Rezension über:

Ernst Haiger / Amelie Ihering / Carl Friedrich von Weizsäcker (Hgg.): Albrecht Haushofer (= Edition Ernst-Freiberger-Stiftung), Ebenhausen: Langewiesche-Brandt 2002, 159 S., zahlr. s/w-Fotos sowie farbige Ill. u. Faks., ISBN 978-3-7846-0179-3, EUR 39,00
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Rezension von:
Stefan Elit
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Elit: Rezension von: Ernst Haiger / Amelie Ihering / Carl Friedrich von Weizsäcker (Hgg.): Albrecht Haushofer, Ebenhausen: Langewiesche-Brandt 2002, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 12 [15.12.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/12/3584.html


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Ernst Haiger / Amelie Ihering / Carl Friedrich von Weizsäcker (Hgg.): Albrecht Haushofer

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Der Berliner Geopolitikwissenschaftler und Schriftsteller Albrecht Haushofer ist einer breiteren Öffentlichkeit heute allenfalls noch durch seine "Moabiter Sonette" und sein mit diesen verknüpftes Lebensende im Gedächtnis: Haushofer war wegen seiner engen Verbindungen zu den Verschwörern des 20. Juli 1944 gegen Ende desselben Jahres verhaftet worden, und er schrieb die 80 Gedichte während der Haft im Berlin-Moabiter Gefängnis in den wenigen Monaten bis zu seiner Hinrichtung am 23. April 1945. Neben allgemeinen Fragen philosophischer, religiöser und politischer Natur behandelte er in ihnen Gefängnissituation und Todesnähe sowie ganz selbstkritisch seine frühere mangelnde Distanz gegenüber dem NS-System. Noch im Jahr 1945 erregten diese Gedichte die Aufmerksamkeit eines US-Offiziers, der ihre baldige Publikation ermöglichte. [1]

Ein Interesse an Albrecht Haushofer muss sich jedoch keineswegs auf dessen Lyrik im Angesicht der drohenden Ermordung reduzieren. Dafür steht nicht zuletzt der vorliegende, schön ausgestattete Band ein, der sich sowohl an ein breiteres Publikum als auch an die zeitgeschichtliche Forschung richtet. Die Stiftung des Berliner Unternehmers Ernst Freiberger hat ihn initiiert und legt ihn nach dem Vorwort des Stifters (5) als Begleitpublikation zu einer eindrucksvollen Gedenkstele vor, die am 7. Januar 2002, Haushofers 99. Geburtstag, an einem Berliner Spreebogen gegenüber dem Gebäude des Bundesministeriums des Inneren errichtet worden ist. [2]

Was alles die Person Haushofers ausmachte, stellt im vorliegenden Band eine längere biografische Studie des freien Historikers Ernst Haiger vor (7-98), während sich die Germanistin Amelie Ihering dem dramatischen und lyrischen Werk widmet (99-126). Ihrem Beitrag schließt sich zudem ein Faksimile der "Moabiter Sonette" mit Transkription und inhaltlich erläuternden Anmerkungen an (127-150). Es folgt ein kurzer Redetext des Haushofer-Freundes Carl Friedrich von Weizsäcker (151-156). Bei dieser "Ansprache" (151 in margine) handelt es sich sogar um ein historisches Zeugnis, wurde sie doch bereits 1948 in Göttingen anlässlich der Aufführung eines Haushofer-Stückes gehalten. Eine Auswahlbibliografie zu Schriften von und über Haushofer schließt den Band ab (158).

Ernst Haigers biografische Studie trägt den Titel "Albrecht Haushofer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus", und ein solcher Interessenschwerpunkt erscheint angesichts des Schicksals Haushofers ganz verständlich. Haiger fokussiert jedoch seine Untersuchung keineswegs nur auf diesen Kulminationspunkt der Haushoferschen Vita. Vielmehr richtet Haiger sein Augenmerk auch ganz ausführlich auf den konservativen Bildungsbürger, Wissenschaftler und politisch Denkenden, wir lernen Haushofer bereits von seiner Jugend in München an kennen und begleiten ihn bis in die Zeit seiner Tätigkeit in der unmittelbaren Nähe von Spitzen des NS-Regimes. Besonders bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass Haushofer, obwohl er 'Vierteljude' war, außenpolitischer Mitarbeiter Ribbentrops und Berater von Heß wurde, durch dessen Unterstützung er in Berlin eine Dozentur für Geopolitik an der neu gegründeten Deutschen Hochschule für Politik sowie schließlich sogar eine Professur für politische Geografie und Geopolitik an der Universität erhielt.

Haigers Interesse besteht dabei in einem sensiblen Nachvollzug eines Lebens- und Erkenntnisweges, der von der Weiterführung der teils prekären geopolitischen Vorstellungen des Vaters (Karl Haushofer) über die kritische Distanz zur Weimarer Republik zunächst zu einer Tätigkeit für Heß und Ribbentrop führte, bei der er immer wieder nur vorsichtig Einspruch erhob. Denn erst 1940 entschied sich Haushofer zu einem echten Widerstand gegen die NS-Herrschaft. Zentrales Bemühen Haigers ist es hier, von der Geschichtswissenschaft geäußerte Annahmen zu hinterfragen, die Haushofer in mehreren Zügen seines Denkens und Wirkens zumindest sehr im Einklang mit dem Nationalsozialismus und Teilen seiner Führung sehen. Dies gelingt Haiger auf sehr eindrucksvolle Weise durch einleuchtende Rekonstruktionen der von der NS-Ideologie doch zu trennenden zeithistorisch bedingten wie persönlichen Auffassungen Haushofers, die einzelne fragwürdige Äußerungen und Verhaltensweisen in ein helleres Licht rücken.

Die Studie Haigers trägt also entgegen einer vielleicht zu erwartenden 'einfachen Würdigung' des Widerständlers Haushofer deutlich mehr die Züge einer verstehenden Annäherung an den kulturkonservativen Bürger und Wissenschaftler eines prekären Faches. Sie ist jedoch hierin nie allzu verständnisvoll oder schlicht apologetisch. Die Persönlichkeit Haushofers tritt vielmehr recht umfassend in all ihren bemerkenswerten und zu hinterfragenden Zügen entgegen und erscheint so als Individuum wie Zeittypus außerordentlich interessant.

Amelie Ihering stellt sodann "Albrecht Haushofers literarisches Werk" auswahlweise vor, beginnend mit einem kurzen Überblick über die überhaupt bekannten (und erhaltenen) Dichtungen Haushofers (99). Ihering widmet sich dann zunächst dem dramatischen Œuvre, bei dem sie sich insbesondere für die politisch-philosophischen 'Römerdramen' interessiert (100-112): Haushofers "Scipio", "Sulla" und "Augustus", entstanden 1934, 1936 und 1939, stellen jeweils sowohl konkrete politische Camouflageliteratur dar als auch allgemeine gesellschaftsphilosophische Kontemplationen, und sie erscheinen als Zeugnisse für das regimekritische Bemühen Haushofers eigentlich nicht minder interessant als die "Moabiter Sonette". Letztere führt Ihering dann jedoch besonders einfühlsam vor [3], indem sie zuerst eine Art Vorspann zu den früheren, oft zeittypisch solipsistischen Gedichten Haushofers liefert (112-114), um dann die literarische wie ethische Stellung der späten Sonette umso deutlicher hervortreten zu lassen und in einem thematischen Durchgang gruppenweise zu würdigen (114-126).

Literaturwissenschaftlich mag dabei die 'objektive' literarische Leistung dieses recht umfänglichen Gedichtzyklus nicht überragend erscheinen (ein weitergehender zeitgenössischer Vergleich würde dies sicherlich noch deutlicher zeigen). Die Texte können jedoch allein durch Entstehungsumstände und die mit ihnen verbundene reflexive Entwicklungsleistung sehr bewegen. Ein ganz intensiver Eindruck von diesen 'Gedichten aus der Todeszelle' stellt sich sodann durch das beigegebene Faksimile des Autoskripts ein, das unmittelbar an den Entstehenskontext gemahnt.

Die ferner abgedruckte Ansprache von Weizsäckers über "Albrecht Haushofer und die Jugend" rundet den Band ab, indem sie den zutiefst ethischen politischen Wissenschaftler und Schriftsteller aus direkter Zeitzeugenschaft und Nähe evoziert.

Ziel des erwähnten Haushofer-Denkmals sowie dieser begleitenden Publikation ist es, gemäß dem Vorwort des Stifters Freiberger, "einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Berliner und der nationalen Geschichte [zu] leisten" (5). Dies erreicht der vorliegende Band ganz vorzüglich, indem er einen Einzelfall und die mit ihm korrelierte bürgerliche Kultursphäre sowie ausschnittsweise auch allgemeinere Zeitgeschichte anschaulich präsentiert.

Anmerkungen:

[1] Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette, Berlin 1946 (u.ö.).

[2] Weiteres zu dieser Stiftung und ihren historischen Interessen vgl. unter http://www.freiberger-stiftung.

[3] Vgl. ferner Amelie von Graevenitz: Albrecht Haushofers Moabiter Sonette, Magisterarbeit (masch.) Univ. Augsburg 1997.


Stefan Elit