Rezension über:

Andrea Langer / Georg Michels (Hgg.): Metropolen und Kulturtransfer im 15./ 16. Jahrhundert. Prag - Krakau - Danzig - Wien (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa; Bd. 12), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2001, 277 S., 72 Abb., ISBN 978-3-515-07860-3, EUR 50,00
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Rezension von:
Peter Stachel
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Peter Stachel: Rezension von: Andrea Langer / Georg Michels (Hgg.): Metropolen und Kulturtransfer im 15./ 16. Jahrhundert. Prag - Krakau - Danzig - Wien, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/3247.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Andrea Langer / Georg Michels (Hgg.): Metropolen und Kulturtransfer im 15./ 16. Jahrhundert

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Das im Jahr 1996 aus einem Berliner Forschungsschwerpunkt hervorgegangene "Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas" in Leipzig widmet sich in einem interdisziplinären vergleichenden Forschungsprojekt, aus dem bereits zwei einschlägige Sammelbände über "Metropolen im Wandel" und "Funktionen von Metropolen im frühmodernen Staat" vorgelegt wurden, dem bislang eher vernachlässigten Thema der soziokulturellen Entwicklung von urbanen Zentren in Ostmitteleuropa. Der nun vorliegende, elf Beiträge von Autoren aus Deutschland, Polen und Österreich umfassende dritte Band beschäftigt sich mit der Frage des Kulturtransfers zwischen und in Metropolen Ostmitteleuropas, wobei Prag, Krakau, Danzig und Wien als ausgewählte, aber auch weitere urbane Zentren zumindest am Rande berücksichtigt wurden.

Die Herausgeber und der größere Teil der Autoren bedienen sich dabei eines den neueren kulturwissenschaftlichen Methoden entlehnten Instrumentariums an Fragestellungen und methodischen Zugängen, das gerade in Bezug auf die Phänomene ethnischer und kultureller Vielfalt in Ostmitteleuropa sein innovatives Potenzial erweist - so auch in diesem Fall. Unter "Kulturtransfer" - siehe dazu vor allem den einleitenden Methoden-Artikel von Matthias Middell (Leipzig) - wird dabei nicht bloß die Rezeption "westlicher" Kultur im vermeintlich rückständigen östlichen Mitteleuropa verstanden, vielmehr wird das Augenmerk auf die komplexen Prozesse von Rezeption und Adaption gelegt, das heißt, auf die Einfügung neuer kultureller Praktiken in neue soziokulturelle Kontexte und daraus entstehende neue Bedeutungszusammenhänge. Dabei geht es einerseits um Übernahmen und Anpassungen im europäischen und regionalen Rahmen, andererseits aber auch um interne Transferprozesse zwischen höfischem, bürgerlichem, konfessionellem, intellektuellem und künstlerischem Milieu innerhalb einzelner urbaner Zentren.

Das 15. und 16. Jahrhundert bietet sich aus mehreren Gründen in besonderem Maße für einen derartigen Zugang an: Zum einen handelt es sich um eine Zeit kultureller und intellektueller Innovationen, hervorgegangen aus einer neuen Sicht auf das kulturelle Erbe der Antike - eine Entwicklung, die auch auf institutioneller Ebene durch die Gründung gelehrter Gesellschaften und höherer Bildungseinrichtungen wie Universitäten ihren Niederschlag fand. Zum anderen führte die neu entwickelte Kommunikationstechnologie des Buchdrucks gerade im Bereich intellektuellen und kulturellen Austauschs mittelfristig zu einem Mobilitätsschub. Dieser letztere Aspekt wird etwa im Artikel von Karen Lambrecht (Stuttgart) thematisiert, die sich in vergleichender Perspektive mit den Anfängen des Buchdrucks in Prag und Krakau beschäftigt und dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch charakteristische Unterschiede in der Entwicklung aufweist. Jan Pirożyński (Krakau) vergleicht in seinem Artikel die Entstehung des Zeitungswesens in den polnischen Städten und thematisiert dabei in diesem Medium den Übergang von der Handschrift zum Druck sowie die Anbindung der polnischen Städte an den Nachrichtenverkehr Europas.

Andere Texte widmen sich bestimmten sozialen Gruppen und Milieus, die als kulturelle Vermittlungsinstanzen wirkten: So analysiert Heidemarie Petersen (Leipzig) den Einfluss italienisch-sephardischer Kultur auf das polnische Judentum durch am Krakauer Hof tätige jüdische Ärzte, und Andrea Langer (Leipzig) stellt am Beispiel des Wirkens Elisabeths von Habsburg (1436/37-1505) am Hof der Jagiellonen die Bedeutung dynastischer Heiratspolitik für den Kulturaustausch zwischen höfischen Residenzen dar, eine Thematik, die im Beitrag von Karl Vocelka (Wien), der die höfische Festkultur als Phänomen internationaler Kommunikation analysiert, weitergeführt und vertieft wird. Eher traditionell rezeptionshistorisch ausgerichtet sind die beiden den Band beschließenden Texte, die sich mit der Übernahme des Manierismus in Ostmitteleuropa am Beispiel der Architektur und der Malerei beschäftigen.

Wie schon im Fall der erwähnten vorangegangenen Veröffentlichungen ist auch bei dem jetzt vorliegenden dritten Sammelband insbesondere die Ausstattung mit getrennten Orts- und Personenregistern sowie der gleichermaßen informative wie auch ästhetisch ansprechende Anhang mit Illustrationen positiv hervorzuheben.


Peter Stachel