Rezension über:

John Connelly: Captive University. The Sovietization of East German, Czech, and Polish Higher Education, 1945-1956, Chapel Hill, NC / London: University of North Carolina Press 2000, 448 S., ISBN 978-0-8078-2555-6, USD 55,00
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Rezension von:
Konrad H. Jarausch
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Konrad H. Jarausch: Rezension von: John Connelly: Captive University. The Sovietization of East German, Czech, and Polish Higher Education, 1945-1956, Chapel Hill, NC / London: University of North Carolina Press 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 6 [15.06.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/06/3243.html


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John Connelly: Captive University

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Der Befund häufiger Kollaboration von Wissenschaftlern mit Diktaturen im 20. Jahrhundert ist ein Ärgernis für die Historiker, da er das teils ideologisch, teils opportunistisch motivierte Fehlverhalten der Forschung in der Vergangenheit thematisiert. Dabei geht es um die trahison des clercs, den brisanten Zusammenhang zwischen fachlicher Kompetenz, politischer Unabhängigkeit und moralischer Integrität der Akademiker. Allerdings kann deren Kooperation mit dem Kommunismus nach 1945 in Ostmitteleuropa als ein irregeleiteter Versuch der Wiedergutmachung der Unterstützung der mörderischen Politik des Nationalsozialismus verstanden werden. Als Beitrag zu dieser, bisher eher auf das "Dritte Reich" fokussierten Diskussion bietet John Connelly eine vergleichende Analyse kommunistischer Durchdringung der Universitäten in der DDR, Tschechoslowakei und Polen im ersten Nachkriegsjahrzehnt.

Die Stärken dieser komparativen Studie sind erheblich: Mit erstaunlicher sprachlicher Gewandtheit hat der Autor in den drei Ländern offizielle Quellen der jeweiligen kommunistischen Parteien und staatlichen Organe sowie private Korrespondenzen und Memoiren untersucht. Seine Skizzierung des sowjetischen Modells der Hochschulausbildung und der oft unbeholfenen Versuche seiner Übernahme durch die lokalen Kommunisten ist informativ. Die auf dem Milieubegriff aufbauende Schilderung der verschiedenen akademischen Traditionen und Mentalitäten überzeugt weitgehend, da sie die Zerstörung des Selbstbewusstseins der deutschen Akademikerschaft durch den Krieg, die Anpassungsfähigkeit tschechischer Experten an wechselnde Regime und die Tradition nationaler Unabhängigkeit der polnischen Professoren hervorhebt. Schließlich differenziert die Darstellung der Resultate der Umstrukturierungsversuche zwischen dem erheblichen Erfolg der Schaffung einer meist loyalen Intelligenz in der DDR, der äußeren Konformität der Experten in der ČSSR und der weitgehenden Widerständigkeit polnischer Akademiker.

Jedoch stößt der systematische Vergleich in Detailfragen auch immer wieder an gewisse Grenzen. Die Präferenz des Autors für offizielle Quellen führt streckenweise zu einer trockenen und abstrakten Sprache, welche die Dramatik der mit den Veränderungen verbundenen subjektiven Erfahrungen (so von Victor Klemperer, der nur fünfmal erwähnt wird) nur verkürzt wiedergibt. Auch in seiner Ausweitung auf "Selbst-Sowjetisierung" bleibt dieser analytische Schlüsselbegriff merkwürdig blass, da er die von Michael Lemke angeregte neuere Diskussion nicht berücksichtigt, sondern sich eher auf ältere Gesamtdarstellungen bezieht. Ebenso bleibt die empirische Eindringungstiefe in die verschiedenen nationalen Kontexte höchst unterschiedlich. Während die Darstellung der Differenzen zwischen Kirche und Staat, Intellektuellen und Partei in Polen nuanciert ausfällt, tendiert die Schilderung der DDR-Verhaltensmuster eher zum Klischee, da neuere Debatten über die "Grenzen der Diktatur" oder den "Eigen-Sinn" der Bevölkerung nicht auftauchen und die komplexe Vorgeschichte der deutschen Universitäten nur selektiv berücksichtigt wird. Schließlich bleibt die Analyse der sozialen Öffnung der Universitäten nach 1945 allzu vordergründig, da sie den sozialistischen Erfolgsmeldungen über das Anwachsen der Zahl von Arbeiter- und Bauernkindern zu viel Glauben schenkt und das eigentliche Reservoir der Aufstiegswilligen im Kleinbürgertum nicht diskutiert.

Dennoch bringt die Systematik der Arbeit wichtige Anregungen für die weitere Forschung. Der Kontrast der drei benachbarten Blockstaaten zerstört das Bild einer einheitlichen Sowjetisierung, denn er demonstriert die Macht des jeweiligen situativen Kontextes und der diversen akademischen Traditionen. Der unterschiedliche Erfolg der Umwandlung der Universitäten hing unter anderem von der Kompetenz der lokalen Kommunisten ab, die in der Tschechoslowakei relativ inkonsequent agierten und daher nur eine oberflächliche Anpassung erzwingen konnten. Die weitergehende Umsetzung des Reformprogramms in der DDR war dagegen ein Resultat deutscher Sonderbedingungen: des antifaschistischen Bonus nach dem Dritten Reich, des Verlusts nationaler Einheit und der offenen Systemkonkurrenz des Kalten Krieges, die eine stärkere Durchherrschung der ostdeutschen Gesellschaft ermöglichten. Die sympathischere und fast normativ gesetzte Behauptung von erheblicher akademischer Unabhängigkeit in Polen wiederum war ein Produkt der korporativen Geschlossenheit der Professorenschaft, der Selbstbehauptung der katholischen Kirche und der nationalen Identität der Intelligenz.

Indem er solche widersprüchlichen Zusammenhänge klar herausarbeitet, leistet Connelly einen wichtigen Beitrag zur Einbeziehung der DDR in eine vergleichende Geschichte des Ostblocks nach 1945. In ihrem Subtext liefert diese bahnbrechende Studie darüber hinaus interessante Anregungen zu einer systematischeren historischen Selbstreflexion der Wissenschaft.


Konrad H. Jarausch