Rezension über:

Michael Diefenbacher / Rudolf Endres (Hgg.): Stadtlexikon Nürnberg. In Zusammenarbeit mit Ruth Bach-Damaskinos, Martina Bauernfeind, Walter Bauernfeind, Helmut Beer, Horst-Dieter Beyerstedt, Charlotte Bühl, Wiltrud Fischer-Pache, Maritta Hein-Kremer, Daniela Stadler, 2., verb. Aufl., Nürnberg: Tümmels 2000, 1247 S., ISBN 978-3-921590-79-9, EUR 65,45
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Rezension von:
Nils Freytag
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Nils Freytag: Rezension von: Michael Diefenbacher / Rudolf Endres (Hgg.): Stadtlexikon Nürnberg. In Zusammenarbeit mit Ruth Bach-Damaskinos, Martina Bauernfeind, Walter Bauernfeind, Helmut Beer, Horst-Dieter Beyerstedt, Charlotte Bühl, Wiltrud Fischer-Pache, Maritta Hein-Kremer, Daniela Stadler, 2., verb. Aufl., Nürnberg: Tümmels 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 4 [15.04.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/04/1571.html


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Michael Diefenbacher / Rudolf Endres (Hgg.): Stadtlexikon Nürnberg

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Buchstäblich gewogen und für gut befunden: Mehr als zweieinhalb Kilo bringt das voluminöse Nachschlagewerk auf die Waage. Und auch seine weiteren Eckdaten beeindrucken schwer: mehr als 5.600 Stichwörter, über 1.400 teilweise farbige Abbildungen, 1248 Seiten sowie 184 Bildtafeln. Die Lexikonartikel stammen aus der Feder von 135 Fachautorinnen und -autoren. Unter der Regie des Nürnberger Stadtarchivs (Michael Diefenbacher) und des Lehrstuhls für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte der Universität Bayreuth (Rudolf Endres) stimmte ein "Lexikonbüro" (Ruth Bach-Damskinos, Maritta Hein-Kremer, Daniela Stadler) die Arbeiten des im Titel aufgeführten Redaktionsstabs ab.

Das Stadtlexikon erschien im Dezember 1999, und die erste Auflage - immerhin 5000 - war noch vor Weihnachten verkauft. Dass ein nicht gerade billiger, wissenschaftlicher Wälzer innerhalb kurzer Zeit vergriffen und für auswärtige Interessenten und Rezensenten kaum zu haben war, lag wohl vor allem am Stadtjubiläum Nürnbergs, denn im Jahr 2000 jährte sich zum 950. Mal die urkundliche Ersterwähnung der fränkischen Metropole. [1] Aber der bemerkenswerte Absatz liegt ganz bestimmt auch daran, dass man sich rasch "festliest", stundenlang zwischen einzelnen Artikeln hin- und herblättern kann und immer wieder auf interessante und reizvolle Abbildungen stößt.

Der Leser findet in dem Lexikon Orte, Begriffe und Personen ebenso wie reichsstädtische Ämter und Berufsbezeichnungen, Firmen- und Vereinsnamen. Ein dichtes Netz von Verweispfeilen (>) unterstützt ihn bei seinem Streifzug durch das Nürnberger Universum. Am Ende eines Artikels finden sich in der Regel grundlegende Hinweise zu Quellen und weiterführender Literatur. Ein ausführliches Beispiel mag an dieser Stelle genügen: Das Stichwort >Fußball präsentiert die Anfänge dieser in Nürnberg heute dominanten Sportart; die Erfolge des >Ersten Fußballclubs Nürnberg und der Spielvereinigung >Fürth ließen die Region in den 1920/30er-Jahren zur ersten deutschen Fußballhochburg werden (allein der Club errang damals sechs seiner insgesamt neun deutschen Meistertitel). Man kann sich in der Folge ebenso über einen der Helden von Bern, Max >Morlock, informieren wie über die Geschichte des (Franken-) >Stadions, aber der Artikel >Fußball bietet noch weit mehr, denn der Aufstieg dieser Sportart wird eingebettet in die fundamentalen Prozesse der >Industrialisierung und Wirtschaftsentwicklung (Rainer Gömmel, 472f.) sowie der >Urbanisierung und Verstädterung (Helmut Beer, 1124-1126).

Diese beiden letzten Verweise führen den Leser auf moderne lexikografische Pfade. Denn sie gehören zu 33 zentralen Begriffen und Bereichen (im Lexikon als Essays bezeichnet), die ausführlicher vorgestellt werden. Diese Essays durchbrechen den Fluss der Artikel auf mindestens einer Doppelseite und fügen die stadtbiografischen Entwicklungen in überregionale Zusammenhänge ein. Sie reichen von >Arbeiterbewegung (Werner K. Blessing, 74f.) und >Handwerk (Rainer Elkar, 406f.) über >Nationalsozialismus (Siegfried Zelnhefer, 730f.) und >naturräumliche Voraussetzungen (Eugen Wirth, 734f.) bis hin zu >Stadtverfasssung (für die reichsstädtische Zeit: Rudolf Endres, 1028f.; für die bayerische Zeit: Hartmut Frommer, 1030f.) und >Wiederaufbau (Clemens Wachter/Willy Prölß, 1178f.).

Zurück zum >Fußball. Hier fehlt leider der Hinweis auf den gelungenen Essay >Sport (Helmut Beer/Maritta Hein-Kremer, 1012f.). Er geleitet den neugierigen Leser nicht nur zu allen Nürnberger >Olympiasiegern, von Kurt Leucht (1928) bis Pasquale Passarelli (1984). Vielmehr öffnet sich von hier aus auch die reichsstädtische Epoche der Pegnitzstadt, indem auf die >Schnepperschützen (=Armbrustschützen) sowie auf die vom >Rat der Stadt geförderten und vom >Kriegsamt kontrollierten >Schützengesellschaften aufmerksam gemacht wird. Folgt der Leser diesen Hinweisen weiter, so kann er eintauchen in die schillernde und oftmals verwirrende reichsstädtische >Ämterorganisation, vom >Fünfergericht über das >Genanntenkollegium bis hin zu den >Waldherren.

Ein besonderer Genuss sind die 184 Bildtafeln, die in 15 Blöcken in das Lexikon eingebunden sind. Sie bieten altstädtische Ansichten und Aufnahmen von historischen Bauten und Straßenensembles aus der Zeit vor den verheerenden Bombardements des >Zweiten Weltkriegs, die den Stadtkern nahezu völlig zerstörten. Diese einzigartigen Schwarz-Weiß-Fotografien entstanden zwischen 1933 und 1936 und finden sich heute im Bestand "Staatliche Bildstelle Berlin" im >Stadtarchiv Nürnberg.

Ein umfangreicher und sehr nützlicher Anhang rundet den Band ab. Hier kann sich der Interessierte in 24 Übersichten vertiefen in diverse Wahlergebnisse und Listen von Land-, Reichs- und Bundestagsabgeordneten. Und er kann Nürnberger Maßeinheiten und Daten zu Klima und Lufthygiene nachschlagen. In ihrem Vorwort (10f.) zur geringfügig überarbeiteten und um zwei Anhänge ergänzten zweiten Auflage betonen die beiden Herausgeber Offenheit und Ausbaufähigkeit des stadtlexikalischen Unternehmens: Die Datenbank, welche die Grundlage des Stadtlexikons bildet, wird im Stadtarchiv Nürnberg laufend aktualisiert und deren digitalisierte Ausgabe in Aussicht gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass dies als CD-ROM oder im Internet realisiert werden kann. Denn die gesamte Anlage des vorzüglichen Nachschlagewerks mit seinen vielen Querverweisen und der stattlichen Illustrierung eignet sich dafür hervorragend. Wer sich künftig mit der Geschichte Nürnbergs beschäftigt, darf an dem Stadtlexikon nicht vorbeigehen.

Anmerkung:

[1] Im Internet kann man das Stadtjubiläum nochmals Revue passieren lassen. Unter der Adresse http://www.kulturprofile.nuernberg.de/950/f_home.html finden sich zudem zahlreiche Hinweise auf neueste Literatur. Eine ausführliche Besprechung des Stadtlexikons bietet bereits Peter Zahn: Nürnberg im 950. Jahr. Historische Publikationen zum Stadtjubiläum, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 87 (2000), S. 119-157, hier: S. 119-129.


Nils Freytag