Rezension über:

Paul Huys Janssen: Caesar van Everdingen 1616/17 - 1678. Monograph and Catalogue Raisonné. Transl. from the Dutch by Diane L. Webb, Doornspijk: Davaco Publishers 2002, 216 S., 21 Farbtafeln, 134 s/w-Abb., ISBN 978-90-70288-47-1, EUR 159,00
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Rezension von:
Hans-Joachim Raupp
Universität Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Dagmar Hirschfelder
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Joachim Raupp: Rezension von: Paul Huys Janssen: Caesar van Everdingen 1616/17 - 1678. Monograph and Catalogue Raisonné. Transl. from the Dutch by Diane L. Webb, Doornspijk: Davaco Publishers 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 1 [15.01.2003], URL: https://www.sehepunkte.de
/2003/01/3207.html


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Paul Huys Janssen: Caesar van Everdingen 1616/17 - 1678

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Mit 14 Gemälden stand Caesar Boetus van Everdingen im Zentrum der wichtigen Ausstellung "Dutch Classicism in 17th Century Painting", die 1999-2000 in Rotterdam und Frankfurt zu sehen war und erstmals eine bedeutende, bisher aber nur unzureichend gewürdigte und erforschte Richtung in der holländischen Historien- und Porträtmalerei im Zusammenhang vorstellte.

Die Bezeichnung "Klassizismus" ist für diese ab 1610 von Hendrik Goltzius und seinen Haarlemer Nachfolgern ausgehende Malerei nur als provisorischer Hilfsbegriff akzeptabel. Weder ließen sich die Maler auf antike Schönheitsideale oder Vorbilder der italienischen Hochrenaissance festlegen, noch auf gemeinsame und verbindliche theoretische Konzepte. Mit Rom, Poussin und der französischen Akademie verbindet sie nichts. Der literarische Klassizismus, der in den Niederlanden für Maler wie Gerard de Lairesse und Adriaen van der Werff Maßstäbe gesetzt hat, kommt viel zu spät, um den Charakter der Kunst van Everdingens und seiner Richtung verständlich zu machen. So beschränkt sich die Forschung mehr oder weniger auf Abgrenzungsversuche gegenüber den Manieristen, den Caravaggisten und nicht zuletzt Rembrandt und findet nur vorläufige Ansätze zu positiver Charakterisierung. Dazu gehören die Konzentration auf Historienbild, Pastorale, Allegorie und Porträt, die Auseinandersetzung mit anspruchsvollen klassischen Themen, der große Figurenmaßstab und die Eignung für monumentale Ausstattungskunst. Die maßgebliche Beteiligung der "Klassizisten" am Gemäldezyklus des "Oranjezaal" in Schloss Huis ten Bosch beweist, dass sie als einheimische Alternative zu Rubens und seiner Schule gesehen wurden. In ihren Gemälden wird eine klare Hierarchie von Haupt- und Nebenmotiven, Figuren und Beiwerk, Vordergrund und Hintergrund beobachtet. Die Kompositionen orientieren sich an den orthogonalen Koordinaten des Bildfeldes. Farbe und Licht sind kontrastreich. Gegenstände werden mehr durch Formgrenzen als durch stoffliche Beschreibung der Oberfläche charakterisiert.

Caesar van Everdingen ist zweifellos der markanteste Vertreter dieses holländischen "Klassizismus". Die Neigung der "Klassizisten", Figuren möglichst frontal oder im Profil, blockhaft und plastisch, von Texturen und atmosphärischen Valeurs abstrahierend darzustellen, das Verhältnis Bild-Betrachter als bühnenhafte Inszenierung zu definieren, die sich schlüssig in ein architektonisches Ambiente integrieren lässt, kommt bei ihm am deutlichsten zur Geltung. Kennzeichnend ist ferner die ausgeprägt statuarische Figurenauffassung, das Fixieren von Bewegungsmomenten, der kristalline Charakter der Objekte. Manches erinnert an Vermeer (der mit seinen frühen Historien zur "klassizistischen" Richtung gehört und ein mutmaßliches Gemälde van Everdingens zweimal als Bild im Bild zitiert), manches scheint auf den Philipp Otto Runge der "Hülsenbeckschen Kinder" oder gar auf den "magischen Realismus" des 20. Jahrhunderts vorauszuweisen. Huys Janssen selbst fühlt sich angesichts der besten Werke van Everdingens an Ingres erinnert.

Insgesamt konzentriert sich seine Monografie aber ganz auf sachliche Informationen zu Leben und Werk des Malers und geht auf weiterführende Fragen nur wenig ein. Die einleitende Feststellung, dass es nur wenige holländische Maler gibt, deren Biografie so gut dokumentiert ist und deren Oeuvre ein so klar umrissenes Ganzes bildet, wird eindrucksvoll bestätigt.

Caesar Boetus van Everdingen war Sohn eines Notars in Alkmaar und älterer Bruder des Landschaftsmalers Allaert van Everdingen. Klassische Vornamen wurden in dieser Familie des gebildeten Mittelstandes in Erinnerung an die italienische Herkunft des Urgroßvaters tradiert. Van Everdingens hauptsächliches Wirken in Alkmaar (abgesehen von einer mutmaßlich in Utrecht absolvierten Ausbildung, einer Frankreichreise, einem längeren Aufenthalt in Haarlem und einem kürzeren in Amsterdam) erlaubt es, das persönliche und familiäre "Netzwerk" der Maler-Auftraggeber-Beziehungen zu entflechten, wozu auch die Gemälde-Provenienzen entscheidend beitragen. Etliche Gemälde stammen aus karitativen Stiftungen, in deren Besitz Porträts der Stifter und ihrer Angehörigen übergingen. Auch die Witwe des Malers stiftete eine solche Einrichtung. Datierte Gemälde entstanden in den Jahren zwischen 1636 und 1674, den Gesamtumfang des Oeuvres schätzt Huys Janssen auf etwa 100 Gemälde. Der Nachlass enthielt auch 76 Zeichnungen, von denen bis auf eine aber nichts erhalten geblieben scheint. Sowohl die Liste der nur aus Schriftquellen bekannten verlorenen oder unidentifizierten Werke als auch die im Nachlass des Künstlers verzeichneten eigenhändigen Werke lassen erkennen, dass neben Porträt, Allegorie und Historie auch Einfigurenbilder ("tronies") und sogar Stillleben Schwerpunkte in van Everdingens Schaffen gewesen sind. Seine Begabung auf letzterem Gebiet zeigt sich jedenfalls in Historienbildern und Allegorien mit stilllebenhaft arrangiertem Beiwerk.

Die großen Ausstattungsaufträge, beginnend 1641 mit den Orgelflügeln für die Grote oder Sint Laurenskerk in Alkmaar, stehen im Zeichen der Bekanntschaft van Everdingens mit den Maler-Architekten Jacob van Campen und Pieter Post. Dazu gehören insbesondere die Gemälde für Huis ten Bosch und für das Palais Swanenburg in Halfweg, Sitz der zentralen Wasserbaubehörde. Ob sich aus diesem Zusammenwirken der Malerei mit einer von Palladio und Serlio beeinflussten Architektur neue Gesichtspunkte im Hinblick auf die Klassizismusfrage ergeben könnten, bedarf weitergehender Untersuchungen (vergleiche dazu auch den Beitrag von Koen Ottenheym im oben genannten Rotterdam-Frankfurter Ausstellungskatalog). Im Übrigen sind zwei Stillleben mit pseudoantiken Büsten sowie Architekturmotive die einzigen deutlichen Verbindungen zum Formenrepertoire des internationalen Barock-Klassizismus.

Angesichts der großen Fülle an Bild- und Quellenmaterial fällt auf, dass die zeitliche Einordnung undatierter Gemälde sich meist auf mehrjährige Phasen bezieht und auch etliche Zuschreibungen unbezeichneter Gemälde strittig bleiben. Die Ergebnisse und Meinungen bisheriger Autoren werden zwar in angemessener Vollständigkeit referiert, aber Begründungen für das Urteil des Verfassers selbst fehlen allzu oft.

Ikonographische Erläuterungen beschränken sich in der Regel auf knappe Referate und Kommentare publizierter Forschungsmeinungen. Neue Aspekte ergeben sich am ehesten aus den ergiebigen Forschungen zu Auftraggebern und Provenienzen, welche für einzelne Historien konkrete Funktionen, zum Beispiel als "Portrait Historié" nahe legen.

Der Katalog verzeichnet 61 eigenhändige Gemälde und eine Zeichnung van Everdingens, 5 fragwürdige und 43 abgelehnte Zuschreibungen. Quellen, Provenienzen und wissenschaftliche Literatur sind erschöpfend dokumentiert. Alles was über Auftraggeber, Auftragsbedingungen und porträtierte Personen in Erfahrung zu bringen war, liegt in Text, Katalog und Dokumentenanhang vor und ist durch Indices mustergültig erschlossen.

Die Koordination von Katalog und Abbildungen ist leider nicht benutzerfreundlich. Der Katalog sortiert alle erhaltenen Werke umständlich nach Aufbewahrungsorten, was bei Privatsammlungen und Kunsthandel nicht einfach ist, und innerhalb dieser nach Gattungen. Hingegen präsentieren die Abbildungen das Oeuvre in der mutmaßlichen und grobmaschig konstruierten zeitlichen Reihenfolge, wobei aber wieder unterteilt wird: zuerst Historien, Allegorien, Pastoralen und "tronies", danach die Porträts. Da im Gegensatz zu den Historienbildern die meisten Porträts datiert sind, hätten diese zumindest versuchsweise als "Rückgrat" einer Stilchronologie dienen können.

Dass Caesar van Everdingen zu den profiliertesten und originellsten Künstlerpersönlichkeiten der holländischen Malerei des 17.Jahrhunderts gerechnet werden darf, steht innerhalb der Forschung schon seit längerem fest. Die vorliegende Monografie sichert diesen Status und liefert mit Biografie, Oeuvrekatalog und Dokumenten die dringend benötigte solide Ausgangsbasis für weiterführende Untersuchungen zum Maler selbst und zum holländischen "Klassizismus".


Hans-Joachim Raupp