Rezension über:

Corinna Franz: Fernand de Brinon und die deutsch-französischen Beziehungen 1918-1945 (= Pariser Historische Studien; Bd. 54), Bonn: Bouvier 2000, 413 S., ISBN 978-3-416-02907-0, EUR 49,00
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Rezension von:
Mareike König
Deutsches Historisches Institut, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Mareike König: Rezension von: Corinna Franz: Fernand de Brinon und die deutsch-französischen Beziehungen 1918-1945, Bonn: Bouvier 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/2863.html


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Corinna Franz: Fernand de Brinon und die deutsch-französischen Beziehungen 1918-1945

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Hervorstechend war seine Mittelmäßigkeit: ein blasser Charakter, wortkarg und unauffällig, ohne Charisma, ohne Standvermögen, ohne bestechenden Intellekt, immer aber voller Eifer und Hingabe. Fernand de Brinon, eine Schlüsselfigur der deutsch-französischen Geschichte der Dreißiger- und Vierzigerjahre, doch immer im Schatten der Großen, immer in der zweiten Reihe.

Corinna Franz zeichnet erstmals ein "Gesamtbild" (9) von Fernand de Brinon vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Beziehungen von 1918 bis 1945, ohne eine umfassende politische Biografie vorlegen zu wollen. Vielmehr will ihre Studie ein "biographischer Beitrag zur Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen" sein. (10)

Mit diesem Anspruch ist die Autorin eigentlich zu bescheiden, und wenn es dem ausgezeichnet geschriebenen Band etwas vorzuwerfen gibt, dann diese Zwitterstellung. Denn es gelingt der Autorin, anhand seiner Artikel und Kommentare das politische Meinungsbild Brinons detailliert im Wandel über die Jahre hinweg zu rekonstruieren und dabei neue Schlaglichter auf seine Persönlichkeitsstruktur zu werfen. Doch über die deutsch-französischen Beziehungen erfährt man nicht viel Neues, und die erläuternden Passagen hätte man sich oft kürzer gewünscht.

In fünf Abschnitten beschreibt Corinna Franz den Weg Brinons vom erfolgreichen Journalisten der 20er-Jahre, der sich vehement für die Einhaltung der Bestimmungen des Versailler Vertrags einsetzte, zu einem Fürsprecher der deutsch-französischen Verständigung, zum geheimen Emissär im politischen Dienst, zum Vizepräsident des Comité France-Allemagne und schließlich zum Ultra-Kollaborateur und letzten Regierungschef Vichy-Frankreichs. Als "tiefen Einschnitt" (11) betrachtet sie dabei das Jahr 1940, in dem Brinon, der bis dahin überwiegend als Journalist tätig war, politischer Amtsträger wurde.

Die Autorin weist nach, dass sich de Brinons Meinungswandel fast immer parallel zur offiziellen französischen Regierungslinie vollzogen. Trat er zunächst für die rigorose Umsetzung des Versailler Vertrages ein, distanzierte er sich nach der Ruhrkrise 1923 von der Politik der Härte gegenüber Deutschland und entwickelte sich zum Fürsprecher einer deutsch-französischen Verständigung. Einen positiven Einfluss hatten in dieser Hinsicht seine Deutschlandbesuche und die persönlichen Kontakte mit Walther Rathenau, Hugo Stinnes und Fritz Thyssen.

Als Vertrauter von Laval gelang es dem Journalisten de Brinon, im Juli 1931 von Reichskanzler Brüning zu einem Gespräch empfangen zu werden. Entscheidend für seine weitere Karriere sollte die Begegnung mit von Ribbentrop sein, der de Brinon in die nationalsozialistischen Kreise in Berlin einführte. Seine persönlichen Kontakte zu ihm wie auch zu Daladier machten de Brinon zum deutsch-französischen Verbindungsmann.

Bekannt wurde er in Frankreich schließlich durch sein Interview mit Adolf Hitler vom 22. November 1933, der ihn als ersten französischen Journalisten zu einem persönlichen Gespräch in die Reichskanzlei gebeten hatte. Es war kurz nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund. Hatte sich de Brinon zunächst "überrascht und verständnislos" (107) gegenüber dem Austritt gezeigt, plädierte er anschließend für eine Verständigung mit Hitler-Deutschland, das ihm als zu mächtig erschien, als dass Frankreich sich hätte eine Gegenposition leisten können.

Diese Haltung - zunächst Kritik, dann aber Einlenken - behielt de Brinon auch über Hitlers Vertragsbrüche von 1935, 1936, 1938 und 1939 hinweg bei. Auch der Kriegsausbruch und schließlich der deutsche Angriff auf Frankreich 1940 änderten nichts an seinem Verständigungswillen mit Deutschland. Corinna Franz zeigt damit, dass sich bereits in den 30er-Jahre die Haltung herausbildete, die Brinon später zum Kollaborateur und schließlich Ultra-Kollaborateur werden ließ: Frankreich sollte an die Seite des starken Deutschland geführt werden.

Als rechte Hand von Laval organisierte de Brinon ab 1940 die Kontakte mit der Besatzungsmacht und wurde schließlich Generaldelegierter der französischen Regierung in den besetzen Gebieten. Auch als Vertreter Vichys in Paris wurde er, so zeigt es Corinna Franz, nicht zu einem ideologischen Denker mit politischem Programm. Er hielt weiterhin an seinem Ziel der deutsch-französischen Partnerschaft fest und gab Frankreich durch seinen Wunsch nach Wohlverhalten und Zusammenarbeit der Besatzungsmacht geradezu preis. Für die deutsche Propaganda, so die Autorin, war de Brinon "leichte Beute". (360) Als willfähriges Sprachrohr der Nazis wurde er in Frankreich zum "trojanischen Pferd". (231)

Hervorzuheben sind die Ergebnisse der Autorin über die Beziehung de Brinons zu Pierre Laval und deren Entfremdung ab 1942. Brinons Zweifel an der Entschlussfreudigkeit und Führungsstärke Lavals ließen ihn gegenüber dem einstigen Vertrauten immer mehr auf Abstand gehen. Schließlich brachte er sich selbst bei der Besatzungsmacht als möglichen Ersatz für Laval ins Gespräch. Doch den Grabenkämpfen der Kollaborateure im deutschen Exil zeigte sich de Brinon auch als Präsident des "Operettenstaates an der Donau" nicht gewachsen. Als "resignierter, kraftloser und kranker Mann" (353) trat er die Flucht nach Italien an und wurde am 8. Mai 1945 verhaftet. Am 15. April 1947 wurde er nach Pierre Laval und Joseph Darnand als dritter Protagonist des Etat français hingerichtet.

Wirklichen Einfluss, so zeigt es Corinna Franz, hatte de Brinon auf die deutsch-französischen Beziehungen nie. Er war weniger Akteur oder gar Architekt der deutsch-französischen Beziehungen, als der er sich selbst gerne sah, sondern ein Mittler, der benutzt wurde. Frei von Schuld, so die Autorin, war er deshalb nicht. Auch wenn er vom subjektiv aufrichtigen Willen geleitet war, zum Wohle Frankreichs zu handeln, trug de Brinon dazu bei, über seinem Ziel der Verständigung mit Deutschland den wahren Charakter der nationalsozialistischen Herrschaft zu verschleiern.

Die Studie von Corinna Franz ist sehr gut zu lesen, schlicht und dennoch anschaulich geschrieben. Einer psychologisierenden Wertung der Person de Brinons enthält sich die Autorin überwiegend. Nur in ihren Schlussbetrachtungen zeichnet sie vorsichtig und überzeugend eine Charakterstudie von de Brinon und kommt zu dem Ergebnis, dass ihm letztlich seine Mittelmäßigkeit zum Verhängnis wurde.


Mareike König