Rezension über:

Martin Daunton (ed.): The Cambridge Urban History of Britain. Volume 3: 1840 - 1950, Cambridge: Cambridge University Press 2001, XXVI + 944 S., 2 line diagrams 53 half-tones, 31 tables, 8 graphs, 32 maps, ISBN 978-0-521-41707-5, EUR 90,00
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Rezension von:
Marc Schalenberg
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Marc Schalenberg: Rezension von: Martin Daunton (ed.): The Cambridge Urban History of Britain. Volume 3: 1840 - 1950, Cambridge: Cambridge University Press 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 9 [15.09.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/09/2916.html


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Martin Daunton (ed.): The Cambridge Urban History of Britain

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Der dritte Band der "Cambridge Urban History of Britain" widmet sich, auf gleich bleibend hohem Niveau wie die im gleichen Jahr publizierten Vorgängerbände, der Epoche des "urban industrialism", dem guten und gut gefüllten Jahrhundert zwischen der Ankunft von Eisenbahn, Telegraf und Penny Post und dem Durchbruch des automobilen Massenverkehrs sowie neuer, prinzipiell ortsungebundener, aber weiterhin in städtischen Kontexten verankerter Medien. Mit einigem Recht hat man es mithin, wie - nicht nur - Lynn Hollen Lees in ihrem einschlägigen Kapitel ("Urban networks", 59-94) herausstellt, mit einer Zeit zu tun, in der Urbanisierung nicht nur die Vergrößerung einzelner Städte bedeutete, sondern ganz wesentlich deren Einfügung in größere urbane Netzwerke und Verkehrsströme, mit allen daraus resultierenden ökonomischen, ökologischen, politischen und kulturellen Folgen. Die quantitativ wie qualitativ überragende Rolle Londons, der bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges größten Stadt der Welt, für diese Prozesse in Großbritannien wird keineswegs verschwiegen, jedoch immer wieder durch den Hinweis auf das gegenläufige Phänomen einer Persistenz oder sogar Stärkung lokaler und regionaler Identitäten ergänzt.

Ausgeblendet bleiben indes die irischen Städte und diejenigen des britischen Empire, die ja nicht zum Wenigsten vom Austausch mit und von Anweisungen aus London geprägt wurden; die verstreuten Bemerkungen in dem ansonsten sehr verlässlichen Kapitel "Modern London" (95-131), verfasst von dem Geografen Richard Dennis, gelten den Rückwirkungen des Empire auf die Metropole. Fällt die Transfer- beziehungsweise Diffusionsgeschichte also nicht in den Gesichtskreis dieses Bandes, so gibt es zumindest ansatzweise, freilich nicht systematisch, das Bemühen um das Einziehen komparativer Schneisen. So wird sporadisch London mit anderen Metropolen, zumal Paris und New York, verglichen oder werden etwa Grundtendenzen der Wirtschaftsgeschichte britischer Städte und die tendenziell suburbane Bau- und Wohnkultur der Situation in anderen nationalen Gemeinschaften gegenübergestellt (Deutschland, Frankreich; zum Teil auch England im Unterschied zu Schottland). Ausgangs- und Fluchtpunkt der einzelnen Kapitel bleibt indes ganz klar die britische Hauptinsel.

Angesichts der immensen Breite und Tiefe der versammelten Themen seien hier nur einige wenige Punkte herausgegriffen, die in besonderer Weise zum Nachdenken und Nachforschen anregen könnten. Der "Munizipalsozialismus", der seinen Höhepunkt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erfuhr, wird stärker als bislang üblich als Übergangsphase gewertet zwischen einer von Freiwilligenverbänden und traditionellen städtischen Eliten getragenen Kultur privater "self-help" und einer Verstaatlichung auch städtischer Dienstleitungen seit dem frühen 20. Jahrhundert. [1] Durch die Mitberücksichtigung kultur- beziehungsweise wahrnehmungsgeschichtlicher Aspekte ergibt sich ein weniger rational-progressives Bild der Genese der modernen Stadt, als es ältere wirtschafts-, sozial- oder verwaltungsgeschichtliche Studien gezeichnet haben. Hierfür spielen die nur schwer ins Deutsche zu übertragenen Begriffe der "consumption of space" und der "diseconomy" eine zentrale Rolle. Ob man an Bill Luckins Kapitel "Pollution in the City" (207-228) denkt, weit mehr als eine "Umweltgeschichte" im landläufigen Sinne, an Colin Pooleys sowohl inhaltlich als auch konzeptionell brillante "Patterns on the ground: urban form, residential structure and the social construction of space" (429-465) oder an Caroline Ascotts "Representation of the City in the Visual Arts" (811-831): Sie alle verdeutlichen, wie Gewinn bringend Stadtgeschichte Struktur und "agency", objektive Prozesse und subjektive Sinndeutungen zu integrieren vermag.

Die Relevanz der "urban variable", auch und gerade in Zeiten entwickelter Nationalstaaten, wird denn auch vom Herausgeber Martin Daunton in seinem ausführlichen einleitenden Problemaufriss wie in seinem bis in die jüngste Vergangenheit ausgreifenden "Epilogue" differenzierend, aber durchaus programmatisch bejaht (56, 840). Dabei erschöpft sich der Band mitnichten in einer Aneinanderreihung monografischer oder gar stadtbiografischer Kapitel. Vielmehr ist ein für deutsche Leser sicherlich zunächst unkonventionell erscheinender, dezidiert problemgeschichtlicher Zugang gewählt worden, was schon aus der Gliederung des Bandes in 5 "parts" ersichtlich wird: Auf "Circulation" (7 Unterkapitel mit zusammen 200 Seiten) folgen "Governance" (5 Kapitel; 167 Seiten), "Construction" (4 Kapitel; 124 Seiten), "Getting and Spending" (6 Kapitel, 257 Seiten) sowie "Images" (leider nur 1 Kapitel mit 21 Seiten Text).

Innerhalb der einzelnen Kapitel kommen Wirtschafts-, Medizin-, Rechts- und Verwaltungs-, Technik-, Sozial- und Architekturgeschichte, soziologische, geografische, politische und mentale Aspekte von Urbanisierung zumeist wie selbstverständlich zusammen, womit schlagend vor Augen geführt wird, wie sehr Stadtgeschichte quer liegend zu der immer noch gängigen methodisch spezifizierten Annäherung an den Untersuchungsgegenstand diesen selbst in den Mittelpunkt zu rücken vermag, ohne dabei beliebig zu werden. Freilich unterbleiben, wie in den beiden anderen Bänden, eingehende theoretische, begriffliche oder wissenschaftsgeschichtliche Annäherungen an die Stadt und ihre Erforschung. Wenn britischer Empirismus - bis auf einen Beiträger lehren alle beteiligten Autoren an dortigen Universitäten - aber mit derart kompakten und auf ebenso breitem wie aktuellem Forschungsstand basierenden Ergebnissen aufzuwarten vermag, die zudem hervorragend dokumentiert und indiziert sind, hält sich der Verlust in den Augen des Rezensenten in sehr erträglichen Grenzen. Man könnte sich im Gegenzug nur glücklich schätzen, wenn die deutsche Stadtgeschichtsforschung über ein derartiges Handbuch verfügte.

Anmerkung:

[1] Hierzu jetzt auch, im Bestreben um eine vergleichende Perspektive: Uwe Kühl (Hg.): Der Munizipalsozialismus in Europa/Le socialisme municipal en Europe (= Pariser Historische Studien; 57), München 2001.


Marc Schalenberg