Rezension über:

Elisabeth von Samsonow: Fenster im Papier. Die imaginäre Kollision der Architektur mit der Schrift oder die Gedächtnisrevolution der Renaissance, München: Wilhelm Fink 2001, 273 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-7705-3574-3, EUR 25,20
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Rezension von:
Sabine Mödersheim
Department of German, University of Wisconsin, Madison, WI
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Mödersheim: Rezension von: Elisabeth von Samsonow: Fenster im Papier. Die imaginäre Kollision der Architektur mit der Schrift oder die Gedächtnisrevolution der Renaissance, München: Wilhelm Fink 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 9 [15.09.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/09/3508.html


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Elisabeth von Samsonow: Fenster im Papier

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In ihrem materialreichen, gelehrten Buch "Fenster im Papier. Die imaginäre Kollision der Architektur mit der Schrift oder die Gedächtnisrevolution der Renaissance" analysiert Elisabeth von Samsonow die charakteristische Transformation der Gedächtniskunst und ihrer Medien, die in Renaissance und Früher Neuzeit in der europäischen Imagination stattfindet. Die zentrale These, dass die Peripatetik in der Abschreitung eines Gedächtnisraumes abgelöst wird durch die Einführung der Schrift, leitet die Untersuchung. Das Ziel ist, "Gedächtnis" nicht als obskures kulturhistorisches Phänomen, sondern als "universale Kategorie", als "tragende logische und anthropologische Konstante" in der Renaissance zu bestimmen, die letztlich deren Bedeutung als Schwellenepoche zwischen Mittelalter und Neuzeit ausmache und umschreibe.

Die Definition von "Gedächtnis" beschränkt Samsonow für den Zweck ihrer Untersuchung auf das kulturelle oder kollektive Gedächtnis und dessen symbolische Grundlagen, hierin Halbwachs und mit Einschränkungen Jan Assmann folgend. Ihre Untersuchung zeigt unter anderem, wie in den Renaissancetraktaten zur Memoria und Mnemotechnik die Einführung der Schrift als Orientierungsprinzip und "Gedächtnisprozessor" das alte, überlieferte Architekturmodell ablöst. In diesem wurden die Plätze in einem Raum oder Haus als Marker für memorierte Sachen besetzt, während in einer neuen Ordnungsfigur diese Topoi zunehmend auf das Papier und in Texte verlagert und überführt werden. Wo diese beiden Systeme oder Modelle aufeinander treffen und kollidieren, transformieren sie Imagination und Wahrnehmung.

Der Übergang von der fiktiven Raumvorstellung als Methode der Mnemotechnik zur Inschrift oder Aufschrift, wobei mnemotechnische Orientierungen vom Raum aufs Papier verlagert werden, kennzeichnet alle wesentlichen Elemente und Erscheinungen der Renaissancekultur. Dieser Prozess der Verschriftlichung findet statt in den alten und neuen Theorien der Welterklärung und Weltentzifferung von der Kryptographie bis zur Hypnotheorie und Magie beziehungsweise Kabbala. Der Buchstabe auf dem Papier, das Lesen, also Hand und Auge, lösen das imaginäre Abschreiten eines Raums ab, wenngleich die Architekturmetapher rudimentär auch in dieser Phase überdauert. Das belegt nicht zuletzt die paradox anmutende Vorstellung vom "Fenster" im Papier - ein Zitat aus Petrus Tommais "Phoenix seu artificiosa memoria", das Samsonow im Titel ihres Buches verwendet.

Topiken - als Orte in einer Ordnung definiert - werden ersetzt durch die alphabethischen Reihenfolgen des Lexikons. Alles wird zur Schrift, zum Zeichen, zum Text, der sich in den Ordnungsformen und Figuren der verschiedenen Kulturtechniken "einschreibt". Entzifferung von Geheimschriften und Signaturen in allen Welterscheinungen als "Text", Mnemotechnik und Gedächtnistopologie funktionieren jetzt über die Verbindung von Wörtern, Zeichen und Symbolen in einer kontinuierlichen Logik, nur mit anderen Medien und Denkfiguren.

Samsonow befragt die Kulturtechniken der Renaissance auf ihre "Schriftlichkeit" hin -vergleicht etwa die Anatomie und das Seziermesser mit dem Griffel oder dem Einschneiden der Inschriften in den Druckstock. Hand und Schrift erscheinen als mediale Fortsetzungen des Leibes. Man hätte sich hier eine intensivere Beschäftigung mit den zeitgenössischen Theorien der Sinne sowie eine exaktere Einordnung von "Auge" und "Hand" und ihrem Verhältnis zur "Schrift" in die Hierarchie der Sinne und ihrer Bewertung gewünscht, ebenso eine kritische Befragung der modernen Prämisse von der Dominanz und Privilegierung von Auge und Gesichtssinn (gegenüber dem Ohr und der Hand) auf dem Hintergrund der zeitgenössischen Debatten.

Leider ist unter den die Renaissance charakterisierenden rhetorischen und literarischen Genres die Emblematik nur beiläufig und die zeitgenössische Emblemtheorie gar nicht erwähnt, während doch diese der Renaissance eigene Gattung, die auf der Schnittstelle zwischen Text und Bild angesiedelt ist, konstitutiv für das Verständnis der Epoche ist: Sie bildet ein multimediales Zeichensystem, das auf seine eigene Verfahrensweise verweist und sie sogar zum Thema macht. Vor allem bildet das Phänomen emblematischer Dekorationsprogramme in der Architektur eine exemplarische Demonstration der Transformation des Imaginariums. Im Abschreiten eines emblematischen Bildprogramms nämlich ist die "Kollision" von Architektur und Schriftlichkeit, die Samsonow beschreibt, nicht nur veranschaulicht, sondern geradezu symbolisch repräsentiert. Die Leiblichkeit dieser Erfahrung des Aufeinanderprallens der Medien ist hier selbst in Szene gesetzt. Es ist erstaunlich, dass die Autorin das Potenzial dieser allegorischen "Denkform" mit ihrer Verbindung von Bild, Text und Raumordnung, die zudem zeitgenössisch in vielen Rhetoriktraktaten eine markante Stelle besetzt, und in einem geringeren Maße auch in der Architekturtheorie auftaucht, so krass unterschätzt, dass sie ihr nicht mehr als eine knappe Seite widmet.

Verdienstvoll - und in hohem Maße anregend - ist die Entfaltung der oft kryptischen und esoterischen Bereiche, in denen sich die Transformation des Weltbildes und des "Lesens" dieser Ordnung manifestiert. Angesichts der Fülle des Materials und der verschiedenen Disziplinen und Bereiche, die Samsonow für ihre Untersuchung ausschöpft, wäre ein Sach- und Namensindex hilfreich. Ein ausführlicher Anhang gibt jedoch Auszüge aus wichtigen mnemotechnischen Traktaten in deutscher Übersetzung. Insgesamt ist Samsonows Buch eine anregende kulturhistorische und kulturtheoretische Arbeit, die aus der Fülle der herangezogenen Materialien und zeitgenössischen Texte wertvolle Einsichten gewinnt und für die Kunst- und Architekturgeschichte einen weitgehend unbekannten und unbeachteten Hintergrund philosophischer, theologischer und rhetorischer Literatur erschließt.


Sabine Mödersheim