Rezension über:

Sabine Höhler: Luftfahrtforschung und Luftfahrtmythos. Wissenschaftliche Ballonfahrt in Deutschland, 1880-1910 (= Campus Forschung; Bd. 792), Frankfurt/M.: Campus 2002, 351 S., 8 Abb., ISBN 978-3-593-36840-5, EUR 39,90
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Rezension von:
Rüdiger Haude
Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Martina Heßler
Empfohlene Zitierweise:
Rüdiger Haude: Rezension von: Sabine Höhler: Luftfahrtforschung und Luftfahrtmythos. Wissenschaftliche Ballonfahrt in Deutschland, 1880-1910, Frankfurt/M.: Campus 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 [15.06.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/06/1984.html


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Sabine Höhler: Luftfahrtforschung und Luftfahrtmythos

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Mythen eignet etwas Elevatorisches. Wie Herder sagte, werden durch sie "Kleinigkeiten aus dem Staube zu einer glänzenden Höhe" erhoben. Flugmythen sind insoweit Mythen par excellence. Längst wurden denn auch systematische Aufarbeitungen des Sujets publiziert, wie die kulturvergleichende Fleißarbeit von Behringer und Ott-Koptschalijski; [1] und der paradigmatische Flugmythos - die Erzählung von Dädalus und Ikarus - wurde erhellend analysiert, gerade auch in seiner modernen Wirkungsgeschichte. Dafür sei nur auf den "Ikarus Novus"-Aufsatz Ingolds hingewiesen. [2]

Das hier zu besprechende Buch macht auf eine Leerstelle der vorliegenden Literatur zu Flugmythen und zur Luftfahrtgeschichte insgesamt aufmerksam. Die Geschichte der unmotorisierten Ballonfahrt wird gemeinhin nur bis zu dem Punkt erzählt, an dem am Anfang des 20. Jahrhunderts motorisierte Luftschiffe sowie Aeroplane im "Luftreich" auftauchen. Als fortschrittliche Ablösung wird beschrieben, was doch eher eine Ergänzung war. Den Fokus auf die anhaltende Bedeutung der Freiballonfahrt gerichtet zu haben, macht die Originalität und ein Hauptverdienst des Werkes von Sabine Höhler aus, das zudem einen beeindruckenden Überblick über die Diskurse zur Kulturgeschichte der Luftfahrt, zur Wissenschaftsgeschichte und zur Mythentheorie bietet.

Die wissenschaftlichen Ballonfahrer der deutschen Luftschifffahrtsvereine inszenierten sich in der Epoche um die Wende zum 20. Jahrhundert als Teil einer Fortschrittserzählung, wonach auch der Mythos vom Fliegen durch eine wissenschaftliche (und damit eben entmythisierte) Luftfahrt abgelöst worden sei. Dies, argumentiert Höhler, sei selbst ein mythisches Konstrukt, wobei der moderne Mythos der Wissenschaft eine eigentümliche Verbindung mit einer Übersetzung des dädalisch-ikarischen Mythos eingegangen sei. "Luftfahrtforschung", verstanden primär als Forschung im Ballon, wird betrachtet als "Performation des Luftfahrtmythos" (33). Es ist eine Erzählung von gewissenhaft forschenden Dädalus-Vätern und von heldenhaft wagenden Ikarus-Söhnen. Die einzelnen Protagonisten sind freilich nicht einer der Seiten bruchlos zuzuschlagen; so wie auch Graf Zeppelin, die deutsch-nationale Vater-Ikone schlechthin im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, zugleich auch als "Messias der Lufteroberung" die ikarische Sohnesrolle ausfüllen konnte (97). Ähnlich waren auch die zeitgenössischen Ballon-Meteorologen primär dädalische Charaktere, die auch den nach Höhlers Interpretation militärischen und staatstragenden Symbolaspekt der Dädalus-Figur aktualisierten. Die heroisch-ikarische Seite indes tritt uns in so subkutanen Details entgegen wie im Fettdruck der Höhenangabe in einer Messtabelle, mit dem diskret auf eine riskante Rekordhöhe hingewiesen wird.

Höhler ist sensibel für solche Details, und das macht ihr Buch ungewöhnlich spannend und innovativ. Vor allem ist sie nach meiner Kenntnis die erste, die im Bereich der Luftfahrt-Historiografie die Ebene der Geschlechterverhältnisse nicht nur kursorisch abhakt, sondern durchgängig in ihrer Analyse präsent hält. Das Weibliche war in der Moderne über die Assoziation mit der Erde auf "Schwere" symbolisch bezogen (76). Die sich aufdrängende Anknüpfung an Simone de Beauvoirs Bemerkungen zur männlich monopolisierten Transzendenz unterbleibt, steht jedoch zwischen den Zeilen. Durch die Amalgamierung von Flugmythik und wissenschaftlichem Fortschrittsmythos stilisieren die Ballonforscher sich als moderne männliche Helden-Typen. Sie erobern und bezwingen den Luftraum, dringen in ihn ein - in diesem wissenschaftlichen Handeln äußert sich "offensiv männlich-sexualisiertes Begehren" (290). Aber es entgeht Höhler, dass das immanente symbolische Potenzial des Freiballons eigentlich eher die Konnotation mit dem Weiblichen forderte. Dafür spricht, in der Perspektive des europäischen Patriarchats der Moderne, insbesondere die Passivität des unmotorisierten Gefährts, sodann auch die globoide Gestalt. Erst indem der Ballon zum Forschungsinstrument wird, wird er zum männlichen Symbol.

Wissenschaftliche Ballonfahrten stellten in mehrfacher Hinsicht Distinktionspraktiken dar. Die Aktualisierung eines um 1900 prekär gewordenen Männlichkeits-Ideals ist nur eine Dimension solcher Abgrenzungsbemühungen. Das Ballonwesen war auch eine wichtige bürgerliche Distinktionsübung. Die institutionelle Struktur solcher Übung stellte der Luftfahrtverein dar. Der Verein als spezifisch bürgerliche Öffentlichkeitsform mit den Ausschließungsmechanismen der Mitgliedschaft sowie der Kostspieligkeit war das Instrument einer Grenzziehung zwischen Klassen ebenso wie zwischen den Geschlechtern und mithin ein wichtiger Ort, "an dem sich das bürgerliche Subjekt konstituierte" (190f.). Im weiteren Verlauf der institutionellen Autonomisierung der nun "Aerologie" genannten Atmosphärenerforschung gegenüber den Luftschifffahrtsvereinen dienten dann strenge Aufnahmekriterien der "Demonstration fachlicher Geschlossenheit" (304). Mit Hilfe der grenzüberwindenden Fahrzeuge wurde also eine Grenze nach der anderen aufgebaut und akzentuiert. Nicht um die Überbrückung, sondern um die Betonung von Distanz ging es: Distanziertheit als wissenschaftlicher Habitus ebenso wie die räumliche Distanz des Forschungsreisenden (273ff.); und die soziale Distanz zu den unteren Klassen, ließe sich wieder ergänzen.

Die meteorologischen und sonstigen Praktiken der "Raumsondierung" betrachtet Höhler zu Recht als "Formen der Raumeroberung" (236). Die Unterwerfung des Planeten durch die europäischen Kolonialmächte war fast komplett; neben dem Innersten Afrikas und den beiden Polen bildete das "Luftreich" eine der letzten "Frontiers" (298). Insofern war die wissenschaftliche Aeronautik in der Tat imperialistisch; aber gegen den heraufziehenden Weltkrieg zwischen den imperialistischen Mächten wäre der universalistische Ethos der Wissenschaftler als Antidot durchaus brauchbar gewesen, was in Höhlers Analyse zu wenig gewürdigt wird.

Eine kritische Bemerkung sei erlaubt, nicht um den Wert dieses großartigen Buches zu schmälern, sondern um eine mögliche Richtung weiterer Forschung vorzuschlagen. Die Verknüpfung von früher wissenschaftlicher Ballonfahrt und dem Luftfahrt-Vereinswesen wird von Höhler meines Erachtens allzu ausschließlich unterstellt. So entgeht ihr z.B. einerseits, dass unter den Pionieren der luftfahrtbezogenen Meteorologie auch der Aachener Peter Polis hätte Erwähnung finden müssen, der gemäß einem Nachruf der "Meteorologischen Zeitschrift" [3] "der erste [war], der sich das Vertrauen der Militär-Luftschifferkreise erwarb". Ein Luftschifffahrtsverein wurde in Aachen aber, trotz umfangreicher aeronautischer Tätigkeit Polis' in den Jahren davor, erst 1911 gegründet. Andererseits bedarf auch die These, dass "gerade Wissenschaftler die Basis der funktionierenden sozialen Vernetzung und der praktischen Aktivitäten der Luftfahrtvereine bildeten" (141), der empirischen Überprüfung. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Fallstudie zum Niederrheinischen Verein für Luftschifffahrt bemerkt, dass wissenschaftliche Forschung zwar satzungsgemäßer Vereinszweck war, jedoch derart vernachlässigt wurde, dass sie "eigentlich aus der Satzung hätte getilgt werden müssen". [4]

Vielleicht wäre der semantische Gehalt des "Kollektivsymbols" (Jürgen Link) Ballon in Deutschland um 1900 noch besser zu kartografieren, wenn die Ballonfahrt als Ganzes zum Gegenstand würde. Dass z.B. die männliche Konnotation der Luftfahrt nicht dem Gerät des Ballons 'inhärierte', hätte besser gezeigt werden können, wenn die seinerzeitige Ballon-Akrobatin Kätchen Paulus in den Blick genommen worden wäre. Paulus wurde vor allem berühmt durch spektakuläre Fallschirm-"Abstürze", wie man damals sagte. Wenn sie so den mythischen Ikarus zitierte, symbolisierte dies gut ihre Weigerung, die ihr als Frau gesellschaftlich 'zustehende' mediokre Rolle einzunehmen. Und die Faszination, die dies bei einem durchaus auch proletarischen Publikum fand, darf vielleicht nicht mit dem Hinweis auf bloße Sensationsgier abgetan werden.

Überaus reizvoll wäre es, hierzu von Sabine Höhler noch Weiteres zu lesen.

Anmerkungen:

[1] Wolfgang Behringer / Constanze Ott-Koptschalijski: Der Traum vom Fliegen. Zwischen Mythos und Technik, Frankfurt a.M. 1991.

[2] Felix Philipp Ingold: Ikarus Novus. Zum Selbstverständnis des Autors in der Moderne, in: Harro Segeberg (Hg.): Technik in der Literatur, Frankfurt a.M. 1987, S.269-350.

[3] Franz Linke: Peter Polis †, in: Meteorologische Zeitschrift, Heft 1, 1930.

[4] Guido Rißmann-Ottow: Glück ab! Frühe Luftfahrt im Revier, Essen 2002.

Rüdiger Haude