Rezension über:

Michael Schwidtal / Armands Gūtmanis (Hgg.): Das Baltikum im Spiegel der deutschen Literatur. Carl Gustav Jochmann und Garlieb Merkel. Beiträge des Internationalen Symposions in Riga vom 18. bis 21. September 1996 zu den kulturellen Beziehungen zwischen Balten und Deutschen (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte; Bd. 181), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2001, 394 S., ISBN 978-3-8253-1216-9, EUR 50,00
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Rezension von:
Hans Graubner
Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Hans Graubner: Rezension von: Michael Schwidtal / Armands Gūtmanis (Hgg.): Das Baltikum im Spiegel der deutschen Literatur. Carl Gustav Jochmann und Garlieb Merkel. Beiträge des Internationalen Symposions in Riga vom 18. bis 21. September 1996 zu den kulturellen Beziehungen zwischen Balten und Deutschen, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/3253.html


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Michael Schwidtal / Armands Gūtmanis (Hgg.): Das Baltikum im Spiegel der deutschen Literatur

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Das Buch versammelt 29 Beiträge eines Symposiums, das im Herbst 1996 unter dem Titel "Fremdwahrnehmung in einer multinationalen Gesellschaft: Die baltische Region im 18. und 19. Jahrhundert" in Riga stattfand. Dieser ursprüngliche Titel bezeichnet die Fragestellung, welche die Mehrzahl der Beiträge bestimmt, genauer als der jetzt gewählte. In der klugen Einleitung Michael Schwidtals wird die Aktualität dieser Fragestellung unter der Überschrift "Wechselseitiger Kulturtransfer" historisch begründet und auf die europäische Integration der baltischen Staaten hin gewichtet. Der Ausdruck "wechselseitig" kennzeichnet freilich mehr eine gegenwärtige Hoffnung als ein Faktum der Vergangenheit. Denn trotz der frühen Entdeckung und Vermittlung von Liedern baltischer Völker nach Westeuropa durch Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder blieb der Kulturtransfer einseitig oder setzte zeitweilig ganz aus, wie der Blick dieses Buches auf die Geschichte der deutschen Dominanz in der baltischen Region sichtbar macht.

Die beiden ersten Sektionen des Bandes sind den Livländern Garlieb Merkel und Gustav Jochmann gewidmet, von denen der erste in der deutschbaltischen Überlieferung bis ins 20. Jahrhundert hinein bekämpft, der zweite überhaupt erst in diesem Jahrhundert entdeckt wurde. Beiden hat sich die Forschung in jüngster Zeit energisch zugewandt. Merkel und Jochmann haben über die Klassik und Romantik hinweg an der Aufklärung festgehalten. Merkel hat aus dieser Haltung heraus mit dem Buch "Die Letten" sein Fanal gegen die ritterschaftliche Leibeigenschaftspolitik geschrieben und gilt in Lettland als Gründungsvater der Nation. Jochmann hat als Aufklärer in Metternichs Deutschland dort publizistisch für die Demokratisierung gekämpft. Wie der Beitrag von Peter König nachweist, gehen Jochmanns Auffassungen zur Sprache und zur Zivilisationsgeschichte wesentlich auf die radikale schottische Aufklärung zurück. Das leuchtet eher ein als die bisherige Rückführung dieser Vorstellungen auf Hamann und Herder, deren Aufklärungskritik mit Jochmanns Ansichten wenig gemein hat.

Die drei folgenden Sektionen dienen im engeren Sinne der Fremdwahrnehmung der baltischen Völker in deutschbaltischer Sprache und Literatur. An der Geschichte der deutsch-dänischen Auseinandersetzungen wird ein Modellfall nationaler Sprachenpolitik vorgestellt (Vibeke Winge), dessen Übertragbarkeit auf die baltische Region noch erprobt werden muss. Erhellend sind die Untersuchungen zur frühen Beachtung deutschbaltischer Provinzialwörter mit ihren multikulturellen Einsprengseln (Dzintra Lele-Rozentāle) und zur Arbeit an der lettischen Sprache und Kultur durch den Pastor Stender, der sie aus deutscher Perspektive zu lenken trachtete (Zigrīda Frīde). Die ablehnende Fremdwahrnehmung der deutschen Herren aus bäuerlich-lettischer Sicht zeigt nachdrücklich Erwin Oberländers Untersuchung der lettischen Dainas. Andere Aufsätze beschäftigen sich mit der Problematik einer Germanisierung der Letten (Guido Straube) oder mit der zwar stereotypen, aber doch unterschiedlichen Einstellung zu den Juden, konkurrierend feindlich in der Handelsstadt Riga, integrierend freundlich auf dem Lande in Kurland (Tatjana Aleksejeva). Imago-typische Klischees über die Esten in der deutschbaltischen Literatur untersucht Liina Lukas. Überlegenheitsgefühl und Existenzangst der deutschen Minderheit verhinderten wirkliche Fremdwahrnehmung: Nach der Revolution von 1905 treten die Esten zwar stärker in den Blick, werden aber nur unter naturmystischen Klischees oder nostalgischer Idealisierung patriarchalischer Verhältnisse erfasst.

In der letzten Sektion des Bandes mit ergiebigen Untersuchungen zur Wahrnehmung der baltischen Völker in deutschen Reiseschriften und Erzählungen fallen Beiträge über ostpreußische Literatur aus dem Grenzgebiet nach Litauen auf, in der eine differenziertere Sicht auf die einheimische Bevölkerung erscheint als in anderen baltischen Regionen. In Romanen von Ernst Wichert (nicht zu verwechseln mit Wiechert) werden die Litauer zwar noch unter dem Gesichtspunkt der Integration in die überlegene deutsche Kultur betrachtet (Claus Altmayer), in den einfühlenden Erzählungen Sudermanns erscheinen sie jedoch als selbstbewusste Individuen, die aus eigener, wertvoller Tradition handeln (Sigita Barniškienė). Das Gegenbild dazu bietet die Untersuchung der deutschbaltischen Dichtungsanthologien des 19. Jahrhunderts (Andreas Schumann). Diese Texte erschöpfen sich in der Nachahmung klassisch-romantischer Muster und sind Ausdruck gefühliger Selbstfeier einer sich abschottenden Oberschicht, die eine nennenswerte Wahrnehmung der Esten und Letten nicht zuließ.

Es lohnt sich, diesen Band genau zur Kenntnis zu nehmen. Den Herausgebern ist ein anregender Einblick in die Forschung zum Kulturtransfer in der baltischen Region gelungen. Die internationale Autorschaft und die methodische Vielfalt umreißen ein zukunftsträchtiges, gemeinsames Arbeitsfeld für die baltische und die deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft.


Hans Graubner