Rezension über:

Hans Belting: Hieronymus Bosch. Garten der Lüste, München: Prestel 2002, 126 S., 71 Abb., ISBN 978-3-7913-2644-3, EUR 39,95
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Rezension von:
Stefan Fischer
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Dagmar Hirschfelder
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Fischer: Rezension von: Hans Belting: Hieronymus Bosch. Garten der Lüste, München: Prestel 2002, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 12 [15.12.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/12/3205.html


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Hans Belting: Hieronymus Bosch

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In der Rangliste der meistinterpretierten Kunstwerke der westlichen Kunstgeschichte liegt der "Garten der Lüste" (Madrid, Prado) von Hieronymus Bosch (zirka 1450-1516) auf einem der obersten Plätze. Besonders erstaunlich ist, wie viele neue und meist heterogene Ansätze zur Deutung dieses Triptychons immer wieder gefunden werden und wie wenig es tatsächlich, etwa ikonographisch, erforscht ist. Hatte Belting in seinem voluminösen Buch über die altniederländische Malerei [1] den "Garten der Lüste" noch eher vorläufig als gemalte Poesie charakterisiert, so versucht er nun, diese Interpretation durch Kontextualisierung fortzuführen und zu vertiefen. Zu diesem Zweck zieht er einerseits Boschs Œuvre heran, andererseits das im Zeitalter der Humanisten und Weltentdecker neu entstehende Konzept der Utopie beziehungsweise die Vorstellung vom irdischen Paradies, wie sie sich in exotischen Tiergärten manifestierte.

Auf den ersten Blick fallen die ausgezeichneten Reproduktionen auf, die weit über die Hälfte von Beltings Buch einnehmen. Darunter findet man nicht nur eine Falttafel mit dem frisch restaurierten "Garten der Lüste" nebst vielen Detailaufnahmen, sondern auch ein Dutzend weitere Werke Boschs sowie Porträts und Darstellungen des Parks des Statthalterpalastes in Brüssel, wo Boschs größtes Triptychon 1517 erstmals nachgewiesen werden kann. Gegenüber dieser opulenten Bebilderung fällt der Textteil deutlich ab. Belting gibt zwar viel angelesenes Wissen wieder, das primär aus dem Katalog der Rotterdamer Ausstellung von 2001 stammt, die wirklich wichtigen Forschungen zu Boschs Kunstwerken sind ihm aber offensichtlich nicht vertraut. Man wird den Eindruck nicht los, dass hier eine simple, und wie zu zeigen ist, unhaltbare These, zu einem prächtigen Bildband aufgeblasen wurde.

Zunächst stellt Belting den "Garten der Lüste" Tafel für Tafel vor. Die Außenansicht zeigt die Welt vor der Erschaffung der Menschheit. Links oberhalb der riesigen Weltkugel thront Gott, dessen Gestus Belting als einen "ungewöhnlich schüchternen Schöpfungsbefehl" interpretiert, "als entglitte ihm bereits die geschaffene Welt" (21f.) Weiter schreibt der Autor: "Er trägt eine Bibel auf den Knien, als brauchte er ein Drehbuch" (22). Einen derart schwachen und hilflosen Gott darzustellen, wäre, wenn überhaupt ein Maler zu Boschs Zeiten auf die Idee gekommen wäre, sicherlich als Ketzerei gewertet worden. Hier zeigt sich neben der Unkenntnis des aktuellen Forschungsstandes ein weiterer Schwachpunkt. Belting versucht sich der Bildwelt Boschs anzunähern, indem er sich auf seine Kunstkennerschaft verlässt und im Plauderton seine subjektiven Eindrücke schildert. Dabei wirft er törichterweise jegliches kunsthistorische Rüstzeug als Ballast über Bord. Dass Boschs Leistung darin liegt, den Gegensatz zwischen Schöpfer und Schöpfung, Geist und Materie, Wort und Fleisch ins Visuelle zu übersetzen, also die Welt als das Materielle auf der Bildfläche auszubreiten und Gott nur mittels einer bildhaften Formel zu repräsentieren, kommt ihm nicht in den Sinn.

Als zweites folgt die linke Innentafel. Bosch malte hier die Erschaffung der Tiere und des Menschen, die in der Paradieshochzeit Adams und Evas gipfelt. Belting weist auf die Vielzahl exotischer Tiere hin, die im Zeitalter der Weltumsegler das Publikum besonders interessiert haben dürften. Die rechte Innentafel zeigt eine der faszinierendsten Höllenlandschaften, die je gemalt wurden - erinnert sei nur an den riesigen hybriden "Baummenschen" im Zentrum der Tafel. Der Autor übernimmt die antiklerikal-ketzerische Deutung Wilhelm Fraengers [2] und dessen Behauptung, der Klerus sei hier besonders ausgiebig dargestellt, woran eine antikirchliche Haltung Boschs fest zu machen sei. Diese Aussage erstaunt angesichts hunderter Figuren, von denen nur etwa sechs anhand von Kleidung und Attributen als Geistliche identifiziert werden können.

In der Frage der Interpretation der Mitteltafel, die Generationen von Forschern beschäftigte, schlägt sich Belting auf die Seite der Vertreter einer positiven Deutung, die er irrtümlich für den Forschungskonsens hält. Da auf der linken Innentafel der Sündenfall nicht dargestellt ist, nimmt der Autor an, dass die Menschheit auf der Mitteltafel in einem Zustand dargestellt sei, in dem sie gelebt hätte, wenn Adam und Eva nicht sündig geworden wären. Diese Vorstellung findet sich bei Theologen des Spätmittelalters und selbst noch bei Martin Luther. Sie ist innerhalb der Bosch-Forschung keineswegs neu, wie Martin Warnke in einem Artikel behauptete [3]. Bereits der bedeutende Bosch-Quellen-Forscher Pater Gerlach schloss seine Auslegung in diesem Sinne [4] und ausführlich erläuterte dies auch Jean Wirth, der schon den Utopie-Begriff benutzte [5].

Eine positive Deutung der Mitteltafel ist jedoch ausgeschlossen. Verwunderlich ist, dass Belting Paul Vandenbroecks zweiteilige sehr ausführliche Untersuchung im Antwerpener Museums-Jahrbuch (1989/90) im Literaturverzeichnis aufführt, daraus aber keine Konsequenzen zieht. Denn Vandenbroeck zeigt, dass die Mitteltafel ein falsches Paradies darstellt und außerdem deutlich auf das nicht fiktionale, sondern historische Thema der 'Menschheit vor der Sintflut' verweist. Auch Figuren und Strukturmerkmale, die verkehrte-Welt-Vorstellungen transportieren, sowie die Symbolik der nackten Körper und ihrer ausgelassenen Handlungen weisen auf eine satirisch-moraldidaktische Bildwelt hin. Diese findet sich in den Drolerien (auch im Kirchenraum!) und der Gebrauchsgrafik des 14. bis 16. Jahrhunderts und führt die Aspekte Wollust, Frauenmacht und Torheit vor Augen. Die Mitteltafel kann daher kaum die Menschheit vor dem Sündenfall darstellen. Besonders ärgerlich ist, dass Belting mehrfach behauptet, der "Garten der Lüste" hätte wegen seiner Verherrlichung der Ehe und der körperlichen Liebe vor der Inquisition versteckt werden müssen. Boschs Triptychon widerspricht aber keineswegs den damaligen Normen bezüglich der (Darstellung von) Sexualität.

Doch wenden wir uns dem Kontext zu, den der Autor so farbenfroh schildert. Als Auftraggeber des "Gartens der Lüste" gilt der in Brüssel residierende Statthalter Heinrich III. von Nassau. (Irritierenderweise schreibt der Klappentext diese Identifizierung, die schon Jan Karel Steppe und Ernst Gombrich erbrachten [6], Belting zu). Sein humanistisches und der Welt zugewandtes Interesse spiegelt sich in der kunstsinnigen Ausstattung des Brüssler Palastes und dem angrenzenden "paradiesischen" Coudenberggarten mit seinen Tiergehegen. Nach Beltings Einschätzung passt der "Garten der Lüste" mit seiner angeblich verklärenden Thematisierung von Paradies, Exotik und Erotik genau in diesen (exquisiten) höfischen Kontext. Genauso kurzgeschlossen ist der Bezug zum Utopie-Konzept des Thomas Morus. Was Bosch und Morus' Hauptwerke verbindet, ist nicht das Utopische, sondern das Satirische. Boschs Triptychon ist eine 'negativ-didaktische' Satire in einem eschatologischen Rahmen, ein Konzept wie es in der niederländischen und deutschen Literatur des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit zu finden ist. Morus hingegen verfasste unter Rückgriff auf die Antike eine 'positiv-didaktische' Satire, die an Stelle einer Parodie ein Ideal setzt.

Beltings Ausführungen erhellen zwar den Zeitgeist des beginnenden 16. Jahrhunderts, verfangen sich jedoch in Annahmen und Zirkelschlüssen und tragen zur Interpretation des "Gartens der Lüste" wenig bei. Daran ändern auch schillernde Begriffe wie Poesie, Fiktion und Utopie nichts.

Anmerkungen:

[1] Hans Belting / Christiane Kruse: Das Bild vor dem Zeitalter der Kunst, München 1990.

[2] Wilhelm Fraenger: Hieronymus Bosch: Das Tausendjährige Reich, Coburg 1947.

[3] Martin Warnke: Geliebter Alptraum, in: Die Zeit, Nr. 38, 13.9.2001, 42.

[4] Gerlach, in: Roger H. Marijnissen: Das Problem Hieronymus Bosch, Genf 1972.

[5] Jean Wirth: Hieronymus Bosch. Garten der Lüste: Das Paradies als Utopie, Frankfurt 2000, ist die an ein breiteres Publikum gerichtete Überarbeitung von: Jean Wirth: Le Jardin des Délices de Jérôme Bosch, in: Bibliothèque d'Humanisme et Renaissance, 50 (1988), 545-585.

[6] Jan Karel Steppe: Jheronimus Bosch: Bijdrage tot de historische en ikonographische studie van zijn werk, in: Jheronimus Bosch: Bijdragen, Eindhoven 1967, 5-41, hier 11; Ernst H. Gombrich: The Earliest Description of Bosch's "Garden of Delight", in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 30 (1967), 403-406.


Stefan Fischer