Rezension über:

Patrick Garcia: Le Bicentenaire de la Révolution. Pratiques sociales d'une commémoration, Paris: CNRS Éditions 2000, 354 S., ISBN 978-2-271-05724-2, EUR 29,73
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Rezension von:
Sabine Büttner
Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Aachen
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Büttner: Rezension von: Patrick Garcia: Le Bicentenaire de la Révolution. Pratiques sociales d'une commémoration, Paris: CNRS Éditions 2000, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 1 [15.01.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/01/3587.html


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Patrick Garcia: Le Bicentenaire de la Révolution

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Das 200-jährige Jubiläum der Französischen Revolution war nicht nur ein riesiges Medienspektakel, sondern ein gesellschaftliches Ereignis, das etwa ein Drittel der Franzosen zur persönlichen Teilnahme an den zahllosen Aktivitäten und Gedenkveranstaltungen mobilisieren konnte. Lässt sich daraus schließen, dass die Revolution und die von ihr aufgeworfenen politischen Fragestellungen noch immer aktuell sind? Dass in Frankreich ein breites öffentliches Interesse an der Geschichte dieser Zeit besteht?

Der französische Historiker Patrick Garcia hat die Erinnerung an das geschichtliche Ereignis selbst zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht, die nun gut zehn Jahre nach den "Bicentenaire"-Feiern erschienen ist. Es geht ihm dabei nicht darum, einen Bericht der zahllosen Aktivitäten und Feiern zu geben, ebenso wenig ist die Konstitution des kollektiven Gedächtnisses das Thema seiner Analyse, vielmehr interessieren ihn in erster Linie die sozialen Praktiken und sozialen Funktionen des Gedenkens auf den verschiedenen Ebenen und in der Pluralität ihrer Erscheinungsformen. Die Feiern zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution boten die besondere Gelegenheit, die kollektive Praxis des historischen Erinnerns in konzentrierter und einmaliger Form zu betrachten.

Der Autor konnte für seine Untersuchung auf eine breite Quellenbasis aus Publikationen und Archivmaterial zurückgreifen, darunter unter anderem auf die Ergebnisse zweier umfangreicher, im Auftrag der "Mission du Bicentenaire" durchgeführter Befragungen sowie auf die Resultate einer weiteren, auf der Grundlage eines ausführlichen Fragebogens von ihm selbst konzipierten Umfrage.

Garcias methodologisches Vorgehen stützt sich sowohl auf quantitative als auch auf qualitative Bestandsaufnahmen der Gedenkveranstaltungen: Zum einen versucht er durch "zählen und kartographieren", das heißt durch eine möglichst umfassende und präzise Erfassung der einzelnen Initiativen, der betroffenen Regionen sowie der beteiligten Gruppen und Individuen, eine empirische Grundlage für seine Studie zu schaffen. Zum anderen werden diese Daten aber erst durch die Ergänzung mit qualitativen Analysen aussagekräftig, die den Blick auf das einzelne Ereignis, die Akteure, das "Wie" und die Bedeutung der Handlungen richten.

Garcias dritter Ansatzpunkt ist die geografische Verortung des Gedenkens. Der räumliche Aspekt liefert einen wichtigen Beitrag - wie die Auswertung der Untersuchung zeigt - zur Kontextualisierung und Interpretation der Fakten und Einzelbeschreibungen.

Die Darstellung gliedert sich in zwei größe Blöcke, von denen der eine die nationale, der andere die lokale Szene fokussiert. In der Gegenüberstellung der beiden Ebenen, der Untersuchung der Verbindungen wie der jeweiligen spezifischen Formen und Intentionen des Gedenkens liegt sicher das besondere Erkenntnisangebot dieses Buches. An den Beginn des ersten Teils stellt Garcia eine Skizze des intellektuellen Diskurses der 80er-Jahre, der einerseits gekennzeichnet ist durch das postmoderne Paradigma der Beliebigkeit sowie durch die Distanz gegenüber der Sinnstiftungsfunktion der Geschichte, andererseits durch die "Versuchung" der Identitätsbildung durch den Rekurs auf die Vergangenheit.

Die Schwierigkeit, die Gedenkveranstaltungen mit konkreten, allgemein verbindlichen Inhalten zu füllen, spiegelt sich in den Plänen der anschließend vorgestellten "Mission du Bicentenaire", des nationalen Komitees zur Organisation der Jubiläumsfeiern, die schließlich die Menschenrechte und die Erinnerung an die Herkunft der republikanischen Freiheiten zur zentralen Thematik erhoben hat. Die große Parade zum 14. Juli, konzipiert als Defilee aller "Stämme der Erde", wurde so zu einer unterhaltsamen Manifestation der Idee der Universalität, mit wenig konkreten Bezügen zum historischen Anlass.

Nachdem Garcia dem Staatspräsidenten François Mitterand eine eigene Passage gewidmet hat, wendet er sich den Aktivitäten verschiedener Vereine und Organisationen zu. Vorgestellt wird das große und in lokalen Sektionen organisierte Engagement des "linken" CLEF (Comité Liberté Égalité Fraternité), ebenso wie die Zeitschrift "Anit-89", das Organ einer ultra-katholischen Gegenbewegung, die in der Revolution den Vorläufer des Totalitarismus sieht. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der historischen Zunft, die zwei polare Positionen erkennen lässt: Zum einen die "klassische Schule", die sich in fortdauernder Verbindung zur Revolution sieht und die Aktualität der revolutionären Fragestellungen bejaht, zum anderen die "kritische Schule", die den Gegenwartsbezug der Revolution und eine affektive Haltung gegenüber den Ereignissen zurückweist. Die Debatte der Historiker findet übrigens weitgehend unabhängig vom "öffentlichen" Gedenken statt.

Der letzte Abschnitt dieses Teils untersucht die ästhetische Dimension von Gedenkfeiern, Theaterstücken und Ausstellungen zwischen den Polen der Manipulation und der Problematik der ästhetischen Umsetzung. Auf den verschiedenen Feldern gelingt es Garcia immer wieder, das Spannungsfeld zwischen äußerer Form und (dem Mangel an) inhaltlicher Füllung aufzuzeigen, in dem das "Bicentenaire" stattgefunden hat.

Als besonders problematisch erweist sich dabei der Umgang mit der revolutionären Gewalt. Während auf nationaler Ebene die öffentliche Meinung den Gedenkveranstaltungen viel Skepsis entgegenbringt, stoßen die Aktivitäten im regionalen beziehungsweise lokalen Rahmen - von der nationalen Presse übrigens kaum beachtet - auf deutlich positivere Resonanz. Gestützt auf die Auswertungen vielfältiger Materialien und die Ergebnisse der Befragungen, kann Garcia hier eine regelrechte "Geographie des Revolutionsgedenkens" aufstellen, die in zahlreichen Karten grafisch umgesetzt ist. Angesichts der Daten- und Detailfülle ist es hilfreich und wichtig, dass der Autor immer wieder die Verbindung zum Kontext herstellt und seine Fragestellungen neu formuliert.

An der Zahl der jeweiligen Veranstaltungen versucht Garcia zum Beispiel den allgemeinen Grad des Engagements in den jeweiligen Kommunen zu ermessen. Als weiteren Indikator zieht er den finanziellen Einsatz der Gemeinden und Departementverwaltungen heran, der - kaum verwunderlich - ein signifikantes Mehr auf Seiten der links regierten politischen Einheiten aufweist. Auf der inhaltlichen Ebene wird deutlich, dass die Suche nach den eigenen Wurzeln das Hauptthema der Erinnerungs-Aktivitäten bildet. Die Wiederentdeckung der lokalen Identitäten findet häufig über einen Gang in die örtlichen Archive und die Publikation von Quellen und Darstellungen statt. Wo es aber keine längere Tradition gibt - zum Beispiel in den Vororten der Großstädte - werden entsprechende Identitäten "konstruiert".

Aus der genaueren Untersuchung der Feiern gehen Art, Aufwand, Ausgangsbedingungen und inhaltliche Schwerpunkte der Veranstaltungen hervor: Als erfolgreichste Form des Gedenkens kristallisierte sich zum Beispiel allmählich die Pflanzung von Freiheitsbäumen heraus, eine Geste, die - wie Garcia vermutet - ihre Popularität wohl der offenen Semantik der Baummetapher verdankte.

Vervollständigt wird das Bild durch eine Inbezugsetzung der Festaktivitäten mit der Verteilung der politischen Mehrheiten und der religiösen Traditionen. Als weitere, (damals) aktuelle Relation zieht der Autor das Votum über die Maastrichter Verträge heran. Diese Verknüpfungen zeigen signifikante regionale Unterschiede auf.

In der Zusammenfassung der Einzelanalysen und der Interpretation der geografischen Kohärenzen konstatiert Garcia schließlich, dass in den sozialen Praktiken im Rahmen des "Bicentenaire" weniger die Erinnerung an die konkrete Vergangenheit als vielmehr der Wunsch nach der Sicherung kollektiver Identitäten bzw. der Stärkung des Gemeinschaftslebens zum Ausdruck gekommen sei. Die Deutung erscheint auf der Basis der vorangestellten Untersuchungen durchaus überzeugend. Das Buch liefert so einen wichtigen Beitrag zur Selbst-Reflexion des kollektiven Umgangs mit der Geschichte und der sozialen Funktion von Erinnerungsriten.


Sabine Büttner