Rezension über:

Ulrich Reuling / Winfried Speitkamp (Hgg.): 50 Jahre Landesgeschichtsforschung in Hessen (= Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte; Bd. 50), Marburg: Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde 2000, X + 421 S., ISBN 978-3-921254-50-9, EUR 37,00
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Rezension von:
Jürgen Römer
Archiv der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Römer: Rezension von: Ulrich Reuling / Winfried Speitkamp (Hgg.): 50 Jahre Landesgeschichtsforschung in Hessen, Marburg: Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/2871.html


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Ulrich Reuling / Winfried Speitkamp (Hgg.): 50 Jahre Landesgeschichtsforschung in Hessen

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Das Erscheinen des fünfzigsten Jahrgangs des Hessischen Jahrbuchs für Landesgeschichte nahm das in Marburg ansässige Hessische Landesamt für geschichtliche Landeskunde zum Anlass, diesen Band zu einer Bestandsaufnahme zu nutzen. Dazu wurden die Referate einer im September 1999 veranstalteten Tagung zusammengetragen und um einige weitere Texte vermehrt. In der vorliegenden Rezension soll das Hauptaugenmerk auf die Beiträge zur Geschichte des Spätmittelalters und der Neuzeit gerichtet werden. [1]

In seiner Einleitung legt Ulrich Reuling die konzeptionellen Vorstellungen dar, die der Tagung zu Grunde gelegt werden sollten (1-27). Der äußere Rahmen wird durch das heutige Bundesland Hessen vorgegeben, die zeitliche Dimension auf die Jahrzehnte nach 1945 beschränkt. Reuling schildert sodann primär die institutionelle Entwicklung der hessischen Landesgeschichtsforschung, geprägt durch die Staatsarchive, die Universitäten sowie die Historischen Vereine und Kommissionen.

Peter Moraw lässt in seinem Beitrag die landesgeschichtliche Spätmittelalterforschung über Hessen seit 1945 Revue passieren (93-124). Einleitend betont er die Tatsache, dass das Bundesland Hessen keine historische Einheit darstellt. Daher sei es durchaus programmatisch zu verstehen, dass die 1951 erstmals erschienene Zeitschrift den Namen 'Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte' und nicht 'Jahrbuch für hessische Landesgeschichte' erhalten habe. Sieben Punkte benennt Moraw, die die hessische Landesgeschichtsforschung im "Zeitalter enormer Wandlungen des Fachs Geschichte" (94) als äußere Faktoren bestimmt haben. Zunächst seien diese Wandlungen in Deutschland später eingetreten als in anderen Ländern. Zweitens hätten eine gewachsene Mobilität und Kommunikation tiefen Einfluss auf die "Selbstgewissheit" (94) lokaler oder regionaler Forschung gehabt; insbesondere habe sich der Graben zwischen professionalisierter, moderner Hochschul- und eher beharrender außeruniversitärer Heimatgeschichte, deren Wert Moraw betont, vertieft. Zum Dritten sei die territoriale Kleinräumigkeit dafür verantwortlich, dass in Hessen der Vergleich über die Landesgrenzen hinweg seit jeher eine Rolle in der Geschichtsforschung gespielt habe. Hessische Besonderheiten seien nur schwer zu entdecken, und dies habe die Landesgeschichtsforschung nach und nach in gelassener Art und Weise zu akzeptieren gelernt. Viertens sei ein starkes Anwachsen problemorientierter Forschung zu beobachten, die sich eher von Fragen der Überlieferung als von territorialen Verbundenheiten leiten lasse. Nichtsdestotrotz habe Geschichtsforschung aber auch in Zukunft dazu beizutragen, modernes und fachlich qualitätsvolles landesgeschichtliches Wissen zur Verfügung zu stellen. Vor allem die Hochschulinstitute blieben hier weiterhin gefordert. Eng damit verbunden sieht Moraw den fünften Punkt: die politische Dimension von Landesgeschichte, hervorgerufen durch den "historischen Legitimationsbedarf" (96) der Bundesländer. Sechstens hebt Moraw hervor, dass die regionalen Entwicklungsunterschiede Hessens im Spätmittelalter durchaus im europäischen Maßstab zu sehen seien. Schließlich sei Landesgeschichte weder in Hessen noch andernorts isoliert von weiterer historischer Forschung zu betreiben.

Nach einem Blick auf die Gewichtung, die die einzelnen Epochen der Geschichte im Hessischen Jahrbuch finden, betrachtet Moraw dann vier Einzelthemen: Synthesen und Synthesenversuche, Quellenpublikationen sowie wichtige Einzelstudien zu den nördlichen und den südlichen Landesteilen. Er erwähnt besonders die Atlasarbeiten zur hessischen Geschichte, Demandts 'Geschichte Hessens', die "aus einem anderen Zeitalter [...] herüber in die Epoche der Spezialisten" rage (102), die von Schultz und von Heinemeyer herausgegebenen Überblicke der Achtzigerjahre und die Arbeit von Otto Volk über 'Wirtschaft und Gesellschaft am Mittelrhein vom 12. bis zum 16. Jahrhundert'. Demandt und Struck finden wiederum lobende Erwähnung bei der Behandlung der Quellenpublikationen. In einem weiten Überblick beschreibt er dann eine Reihe von monografischen Behandlungen hessischer landesgeschichtlicher Themen des Spätmittelalters. Schließlich formuliert er einige Desiderate an die künftige Forschung.

Ulla Braasch-Schwersmann beschreibt die Entwicklung der hessischen historischen Städteforschung (125-161). Nach einem Überblick über die wissenschaftshistorische Seite ihres Themas wendet sie sich den beinahe zahllosen Einzelbeispielen für das Mittelalter und die Neuzeit zu. Erwähnung findet auch der unter ihrer Leitung stehende Hessische Städteatlas, der die Nachfolge des 1986 vollendeten Atlas zu hessischen Geschichte antreten soll. Bisher ist allerdings noch keine Lieferung erschienen.

Holger Gräf befasst sich unter dem Titel "Dynastien, Territorien und Land" mit Forschungen zur hessischen Frühneuzeit (263-286). Im Zentrum des Beitrags steht eine tabellarische Auswertung der wichtigsten hessischen landeshistorischen Zeitschriften seit 1945. Es lässt sich deutlich erkennen, wie der Anteil mediävistischer Aufsätze seit den 50er-Jahren bis in die 90er-Jahre kontinuierlich zurückging, während im gleichen Zeitraum Beiträge zur Frühneuzeit zunahmen. Seit etwa zehn Jahren ist eine leicht gegenläufige Bewegung festzustellen. Besonders auffallend ist die deutliche Zunahme der Beiträge zum 19. und 20. Jahrhundert. Regionale Besonderheiten lassen sich ebenfalls erkennen: So sind die Nassauischen Annalen bei weitem stärker von der neueren Geschichte geprägt als etwa das Hessische Jahrbuch. Die thematische Ausrichtung der Beiträge zur Frühneuzeit präsentiert sich als recht ausgewogen, lediglich die Themen aus dem Bereich Sozial-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte nahmen kontinuierlich zu, während alle anderen von Gräf definierten Bereiche leichte Verluste zu verzeichnen hatten. Gräfs Beitrag, lesenswert auch wegen der Betrachtung der hessischen Geschichtsforschung im von Kontinuität geprägten Übergang von der NS-Zeit zur Bundesrepublik, lässt deutlich erkennen, in welchem Maß Konjunkturen die wissenschaftliche Produktion geprägt haben und noch prägen.

Mit der Kurhessenforschung im 20. Jahrhundert befasst sich mit Hellmut Seier einer ihrer profiliertesten Vertreter (287-320). Er betont, dass sich die hessische Forschung den spezifischen kleinstaatlichen Gegebenheiten zu stellen hatte und zeigt dies an den drei Problemfeldern Wirtschafts- und Sozialgeschichte, "der strukturkritischen Sicht von Verfassung und Annexion" (288) und der Beziehung von Heimatbewusstsein und Nation. Wie schon im Beitrag von Gräf wird deutlich, wie sehr die Forschung zum 19. Jahrhundert von der Förderung profitierte, die sie durch die verschiedensten Institutionen erfuhr. Die Verfassungsanalyse habe sich verfeinert und sei zur Erforschung von Herrschaft weiterentwickelt worden. Vor allem für die nachrevolutionäre Phase im Anschluss an 1848 seien noch einige Desiderate künftiger Forschung zu erkennen.

Der Leiter des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden, Klaus Eiler, wurde als Gewährsmann für die Rolle Nassaus in der hessischen Landesgeschichtsforschung ausgewählt. (321-332). Er betrachtet Nassau als Gebilde in der Gegenwart, die landeshistorischen Institutionen und Forschungsthemen und -richtungen. Zusammenfassend betont er, dass die nassauische Geschichte innerhalb Hessens wegen des "Identitäts- und Heimatbewusstseins" (331) immer noch eine Sonderstellung einnehme. Vermittlerfunktionen komme dabei vor allem dem Historischen Verein und der Historischen Kommission zu, die das Fehlen einer Landesuniversität auszugleichen hatten.

Hans-Werner Hahn konstatiert am Beginn seines Beitrags über den hessischen Wirtschaftsraum in der neueren Forschung (333-349), dass das Gebiet des heutigen Bundeslandes der Industrialisierung zwar erst recht spät zugänglich geworden sei, es mit dem Rhein-Main-Gebiet jedoch ein Wirtschaftszentrum von europäischer Bedeutung umfasse. Seine Fragestellung war es, zu ermitteln, ob sich die historische Forschung mit diesen Phänomenen in ausreichender Form befasst habe. Auch hier zeigte es sich, dass Fragen der Wirtschaftsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg erst nach und nach eine wichtige Rolle einnahmen. Trotz dieses Zuwachses sei jedoch weiterhin festzustellen, dass eine Gesamtdarstellung der wirtschaftlichen Entwicklung des hessischen Raumes für die beiden vergangenen Jahrhunderte fehle.

Mit den Forschungen zur Geschichte des Judentums in Hessen befasst sich Hartmut Heinemann (351-360). Sein knapper Überblick zeigt eine Einteilung in mehrere Phasen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Judentum seit 1945. Während die ersten fünfzehn Jahre "von einem tiefen Schweigen geprägt" (352) gewesen seien, habe der Auschwitzprozess 1963/65 eine Signalwirkung gehabt, da hier das Schweigen erstmals auch öffentlichkeitswirksam aufgebrochen wurde. In der Folge seien zunächst zeitgeschichtliche Forschungen und Quellenpublikationen entstanden. Diese hätten jedoch noch keine Auswirkungen auf die lokale Forschung gehabt. Dort sei jüdische Geschichte nach wie vor sehr knapp behandelt oder gar totgeschwiegen worden. Etwa 1980 habe jedoch, ausgelöst durch eine neue, persönlich nicht oder wenig involvierte Forschergeneration, ein bedeutender Wandel eingesetzt. Insbesondere die Gedenkfeierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Pogromnacht hätten dazu geführt, dass nun auch vor Ort Zeitzeugen befragt und Quellen ausgewertet worden seien. Die Gründung des Jüdischen Museums in Frankfurt dürfte ebenfalls weit ausstrahlende Wirkung gehabt haben. Seit dieser Zeit erschienen auch auf lokaler Ebene keine Arbeiten mehr, die den Themenkomplex Judentum ausgeblendet hätten. Heinemann betont auch die Rolle der Universitäten und der 1963 gegründeten Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen für die stete Fortentwicklung dieser Forschungsrichtung. Daneben sei die Pflege der jüdischen Friedhöfe, der in der Regel einzigen noch sichtbaren Zeugnisse jüdischen Lebens, in ihrer Wirksamkeit hoch einzuschätzen.

Zusammenfassend ist zu bemerken, dass der Band seinem Ziel, einen Überblick über fünfzig Jahre Landesgeschichtsforschung geben zu wollen, weitgehend gerecht wird. Naturgemäß ist das Niveau nicht aller Beiträge gleich hoch anzusetzen, mancher Autor erschöpft sich doch in der Nennung (all zu vieler) Namen, während anderen ein auch über die Landesgrenzen hinausweisender Vergleich von hoher Warte gelingt. Als Bestandsaufnahme ist der Band für die zukünftige historische und wissenschaftsgeschichtliche Forschung sicher unentbehrlich.

Anmerkung:

[1] Die hier nicht näher behandelten Beiträge sind die folgenden: Claus Dobiat / Egon Schallmeyer, Archäologische Landesforschung; Michael Gockel, Die Franken in Althessen; Horst Wolfgang Böhme, Franken in Althessen - aus archäologischer Sicht; Niklot Klüßendorf, Numismatik und Landesgeschichte; Hans Ramge, Sprachliche Landesforschung in Hessen; Ulrich Schütte, Kunstgeschichte und Landesgeschichte; Siegfried Becker, Volkskundliche Forschung in Hessen 1945-2000; Wolfram Döpp / Alfred Pletsch, Historisch-geografische Siedlungsforschung in Hessen; Winfried Speitkamp, Weimarer Republik und Nationalsozialismus in der hessischen Landes- und Zeitgeschichtsforschung; Walter Mühlhausen, Soll und Haben: Anmerkungen zur Geschichte Hessens nach dem Zweiten Weltkrieg in der Zeitgeschichtsforschung.


Jürgen Römer