Rezension über:

Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918-1944 (= Südosteuropäische Arbeiten; Bd. 111), München: Oldenbourg 2001, 497 S., ISBN 978-3-486-56585-0, EUR 64,80
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Rezension von:
Guido Hausmann
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Guido Hausmann: Rezension von: Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918-1944, München: Oldenbourg 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 10 [15.10.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/10/3264.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina

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Die mit dem Preis der Südosteuropa-Gesellschaft ausgezeichnete Habilitationsschrift der Berliner Osteuropahistorikerin Mariana Hausleitner zeigt, wie wertvoll kritische historische Osteuropaforschung heute ist. Die Autorin historisiert die Versuche der aktuellen rumänischen und ukrainischen Geschichtswissenschaft, die Bukowina als nationale Geschichtslandschaft zu entwerfen, führt Nationalisierungsversuche auf spezifische soziale und politische Konflikte zurück und weist auf die Auswirkungen der Ethnisierung sozialer Konflikte hin: auf die Zerstörung einer gewachsenen bukowinischen Multikulturalität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Historische Akteure und Leidtragende waren in diesem ehemaligen habsburgischen Kronland in der Zwischenkriegszeit Rumänen (34%), Ukrainer (40%), Juden (13%), Deutsche (8%), Polen, Zigeuner und andere. Im Unterschied zu anderen multikulturell geprägten Gebieten Rumäniens wie Siebenbürgen oder Bessarabien gab es dabei in der Bukowina den höchsten Anteil von Nichtrumänen (59%). Die Rumänen sahen ihre nationale Situation nach dem Ersten Weltkrieg als gefährdet an, da die Schutzverträge der Pariser Friedenskonferenz die Gleichberechtigung der Minderheiten festgelegt hatten, was weitreichende Auswirkungen auf eine Region wie die Bukowina hatte. De facto wurde mit dem Verweis auf 'historische Rechte' eine Politik der 'Rumänisierung' verfolgt, die die nichtrumänische Bevölkerung entrechtete und benachteiligte. Überzeugend stellt Hausleitner heraus, dass das bereits lange vor 1918 (etwa von Ion Nistor) vorgetragene, gegen die ukrainische Bevölkerung gerichtete rumänische Argument eines unterschiedlichen Ansässigkeitsverhältnisses ("Theorie der Bodenständigkeit" 52), demzufolge die Bukowina vor 1775 ein "rumänisches Land" gewesen sei, die Chancen für einen multikulturellen Weg in die Moderne von vorne herein beeinträchtigt und bedroht hat. Dabei geht die Autorin davon aus, dass sich insgesamt für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg durchaus von einem gelungenen multikulturellen bukowinischen Modernisierungsprojekt sprechen lässt.

Die gewählte weite Perspektive bezieht nicht nur die Gebildeten, sondern verschiedene soziale Gruppen ein, vor allem auch die Arbeiterbewegung. Allerdings war diese im noch eindeutig agrarisch geprägten (1930 fast 80% bäuerliche Bevölkerung) Großrumänien der Zwischenkriegszeit nur schwach entwickelt. Die Landfrage hatte somit zentrale Bedeutung. Der 1786 gegründete griechisch-orthodoxe 'Religionsfond' blieb über die Aufhebung der Leibeigenschaftsordnung hinweg bis ins 20. Jahrhundert hinein der größte Landbesitzer in der Bukowina und diente, von Rumänen dominiert, auch als nationales Instrument.

Die Universitätseröffnung in Czernowitz 1875 aktivierte die bis dahin marginalen Nationalbewegungen. Nationalbewusste Rumänen sahen sich in einem Abwehrkampf gegenüber Ukrainern und Juden, vor allem sahen sie die Entwicklung einer 'eigenen' Mittelschicht durch aus Galizien einströmende Juden bedroht ("Verdrängungstheorie", 49), obwohl doch gleichzeitig auch ein breiter Verarmungsprozess innerhalb der jüdischen Bevölkerung einsetzte. Hier sieht Hausleitner Entwicklungen, die im 20. Jahrhundert weiterwirken sollten. Denn nach der Geburt des neuen rumänischen Staates 1918-1920 setzte unter Führung der Nationalliberalen Partei (PNL) eine zielgerichtete Rumänisierung ein: Die kulturellen Institutionen der Ukrainer (zum Beispiel das ukrainische Gymnasium in Czernowitz, die ukrainische Presse) wurden angegriffen und teilweise aufgehoben, die Czernowitzer Universität rumänisiert, die Bodenreform von 1921 begünstigte rumänische Großbesitzer und benachteiligte die ukrainischen Kleinbauern, das in entscheidenden Passagen unklare Staatsbürgerschaftsgesetz von 1924 grenzte viele Ukrainer und Juden aus (124), Alexandru C. Cuzas neu gegründete nationale christliche Partei ('Liga zur national-christlichen Verteidigung') setzte sich für einen Numerus clausus für jüdische Studenten an den rumänischen Universitäten ein (zumal in Jassy), Ausschreitungen gegen Juden häuften sich. Die Minderheiten, zumal die Ukrainer und die Juden, reagierten auf die Situation mit Petitionen an den Völkerbund sowie mit politischer Selbstorganisation. Die Arbeiterbewegung war zwar multikulturell, blieb aber noch schwach. Insgesamt prägten Zentralisierung und eine 'Verstaatlichung' gesellschaftlicher Bereiche die 1920er-Jahre.

Auf eine mehrjährige Phase gewisser Liberalisierung zwischen 1928 und 1933 folgte im Gefolge der tiefgreifenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise bis zur Aufhebung der Verfassung und dem Verbot der politischen Parteien 1938 eine neue Phase der Rumänisierung. Hausleitner stellt hier vor allem die Aktivitäten der 1930 gegründeten rechten 'Liga zur national-christlichen Verteidigung' sowie der nach 1936 stark an Bedeutung gewinnenden, autoritär organisierten, nur kurzzeitig verbotenen 'Eisernen Garde' dar, aber auch die Radikalisierung der Ukrainer unter dem Einfluss der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) sowie die Ausbreitung des Nationalsozialismus unter den Deutschen. Demgegenüber blieb die jüdische Selbstorganisation stark zersplittert.

Nachdem Rumänien im Sommer 1940 Bessarabien und die Nordbukowina an die Sowjetunion abgetreten, der König abgedankt und General Antonescu einen 'Nationallegionären Staat' ausgerufen hatte, beschleunigte sich die Terrorisierung der Bevölkerung und die Entrechtung der Minderheiten, die etwa von der weiteren Einschränkung der Handels- und Publikationsmöglichkeiten für die Juden bis hin zu ihrer massenweisen 'Ausbürgerung' und dem Verlust ihrer Staatsbürgerrechte reichte (328 ff).

Ihre präzise Kenntnis der rumänischen historischen Forschung ermöglicht es Hausleitner immer wieder, auf die Fragwürdigkeit aktueller rumänischer Darstellungen hinzuweisen. So zeigt sie am Beispiel des Verwaltungsgebietes Suczawa (338-340), dass es im Sommer 1940 zu vielfältigen Plünderungen und Mordaktionen gegen Juden durch Rumänen kam, um von massenhaften Desertionen aus der sich aus der Nordbukowina zurückziehenden rumänischen Armee abzulenken. Die deutschen Truppeneinheiten kamen erst im Oktober 1940 nach Rumänien. Gleichzeitig gewann der Irredentismus unter den Ukrainern an Boden, in teilweiser Anlehnung an die Nationalsozialisten und verbunden mit einer antisemitischen Stoßrichtung.

Vor diesem weiten Hintergrund wird der Zweite Weltkrieg als 'Zerstörung der Bukowiner Multikulturalität zwischen 1940-1944' diskutiert, zumindest als deren "endgültige" (347): die Deportation vor allem der vormaligen politischen Elite der Rumänen (etwa 60 000) und Juden und die "Entkulakisierung" durch die sowjetischen Besatzungsbehörden Ende Juni, Anfang Juli 1940, die Sowjetisierung der ukrainischen Institutionen, die Umsiedlung der Deutschen aus der Nord- wie aus der Südbukowina, der Plan der Gettoisierung der Juden von Antonescu Anfang 1941, gefolgt von großen Mordaktionen im Sommer in Jassy. Nach Kriegsbeginn im Sommer 1941 wandelte sich die Politik von Antonescu weg von Willkür und hin zu einer "gnadenlosen Vertreibung", bei der es unter Beteiligung deutscher Einsatzgruppen und ukrainischer Milizen zu Massenmorden und drei Deportationswellen aus der Bukowina und aus Sammellagern in Bessarabien nach Transnistrien kam. Die Auseinandersetzung mit der bukowinischen Geschichte hörte recht bald nach 1945 auf, die Verbrechen an den Juden wurden in den folgenden Jahrzehnten ausschließlich den Deutschen angelastet.

Hausleitner führt die Radikalisierung der jungen Generation seit den 1930er-Jahren vor allem auf eine "stagnierende soziale Entwicklung" (457) zurück. Soziale Lage und sozialer Konflikt konnten aber nur deshalb so explosiv wirken, weil es eine "Kontinuität des Ausschlußdenkens" seit dem 19. Jahrhundert gab (457). Sowohl diese konkrete Argumentation wie auch die Einbettung der Studie in den übergreifenden Kontext eines ursprünglich erfolgreichen multikulturellen Wegs der bukowinischen Modernisierung sind äußerst überzeugend. Als gemäßigte Positionen im 20. Jahrhundert von radikalen Nationalismen abgelöst wurden, ging dieses Modernisierungspotenzial verloren, weil westeuropäische Entwicklungsmodelle und -wege in den ostmittel-, südosteuropäischen Übergangsregionen zerstörerisch wirkten.

Doch lässt sich hier auch in verschiedener Hinsicht kritisch nachfragen: Zentrale Begriffe wie 'Mittelschicht' (sollte man nicht eher von 'Mittelschichten' oder 'mittleren sozialen Lagen' sprechen?) oder Multikulturalität werden nicht hinreichend geschärft. Die Konzentration auf die politischen Entwicklungen im sozialen Kontext lässt weite Lebensbereiche außer acht. Was bedeutete Multikulturalität im vorpolitischen Raum? Wie weit reichten interethnische Kontakte in Dorf und Stadt? Wie drang vor 1939 Politik, wirtschaftlicher und sozialer Wandel in die Lebenswelten der Menschen ein - in Familien oder im Generationszusammenhang? Multikulturalität bleibt so ein kaum kritisch hinterfragter Begriff. Dessen ungeachtet zeigt die vorliegende, auf langjährigen Archivstudien basierende Darstellung in überzeugender Weise die Nationalisierung einer ostmitteleuropäischen Geschichtsregion im 19. und 20. Jahrhundert. Der lange Zeitraum und die zugrunde liegende Fragestellung sollten zu ähnlich gründlichen Darstellungen für andere Geschichtsregionen Ostmitteleuropas anregen. Sie nimmt darüber hinaus in schriftlicher Form die kritische Diskussion mit den Fachkollegen vor Ort auf, die mündlich in den 1990er-Jahren häufig nicht geführt werden konnte und deshalb von manch anderem Historiker bereits aufgegeben wurde.


Guido Hausmann