Rezension über:

Peter Seyfried: Die ehemalige Abteikirche Saint-Ouen in Rouen, Weimar: VDG 2002, 190 S., 137 Abb., ISBN 978-3-89739-270-0, EUR 34,00
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Rezension von:
Andreas Köstler
Kunstgeschichtliches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Köstler: Rezension von: Peter Seyfried: Die ehemalige Abteikirche Saint-Ouen in Rouen, Weimar: VDG 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 6 [15.06.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/06/1271.html


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Peter Seyfried: Die ehemalige Abteikirche Saint-Ouen in Rouen

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Schwerlich dürfte ein Feld der Architekturgeschichte spärlicher bestellt sein als der Zeitraum vom ausgehenden 13. bis zum mittleren 14. Jahrhundert. In den einschlägigen Handbüchern zur Kunst des hohen und späten Mittelalters im nördlichen Europa bildet diese Periode oft nur ein Scharnier, an dem die Kompendien entweder einsetzen oder schließen - letzteres übrigens weit häufiger. Auf den ersten Blick scheinen auch gute Gründe für einen Epochenschnitt zu sprechen, der eine Darstellung als Pro- oder Epilog privilegiert: Das Ende der klassischen Kathedrale fällt ebenso wie der Beginn diverser Sondergotiken exakt in diesen Zeitraum, die Bauskulptur der vielfigurig bestückten Portale hatte nach der letzten großen Anstrengung der Straßburger Westfassade den Höhepunkt ihrer Entfaltung überschritten, und die damals allerorten einsetzenden An- und Einbauten von Kapellen belegen, wie sehr sich von nun an das Interesse von Architektur und Bauausstattung auf das Innere der Kulträume verlagerte.

Wenn es dennoch nicht zur Meistererzählung einer Schwellen- oder Sattelzeit ins Spätmittelalter gereicht hat, liegt das eher am Problem mit dem Kommenden, mit dem man bis heute wenig anzufangen weiß. Dass die Architektur der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ohne nennenswerte Neuerungen ausgekommen sei, sondern sich in der Verfeinerung erschöpft habe, ist ein noch mildes Urteil jüngerer Zeit, vergleicht man es mit den älteren Verdikten einer 'doktrinären Gotik' oder gar eines 'Erschlaffens' und 'Welkens' der klassischen Kathedralarchitektur. Die scheinbar greifbare 'Dekadenz' des frühen 14. Jahrhunderts in Architektur, Skulptur und Malerei hat hier für eine pejorative Begrifflichkeit gesorgt, die dem heroischen 13. Jahrhundert nachtrauert und eine mehrmals versuchte Neubewertung des folgenden Säkulums letztlich hat scheitern lassen. Daher können die wenigsten Bauwerke dieser Zeit als ausreichend bearbeitet gelten. Der Forschungsstand selbst zu anerkannt wichtigen Kirchenbauten wie etwa Saint-Urbain in Troyes oder Sainte-Trinité in Vendôme ist kümmerlich. Dies galt bislang auch für die ab 1318 errichtete ehemalige Abteikirche Saint-Ouen in Rouen, die in den Überblickswerken als einer der wenigen Bauten der Periode firmiert, angesichts derer man sich zu verhalten positiven Epitheta durchringt.

Peter Seyfrieds aus einer Freiburger Dissertation von 1991 hervorgegangene Monografie zu Saint-Ouen schließt hier eine Lücke, die um so deutlicher klaffte, als die Abteikirche nicht nur seit langem als einer der bedeutendsten Bauten des beginnenden 14. Jahrhunderts erkannt ist, sondern sogar begriffsprägend gewirkt hat: Der Terminus 'architecture rayonnante', der die vom engeren Kronland ausstrahlende Hochgotik meint, ist von der besonderen Ästhetik der Chorpartie dieser Kirche ebenso angeregt worden, wie ihr Langhaus denjenigen der 'architecture flamboyante' hervorrief, die Bezeichnung für die französische Spätgotik mit ihren flammenzüngelnden Maßwerkcouronnements. Freilich liegt gerade im Begriff der 'architecture rayonnante' auch die Crux des Rouennaiser Baus beschlossen, denn was der kronländischen Architektur zur Ehre gereicht, nämlich prägend gewirkt zu haben, wird den als Nutznießern der Ausstrahlung Benannten per Saldo in Rechnung gestellt: Eine solcherart initiierte Architektur könne nur als abgeleitetes, sekundäres Phänomen gelten. So liegt denn auch das erklärte Ziel der Seyfriedschen Baumonografie im Nachweis einer ganz eigenständigen Lösung der Bauaufgabe Abteikirche, mit welcher der namentlich nicht fassbare Architekt des Neubaus, der im Umkreis der Pariser und Rouennaiser Kathedralbauhütten zu lokalisieren sei, mit Saint-Ouen eine "geniale Architektur" geschaffen habe, "die der klassischen Phase der Gotik in nichts nachsteht" (93). Damit reiht sich der Verfasser in die fast schon ehrwürdige Tradition der Rettungsversuche des 14. Jahrhunderts ein, die mit Wilhelm Pinders Buch über die Würzburger Plastik dieser Epoche anhebt.

Über die Strategie der Arbeit wird der Leser zu keinem Zeitpunkt im Unklaren gelassen. Nach einleitenden, äußerst knappen Skizzen zum normannischen Vorgängerbau, zu Quellen und Restaurierungen sowie zur Forschungsgeschichte sind nicht weniger als drei Viertel des Texts einer skrupulösen Beschreibung und Analyse des Baus gewidmet. Sie verfolgt ein doppeltes Ziel: Zum einen soll erstmals eine verlässliche Baugeschichte der Abteikirche erarbeitet werden, die sich über mehr als zwei Jahrhunderte hinzog und nach weiteren vier Jahrhunderten Unterbrechung erst im 19. Jahrhundert zur Vollendung führte. Zum anderen sollen aber auch die besonderen Charakteristika der spätrayonnanten Gotik beschreibend gefasst und gebührend herausgestellt werden. So sehr ersteres gelungen ist, so wenig gelangt letzteres über ein Postulat hinaus.

Zu den Vorzügen der Arbeit gehört sicherlich die eingehende Architekturanalyse, bestehend aus der beschreibenden Durchdringung des Baus sowie seiner bauhistorischen Erkundung. Obwohl der Autor einleitend seine Methode der rein visuellen Bauuntersuchung bescheiden als veraltet bezeichnet, verglichen mit den modernen Vermessungs- und Kartiermethoden der historischen Bauforschung, entlockt er ihr doch das Optimum. So dürfte auch eine erneute Untersuchung der Abteikirche mit den technischen Hilfsmitteln der historischen Bauforschung die hier präsentierte Baugeschichte zwischen 1318 und 1549 nicht mehr ins Wanken bringen.

Im Abschnitt über die Befunde, die zunächst zu einer relativen und dann absoluten Chronologie zusammengestellt werden, besticht die genaue Untersuchung der Wände und Bauglieder, bei denen der Verfasser oft auf gestörte, jedenfalls komplizierte Befunde stößt, die umsichtig als Plan- oder Architektenwechsel gedeutet werden. Auch der analytische Blick überzeugt. So geht etwa aus der Beschreibung des Chorgrundrisses, der im Binnenchor einen 5/8-Schluss ohne Vorjoch aufweist, mühelos hervor, dass die Wahl dieser sehr einfachen Grundrissfigur unweigerlich zu einer Größenstaffelung und damit Hierarchisierung der fünf Umgangskapellen führte. Gleichermaßen führt die sorgfältige Analyse der Wand-, Pfeiler- und Aufrisssysteme, sowohl am Außenbau wie im Inneren, zum Nachweis einer großen Einheitlichkeit des architektonischen Systems, das sich durch dezidierte Geschlossenheit bei gleichzeitiger Sparsamkeit der Mittel auszeichnet. Wer die Technik der Architekturbeschreibung und ihrer Überführung in eine Baugeschichte von der Pike auf lernen will, dem sei das Studium dieser beschreibenden Erfassung angeraten.

Andererseits wird die gesamte analysierende Energie aber nur in die Baugeschichte und den Nachweis der hohen Qualität von Saint-Ouen investiert. So viele neue und wesentliche Beobachtungen am Bau auch festgehalten werden, so folgert der Verfasser hieraus nichts. Wenn etwa aus Grund- und Aufriss des Chors geschlossen wird, die Kapellen des Umgangs seien vom Innenraum her konzipiert, so belässt es der Autor dabei, ohne auch nur nach den Weiterungen einer solchen Feststellung, dem Sinn einer solchen Konzeption zu fragen; wenn Elemente des Außenbaus, hier Wasserschläge, im Innenraum angetroffen werden, und zwar merkwürdigerweise nur an den den Seitenschiffen zugewandten Pfeilerseiten, so führt dies zu keinerlei weiter gehenden Fragen. Auch die abschließende stilistische Einordnung des Chors, die im Vergleich mit den Bauten des Hochrayonnant von Saint-Denis II bis Saint-Wandrille durchgeführt wird, erbringt nur den vor allem auf die Qualität zielenden Vorschlag, doch besser von einer "intellektuellen Gotik" an Stelle einer "doktrinären" zu sprechen (81).

Ursächlich für diese extreme Selbstbeschränkung dürfte die Weigerung des Verfassers sein, sich auch nur im Ansatz mit den - zugegeben problematischen - Versuchen der älteren Literatur auseinander zu setzen, die Architektur des 14. Jahrhunderts auf einen Begriff zu bringen. Im Vor- und Abspann wird zwar jeweils kurz Georg Dehios Begriff der "doktrinären Gotik" als unzureichend abgelehnt, aber das Hauptwerk zum Thema, 1948 von Werner Gross verfasst [1], erscheint lediglich in einer Fußnote versteckt - wobei nur konzediert wird, er habe versucht, die negative Sichtweise auf die Architektur um 1300 etwas einzuschränken. Die Beschäftigung mit Gross' schwierigem Werk gehört angesichts des kapitalen Baus von Saint-Ouen nicht zur Kür, sondern zur Pflicht einer Dissertation. Und wie eine solche Auseinandersetzung fruchtbar durchzuführen ist, hat Peter Kurmann schon vor 20 Jahren in seinen so knappen wie präzisen Bemerkungen zu den Tendenzen in der europäischen Architektur um 1300 vorexerziert [2]. Dass eine Dissertation sich dieser Diskussion verweigert, bleibt unverständlich.

Wenn die Arbeit zwischen 1991 und 2002 auf den heutigen Stand gebracht worden wäre, hätte sie sich zudem von jüngeren Ansätzen anregen lassen können. So ist der Umbau des Chores von Notre-Dame de Paris, den der Verfasser kurz referiert, kürzlich von Michael T. Davis neu analysiert worden [3]. Er füllt dazu die Stichworte Gross' liturgiegeschichtlich und verbindet die visuellen mit frömmigkeits- und sozialgeschichtlichen Befunden. Und so erscheint die Ästhetik der beginnenden Spätgotik in der Beschreibung eines veränderten Publikums, auf das die Architektur des 14. Jahrhunderts reagieren musste: mit größerer Klarheit und Durchsichtigkeit, aber eben auch mit größerer Partialisierung der einzelnen Funktionsbereiche des Kirchenraums. Elemente des Außenbaus wurden hier als innerbauliche Markierungen eingesetzt, so etwa die Wimperge am Eingang zum umgestalteten Chorumgang von Notre-Dame. Fragen und Feststellungen dieser Art hätten die Qualität der Architektur von Saint-Ouen am Ende wohl überzeugender demonstriert als die Postulate des Verfassers, der sich am Ende doch genötigt fühlt, auf die - groteske - Metapher Dehios einer "stillen, kühlen Luft eines gedämpften Herbsttages" einzuschwenken (Anmerkung 195).

Eher an den Verlag als den Autor richtet sich die Kritik, eine derart auf die Beschreibung setzende Arbeit hätte die heutigen Möglichkeiten der Bebilderung wahrzunehmen. Warum heute noch Text, Anmerkungen und Bildteil getrennt voneinander angeboten werden, mag im Zeitalter der digitalen Produzierbarkeit von Texten und Bildern nicht mehr einzuleuchten, zumal man im vorliegenden Fall besonders auf den Abgleich von Text und Bild angewiesen ist. Die neue Rechtschreibung sollte man, wenn schon, dann nicht nur partiell umsetzen, nicht zu reden von den inakzeptabel vielen Druckfehlern, die nur den Schluss zulassen, dass hier nicht mehr lektoriert wurde. Fazit: Peter Seyfried liefert mit der Baugeschichte das Material zur ehemaligen Abteikirche Saint-Ouen; seine architekturgeschichtliche Befragung kann jetzt beginnen.

Anmerkungen:

[1] Werner Gross, Die Abendländische Architektur um 1300, Stuttgart 1948.

[2] Peter Kurmann, Spätgotische Tendenzen in der europäischen Architektur um 1300, in: Gerhard Schmidt (Hg.), Europäische Kunst um 1300, Akten des XXV. Internationalen Kongresses für Kunstgeschichte, Wien/Köln/Graz 1986, Bd. 6, 11-18.

[3] Michael T. Davis, Splendor and Peril: The Cathedral of Paris, 1290-1350, in: The Art Bulletin LXXX, 1998, 34-66.

Andreas Köstler