Rezension über:

Thierry Greub (Hg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen. Eine Einführung in die Methoden der Kunstgeschichte, 2001, 293 S., 53 Abb., ISBN 978-3-496-01234-4, EUR 24,90
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Rezension von:
Sabine Poeschel
Institut für Kunstgeschichte, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Poeschel: Rezension von: Thierry Greub (Hg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen. Eine Einführung in die Methoden der Kunstgeschichte, 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 10 [15.10.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/10/3503.html


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Thierry Greub (Hg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen

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Um es gleich zu sagen - der Untertitel ist doch etwas zu hoch gegriffen und die Ankündigung auf dem hinteren Buchdeckel, "am Beispiel eines einzigen Werkes die zentralen kunsthistorischen und geisteswissenschaftlichen Interpretationen deutlich" machen zu können, schränkt auch den Anspruch einer Einführung in die Methoden der Kunstgeschichte erheblich ein. Die Diskussion inhaltlicher und formaler Fragen, die das für Philipp IV. von seinem Hofmaler Diego Velázquez gemalte "cuadro de la familia" aufwirft, und die grundsätzliche Frage, ob das Bild die Realität wiedergebe oder ein rein künstlerisches Konstrukt sei, sollen anhand von 15 Aufsätzen vorwiegend aus den 80er und 90er-Jahren beleuchtet werden. Alle Texte liegen in deutscher Übersetzung, die zum Teil vom Herausgeber verfasst wurde, vor.

Interpretationen höchst unterschiedlicher Art, die natürlich auch auf diverse Methoden und ihre Probleme zurückzuführen sind, wurden bereits vielfach zusammengestellt und Greub erwähnt die Problemfälle von Giorgiones "La tempesta" und Manets "Bar aux Folies-Bergères". Er bemerkt auch, dass es zum Bild Manets eine ähnliche Anthologie gebe, nicht aber nennt er die Textsammlung zu dem vorliegenden Bild, nämlich Fernando Mariás: Otras Meninas, Madrid. Editiones Siruela 1995, eine Aufsatzedition, in der immerhin acht der 15 von Greub publizierten Texte mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen - Stilkritik, Ikonographie, Ikonologie, Strukturanalyse, Sozialgeschichte, Kunsttheorie - bereits zusammengestellt waren. Diese in spanischer Sprache publizierte Anthologie ist lediglich in der Bibliografie vorangestellt. Das Konzept des Buches geht somit nicht auf den Herausgeber zurück.

Greub geht in seiner Einleitung von Martin Warnkes Eintrag in dem Band zur Kunst des 17. Jahrhunderts der Propyläen Kunstgeschichte von 1970 aus, der in der Knappheit eines Katalogbeitrages die formalen und inhaltlichen Probleme der Meninas anspricht. Diese werden pointiert von Greub weiter verrätselt, auch die Bestimmung der Gattung des Bildes verklausuliert, dabei ist die Gattungsüberschreitung in der Barockmalerei keine Besonderheit, wie beispielsweise Rubens Medici-Zyklus und Rembrandts Nachtwache deutlich machen. Die Meninas gar als "amplifiziertes Genrebild" oder "Stilleben mit Figuren" zu bezeichnen, wenn auch nur als polemisierendes Zitat, grenzt an baren Unsinn, der Probleme aufwerfen will, die gar nicht existieren. Die fünf Fragen an das Bild, die der Herausgeber formuliert, sind keineswegs die einzigen Aufgaben, die das Bild dem Interpreten stellt, auch ergeben sie sich nicht aus der Einleitung, wie etwa die Bestimmung der Gattung, und schließlich führen sie auch nur teilweise zu den nachfolgenden Beiträgen.

Seltsam altertümlich wirkt die Polarisierung der Fragen nach dem Realitätsgehalt beziehungsweise Kunstgehalt der Meninas, die auf einem "goldenen Mittelweg" ausgewogen werden sollten, so Greub. Analysen von Form und Inhalt sind heute keine Methodengegensätze mehr und die Kritik von Svetlana Alpers an der rein inhaltlichen Erforschung von Bildern ist reichlich angejahrt, wie auch anderseits die ikonographische Methode Erwin Panofskys, die in der Einleitung wie in der Vorrede zum Beitrag von Jan Amelung Emmens dargelegt wird. Die Begriffe Ikonographie und Ikonologie ersetzt Greub durch "Bildbezüge" und "Bildstruktur", die Methode wird um Imdahls Ikonik erweitert, welche der Verfasser als Bildwelt bezeichnet. Der Kanon der von Greub dargelegten Methoden ist reichlich bekannt, stützt er sich doch auf Hans Beltings Kunstgeschichte, eine Einführung von 1985, für eine Änderung der Terminologie besteht kein Bedarf. Wer allerdings eine Einführung zu den neueren Methoden der Gender Studies oder New Art History erwartet, sucht in dem Band vergeblich, auch die erwartete Konfrontation mit der Methodendiskussion der Literaturwissenschaftler und Kritik an den in dieser Hinsicht passiven Kunsthistorikern bleibt aus.

Das Ziel einer sich selbst generierenden Methode, also die Kunstwerke selber ihre Methoden und Deutungen hervorbringen zu lassen, so der Herausgeber, kann nicht in einem idealen Interpretationsvorgehen liegen. Kunstwerke, gerade die von hohem Rang, fordern jede Generation von Interpreten aufs Neue, wie das Beispiel der Meninas eindrucksvoll zeigt. Andernfalls hätte man die Diskussion über Michelangelos Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle längst einstellen können, wie es Carl Justi im Jahre 1900 forderte.

Die Qualität von Greubs Buch liegt weniger in der Einleitung des Buches und der Methodenfrage generell als in den Kommentaren zu den Beiträgen. Die Forschungsleistungen werden gegeneinander abgegrenzt, miteinander verbunden und in einen Traditionsstrang gestellt. Wundert man sich eingangs, warum die Studien nicht in eine chronologische Abfolge gestellt sind, so wird die Anordnung im Bezug auf die methodische und inhaltliche Fragestellung deutlich. Auch die Aufnahme der literarischen Beiträge von Fernando Arrabal und Cees Noteboom erscheint als weitere Möglichkeiten der Annäherung an das Bild sinnvoll. Das breite Spektrum der Methoden wird jetzt deutlich und die jüngsten Beiträge sind von exemplarischer Gegensätzlichkeit: Während Wolfgang Kemp für seine Reflexionen über die Kontextbedingungen der Malerei Velázquez' Bild eigentlich nicht mehr braucht, gräbt Manuela Mena Marquéz im Material und stützt ihre inhaltliche Interpretation auf technische Ergebnisse. Auf die Grenzen der Methoden und auch Fehler der Ergebnisse macht der Herausgeber aufmerksam, ohne dabei kleinlich Details zurechtzurücken, er weist auf weiterführende Diskussionen und ergänzende Beiträge hin. Es grenzt jedoch an Vermessenheit, Carl Justi als Märchenerzähler zu bezeichnen.

Bei der oft penetrant belehrenden Diktion des Herausgebers, der durch Kursivschrift, Großbuchstaben und Übersetzungen (griechisch: meta-hodós) Klarheit der methodischen Schritte zu erzielen sucht, sollten sich keine deutlichen Unsicherheiten einschleichen. Bildgrößen werden immer noch in Zentimetern und nicht in Metern angegeben, "capricho" ist im 18. Jahrhundert allenfalls in Spanien noch ein "relativ junger Begriff", Vasaris "capriccio" jedoch seit 1550 eine feste Größe im kunsttheoretischen Vokabular. Gerade in einer Einführung sollte die Schreibweise eines Bildtitels durchgehalten werden, selbst wenn im Artikel Michel Foucaults, der natürlich nicht fehlen darf, das Werk des Velásquez "Las meniñas" heißt. Diese Schreibweise bleibt unkommentiert auch im Beitrag von Noteboom. Ist das ein Tippfehler, sprachliche Unkenntnis oder Nachlässigkeit, ein Fehler von Noteboom oder von Greub? Ein wahrer Lapsus ist es allerdings, wenn in einer Einführung in die Methoden der Kunstgeschichte ein Standardwerk falsch zitiert wird, so heißt Svetlana Alpers "Art of Describing" in der deutschen Übersetzung "Kunst als Beschreibung" und nicht "Kunst der Betrachtung".

Das Buch ist als eine Anthologie über das Bild von Diego Velázquez und die methodischen Moden der drei Jahrhunderte seiner Fortuna critica von hohem Interesse für die Studiosi der spanischen Malerei und auch für Theoretiker des Faches. Als Einführung in die Methoden der Kunstgeschichte eignet es sich weniger, da die Beiträge wohl exemplarisch sind, das theoretische Konzept jedoch mit Ausnahme der Ikonographie Panofskys nicht als methodische Anleitung dargelegt wird.


Sabine Poeschel