Rezension über:

Konrad Eisenbichler (ed.): The Cultural Politics of Duke Cosimo I de' Medici, Aldershot: Ashgate 2001, XXI + 262 S., 19 Abb., ISBN 978-0-7546-0267-5, GBP 45,00
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Rezension von:
Matthias Oberli
Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Oberli: Rezension von: Konrad Eisenbichler (ed.): The Cultural Politics of Duke Cosimo I de' Medici, Aldershot: Ashgate 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 10 [15.10.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/10/2193.html


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Konrad Eisenbichler (ed.): The Cultural Politics of Duke Cosimo I de' Medici

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Konrad Eisenbichler, Professor für Italienforschung und Direktor des Centre for Reformation and Renaissance Studies am Victoria College der Universität Toronto, zeichnet als Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes verantwortlich, der gleichsam eine chronologische Weiterführung der 1998 ebenfalls bei Ashgate erschienenen Kongressakten des Warburg Instituts "With and Without the Medici - Studies in Tuscan Art and Patronage 1434-1530" verkörpert. In fünfzehn Beiträgen behandeln in Amerika, Kanada und Großbritannien ansässige Autoren unterschiedliche Aspekte, die zu einem besseren Verständnis der "Kulturpolitik" unter der fast vierzigjährigen Herrschaft von Großherzog Cosimo I. de' Medici (1519-1574, Regent ab 1537) beitragen sollen.

Wie jedoch der Herausgeber in seiner Einleitung deutlich macht, verfolgt die Publikation darüber hinaus noch ein anderes Ziel: Sie entstand aus dem Bedürfnis heraus, das vorwiegend negative Bild Cosimos als Zerstörer der Florentiner Unabhängigkeit, wie es laut Eisenbichler die liberal-republikanische Forschung in Italien und England entworfen habe, zu revidieren. Vielmehr, so schreibt der Herausgeber, trete nunmehr deutlich zu Tage, dass der im zarten Alter von siebzehn Jahren überraschend an die Macht gekommene Herzog ein "unglaublich scharfsinniger, erfolgreicher und sogar mildtätiger Herrscher" gewesen sei, dem es nicht nur gelang, die innenpolitische Krise bei seinem Amtsantritt zu überstehen, sondern der es auch verstanden habe, "die Situation zu stabilisieren, einen sterbenden Staat zu revitalisieren, dessen Territorium zu verdoppeln und eine Dynastie zu etablieren, die während zweihundert Jahren unangefochten herrschte und von ihren Untertanen geliebt wurde [beloved by its subjects]" (XI). Mit diesem politischen und wirtschaftlichen Aufschwung sei auch eine kulturelle Blüte einher gegangen, die maßgeblich von Cosimo I. gelenkt und geprägt worden sei. Einerseits habe der Herzog mit Erfolg einstmals republikanisch gesinnte Künstler in den Dienst seiner Politik und der Glorifizierung seiner Person und seiner Familie zu stellen vermocht, andererseits habe er gezielt die Pflege des toskanischen Idioms in Literatur und Wissenschaften gefördert und dadurch langfristig seiner Heimat die Vorrangstellung in der italienischen Sprache gesichert (XIII).

Manch einen Leser mag angesichts solch euphemistischer Äußerungen Skepsis befallen, ob die angestrebte Image-Korrektur Cosimos I. nicht über das Ziel hinaus schießt. Soll uns hier der despotische Wolf aus dem Hause Medici im Schafspelz der Kulturbeflissenheit präsentiert werden, gleich jenem panegyrischen Hochzeitsbildnis Bronzinos, das den nackten Herzog als Orpheus mit Bratsche zeigt (um 1538-40, Philadelphia Museum of Art) und bezeichnenderweise auch den Umschlag der Publikation ziert? Ist es heutzutage überhaupt noch statthaft, von der "Kulturpolitik" eines einzelnen Fürsten zu sprechen, wo doch alle Welt um den unerhörten Einfluss von Beratern und Vertrauten - und im Fall Cosimos I. besonders auch seiner Gattin Eleonora von Toledo - in solchen Angelegenheiten weiß? Darf man tatsächlich von einer konzeptionellen "Kulturpolitik" im Cinquecento ausgehen, was alles subsumiert eigentlich der Begriff?

Eine Sammelpublikation mit eigenständigen Fallstudien kann natürlich keine schlüssigen Antworten auf solche Fragen geben. Bestenfalls wirft sie aussagekräftige Schlaglichter auf den Herzog und die kulturellen Aktivitäten in seinem Umfeld. Insofern hat der Herausgeber gut daran getan, den Begriff der "Kultur" möglichst weit abzustecken. So sind die einzelnen Artikel in größere Themenkreise wie Innen- und Außenpolitik, Kunstpatronage und Herrscherikonografie, Literaturförderung und poetische Allusion, das Akademiewesen und die Wirtschaftlichkeit der Kunstproduktion eingebettet, und der Band schließt mit einem Beitrag über die Rezeption Cosimos I. im 17. Jahrhundert.

Die ersten drei Beiträge behandeln den rasanten - und zu weiten Teilen selbstverschuldeten - Niedergang der Florentiner Oligarchie und Politprominenz nach Cosimos Amtseinsetzung (Marcello Simonetta), das geschickte Lavieren der Republik Lucca gegenüber dem territoriumshungrigen Florenz (Mary Hewlett) und die geschäftige und prätentiöse Botschaftertätigkeit des Florentiner Kaufmanns Antonio Guidotti in England (Laura E. Hunt). Cosimo I. tritt in diesen Beiträgen kaum als agierende Autorität, sondern vielmehr als Nutznießer der Eigeninteressen seiner individuellen und kommunalen Kontrahenten auf.

Bei den vier nachfolgenden Aufsätzen handelt es sich um kunsthistorische Studien im weitesten Sinne. Das Verfahren gegen Benvenuto Cellini wegen des Vorwurfs der Sodomie wird als Beispiel dafür angeführt, wie ein unliebsamer Künstler mit juristischen Mitteln verfolgt, vom Herzog letztlich mit einem Gnadenakt aber doch noch verschont wird (Margaret A. Gallucci); danach wird in einem Artikel über den ästhetischen und genealogischen Vorbildcharakter des Palazzo Medici-Riccardi für den jungen Cosimo I. und seine späteren Residenzen räsoniert (Roger J. Crum), und eine weitere Studie macht deutlich, wie Vasari mit seinen "Ragionamenti" die eigenen Fresken im Palazzo Vecchio nachträglich auf die Medici überhöht (Paola Tinagli). Der letzte Beitrag dieser Sektion schließlich resümiert die Formeln der Herrscherikonografie, die Giambolognas Reiterstandbild von Cosimo I. anhaften (Mary Weitzel Gibbons). Auch in diesen Beiträgen sind die Person Cosimos und sein eigentlicher "kulturpolitischer" Einfluss für den Leser nur schwer zu fassen; dies umso mehr, als es sich bei den "Ragionamenti" und dem Reiterdenkmal letztlich um zwei postume Unternehmungen zur Verherrlichung des Herzogs handelt.

Einen interessanten und innovativen Part innerhalb der Aufsatzsammlung nehmen die vier Beiträge über das literarische Umfeld des Medici-Hofes ein. Hier werden erstmals im Rahmen der Untersuchung zumindest ansatzweise Züge einer dezidierten "Kulturpolitik" Cosimos I. nachvollziehbar. In besonderem Maße trifft dies auf den Beitrag über die Anwerbung und Verpflichtung des Bologneser Buchdruckers Lorenzo Torrentino zu (Antonio Ricci). Mit rund 260 Editionen nahm die Torrentino-Presse eine Vorrangstellung in der italienischen Bücherlandschaft des 16. Jahrhunderts ein und trug damit wesentlich zur Verbreitung toskanischer Sprache und Kultur bei. Dazu zählen Kommentare und Übersetzungen von Klassikern wie Aristoteles, Vergil und Dante, historische Werke von Giovio und Guiccardini sowie die Erstausgabe von Vasaris "Vite" und Bartolis Volgare-Ausgabe des Architekturtraktats von Leon Battista Alberti. Gleichermaßen aussagekräftig ist die Studie über die forcierte und institutionalisierte Rezeption Dantes mittels der 1542 von Cosimo I. gegründeten "Accademia Fiorentina", die zur Etablierung toskanischer Kultur beitragen sollte (Mary Alexandra Watt). Einen Blick auf das eher private Literaturschaffen in der Arno-Stadt gewähren zwei Beiträge über die Schriftstellerinnen Tullia d'Aragona (Deana Basile) und Laura Battiferra degli Ammanati (Victoria Kirkham). In beiden Fällen sticht freilich eher die zentrale und aktive Rolle, die Eleonora von Toledo im literarischen Ambiente der Stadt einnahm, ins Auge als die verhaltenen Reaktionen ihres Gatten.

Ähnlich desinteressiert erscheint Cosimo I. auch in den beiden Studien über interne Querelen an der "Accademia del Disegno" (Karen-edis Barzman) und über die Denunzierung burlesk-karnevalesker Aktivitäten der privaten "Accademia del Piano" (Domenico Zanrè). Solange er keine unmittelbare Gefahr für seine Machtausübung und Interessen erkennen konnte, sah sich der Fürst offenbar auch nicht veranlasst, einzugreifen. Erst als 1559 konkrete Verschwörungsabsichten aus dem Umkreis der "Accademia del Piano" ruchbar wurden, reagierte der Herzog und ließ die vermeintlichen Anführer kurzerhand hinrichten.

Die beiden letzten Beiträge behandeln die von Cosimo I. wohl primär aus wirtschaftlichen Gründen initiierte Gründung der Tapisserie-Manufaktur am Ospedale degli Innocenti (Philip Gavitt) und die Darstellung seiner Verdienste auf einer achtteiligen Serie barocker Wandteppiche, die ursprünglich die Planeten-Säle im Palazzo Pitti zierten (James Harper). Das Bild-Programm dieser 1653-65 geschaffenen Tapisserie-Folge ist in mancherlei Hinsicht aufschlussreich: Während auf sieben Teppichen die politischen Erfolge Cosimos I. glorifiziert werden, feiert der achte seine "Kulturpolitik", und zwar mit der Darstellung der Errichtung der Uffizien - einer der wohl programmatischsten und aufwändigsten (Kultur-)Unternehmungen des Gran Duca. Doch ausgerechnet diesen Bau, den die direkten Nachfahren als wichtigste kulturpolitische Leistung ihres Ahnen Cosimo I. einstuften, würdigt die vorliegende Publikation durch keine Einzelstudie, obwohl doch gerade hier endlich einmal der Fürst als tatkräftiger Bauherr fassbar gewesen wäre und nicht als Phantom, das durch das methodische Konstrukt einer "Kulturpolitik" geistert.


Matthias Oberli