Rezension über:

Notker Hammerstein: Res publica litteraria. Ausgewählte Aufsätze zur frühneuzeitlichen Bildungs-, Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, hrsg. v. Ulrich Muhlack / Gerrit Walther (= Historische Forschungen; 69), Berlin: Duncker & Humblot 2000, 409 S., ISBN 978-3-428-09899-6, DM 136,00
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Rezension von:
Gerhard Müller
SFB 482 "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800", Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Gerhard Müller: Rezension von: Notker Hammerstein: Res publica litteraria. Ausgewählte Aufsätze zur frühneuzeitlichen Bildungs-, Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, hrsg. v. Ulrich Muhlack / Gerrit Walther, Berlin: Duncker & Humblot 2000, in: sehepunkte 1 (2001), Nr. 2 [15.02.2001], URL: http://www.sehepunkte.de
/2001/02/2930.html


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Notker Hammerstein: Res publica litteraria

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Der zu Notker Hammersteins 70. Geburtstag herausgegebene Band versammelt neunzehn Aufsätze, die zwischen 1970 und 1994 entstanden sind. Er beschränkt sich auf frühneuzeitliche Themen, bietet aber dennoch einen Querschnitt durch das wissenschaftliche Leben eines Historikers, der mit Recht als Nestor der deutschen Bildungs-, Wissenschafts- und Universitätshistoriographie gelten darf. Die Beiträge gruppieren sich um seine grundlegenden Bücher "Jus und Historie. Ein Beitrag zur Geschichte des historischen Denkens an deutschen Universitäten im späten 17. und 18. Jahrhundert" (1972) und "Aufklärung und katholisches Reich. Untersuchungen zur Universitätsreform und Politik katholischer Territorien des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 18. Jahrhundert" (1977).

Stets ist das Prinzip erkennbar, das Hammersteins wissenschaftliches Selbstverständnis prägt und die Forschung nicht nur zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte ungemein angeregt hat: das Bestreben, die eigenen Positionen an Fragestellungen und Ergebnissen anderer zu spiegeln, vielfältige Berührungen mit benachbarten Forschungsgebieten herzustellen und neue Perspektiven aufzuzeigen.

So vermag er in immer weitere Dimensionen der Verflechtung der frühneuzeitlichen Universität mit den gesellschaftlichen und politischen Strukturen des Alten Reichs vorzustoßen und ein zunehmend schärfer konturiertes Gesamtbild zu zeichnen, das nicht nur die Komplexität der akademischen Sphäre selbst reflektiert. Die besondere Stärke Hammersteins ist es vielmehr, Fragen aufzuwerfen, Forschungskonzepte zu strukturieren und methodische Probleme zu diskutieren. Indem der Band die zumeist als Tagungsbeiträge entstandenen und in vielen Publikationen verstreuten Aufsätze zusammenführt, liefert er den bislang nur durch aufwändige Literaturrecherchen erreichbaren Überblick über die Mannigfaltigkeit dieser Denkansätze, Fragestellungen und Analysen, die aus Hammersteins weit verzweigten Forschungsinteressen hervorgingen. Es entsteht ein einheitliches, aber im Verlauf der Jahrzehnte immer facettenreicheres Panorama der frühneuzeitlichen deutschen Universitäts- und Bildungslandschaft, das den geistig-kulturellen Habitus des Alten Reiches auf eine Weise lebendig werden lässt, wie es eine in einem Guss gefertigte monografische Darstellung nicht besser leisten könnte.

Die Herausgeber waren daher gut beraten, die Aufsätze chronologisch anzuordnen und in der Form ihres ersten Erscheinens abzudrucken. So vermag der Band den immanenten Erkenntnisprozess des Autors und die genetischen Zusammenhänge zwischen den Aufsätzen transparent zu machen. Eben dies verleiht ihm einen spezifischen Eigenwert, der den eines Kollektaneums bereits publizierter Texte weit übersteigt. Darüber hinaus wird auch Hammersteins Persönlichkeit, die Faszination der ihm in besonderem Maße eigenen Denk- und Vortragskultur nacherlebbar. So ist gewissermaßen auch der Autor selbst Gegenstand des Bandes geworden. Überschneidungen und Wiederholungen, die einer so konzipierten Aufsatzsammlung notwendig eignen, wird der Leser gern in Kauf nehmen.

Der Versuch, das Oeuvre Hammersteins in Auswahl vorzustellen, erforderte großen Mut zur Lücke. Dennoch ist es den Herausgebern gelungen, das wissenschaftliche Profil des Autors überzeugend nachzuzeichnen. Der früheste, den Band einleitende Aufsatz mit dem Titel "Zur Geschichte der deutschen Universität im Zeitalter der Aufklärung" aus dem Jahr 1970 formuliert gleichsam in nuce die grundlegenden Thesen und Periodisierungen des Autors, die sich auch durch die nachfolgenden Beiträge ziehen. Dem humanistisch-reformatorisch geprägten ersten frühneuzeitlichen Entwicklungsschub der deutschen Universitäten, den die Konfessionalisierung des Reichs und die Rückschläge des Dreißigjährigen Krieges niemals völlig zu verschütten vermochten, folgte, wie Hammerstein zeigt, in der Epoche der Frühaufklärung eine bereits in den Augen der Zeitgenossen erstaunliche Erneuerungsbewegung.

Während die alten Universitäten anderswo den Sprung ins Aufklärungszeitalter verpassten und der Konkurrenz neu konzipierter, meist spezialisierter Institutionen der höheren Bildung mehr oder minder erlagen, blieben sie im Alten Reich Brennpunkte der intellektuellen Öffentlichkeit und entfalteten ein neues, innovatives Wissenschaftsverständnis. So vermochte die deutsche Universität ihre geistige Führungsposition zu behaupten und mit der Berliner Universität schließlich sogar das hochschulpolitische Erfolgsmodell des 19. Jahrhunderts zu kreieren. Den Durchbruch zu dieser Entwicklung, die in Jena und Helmstedt geistig vorbereitet wurde, bildete 1694 die Eröffnung der Friedrichs-Universität zu Halle. Das Hallische Modell, noch immer an der überkommenen ständisch-korporativen Universitätsverfassung orientiert, wurde 1735 mit der Gründung der Universität Göttingen zur Vollkommenheit geführt. Als Staatsanstalt organisiert, konnte Göttingen auch im Hinblick auf seine moderne Wissenschaftsinfrastruktur vorbildhaft werden. Über das gesamte 18. Jahrhundert hinweg wirkten Halle und Göttingen als Impulsgeber eines Modernisierungsprozesses, der das gesamte deutsche Universitätswesen, mit einer gewissen Phasenverschiebung auch das der katholischen deutschen Reichsstände, nachhaltig ergriff, bis die aufklärerischen Bildungs- und Wissenschaftsvorstellungen durch Idealismus und Neuhumanismus überwunden wurden.

Das aufgeklärte Universitätsmodell beruhte mithin weniger auf institutionellen Innovationen als auf einem Qualitätssprung des wissenschaftlichen Denkens. Diesen verortet Hammerstein wesentlich in den Disziplinen von "Jus und Historie", vor allem in der mit Christian Thomasius aufkommenden neuen Reichspublicistik (auf deren Schreibung mit "c" er insistiert). Indem die Jurisprudenz als überkonfessionelle, empirisch vorgehende und nicht mehr theorie- und ideologiebezogen, sondern historisch argumentierende Interpretations- und Legitimationswissenschaft für die Gesamtheit der politisch-staatlichen Verhältnisse des Alten Reichs an die bis dahin von der Theologie eingenommene Spitzenposition der akademischen Wissenschaftshierarchie trat, brach sie eine breite Bahn für das neue, lebens- und wirklichkeitszugewandte Wissenschaftsverständnis der Aufklärung. Verschiedenen Aspekten dieses Gegenstandes sind fünf der in diesen Band aufgenommenen Aufsätze aus den Jahren 1976 bis 1986 gewidmet. Die jurisprudenz- und historiographiegeschichtliche Akzentsetzung ist durchaus gerechtfertigt, denn die Bedeutung der Forschungen Hammersteins für das Erwachen eines neuen Interesses an der Geschichte des Alten Reichs und die Wiederentdeckung seiner für heutige Betrachter mitunter geradezu faszinierend erscheinenden Rechtsstaatlichkeit ist nicht gering zu veranschlagen.

Von hier ausgehend, verfolgten Hammersteins Forschungen vielfältige Traditions- und Wirkungslinien, deren wichtigste vorgestellt werden. So thematisieren drei Beiträge zum Zusammenhang von Humanismus, Reformation und Reichspublicistik die fortdauernde Wirksamkeit der alten humanistischen Traditionen an den deutschen Universitäten und ihre Überleitung in den Prozess der aufklärerischen Erneuerung um 1700. Mit der Bedeutung des zunächst humanistischen, später aufgeklärten Universitäts- und Wissenschaftsverständnisses für die Führungseliten in Staat und Gesellschaft und dem Verhältnis von Staatlichkeit, Herrschaft und Universitäten beschäftigen sich weitere vier Aufsätze.

Zwei Beiträge aus den Jahren 1980 und 1993 dokumentieren den zweiten großen Forschungsschwerpunkt Hammersteins, die so genannte katholische Aufklärung im Alten Reich und die intensiven Anstrengungen vieler katholischer Reichsstände in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Inferiorität ihrer Hochschulen zu überwinden und den Entwicklungsvorsprung der protestantischen Universitäten aufzuholen. Ebenso wie alle diese Themen im Abstand von mehreren Jahren wieder aufgegriffen werden, behält Hammerstein den Faden seines Generalthemas, des Verhältnisses von deutscher Universität und Aufklärung, ständig in der Hand. Dieses unablässige Systematisierungsbestreben verdeutlicht der Band mit vier Aufsätzen aus den Jahren 1981 bis 1985.

Der stärkste Eindruck, den das Buch beim Leser hinterlässt, ist wohl der jener in der Historikerzunft selten gewordenen Kontinuität, mit der Hammerstein seinen Forschungsgegenstand über Jahrzehnte hinweg konsequent verfolgt, systematisch ausgeweitet und Schritt für Schritt arrondiert hat. Dennoch gibt es in diesem so harmonisch gewirkten Oevre auch Desiderate. Lange Zeit stand vor allem die prägende universitätsgeschichtliche Entwicklungslinie Halle-Göttingen-Berlin im Mittelpunkt und überblendete gleichsam die anderen deutschen Universitäten, und neben dem filigranen Bild, das Hammerstein von der Dynamik des aufgeklärten Reformgeschehens an den Universitäten des katholischen Reichsteils zu zeichnen vermag, werden die protestantischen Universitäten noch vergleichsweise unscharf reflektiert.

Niemand hat dies deutlicher empfunden als Hammerstein selbst, denn erst das Ende der deutschen Teilung machte es möglich, die vielgestaltigen Entwicklungen, die sich an den wichtigen protestantischen Universitäten Mitteldeutschlands - Halle, Jena, Leipzig, Wittenberg - in der Reaktion auf Göttingen vollzogen, so eingehend und unter adäquaten Fragestellungen in den Blick zu nehmen, wie dies zuvor für die westlich der innerdeutschen Grenze gelegenen Universitäten erfolgt war. Der in diesem Band abgedruckte Aufsatz "Der Wandel der Wissenschafts-Hierarchie und das bürgerliche Selbstbewusstsein. Anmerkungen zur aufgeklärten Universitätslandschaft" gab 1989 die Initialzündung dafür. Leider dokumentiert die Auswahl nicht, wie intensiv Notker Hammerstein seither auch die Forschung zu den protestantischen Universitäten Mitteldeutschlands in der ihm eigenen Art mit richtungweisenden Beiträgen gefördert hat.

Gerhard Müller