Rezension über:

Peter Burschel / Mark Häberlein / Volker Reinhardt (Hgg.): Historische Anstöße. Festschrift für Wolfgang Reinhardt zum 65. Geburtstag am 10. April 2002, Berlin: Akademie Verlag 2002, 473 S., ISBN 978-3-05-003631-1, EUR 69,80
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Rezension von:
Andreas Pečar
Historisches Institut, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Pečar: Rezension von: Peter Burschel / Mark Häberlein / Volker Reinhardt (Hgg.): Historische Anstöße. Festschrift für Wolfgang Reinhardt zum 65. Geburtstag am 10. April 2002, Berlin: Akademie Verlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15.05.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/05/2614.html


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Peter Burschel / Mark Häberlein / Volker Reinhardt (Hgg.): Historische Anstöße

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Der Anspruch der zu Ehren Wolfgang Reinhards vorgelegten Festschrift geht über den Zweck der reinen Ehrung hinaus. Auf den Forschungsfeldern, die von Wolfgang Reinhard selbst etabliert wurden, sollen weiterführende historische Anstöße vermittelt werden. Modifikationen und Einwände an einzelnen Aspekten dieser Forschungsrichtungen sollen eine kritische Reflexion der Ansätze ermöglichen und damit zugleich den Anspruch einlösen eine "kritische Festschrift" zu sein (10). Da sich das Themenspektrum des Bandes an den Forschungsfeldern des Jubilars orientiert, ist es weitgespannt und vielfältig. Im Einzelnen drehen sich die insgesamt 21 Beiträge um städtische Eliten im Alten Reich (I), um das Paradigma der Konfessionalisierung (II), um den Nepotismus an der Kurie, die Papstfinanz und die Verflechtung römischer Eliten (III), um den Aspekt der Staatsgewalt und deren Widerschein in der politischen Theorie (IV) und schließlich um die Europäische Expansion (V). Nicht alle Beiträge können hier gewürdigt werden. Im Folgenden steht daher im Vordergrund, welche weiterführenden Impulse die Festschrift für die Forschungsdiskussion der Reinhardschen Themen und seiner Thesen bereithält.

Mark Häberlein nutzt das Fallbeispiel des Augsburger Stadtarztes Dr. Gereon Sailer dazu, auf Reinhards These von der Bedeutung der Verflechtung städtischer Oberschichten für die Ausbreitung der Reformation erneut aufmerksam zu machen. Damit verbleibt er zwar in den Bahnen des Reinhardschen Verflechtungsansatzes. Allerdings wird hier zugleich deutlich, dass dieser Ansatz, im Gegensatz zu Untersuchungen über die römische Kurie oder städtische Führungsschichten, im Rahmen der Reformationsforschung bislang nur zögernd aufgegriffen wurde, gleichwohl jedoch aufgegriffen zu werden lohnt.

Heinz Schilling widmet sich der Frage, wie sich die Konfessionalisierung auf das städtische Leben im 16. und 17. Jahrhundert auswirkte. Damit soll die Fixierung der Stadtgeschichte auf die Jahrzehnte der Reformation überwunden werden. Seine Problemskizze dient eher der Fortschreibung des Konfessionalisierungskonzeptes als einer kritischen Modifikation - bei einem neben Wolfgang Reinhard herausragenden Protagonisten dieses Forschungskonzeptes war anderes auch schwerlich zu erwarten. Dabei werden allerdings auch die Probleme sichtbar, die dem Konfessionalisierungskonzept innewohnen. Insbesondere die enge Verknüpfung zur Modernisierungstheorie wirft immer wieder Fragen auf. Sicher ist Schilling zuzustimmen, wenn er es ablehnt, Modernität nur mit protestantischem Stadtbürgertum zu verbinden. Doch lässt sich beispielsweise auf Grund des Baubooms in katholischen Städten auf die Modernität der Gegenreformation schließen (72)? Eher wäre wohl der Verzicht auf die Kategorie der Modernisierung anzuraten. Damit ließen sich auch Teleologien vermeiden wie jene, dass Europa "von vornherein auf Säkularisation angelegt war" (64).

In diesem Zusammenhang ist im Beitrag von Johannes Burkhardt spannend zu sehen, wie die Gleichsetzung des Protestantismus mit dem Fortschrittsgedanken eine vergleichsweise junge Erfindung des 18. und frühen 19. Jahrhunderts darstellt, die frühestens im Pietismus ihre Anfänge hat. Folgerichtig plädiert Burkhardt dafür, auf Begriffe wie "alt" und "neu" bei der Charakterisierung der unterschiedlichen Konfessionen ganz zu verzichten.

Dem Anspruch das Konfessionalisierungsparadigma weiterzuentwickeln, kann vor allem Birgit Emich entsprechen. Dies ermöglicht insbesondere die von ihr geleistete Verknüpfung der Reinhardschen Konzepte Konfessionalisierung und Verflechtung. Sie vermag zu zeigen, wie einer umfassenden Sozialdisziplinierung des Klerus - also einer der tragenden Säulen der Konfessionalisierung - im Kirchenstaat durch politische Erfordernisse und persönliche Verflechtung enge Grenzen gesetzt waren. Auf diese Weise habe der "mikropolitische Etatismus", also die durch Verwandtschaft und Klientel bestimmten Kommunikations- und Versorgungspraktiken, der katholischen Reform zwar zum Durchbruch verholfen, jedoch längerfristig zugleich den Geist der Erneuerung, der von den tridentinischen Beschlüssen ausgehen sollte, erstickt (129).

Dass auch auf dem Untersuchungsfeld der Verflechtung römischer Herrschaftseliten nach wie vor viel produktive Bewegung erkennbar ist, belegen gleich mehrere Beiträge. Daniel Büchel hinterfragt Wolfgang Reinhards Postulat bezüglich der Kardinalnepoten, das diesen nach 1500 weniger eine Herrschaftsfunktion zu Gunsten des regierenden Papstes als vielmehr eine Versorgungsfunktion für die päpstliche Verwandtschaft zuschreibt. In mehreren Beispielen legt Büchel dar, dass Machtstellung und ein tendenziell unumschränktes Aufgabengebiet der Kardinalnepoten auch nach 1500 bis in die Vierzigerjahre des 17. Jahrhunderts für die Ausübung päpstlicher Herrschaftsgewalt von entscheidender Bedeutung sein konnten. Dabei scheint ihre Position neben dem Papst sehr der Stellung hoher Favoriten an europäischen Königshöfen zu ähneln, auch wenn Büchel auf diese Ähnlichkeit nicht ausdrücklich hinweist.

Am Beitrag von Nicole Reinhardt, der die Verflechtungsdebatte allgemein in den Blick nimmt, wird erkennbar, wie differenziert mittlerweile Klientelbeziehungen mit eher bürokratischen Entscheidungs- und Verwaltungsstrukturen in Beziehung gesetzt werden. Ging Wolfgang Reinhard in seinem Werk über "Freunde und Kreaturen" noch davon aus, dass mithilfe von Klientelverbindungen die mangelnde Dichte an Staatlichkeit im Kirchenstaat kompensiert werden sollte, [1] ergibt sich heute, auch Dank zahlreicher von ihm betreuter Doktorarbeiten zu diesem Thema, ein je nach untersuchtem Fallbeispiel (Ferrara, Bologna, Florenz) unterschiedliches Bild, das auf wesentlich komplexere Wechselbezüge zwischen Klientel, Herrschaftsgewalt und bürokratischer Verdichtung hinweist. Reinhards funktionale Deutung des Klientelismus, so ließe sich Reinhardts Befund interpretieren, ist generell zu stark von einem Blick von oben bestimmt.

Wie der Nepotismus als besondere Spielart des politischen und familiären Klientelismus in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Kirchenstaat und in der europäischen Fürstengesellschaft zunehmend in Kritik geriet, lässt sich dem exzellenten Aufsatz von Arne Karsten entnehmen, der die Strukturprobleme päpstlicher Versorgungsstrategien an einer diplomatischen Affäre zwischen Ludwig XIV. und dem Chigi-Papst Alexander VII. anschaulich werden lässt.

Das jüngste Werk Wolfgang Reinhards über die "Geschichte der Staatsgewalt", [2] das unter seinen Büchern vielleicht den größten Leserkreis erreicht haben dürfte, liegt vielleicht zu kurz zurück, um bereits eine ähnlich kritisch-produktive Bilanz zu ermöglichen, wie sie bei der Verflechtungsdebatte möglich war. Von den vier in der Festschrift zu diesem Thema versammelten Beiträgen lässt sich nur Janet Colmans Aufsatz als eine Antwort auf Reinhards Staatsbildungstheorie lesen. Betont er die entscheidende Rolle der europäischen Dynastien bei dem Prozess der Staatsbildung, hebt sie insbesondere anhand der politischen Theorie Marsilio von Paduas den hohen Stellenwert kommunaler Entscheidungsfindung hervor, der allerdings ab dem 16. Jahrhundert an Einfluss verloren habe - keine allzu neue Erkenntnis. Eine Kontinuität von mittelalterlichem "Kommunalismus" bis zu modernen Phänomenen demokratischer Mitsprache wird von Coleman nicht vertreten.

Insgesamt dokumentiert diese Festschrift, in welcher Breite Wolfgang Reinhard die historische Forschung vorangetrieben hat und der Wissenschaft entscheidende Impulse verlieh. Ihm, seinen Schülern und der Fachwissenschaft ist zu wünschen, dass die Diskussion über seine Themen und Forschungsanstöße, wie sie auch in diesem Band enthalten ist, noch lange anhalten möge. Für die Frühneuzeitforschung stellt sie eine Bereicherung dar.

Anmerkungen:

[1] Wolfgang Reinhard: Freunde und Kreaturen. "Verflechtung" als Konzept zur Erforschung historischer Führungsgruppen. Römische Oligarchie um 1600, München 1979, 74.

[2] Wolfgang Reinhard: Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999.

Andreas Pečar