Rezension über:

Martin Dinges / Fritz Sack (Hgg.): Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne (= Konflikte und Kultur - Historische Perspektiven; Bd. 3), Konstanz: UVK 2000, 396 S., ISBN 978-3-89669-910-7, EUR 29,00
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Rezension von:
Eva Wiebel
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Joachim Eibach
Empfohlene Zitierweise:
Eva Wiebel: Rezension von: Martin Dinges / Fritz Sack (Hgg.): Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne, Konstanz: UVK 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 6 [15.06.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/06/2969.html


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Martin Dinges / Fritz Sack (Hgg.): Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne

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Sicherheit - Nachrichten aus diesem Bereich haben nicht erst seit dem 11. September einen hohen Aufmerksamkeitswert. Sicherheit, so die Herausgeber des Bandes, entwickelt sich in den aktuellen politischen Debatten zu einem politischen Gegenstandsbereich, "der keine programmatischen Differenzen und Kontroversen mehr verträgt" (9). Der Komplex 'Sicherheit' ähnele in seiner Resistenz in Bezug auf Definition, Gegenrezepte und Erklärungsmuster zunehmend einem Mythos. Diesen Mythos 'Sicherheit' in historischer und kritisch kriminologischer Perspektive zu hinterfragen ist Ziel des Bandes. Die Herausgeber legen den Focus dabei auf die Großstadt, die spätestens seit dem 19. Jahrhundert zur Projektionsfläche für gesellschaftliche Konflikte, Unsicherheitsgefühle und Kriminalitätsängste wird. Die meisten neuen Sicherheitskonzepte wurden und werden in Großstädten entwickelt und erprobt.

Der Band versammelt 16 Beiträge, die einen Bogen vom späten Mittelalter bis zur heutigen Zeit aufspannen. Die Fallstudien konzentrieren sich dabei im Wesentlichen auf den deutschen Raum, mit Ausgriffen nach Rom, Washington und New York sowie punktuellen Vergleichen mit europäischen Metropolen wie Paris oder London. In unterschiedlichem Maß akzentuieren sie drei Themenfelder: die Wahrnehmung von Sicherheit/ Unsicherheit, Sicherheitsmaßnahmen und -organe sowie Ausmaß, Struktur und Konstruktion von Kriminalität.

In ihrem ausgezeichneten, langen Einleitungsbeitrag entwickeln die beiden Herausgeber 'Sicherheit' als konstitutiven Grundbegriff moderner Gesellschaften. Unter Sicherheit verstehen sie im heutigen Sinne ein umfassendes Konzept, in dessen Zentrum die Unversehrtheit von Leib, Leben und Eigentum steht. Begriffe wie soziale Sicherheit, Verkehrssicherheit oder Rechtssicherheit illustrieren die Breite des Feldes, aber auch, dass Sicherheit nicht ohne Bedrohung gedacht werden kann. Typisch sei, dass sich dabei nicht selten persönliche Gefährdungen mit gesellschaftlichen verbinden. Nach knappen ideen- und begriffsgeschichtlichen Überlegungen zur 'Sicherheit' konzentrieren sich die Herausgeber auf das 19. und 20. Jahrhundert. Nachgezeichnet und analysiert wird die Herausbildung unseres Verständnisses von "Innerer Sicherheit" im 19. Jahrhundert - begleitet von einer "kriminal- und sicherheitspolitischen Aufrüstung" (21) auf den Gebieten von Polizei, Kriminalstatistik, Rechtstaat und Kriminologie. Diese Entwicklungen erklären die Herausgeber nicht als Reaktionen auf veränderte Sicherheitsprobleme, sondern als Teil "einer grundsätzlich anderen Struktur gesellschaftlicher Regulierung und sozialer Kontrolle" (21). Kriminalität wurde als Klassenfrage verstanden. Diese Sensorfunktion für gesamtgesellschaftliche Umbrüche verlor sie an der Wende zum 20. Jahrhundert, als sich die Interpretation von Kriminalität auf die Ebene des Individuums verlagerte.

Die Einleitung wird abgeschlossen durch eine fundierte und kritische Beschäftigung mit dem aktuellen Sicherheitsdiskurs. Als Stichworte seien hier genannt: repressive Wende, ansteigende Gefängnisraten, amerikanische Modelle der "zero tolerance" oder des "community policing", Eingriffe in Bürgerrechte mit dem Verweis auf Innere Sicherheit, die Diskussion von Kriminalitätsängsten und Strafbedürfnissen sowie die Aussagekraft der Kriminalstatistik. Die Herausgeber arbeiten heraus, dass sich weder Veränderungen in der Sicherheitspolitik noch Kriminalitätsängste ursächlich zurückführen lassen auf veränderte Sicherheitslagen. Vielmehr müsse Kriminalität in ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung wie in ihrer vermeintlich objektiven Erfassung als "politische und mediale Manövriermasse" (41) verstanden werden.

Die nachfolgenden 15 Beiträge lassen sich drei größeren Blöcken zurechnen. Die ersten sechs Beiträge beschäftigen sich mit Sicherheit und Unsicherheit in großen Städten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Für Peter Schuster verweist die zunehmende Formulierung von Sicherheit als gesellschaftlichem Ziel seit dem 15. Jahrhundert zunächst auf ein Gefühl der Unsicherheit. Andererseits wurde die Stadt von den Zeitgenossen als besonderer Rechts- und Friedensbereich herausgestellt. Das (hohe) Maß alltäglicher, interpersonaler Gewalt innerhalb der Stadtmauern beschäftigte die Zeitgenossen nach Ausweis der Quellen weniger als mögliche Strafen Gottes, Brände, feindliche Angriffe, plötzliche, unvorbereitete Todesfälle oder der Verlust von Eigentum.

Andrea Bendlage untersucht am Beispiel des "sicherheitspolitischen Vorreiters" Nürnberg Zahl, Aufgaben und Arbeitsbedingungen der städtischen Polizeidiener im 15. und 16. Jahrhundert. Der Alltag der Polizeidiener war bestimmt von Konflikten, aber auch Allianzen mit Stadtbewohnern. Amtsverfehlungen der Ordnungskräfte, nicht selten selbst Auslöser für Gewalt, wurden dabei nur milde sanktioniert. Diese Politik des Rates beruhte nicht nur auf Schwäche, sondern zielte vorrangig auf Konfliktausgleich. Nicht zuletzt konnte das gewalttätige Auftreten der Polizeidiener den Herrschaftsansprüchen des Rates sichtbaren Ausdruck verleihen.

Carl A. Hoffmann behandelt mit 'Bürgersicherheit' und 'Herrschaftssicherung' zwei ineinander verschränkte Sicherheitskonzepte der frühneuzeitlichen Stadt. Gefahrenabwehr und Sicherheitspolitik legitimierten die Herrschaft des Augsburger Rates. Andererseits blieben Rat und Rechtssystem angewiesen auf die Kooperation der Bürger. Religiöse Umbrüche und eine deutliche Bevölkerungszunahme konnten dieses Wechselverhältnis von 'Bürgersicherheit' und 'Herrschaftssicherung' destabilisieren.

Peter Blastenbrei konstatiert für das Rom des späten 16. Jahrhunderts eine extrem hohe Gewaltrate. Als Antwort darauf wurde eine strenge, blutige Justiz propagiert. Daraus ergaben sich allerdings für die machtpolitisch prekäre Papstherrschaft besondere Probleme. Im Ergebnis war die römische Kriminal- und Strafpolitik einerseits geprägt von kontinuierlichen Bemühungen um Effizienzsteigerung, anderseits durch krasse Wechsel zwischen Härte und Milde. Im Gegensatz dazu umschlossen die Stadtmauern Kölns, so Gerd Schwerhoff, im 16. Jahrhundert ein Gebiet, dass im Vergleich zum Umland als sicher wahrgenommen wurde. Sicherheit ist dabei nicht gleichzusetzen mit Gewaltlosigkeit, denn gewalttätige Auseinandersetzungen gehörten zum städtischen Alltag. Ihr Verlauf und die an ihnen Beteiligten waren aber offenbar zu vertraut und akzeptiert, um als Sicherheitsproblem wahrgenommen zu werden.

In Fortführung dieser Ergebnisse schildert Joachim Eibach das Frankfurt des 18. Jahrhunderts auf der Grundlage von Verordnungen, Gerichtsakten und Reiseberichten als 'sichere' Stadt - jedenfalls im Vergleich mit den Metropolen Paris und London. Die städtischen Verordnungen greifen zwar verschiedenste Sicherheitsprobleme auf; die Kriminalitätsrate erscheint jedoch gering und eindeutig dominiert von Eigentumsvergehen. Die Strafpraxis traf vornehmlich fremde Unterschichtsangehörige.

In einem zweiten Block lassen sich sechs Beiträge zusammenfassen, die den Zeitraum zwischen 1800 und 1933 behandeln. Dietlind Hüchtker zeigt für das Berlin des frühen 19. Jahrhunderts, dass Prostitution - als typisches Problem der Großstadt wahrgenommen - das Feld war, auf dem öffentliche Kontrolle (der Unsittlichkeit/ der Frauen) und private Freiheiten und Rechte (der Freier und Bürger) verhandelt wurden. Prostitution als Etikett für 'Unsittlichkeit' im weiteren Sinne stand für die Auflösung sozialer Ordnung, für unkontrollierbare Begegnungen unterschiedlicher sozialer Schichten. Armut, Unsittlichkeit und Unsicherheit bildeten in den zeitgenössischen Debatten ein Dreiecksverhältnis. Unsicherheitsgefühle und Sicherheitspolitik haben aber nicht nur eine Gender-Komponente, sondern sind auch geprägt von Rassismus. Norbert Finzsch untersucht deshalb den polizeilichen Alltag im rasch wachsenden Washington nach 1860. Vor dem Hintergrund sozialer und politischer Umwälzungen wurde die steigende Kriminalitätsrate den zugezogenen Schwarzen zur Last gelegt, deren Lebensumstände verschiedenen Restriktionen unterlagen. Überraschenderweise finden sich aber nicht AfroamerikanerInnen unter den Verdächtigen überrepräsentiert, sondern irische MigrantInnen, die mit Slum, Krankheit und Trunksucht in Verbindung gebracht wurden. Schwarze wurden vor allem wegen Diebstahlsverdachts verhaftet, wurden härter gestraft und häufiger von privater Seite angezeigt als Angehörige anderer Gruppen.

Blicken wir wieder nach Berlin. Herbert Reinke untersucht im folgenden Beitrag die Entwicklung der Polizei während der Kaiserzeit. In die Zuständigkeit der Schutzpolizei fielen vorrangig Infrastruktur- und Ordnungsaufgaben. Nachgeordnet scheinen die Bereiche Sicherheit und Kriminalitätsbekämpfung. In dem Maße allerdings, in dem das rasante Wachsen der Großstädte nicht mehr nur als Ordnungsproblem, sondern als Sicherheitsproblem wahrgenommen wurde, bildete sich die Kriminalpolizei als spezialisierter Zweig der Polizei heraus. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte lagen in Berlin in der Bekämpfung der Eigentumskriminalität sowie der Sammlung und Systematisierung von Daten.

Peter Leßmann-Faust beschreibt, wie die Reichswehr und die ihr nahe stehenden Verbände nach 1918 politisches Terrain im Bereich der 'Inneren Sicherheit' besetzten. Konflikte mit der preußischen Regierung und der erfolgreiche Umbau der preußischen Schutzpolizei zu einer nichtmilitärisch organisierten Einheitspolizei führten seit 1920 zu einer Stabilisierung des staatlichen Gewaltmonopols der jungen Republik. Der Polizei gelang es jedoch nicht, den Kampf um die Straße, den SA und RFB seit 1924 führten, zu unterbinden.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachten Patrick Wagner und Klaus Weinhauer die Berliner Situation um 1930: Am Beispiel der Ringvereine (Unterweltvereine) und der Wilden Jugendcliquen, die vor allem in den späten Jahren der Weimarer Republik öffentliche Aufmerksamkeit fanden, gehen sie der Wahrnehmung von Unsicherheit und Bedrohung nach. Beide Gruppen besaßen lokale Macht in den citynahen Randgruppenquartieren, wo sich Polizei und Fürsorge als ohnmächtig erwiesen. Während sie ihren Mitgliedern Sicherheit boten, standen sie in der öffentlichen Meinung für 'Amerikanisierung', die Auflösung sozialer Ordnungen, Verrohung und Gewalt. Sie demonstrierten die begrenzte Macht von Staat und Polizei.

Der dritte Abschnitt des Bandes schließlich widmet sich aktuellen Entwicklungen in der Kriminologie und der Kriminalpolitik. Susanne Krasmann analysiert im Rückgriff auf Foucaults Konzept der 'Governmentality' die Kriminologien der neoliberalen Gesellschaft. Die Leitfigur des 'Unternehmers' präge auch den Kriminalitäts- und Sicherheitsdiskurs: Der Kriminelle ist verantwortlich für seine Entscheidungen; rational wägt er Risiko und Nutzen einer Unternehmung ab (rational choice). In der Konsequenz gelte es, ihm das Verbrechen weniger attraktiv oder eben "teurer" zu machen. Gleichzeitig delegiert der Staat Verantwortung auf dem Gebiet der Sicherheit an andere Institutionen und den Einzelnen (Kommunitarismus, Privatisierung).

Klaus Ronneberger und Hubert Beste beleuchten in ihren Beiträgen Konsequenzen aus dem Wandel der Innenstädte zu Dienstleistungs- und Konsumzentren. Kriminalpolitik ist zu einem wichtigen Teil der Standortpolitik "revanchistischer Städte" (313) geworden. Im Bild der zunehmenden Angleichung der Citys an Malls wird deutlich, dass es sich nur noch scheinbar um öffentliche Räume handelt. Bau- und Kontrollmaßnahmen zielen auf ungestörte Erlebnis- und Konsumwelten. Unerwünschte Personen und Verhaltensweisen werden nach Modellen zonaler Raumkontrolle und verschärfter Ordnungspolitik (Beispiel Frankfurt) aus den Innenstädten vertrieben. Zunehmend treten dabei privatwirtschaftliche Sicherheitsunternehmen auf den Plan.

Je nach Standpunkt des Lesers bestätigt der abschließende Beitrag von Henner Hess über Geschichte und Erfolge der neuen New-Yorker Sicherheitspolitik die schlimmsten Befürchtungen oder lässt Hoffnung schöpfen. Offen sympathisiert Hess mit Theorien und Modellen der "broken windows", "zero tolerance" und des "community policing". Optimistisch sieht er in schärferen Verordnungen, einer Unstrukturierung der Polizei nach modernen Managementtheorien und einem konsequenten Durchgreifen auf dem Gebiet der Ordnungsdelikte einen Weg, Kriminalität zu reduzieren. Gut und Böse sind in diesem Konzept klar verortet. Die zuweilen ärgerliche Wortwahl - "sozial verlottert" (356), "ekelerregend aufgemacht" (367) und so weiter - beeinträchtigt den durchaus informativen Beitrag.

An einem Sammelband lässt sich leicht Kritik üben, am trefflichsten über Auswahl oder Kohärenz der Beiträge. So sind einige Beiträge nur lose mit den Themen Sicherheit und Großstadt verbunden. Andere bleiben bei einer vorschnellen Gleichsetzung von Unsicherheit mit Gewalt/Kriminalität stehen und blenden die Komplexität und Kontextabhängigkeit von Unsicherheitswahrnehmungen aus. Eine thematische Anordnung der Beiträge um die Eckpfeiler 'Wahrnehmung von Unsicherheit', 'Sicherheitspolitik' sowie 'Ausmaß und Struktur von Kriminalität' hätte den epochenübergreifenden Blick für Kontinuitäten und Veränderungen vielleicht noch etwas klammern und schärfen können. Festzuhalten bleibt, dass der Band mit seinem Fragezeichen im Titel unser Bild der unsicheren Großstadt für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit grundsätzlich in Frage stellt: Die große Stadt kann nicht per se als spezifisch unsicherer Ort beschrieben werden. Für die neuere Zeit warnt das Fragezeichen eher leise vor simplen Be- und Zuschreibungen oder Lösungsvorschlägen.

Es handelt sich insgesamt um einen sehr lesenswerten Band, der dazu verführt, ihn nicht nur selektiv wahrzunehmen, sondern über den eigenen Interesse- oder Arbeitshorizont hinaus weiterzulesen. Zu verdanken ist dies den durchweg anregenden und klar gegliederten Beiträgen, die selten die 20 Seiten-Marke überschreiten. Die meisten Beiträge verbinden in gelungener Weise mentalitäts- und institutionengeschichtliche Zugänge. In der Zusammenschau der Beiträge werden viele Anknüpfungspunkte zwischen Kriminalitätsgeschichte, Polizeigeschichte und Kriminologie sichtbar. Englische Zusammenfassungen der einzelnen Beiträge sowie Kurzportäts der Autorinnen und Autoren schließen den vielseitigen und dabei kompakten Band ab.


Eva Wiebel