Rezension über:

Cornelia Jöchner: Die 'schöne Ordnung' und der Hof. Geometrische Gartenkunst in Dresden und anderen deutschen Residenzen (= Marburger Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte; Bd. 2), Weimar: VDG 2001, 256 S., 170 s/w-Abb., ISBN 978-3-89739-185-7, EUR 35,80
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Rezension von:
Konstanze Rudert
Institut für Kunst- und Musikwissenschaft, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Konstanze Rudert: Rezension von: Cornelia Jöchner: Die 'schöne Ordnung' und der Hof. Geometrische Gartenkunst in Dresden und anderen deutschen Residenzen, Weimar: VDG 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 4 [15.04.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/04/3519.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Cornelia Jöchner: Die 'schöne Ordnung' und der Hof

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Bei der Publikation handelt es sich um die Veröffentlichung einer geringfügig überarbeiteten kunstwissenschaftlichen Studie von Cornelia Jöchner, die 1996 vom Fachbereich Neuere deutsche Literatur und Kunstwissenschaften der Philipps-Universität Marburg als Dissertation angenommen wurde. Die Dissertation ist im Rahmen eines Graduiertenkollegs "Kunst im Kontext" entstanden, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an oben genannter Universität eingerichtet wurde. Die Autorin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gartenanlagen in ausgewählten deutschen Residenzen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts in ihrem funktionalen und räumlichen Kontext zum jeweiligen Herrschaftssitz zu untersuchen. Dabei setzt der Untersuchungszeitraum mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ein, als der repräsentative Ausbau der deutschen Herrschaftssitze erst wieder mühevoll beginnen konnte. Betrachtet wird nun genau jener Entwicklungsprozess, in dem viele der kleinen, abgeschlossenen fürstlichen Gärten des 17. Jahrhunderts zu ausgedehnten axialen Gartenanlagen des 18. Jahrhunderts umgestaltet wurden. Ausgehend von dem längst bekannten stilgeschichtlichen Wandel von der "additiven" zur "axialen" Gartengestalt wird nun durch die Autorin nach dem Funktionswandel gefragt. Allein die Nutzungsänderungen durch den Hof verweisen auf eine solche geänderte Funktion der Gärten, die wiederum veränderte Gestaltungskriterien hervorbrachten.

Der Untertitel verwirrt ein wenig, denn es handelt es sich genau genommen um eine Untersuchung der Gartenkunst in Dresden mit vergleichendem Blick auf die Traktate Joseph Furttenbachs des Älteren und auf zwei Gartenanlagen in Idstein und Kassel Karlsaue, die lediglich aus der Literatur referiert werden. Die beiden behandelten Gartenanlagen dürften jedoch für die spezielle Prägung der Dresdner Gartenanlagen in rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Sie wurden als sogenannte "Prototypen" ausgewählt, um den allmählichen Funktionswandel vom begrenzten Schlossgarten zur axial ausgerichteten, raumgreifenden Gartenanlage zu dokumentieren. Jener Funktionswandel vollzog sich auch in den im Hauptteil behandelten fürstlichen Dresdner Gärten.

Unter der Hauptüberschrift: "Fürstliche Gärten in der Peripherie der Stadt: das Beispiel Dresden" handelt die Autorin zunächst die kleineren, räumlich begrenzten kurfürstlichen Gärten des 17. Jahrhunderts ab und betrachtet dabei immer auch das räumliche Verhältnis der jeweiligen Gärten zur Stadt. Behandelt werden zunächst die frühen Dresdner Hofgärten in der westlichen Vorstadt (Kurfürstliche Lustgärten vor dem Wilsdruffer Tor, der Kurfürstin Garten in Fischersdorf, der Kurprinzessin Garten am Mühlgraben). In diesem Zusammenhang wird auf die besonders in Dresden auffällige "starke örtliche Tradition" hingewiesen, "die das Amt der Fürstin mit dem Garten verbindet".(103) So ist den Fürstinnengärten auch ein eigenes Kapitel gewidmet. Im Zuge der angestrebten Ausdehnung der Gartenanlagen wurden in Dresden auch die Areale südlich und westlich der Stadtmauern zur Anlage von raumgreifenderen Gartenanlagen genutzt. Die Entstehungsgeschichten des Italienischen und des Großen Gartens werden in einem nächsten Kapitel zum Teil aus der Literatur referiert und durch die Auswertung von umfangreichem Quellenmaterial, wofür leider kein detailliertes Quellenverzeichnis angefügt ist, erweitert. Hier gelang es der Autorin offensichtlich nicht mehr, die neuesten, im Jahr 2000 publizierten Forschungen von K. Reeckmann und H. Blanke mit einzubeziehen. In einem letzten großen Kapitel widmet sich Jöchner der funktionalen Beziehung zwischen Residenz, Garten und höfischem Fest.

Mit der Übernahme der Kurfürstenwürde durch August den Starken 1694 brach für die Kunst und Kultur in und um die sächsische Residenz ein neues Zeitalter an. Der fürstliche Anspruch auf Repräsentation wird zum komplexen Programm, in dem höfisches Zeremoniell ebenso wie Kunst und Architektur zu einem virtuosen Zusammenspiel gebracht werden sollten. Zu diesem Zwecke wurden Schloss- und Gartenanlagen in und um Dresden mit großem Aufwand umgestaltet. Der Repräsentations- und Herrschaftsanspruch sollte nun nicht mehr nur in der Residenz sichtbar gemacht werden, sondern weit über die Stadtgrenzen hinaus. Dafür bot sich die Flusslandschaft des Elbtales in besonderem Maße an. Auch wenn viele der hochgreifenden Projekte Augusts des Starken nicht oder nur teilweise verwirklicht werden konnten, so stellen die umfassenden Planungs- und Baumaßnahmen, die im Zusammenhang mit der Hochzeit des Kurprinzen mit der Habsburgerin Maria Josepha im Jahre 1719 in die Wege geleitet wurden, einen Höhepunkt auch für die Entwicklung der raumgreifenden, zumeist axial angelegten Gartenanlagen an der Peripherie von Dresden dar. Für Jöchner bot die vorhandene Literatur- und Forschungslage (unter anderen M. Schlechte, H. Watanabe-O'Kelly) hinsichtlich des höfischen Zeremoniells vor allem im Hinblick auf die Hochzeitsfeierlichkeiten von 1719 eine gute Grundlage, um die Nutzung der Gärten im Zusammenhang mit der barocken Festkultur innerhalb, aber auch außerhalb der Residenz zu untersuchen.

Mit der abschließenden Fokussierung des Blickes auf all jene Dresdner Gartenanlagen, die speziell für die Hochzeitsfeierlichkeiten 1719 hergerichtet wurden, bricht auch die Untersuchung an dieser Stelle ab. Leider wurde die für die Dresdner Gartengeschichte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr bedeutende barocke Gartenanlage in Großsedlitz, die August der Starke während seiner Regierungszeit erworben hatte, nicht in die Untersuchung mit einbezogen. Auch andere, den kurfürstlichen Schlössern zugehörige Gartenanlagen werden in der Untersuchung nur am Rande erwähnt, eine empfindliche Lücke, da die kurfürstlichen Anlagen, die August der Starke nutzte und gemäß seinem programmatischen Repräsentationsanspruch umplanen ließ, gerade in ihrer Gesamtheit betrachtet werden sollten.

Das Thema ist also mit der vorliegenden Studie - das sollte deutlich geworden sein - keineswegs erschöpfend behandelt. Die Lektüre dürfte zu weiteren Forschungen anregen, zumal die Autorin die einzelnen Facetten des Themas durch neue Fragestellungen herausgearbeitet hat. Dazu gehört unter anderem, die Schlossarchitektur und die Gestaltung Gartenanlagen in ihrem engen räumlichen Verhältnis zu sehen und dabei das besondere Augenmerk auf die sich wandelnde Funktion zu richten.


Konstanze Rudert