Rezension über:

Malcolm Cook / Marie-Emmanuelle Plagnol-Diéval: Anecdotes, Faits-Divers, Contes, Nouvelles 1700-1820. Actes du Colloque d'Exeter, Septembre, 1998 (= French Studies of the Eighteenth and Nineteenth Centuries; Vol. 5), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2000, 302 S., ISBN 978-3-906765-08-2, EUR 44,50
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Rezension von:
Lars Schneider
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Lars Schneider: Rezension von: Malcolm Cook / Marie-Emmanuelle Plagnol-Diéval: Anecdotes, Faits-Divers, Contes, Nouvelles 1700-1820. Actes du Colloque d'Exeter, Septembre, 1998, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 6 [15.06.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/06/3529.html


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Malcolm Cook / Marie-Emmanuelle Plagnol-Diéval: Anecdotes, Faits-Divers, Contes, Nouvelles 1700-1820

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Der vorliegende Band versammelt 19 Beiträge zur epischen Kurzform im französischen Sprachraum des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Im Zentrum des Interesses stehen Gattungsunterschiede, Verwendungsweisen sowie mediale Formen der Zirkulation von "Anecdotes", "Faits Divers", Märchen und "Nouvelles".

Dass es sich hierbei um einen komplexen Forschungsgegenstand handelt, bleibt unbestritten. Malcolm Cook verweist sowohl auf die historische Kontingenz der Gattungsbezeichnungen - hier gelte es jedoch zu fragen, ob der Begriff des "Fait Divers" für das 18. Jahrhundert bereits verwendet werden kann - als auch auf die Unterscheidung von literarischen und nicht literarischen Texten, welche im Lichte poststrukturalistischer Theorien problematisch erscheint. In der Tat sind Übergänge von "realem" zu "fiktivem" Erzählen fließend. Und doch bedingt die spezifische Markierung eines Textes die ethische Einstellung des Lesers in hohem Maße. Gattungsunterschiede - und seien sie stilistischer oder individueller Natur - sind trotz überwältigender Formenvielfalt in einem erzähltechnisch experimentierfreudigen Jahrhundert letztlich nicht von der Hand zu weisen.

Darüber hinaus erschwert die Publikationsform in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden wie dem "Mercure de France" Edition und Zuschreibung einer Vielzahl von Texten, die unter Pseudonym oder anonym zwischen den Medien zirkulieren, wobei sie nicht selten Modifizierungen erfahren. Henri Coulet verweist in diesem Zusammenhang auf den Autorbegriff des 18. Jahrhunderts, der sich von modernen Vorstellungen ganz erheblich unterscheidet. Aber auch eine rigide Zensur und der geringe Status der Erzählprosa im Vergleich zum Drama tragen zur überaus hohen Anzahl anonymer Veröffentlichungen bei. Die Kurzerzählung des 18. Jahrhunderts, so Coulets These, sei gewissermaßen öffentlich. Man könne sie kopieren, modifizieren, unter anderem Titel publizieren und einem großen Publikum auf lukrative Weise zugänglich machen. Der "récit court" - determiniert durch Publikations- und Rezeptionsmodus - zähle damit zu den lebendigsten und weitverbreitetsten Ausdrucksformen der Zeit.

Ausgehend von verschiedenen Autoren (Voltaire, Diderot, Madame de Genlis, Madame de Staël) und Medien (Bibliothèque Universelle des Romans, Mémoires Secrets, La Gazette de Cologne) liefern die weiteren Arbeiten Beispiele für Formenreichtum und Funktionspotenzial der Kurzerzählungen in ihrem kulturellen Umfeld. So untersucht Ute van Runset die Funktionalisierung von "Faits Divers" in der Gazette de Cologne (1734-1794) und dem Courrier du Bas-Rhin (1767-1810) für den Zeitraum von 1756-1779. Den Hintergrund bildet die Politik Friedrichs II. zu Beginn des Siebenjährigen Krieges (1756) sowie in den Auseinandersetzungen um die Bayerische Thronfolge (1778/79). Van Runset zeigt, wie die mit österreichischem Druckprivileg erscheinende Gazette de Cologne den Kriegshandlungen eine "guerre de plume" vorausschickt. Politisches unterliegt hierbei einer Transformation in nahezu Alltägliches. Das unterhaltend informierende "Fait Divers" zielt im Rahmen der allgemeinen Berichterstattung auf die öffentliche Diskreditierung Friedrichs II. Aus der Sicht des nur etwa hundert Kilometer entfernt unter preußischem Protektorat publizierten Courrier du Bas-Rhin stellen sich die Ereignisse wie zu erwarten anders dar. Jedoch geht letzterer in den engagierten Kommentaren seines Herausgebers Jean Manzon über die Parteinahme im preußisch-österreichischen Konflikt hinaus. Die Berichterstattung über den Tod Voltaires belegt, wie Manzon das "Fait Divers" auch als Medium zur Kommunikation aufklärerischen Gedankenguts einsetzt.

Anne-Marie Mercier-Faivres Analyse zur Rolle des "Fait Divers" im politischen Diskurs des Ancien Régime zeigt darüber hinaus, wie die Textsorte nicht nur im Dienste von Politik steht, sondern letztere aktiv beeinflusst. Anhand eines Corpus aus der Gazette d'Amsterdam (Januar - Juli 1720) beobachtet sie drei Kategorien von Texten, welche dem Muster des Fait Divers entsprechen.[1]. Bezeichnend ist nunmehr, dass die vermeintlich harmlosen Beiträge über außerordentliche Ereignisse, menschliches Verhalten oder Geschehnisse aus dem Randbereich der Politik in zweierlei Hinsicht wirksam werden. Erstens beeinflusst das "Fait Divers" die Natur des Dargestellten im obigen Sinne einer Transformation. Zweitens ist die serielle Organisation von "Faits Divers" in einer oder über mehrere Ausgaben ein Politikum, welches bestimmten Nachrichten zusätzliches Gewicht verleiht. Mercier-Faivre belegt unter anderem anhand der Berichterstattung über Verbrechen und Unruhen einen Mechanismus, in dem das "Fait Divers" eine Replik von Seiten sozialer Institutionen hervorruft, welche im Anschluss als Gesetzestext oder Urteilsspruch veröffentlicht wird. Auf diese Weise werde ein von der Gazette signalisierter Zustand von Unordnung erneut in Ordnung überführt. Mit der Veröffentlichung der institutionellen Intervention konstatiere die Gazette schließlich ihr Schweigen, um sich neuen Themen zu widmen.

Ebenfalls interessant ist Melissa Percivals Artikel über die "Anecdote" in der zeitgenössischen Kunstkritik am Beispiel der Mémoires secrets (1767-1787). Die Verwendung der "Anecdote", welche sich im Lauf des 18. Jahrhunderts ihrer modernen Definition annähert, indem sie eine zunehmend literarische Bedeutung annimmt, wird anhand zweier konkreter Fälle untersucht. Die unterschiedlich ausfallenden Besprechungen von Werken Gabriel-Francois Doyens und Charles Le Bruns verdeutlichen, wie sich das Urteil sowohl in moralischer als auch in ästhetischer Hinsicht durch den ´anekdotischen´ Charakter des Schreibens verstärken lässt. In beiden Fällen erhöht die Kritik das Interesse am Gegenstand, indem sie sein vermeintliches Geheimnis preisgibt, welches ihm zum Vor- beziehungsweise Nachteil gereicht. Die Autoren der Mémoires secrets, so Percival, verwenden die Anekdote im Rahmen einer kritischen Strategie, welche es darauf anlege, dem Betrachter implizite Wahrheiten, die sich ihm nicht sofort offenbaren, zu vermitteln. Auf diese Weise verbinde sie die Tradition der Kunsttheorie - die "Anecdote" als Lektion - mit den Erfordernissen der Kunstkritik - die "Anecdote" als ästhetisches Werturteil. Die charakteristische Verwendung von "Anecdotes" wird unter anderem als Reaktion auf die Anforderungen an den professionellen Kunstkritiker, wie ihn die Ausstellungskultur des 18. Jahrhunderts hervorbringt, begriffen.

Die hier skizzierten Aufsätze sind Auszüge aus einem breiten Themenspektrum. Aufschlussreich sind dabei besonders diejenigen Beiträge, welche sich mit Texten jenseits des Kanons auseinandersetzen, zumal hier größerer Forschungsbedarf besteht als bei "Klassikern" Voltaires oder Diderots. Allerdings gestattet der Rahmen den Autoren lediglich eine skizzenhafte Entwicklung ihrer Thesen, sodass es sich in der Regel sowohl um thematisch als auch methodisch unterschiedlich akzentuierte Einstiege handelt. Auch erweist sich die Zusammenstellung bei genauerer Hinsicht als zu heterogen, um auf die selbstgestellten Fragen in angemessener Weise zu antworten. Im Hinblick auf den Umfang des Buches werden die Begrifflichkeiten von "Anedcote", "Fait Divers", Märchen und "Nouvelle" und das Verhältnis von "realem" zu "fiktivem" Schreiben nicht durchgängig , sondern in einem sehr lockeren Rahmen problematisiert. Die Lektüre des Bandes ist in literatur- und kulturgeschichtlicher Hinsicht zwar interessant, jedoch nicht verpflichtend.

Anmerkung:

[1] Die Autorin berücksichtigt auf diese Weise die Tatsache, dass das "Fait Divers" vor der Revolution sehr wahrscheinlich weder als Wort noch als journalistische Kategorie geläufig war.


Lars Schneider