonderem Maße, Ambivalenzen im Prozess der Reformation herauszuarbeiten. Die Bußrituale, denen sich Verurteilte im Gottesdienst unterwerfen mussten, konnten nur dadurch funktionieren, dass die Gemeinde zugegen war. Wenn aber einige den Gottesdienst, bevor er beendet war, nach Vollzug des Abkanzelns verließen, dann wird ersichtlich, dass manche eher die voyeuristische Schadenfreude als den religiösen Akt der Versöhnung suchten. Aufschlussreich sind ebenso die Passagen, in denen Todd darlegt, wie Verurteilte Bußrituale konterkarierten, indem sie die öffentliche Zurschaustellung beispielsweise dazu nutzten, Gemeindemitglieder anzuklagen oder das Sittengericht bloßzustellen. Gemeindeglieder waren also keineswegs der Sittenaufsicht lediglich ausgeliefert, sondern konnten diese für die eigenen Zwecke nutzen. Umgekehrt waren die Geistlichen und Kirchenältesten vor der Kritik ihrer Gemeindemitglieder nicht sicher. In regelmäßigen visitationsähnlichen Anhörungen erhielten die Laien die Gelegenheit, sich über ihre geistlichen Hirten zu beschweren. Ein Angebot, das sie offenbar wahrzunehmen wussten. Geistliche und Älteste bekamen aufgrund der Maßnahmen, die wegen solcher Klagen von der Synode veranlasst wurden, durchaus zu spüren, dass sie einer gewissen Kontrolle durch ihre Gemeindemitglieder ausgesetzt waren. Diese Beispiele führen eindrücklich vor Augen, wie sehr die Umsetzung der neuen calvinistischen Maßstäbe eine Angelegenheit der Gemeinde war.

Die Schlussfolgerungen, die Todd über die calvinistische Gemeinde zieht, sind nicht überall zwingend. So lässt ihre Interpretation der Regelung von Ehekonflikten durch die Ältesten und Pfarrer den Eindruck entstehen, hier handele es sich um vormoderne Lebensberater und Mediatoren. Kann aber die These überzeugen, Eheleute hätten das kirchliche Sittengericht dem weltlichen Gericht vorgezogen, weil Ersteres viel Wert auf eingehende Beratung und Versöhnung gelegt habe, statt zu verurteilen und auf Vergeltung zu setzen? Bedürfte es hierzu nicht eines konsequenten Vergleichs der jeweiligen Gerichtsakten miteinander? Dieser Vergleich fehlt, sodass an einigen Stellen der Eindruck entsteht, Todd erliege der eigenen Sympathie für die calvinistische Reformation.

Für Todd - und das wird trotz einzelner Interpretationen, über die sich streiten ließe, überzeugend vorgeführt - besteht kein Zweifel: "Religious change happens in the pew" (404). Von einer Betrachtung des Planeten Reformation aus der Perspektive etatistischer Satelliten ist Todd weit entfernt. Angesichts der Anschaulichkeit und empirischen Ausgefeiltheit der Argumentation füge ich hinzu: Mit Todd erscheint der schottische Mond in hellem Licht. Und wer nicht mehr allein im Dunkeln darüber mutmaßen will, was sich auf so einem "Mond der Geschichte" empirisch abspielt, der und dem kann ich Todd zur "Erleuchtung" nur empfehlen.

Francisca Loetz