Rezension über:

Bärbel Cöppicus-Wex: Die dänisch-deutsche Presse 1789-1848. Presselandschaft zwischen Ancien Régime und Revolution (= Studien zur Regionalgeschichte; Bd. 16), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2001, 336 S., 1 Abb., ISBN 978-3-89534-316-2, EUR 34,00
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Rezension von:
Holger Böning
Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Holger Böning: Rezension von: Bärbel Cöppicus-Wex: Die dänisch-deutsche Presse 1789-1848. Presselandschaft zwischen Ancien Régime und Revolution, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/2888.html


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Bärbel Cöppicus-Wex: Die dänisch-deutsche Presse 1789-1848

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Die Münsteraner Dissertation versteht sich als regionalgeschichtliche Studie, die eine umfassende Rekonstruktion einer historischen Presselandschaft zum Ziel hat. Der Schwerpunkt liegt bei der Schleswig-Holsteinischen Presse von der Julirevolution bis zur Revolution von 1848 und damit auf einem Zeitraum, während dessen die Presse Instrument einer fortschreitenden Politisierung und Nationalisierung der Bevölkerung war und zunehmende politische Bedeutung gewann. Um 1830 sieht die Autorin den Beginn einer Beeinflussung breiterer Bevölkerungskreise durch eine zunehmend oppositionell ausgerichtete Presse, die das Bestreben nach einer egalitären und rechtsstaatlichen Verfassung publizistisch unterstützte. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Wechselwirkung dieser vormärzlichen Presse mit den Kontroll- und Reglementierungsansprüchen des absolutistischen Staates gelegt.

Das erste Drittel der Arbeit befasst sich mit der "Genese der vormärzlichen Presse" seit etwa 1765 und mit dem gesamten Bereich der in dieser Zeit gültigen obrigkeitlichen Zensurgesetzgebung und -praxis, um mit dem traditionellen Politikverständnis und dessen Einfluss auf die politische Berichterstattung Maßstäbe für die Zeit nach 1830 zu gewinnen. Erst die Herausbildung einer aufgeklärten Öffentlichkeit im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts habe in den Herzogtümern die Voraussetzungen für die Entstehung einer differenzierten Presselandschaft sowie die ideengeschichtliche Basis für die Auseinandersetzung zwischen dem absolutistisch-bürokratischen Obrigkeitsstaat und der nach ungehemmter Entfaltung strebenden Presse geschaffen. Für diesen Zeitraum hält sich die Quellenkenntnis der Autorin in Grenzen, wie Aussagen zum im 18. Jahrhundert angeblich noch nicht klar abgegrenzten Profil von Zeitung und Zeitschrift, zu in den Zeitungen angeblich fehlenden Hintergrundberichten oder zur angeblich in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts [!] beobachtbaren Wandlung der Zeitschrift vom lateinisch geschriebenen Organ der Gelehrten zum populären, unterhaltenden Periodikum der Gebildeten verraten (32, 37). Es ist schade, dass hier Prozesse, die alle bereits im 17. Jahrhundert zu beobachten sind, um ein ganzes Jahrhundert zu spät datiert werden. Auch verschiedene bibliografische Angaben und inhaltliche Charakterisierungen von Periodika entstammen der älteren, oft pejorativ wertenden Forschungsliteratur und sind häufig schlicht falsch. Unverständlich ist es, wenn die berühmten Zeitschriften August von Hennings ständig als "Zeitungen" bezeichnet werden. Auf Autopsie beruhende Informationen hätten leicht in Band 2 der biobibliografischen Handbücher "Deutsche Presse" nachgeschlagen werden können, der bereits 1996 die Periodika in Altona, Wandsbek und Schiffbek verzeichnet. Ärgerlich ist es beispielsweise, wenn eine der innovativen Presseleistungen des 18. Jahrhunderts, die 1745 von Dietrich Christian Milatz begründeten "Wandsbeckischen Zeitungen von Staats- und Gelehrten Sachen", lediglich als den Obrigkeiten auffallendes "ausgesprochen vulgäres Blatt" (38) vorgestellt wird. Dabei hätte die Autorin hier die Hintergrundinformationen und Kommentare finden können, die sie in den gewöhnlichen politischen Zeitungen übersehen hat. Der Verleger Milatz gehörte zu den ersten Zeitungsherausgebern in Deutschland, der sein Blatt nicht nach "dem Geschmack der Gelehrten und Erfahrenen" schrieb, sondern dem Fassungsvermögen "der Einfältigen und geringen Leuthe" genügen wollte, "welche letztere den größten Hauffen in der Welt" ausmachten.

Das Misstrauen, das die einleitenden Kapitel hervorrufen müssen, erweist sich für den zweiten Hauptteil glücklicherweise als unberechtigt. Hier wird der Herausbildung der modernen politischen Tagespresse nachgegangen, hier ist die Kompetenz auf Grund eigener Quellenlektüre deutlich erkennbar, wenngleich zu bemängeln ist, dass die Heranziehung wichtiger Forschungsliteratur höchst zufälligen Charakter hat.

Der besondere Wert der Arbeit liegt darin, dass ihr Schwerpunkt bei jener lokalen Presse gelegt wurde, die das Pressewesen nicht nur in Schleswig-Holstein dominierte. Ausdrücklich wendet sich die Autorin gegen das verbreitete Verdikt, es handele sich hier lediglich um "kümmerliche Wochenblätter". Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und verstärkt am Anfang des 19. Jahrhunderts bildeten sich wöchentlich erscheinende Intelligenzblätter heraus, die durchaus nicht vorwiegend obrigkeitlich-kommerzielle Informationsorgane waren, sondern sich neben den politischen Zeitungen über die sukzessive Ausdehnung ihres Inhalts auf tagespolitische Ereignisse und Themen zu politischen Zeitungen modernen Typs entwickelten und Hauptverantwortliche für eine zunehmende Politisierung und Polarisierung wurden. Hier erwies sich offenbar auch die starke Leserbindung der Intelligenzblätter als förderlich, denn die Herausgeber passten sich mit der Ausweitung von Meldungen, Berichten und Kommentaren zu den aktuellen innenpolitischen Problemen schnell den Publikumserwartungen an. Mehr und mehr wurde die Freiheit der politischen Berichterstattung zu einem Faktor auch des ökonomischen Erfolgs.

Detailliert beschreibt die Autorin nach einem kurzen Abriss zu den politischen Entwicklungen in den Herzogtümern die Gründungen von Periodika zwischen 1830 und 1848, die inhaltliche Politisierung der lokalen Intelligenzblätter, deren Leserschaft und Herausgeber, Presseaufsicht und staatliche Zensurpraxis sowie die unterschiedlichsten Reaktionen von Herausgebern, Verlegern, gesellschaftlichen Gruppierungen und Lesern auf die Pressegängelung. Besonders interessant ist, welche Bedeutung die unter anderem in Petitionen deutlich werdenden Lesererwartungen für die Entwicklung der Presse gewinnen. Intelligenz- und Wochenblätter, die auf die politische Berichterstattung verzichteten und sich auf Anzeigen und Bekanntmachungen beschränkten, verloren ihre Leserschaft; wirtschaftlich erfolgreich waren diejenigen, die nach 1830 dazu übergingen, regelmäßig aktuelle politische Nachrichten zu publizieren. Das "Itzehoer Wochenblatt" beispielsweise brachte es bereits Mitte der Vierzigerjahre auf die beachtliche Auflage von 6000 Exemplaren. Nachdrücklich weist die Autorin somit auf die große Bedeutung hin, die der lokalen Presse und besonders den Intelligenzblättern für die Durchsetzung einer allgemeinen Zeitungslektüre zukommt.


Holger Böning