Rezension über:

Renée Rößner: Hansekaufleute in Brügge. Teil 5: Hansische Memoria in Flandern. Alltagsleben und Totengedenken der Osterlinge in Brügge und Antwerpen (13. bis 16. Jahrhundert) (= Kieler Werkstücke. Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des späten Mittelalters; Bd. 15), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2001, 528 S., 9 Abb., 8 Tab., 6 Graf., ISBN 978-3-631-37491-7, EUR 65,40
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Rezension von:
Nils Jörn
Graduiertenkolleg Rechtsgeschichte, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Nils Jörn: Rezension von: Renée Rößner: Hansekaufleute in Brügge. Teil 5: Hansische Memoria in Flandern. Alltagsleben und Totengedenken der Osterlinge in Brügge und Antwerpen (13. bis 16. Jahrhundert), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 6 [15.06.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/06/2848.html


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Renée Rößner: Hansekaufleute in Brügge

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Mit dem Band findet ein ambitioniertes Vorhaben seine Fortsetzung, das 1985 auf einer Exkursion nach Brügge mit der Wiederentdeckung einer Quelle seinen Anfang nahm. Die Oosterlingenlisten in den Brügger Stadtrechnungen bildeten die Grundlage für das seit 1990 in Kiel und Greifswald tätige DFG-Projekt "Hanse und Flandern". Dieses hatte sich zum Ziel gesetzt, anhand der Überlieferung in den einzelnen Hansestädten Aufschlüsse über die Herkunft der in der Liste verzeichneten Hansekaufleute zu gewinnen. Angesichts der Tatsache, dass über die hansischen Handelsströme aus den und in die einzelnen Regionen immer noch viel zu wenig bekannt ist, bot die Auswertung dieser Quelle eine hervorragende Möglichkeit, ein Forschungsdesiderat zu schließen. Dies geschah zunächst mit der Edition der Quelle und wurde mit der Herausgabe eines prosopographischen Katalogs, in dem die Identität der in der Liste genannten Kaufleute diskutiert wurde sowie einer regionalen, Lübeck betreffenden Studie fortgesetzt. Die Referate einer Internationalen Tagung in Brügge, auf der die Ergebnisse des Projekts vorgestellt wurden, bilden Band 4 der Reihe, die vorliegende Dissertation Band 5.

Memoria stehen seit langem im Interesse von Historikern, Theologen, Psychologen und anderen Wissenschaftlern, hansische Memoria im Ausland wurden durch einen Aufsatz von Stuart Jenks erst im Jahre 1986 als Forschungsgegenstand "entdeckt", bisher aber nicht umfassend bearbeitet. Die Autorin nimmt sich dieses Desiderats an und erforscht "die religiösen Ausdrucksformen einer Gruppe von Kaufleuten, die ihre hansischen Erfahrungen mit nach Flandern brachte" (23). Sie ist sich sehr wohl der Homogenität dieser Gruppe bewusst und stellt vorbildlich deren regionalen Besonderheiten dar. Gleichzeitig hebt sie hervor, dass sich übergreifende Analysen zum Hansekaufmann dort anbieten, wo er als solcher und nicht als Bürger seiner Stadt auftrat - im Ausland. Am Beispiel Brügges und Antwerpens vergleicht sie hansische Memoria mit denen der ortsansässigen Bevölkerung und der anderer Nationen und weist auf das Problem hin, dass ein Kaufmann, der sich im Ausland um sein Totengedächtnis sorgt, vielleicht aufgehört hat, ein Hansekaufmann zu sein.

Die Arbeit wird mit dem Problem konfrontiert, dass alle Realien in Flandern und Brabant (Gräber, Grabplatten, Epitaphien und gestiftetes liturgisches Gerät) verloren gegangen sind. Die Autorin nutzt deshalb die wenig ergiebigen Gräberinventare und Bestandsverzeichnisse der Klöster, das in Köln erhaltene Archiv des Brügger Kontors, die Bestände hansischer (Braunschweig, Hamburg, Köln, Lübeck) und flandrischer Memorialüberlieferung sowie die gedruckten hansischen und flandrischen Quellen. Diese Überlieferung kennt und handhabt sie exzellent und schreibt auf ihrer Grundlage ein anregendes, sehr gut strukturiertes Buch. Zunächst stellt sie die Grundlagen ihrer Arbeit (Quellen, Forschungsstand und Fragestellung) vor und gibt dann einen detaillierten Überblick über die hansischen Memoria in Brügge und Antwerpen in einzelnen Jahrhunderten. In einem "Einzelaspekte" genannten Teil wertet sie ihr Material in Bezug auf einzelne Kaufleute, hansische Gruppen, die Kontorgemeinschaft, andere hansische Auslandsniederlassungen und andere Fremde in Brügge und Antwerpen aus.

Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass vor allem Hansen, die längere Zeit in Flandern und Brabant lebten, als Stifter auftraten. Dies sieht sie als Zeichen für deren Integration in der Fremde und stellt fest, dass die Bindungen zu den bestifteten Institutionen aufhörten, sobald der Kaufmann wieder in der Heimat war. In der Hansestadt wie in Flandern stiftete er vor allem für Marienkirchen, Kartäuser- und Karmeliterklöster. Seine besondere Integration in der Fremde zeigte er durch die Bestiftung kleiner, lokaler Klöster. Rößner stellt aber auch die These auf, dass "Memoria in der Fremde weit mehr ist, als nur 'Sich-Zurechtfinden' in der Fremde" (271f.) und regt damit weiterführende Studien an. Die Arbeit gipfelt in der Erkenntnis, dass hansische Memoria in Flandern "für den einzelnen Kaufmann einen wesentlichen Faktor im Integrierungs- und Harmonisierungsprozeß" darstellte, für die hansische Genossenschaft hingegen "ein Instrument zur Durchsetzung eigener Interessen im Ausland war" (272).

Lobend hervorzuheben ist der 165 Seiten und 274 Personen umfassende Katalog, in dem die Hansen, die als Stifter in Brügge oder Antwerpen auftraten, ausführlich vorgestellt werden. Er bietet zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für die weitere Forschung und liefert umfangreiches, der Hanseforschung bisher oft unbekanntes Material. Möglicherweise hätte man bei der umfangreichen Nachweisführung im Textteil auf diesen Katalog verweisen können, um so den Apparat der Arbeit zu entlasten. Zu begrüßen ist auch die Edition einiger bisher unpublizierter, aber für die Arbeit relevanter Quellen.

Die Verfasserin kennt und handhabt die Quellen in Belgien, Köln und Lübeck ebenso sicher wie die Forschungsliteratur zu Memoria, hat jedoch Schwächen in ihrem Wissen um die Geschichte der Hanse und deren andere Kontore. Von ihr als Phänomene bezeichnete Beobachtungen lassen sich auch andernorts nachweisen und sind teilweise bereits erklärt worden. Der schwierigen Diskussion über die Mitgliedschaft in der Hanse geht sie bewusst aus dem Weg (32f.) und kommt deshalb zu Fehlurteilen über Kaufleute aus Stockholm, Narwa, Breslau und anderen Städten, die nie oder zum Zeitpunkt ihrer Nennung keine Mitglieder mehr waren. Über ihre Sicht auf die Administration im Brügger Kontor und die von ihr überbewertete Rolle des Sekretärs wäre zu streiten. Obwohl vielfach thematisiert, beachtet sie zu wenig die engen Beziehungen zwischen Flandern und England, verfolgt "ihre" Kaufleute nicht mit letzter Konsequenz in der umfangreichen Forschungsliteratur zum Englandhandel und zieht auch nicht ausreichend den Vergleich zum Londoner Stalhof. Dieser hätte ihr geholfen, Überlieferungslücken zu schließen und eigene Beobachtungen und Ergebnisse zu verifizieren. In ihrem Abschnitt zu anderen hansischen Niederlassungen im Ausland folgt sie weitgehend den Erkenntnissen Dollingers und des Katalogs der Hanseausstellung 1989. Ersterer ist in vielen Fragen, besonders bei den Kontoren, inzwischen widerlegt, letzterer populärwissenschaftlich. Die gewählte Vergleichsbasis wird damit ebenso fragwürdig wie die Ergebnisse. In dieser Hinsicht wäre es lohnender gewesen, die Erkenntnisse zum Londoner Stalhof permanent in die Darstellung einzubeziehen. Dies gilt auch für jüngst erschienene Arbeiten zu den anderen Kaufleutenationen in Brügge bei denen sich ebenso ein Vergleich mit London angeboten hätte. Rößner nimmt die Arbeiten von H. Samsonowicz und der Greifswalder Schule nur ungenügend zur Kenntnis und beraubt sich damit zentraler Erkenntnisse und Diskussionsangebote zu "berufsspezifischer Gläubigkeit" und "praktischer Religiosität", Stralsunder Bürgertestamenten, dem Leben im Stalhof und in Novgorod, Veckinchusen und anderen Fragen. Diese Versäumnisse sind natürlich aus der breiten Anlage der Arbeit zu erklären, die es nahezu unmöglich macht, die gesamte Literatur im Blick zu behalten. Stellt man sich jedoch einem solchen Anspruch, muss man ihn auch bedienen können.

Geradezu ärgerlich ist die mangelhafte Endredaktion des Bandes. Knapp 10% der in den Fußnoten genannten Literatur taucht im Literaturverzeichnis nicht auf, der Index folgt oft nicht dem Alphabet, und auf die zahlreichen Binnenbezüge zwischen den verschiedenen Namensvarianten fehlen die Verweise (unter anderen Jan van Merle in sieben verschiedenen Einträgen).

Diese Fehler und Auslassungen sind leider nicht nur Petitessen, sondern beeinträchtigen und trüben den Gesamteindruck des ambitionierten, quellenreichen Buches. Es bleibt der Verdienst der Autorin, sich erstmals auf einer so umfassenden Basis kenntnisreich mit einem wichtigen Aspekt der hansischen Kontorgeschichte befasst zu haben und die Hoffnung, dass sie damit Studien zu den anderen hansischen Niederlassungen und zu anderen Fremden in der Fremde anregt (272), die die Vorzüge dieser Arbeit aufgreifen, ihre Schwächen aber vermeiden.


Nils Jörn