Rezension über:

Bayerische Staatsgemäldesammlung (Hg.): Murillo - Kinderleben in Sevilla. Katalog der gleichnamigen Ausstellung in der Alten Pinakothek, München, 31. Mai bis 26. August 2001, München: Hirmer 2001, 287 S., zahlr. Abb. in Farbe, ISBN 978-3-7774-9170-7, EUR 51,00
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Rezension von:
Klaus Körner
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Körner: Rezension von: Bayerische Staatsgemäldesammlung (Hg.): Murillo - Kinderleben in Sevilla. Katalog der gleichnamigen Ausstellung in der Alten Pinakothek, München, 31. Mai bis 26. August 2001, München: Hirmer 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 6 [15.06.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/06/3437.html


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Bayerische Staatsgemäldesammlung (Hg.): Murillo - Kinderleben in Sevilla

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Vom 31. Mai bis zum 26. August 2001 präsentierte die Alte Pinakothek in München eine von der Dulwich Picture Gallery übernommene Ausstellung, die sich erstmals umfassend den profanen Kinderbildern des spanischen Malers Bartolomé Esteban Murillo (1617-1682) widmete. Im Anschluss zog die Präsentation weiter in den Prado nach Madrid.

Die Tatsache, dass an einem deutschen Museum eine Ausstellung zur spanischen Kunst gezeigt wurde, ist ein besonderes Ereignis. Denn lange Zeit war die Kunst und Kunstgeschichte der Iberischen Halbinsel in Deutschland fast in Vergessenheit geraten. Erst seit Anfang der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts erwachte das Interesse für die spanischen Kunst wieder. Dies gilt auch für Murillo, der bereits zu seinen Lebzeiten weit über die spanischen Landesgrenzen hinaus bekannt war. Für die Murillo-Forschung waren vor allem zwei zeitlich eng zusammen liegende Ereignisse von wesentlicher Bedeutung. Zum einen brachte der ehemalige Direktor des Museo del Prado, Diego Angulo Íñiguez, 1981 einen dreibändigen Murillo-Werkkatalog heraus. Zum anderen zeigte zuerst der Prado, dann die Royal Academy of Arts anlässlich Murillos dreihundertsten Todesjahres die erste umfassende Ausstellung seiner Kunst. Der Katalog zu dieser erfolgreichen Exposition ist auch in deutscher Sprache erschienen und zeigt die außergewöhnliche Wirkung, die Murillos Gemälde weit über Madrid und London hinaus haben.

Präsentierte die große Werkschau von 1982 schon zahlreiche Kinderszenen, so konnten in der Dulwich Picture Gallery und der Alten Pinakothek erstmals nahezu sämtliche der zwanzig bekannten Genrebilder Murillos einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Allein fünf von ihnen stammen aus den Münchener Beständen.

Als eigenständiges Projekt wurde der Ausstellung über das Kinderleben in Sevilla ein ebenso interessanter wie spannender Katalog mit zahlreichen Detailabbildungen von hoher Bildqualität beigegeben, die wie die Originale eine Augenweide sind. Die AutorInnen des Ausstellungskatalogs sind exzellente KennerInnen des Werks von Murillo: Xanthe Brooke, Kuratorin an der Walker Art Gallery, Liverpool, Peter Cherry, Professor für Kunstgeschichte am Trinity College, Dublin, und Helge Siefert, Konservatorin für Spanische und Französische Malerei an der Alten Pinakothek.

Der Katalog behandelt zwei große Themenkomplexe. Der erste stellt Murillos Genremalerei in den Kontext ihrer Zeit. Hier kommen Fragen nach Entstehung, Legitimierung, Inhalt und Bedeutung einer neuen Bildgattung zur Sprache. Sie konnte sich kaum auf unmittelbare Vorläufer aus der spanischen Malerei berufen und genoss kunsttheoretisch nur ein geringes Ansehen, weil sie im Kanon der Gattungen fast auf unterster Stufe stand. Peter Cherry trägt mit seinem Aufsatz "Murillos Darstellungen des Kinderlebens. Tradition, Inhalt und Bedeutung eines Genres" die Diskussion in der kunstgeschichtlichen Forschung über die Genremalerei Spaniens und Murillos erheblich weiter. Im Kern geht es, wie auch bei dem Beitrag von Helge Siefert "Akademische Studien. Murillos Auseinandersetzung mit der Kunsttheorie und deren Umsetzung" um die Frage nach dem Status des Genrebildes in Sevilla und bei Murillo. Denn Murillo machte sich, das wird in den Aufsätzen deutlich, die konservative Auffassung von der hierarchischen Ordnung der Bildgattungen nicht zu Eigen. Dabei konnte er sich auf wichtige Vorarbeiten stützen, die der berühmte Diego Velázquez in Sevilla bereits, bevor er Erster Hofmaler König Philipps IV. wurde, mit seinen naturalistischen Genrebilder von höchstem künstlerischen Wert geleistet hatte. Cherry betont, dass Murillo, wie auch vor ihm Velázquez, Kriterien an das Genrebild herangetragen hat, die in ihrer Zeit nur für die höheren Bildgattungen Gültigkeit besaßen. So verwandte er etwa das große Format, war bei der Darstellung der Kleidung ebenso sorgfältig wie bei der religiösen Malerei und setzte die Zeichnung gleichermaßen ein wie in der Historienmalerei. Einen weiteren interessanten Aspekt bringt Cherrys Vergleich zwischen Murillos Bilder vom profanen Kinderleben und den Darstellungen heiliger Kindheit ein: In den sakralen Bildern scheinen Christuskind und Johannesknabe, ja selbst die kindliche Maria mit ihrem auffälligen Ohrbehang nicht dem Irdischen entrückt zu sein, sondern zu Weggefährten der spanischen Gassenjungen zu werden.

Helge Siefert liefert der Murillo-Forschung mit ihrem Beitrag wichtige, neue Erkenntnisse zum Status der Genrebilder von Murillo auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Untersuchungen an den Münchener Gemälden. Ihr genaues Studium hat bestätigt, dass Murillo im Aufbau der Bilder den strengen Kompositionsprinzipien des Goldenen Schnittes folgt, die, wie sie konstatiert, von den spanischen Kunsttraktaten nicht behandelt werden. Murillo müsste also auf andere Quellen zurückgegriffen haben. Dank ihrer Untersuchungen kann jetzt auch ein weiteres im Besitz der Alten Pinakothek befindliches Werk, "Altes Hökerweib" (um 1645), Murillo zugeschrieben werden, nachdem es bislang der Sevillaner Schule zugeordnet worden war. Für das "Stillleben", das Siefert gerne auf Grund des erfolgten Aufbaus nach den Prinzipien des Goldenen Schnitts in das Gesamtwerk Murillos integrieren möchte, bleibt jedoch eine naturwissenschaftliche Analyse abzuwarten.

Der zweite Themenkomplex des Katalogs widmet sich dem für die Kunstwissenschaft wichtigen Feld der Rezeptions- und Provenienzgeschichte der Genrebilder in Spanien und im übrigen Europa. Zu Recht stellt Peter Cherry in seinem Aufsatz "Pedro Núñez de Villavicencio und die Genremalerei in Sevilla nach Murillo" Núnez de Villavicencio, Freund und Nachlassverwalter Murillos, ausführlich vor. Als einziger aus dem Kreis der treuesten Murillo-Nachfolger rezipierte dieser das Kunstverständnis Murillos in zahlreichen Kinderszenen. Darüber hinaus existieren Cherrys Studie zufolge keine Hinweise auf eine weitere Verbreitung der Genredarstellungen von Kindern am Ende des 17. Jahrhunderts in Sevilla. Eindrucksvoll belegen jedoch die vorliegenden Aufsätze von Helge Siefert "Die Genrebilder Murillos in den Sammlungen der Wittelsbacher" und Xanthe Brooke "Das Nachleben von Murillos Genrebildern in Spanien und dem übrigen Europa", dass Murillos Genrebilder in den folgenden zwei Jahrhunderten einen außergewöhnlichen Sammlerwert hatten. Und wer, sei es nun in Spanien selbst oder im übrigen Europa, kein Original erwerben konnte, gab Kopien in Auftrag. Allein die Provenienzgeschichte der Münchener Gemälde Murillos, die in Sieferts Aufsatz spannend zu verfolgen ist, spiegelt die hohe Wertschätzung wieder, die dem spanischen Meister, seinen Sujets und seiner naturalistischen Malweise schon Ende des 17. Jahrhunderts von den bayrischen Kurfürsten entgegengebracht wurden. Ende des 18. Jahrhunderts, so lässt sich bei Siefert und Brooke nachlesen, war die Gruppe von Murillos Genrebildern in der kurfürstlichen Sammlung die größte und berühmteste.

Der Ausstellungskatalog arbeitet ein wichtiges Kapitel der Murillo-Forschung auf. Die vorliegenden Studien von Peter Cherry, Helge Siefert und Xanthe Brooke leisten einen bedeutenden Beitrag zu einem der Kernthemen spanischer Malerei. Die Analyse der einschlägigen Werke Murillos legt neue Erkenntnisse zum Status der Genrebilder innerhalb des Kunstverständnisses des spanischen Meisters vor. Sie unterstreicht, dass Murillo an die Herstellung seiner Genrebilder dieselben hohen Ansprüche stellte wie an die Historienbilder.

Leider bleiben die neuesten Forschungen zu Murillo, zum Porträtbegriff und zur spanischen Kunstliteratur des 17. Jahrhunderts aus dem Kreis der Carl Justi-Vereinigung zur Förderung der kunstwissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Spanien und Portugal größtenteils unbeachtet. Diese Studien untersuchen unter anderem auch die veränderte Wertschätzung des Genrebildes im Rahmen einer veränderten Auffassung über die Bildniswürdigkeit von Personen und einer Aufwertung des Porträts. Zudem widmen sie sich auch der zentralen Frage, wie Murillo den Status eines Bildes im malerischen Diskurs beurteilt.

Dies stellt jedoch nicht die hohe Qualität des Ausstellungskataloges in Frage. Vielmehr bilden die vorliegenden Studien und Forschungsergebnisse eine wichtige Grundlage für weitere kunstwissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema.


Klaus Körner