Rezension über:

Hans-Werner Schütt: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Die Geschichte der Alchemie, München: C.H.Beck 2000, 602 S., ISBN 978-3-406-46638-0, DM 68,50
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Claudia Kauertz
Staatsarchiv Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Kauertz: Rezension von: Hans-Werner Schütt: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Die Geschichte der Alchemie, München: C.H.Beck 2000, in: sehepunkte 1 (2001), Nr. 1 [15.01.2001], URL: http://www.sehepunkte.de
/2001/01/2364.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in PERFORM.

Hans-Werner Schütt: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen

Textgröße: A A A

Eine Kulturgeschichte im klassischen Sinne bietet der Chemiker und Wissenschaftshistoriker Hans-Werner Schütt mit seiner Geschichte der Alchemie als Vorläuferin der modernen Chemie. Kenntnisreich beschreibt Schütt zunächst die Anfänge der Alchemie im hellenistischen Ägypten sowie ihre Weiterentwicklung im byzantinischen Reich der Spätantike. Im Zuge der islamischen Eroberungen im Nahen Osten wurde alchemisches Gedankengut in den islamischen Kulturkreis importiert, um schließlich von dort, vermittelt über Spanien und Süditalien, in das christliche Europa des Hochmittelalters zu gelangen. Hier erlebte die Alchemie seit der Renaissance eine Blütezeit, der im Zuge des allmählichen Bedeutungsverlustes des teleologischen Naturverständnisses der endgültige Niedergang im 18. Jahrhundert folgte.

In seinem Buch bietet Schütt nicht nur eine Fülle von interessanten Informationen zu den chemischen Prozessen, die den alchemischen Operationen zugrunde lagen, sondern auch zu den kulturellen und ideengeschichtlichen Hintergründen der Alchemie in den verschiedenen Epochen und Kulturkreisen, wobei er stets den engen Zusammenhang zwischen Alchemie und Naturphilosophie betont. Auch stellt er häufig verwendete alchemische Techniken, Substanzen und Symbole, wichtige Werke und bedeutende Protagonistinnen und Protagonisten sowie auch prominente Kritiker dieser Kunst vor. Schließlich diskutiert er intensiv den Unterschied zwischen Chemie und Alchemie, der sich erst seit dem 17. Jahrhundert allmählich konstituiert und von Schütt im Wesentlichen auf den Unterschied zwischen einem komplex-subjektivem Blick auf die Natur auf Seiten der Alchemie und einer objektiv-analytischen Perspektive auf Seiten der Chemie reduziert wird.

Sein Hauptaugenmerk richtet Schütt dabei weniger auf das seiner Ansicht nach unentschlüsselbare Wesen der Alchemie als Geheimwissenschaft zur Veredelung von Materie, die gleichzeitig auch eine Veredelung des tätigen Alchemisten mit sich bringen sollte. Vielmehr konzentriert er sich auf das Denken, die Motivation und die Psyche des alchemisch tätigen Menschen. Dieser wird gleichsam als überzeitlich greifbarer Typus verstanden, der vom Streben nach einem Sieg über die Natur und zudem von der Suche nach einer höheren Form der Gottes- und der Selbsterfahrung, also von der Sehnsucht nach materieller und spiritueller Erlösung, beherrscht wird. Sie treibe ihn dazu, sich jahrtausendelang trotz aller Misserfolge immer wieder voller Hoffnung der Alchemie zu widmen.

Inhaltlich bringt Schütt, wie er selbst in seinem Nachwort (547) einräumt, nichts wesentlich Neues. Die Besonderheit des Buches liegt in der Art der Darbietung, die nach dem Willen des Autors weder einseitig wissenschaftlich noch einseitig populärwissenschaftlich sein soll. Vielmehr will Schütt die Geschichte der Alchemie als Kulturgeschichte für den gebildeten, vielseitig interessierten Leser auf gehobenem Niveau unterhaltsam präsentieren. Dass es sich dabei um ein schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen handelt, ist Schütt, der versucht "zwischen der Skylla professoraler Unverständlichkeit [...] und der Charybdis effekthaschender Popularität einigermaßen unbeschadet hindurchzusegeln" (547), durchaus bewusst.

Schütt will das uns heute fremd gewordene Denken der Alchemisten anschaulich machen und Verständnis für ihre Erwartungen und Hoffnungen wecken, indem er sich bei seinem Durchmarsch durch die Geschichte der Alchemie etwa der Metapher der Abenteuer-Zeitreise bedient oder den Leser in ein ägyptisches bzw. mittelalterliches Alchemistenlabor mit seinen exotisch anmutenden Apparaturen entführt. Um dem heutigen Menschen die untergegangene Welt der Alchemie und das Wesen des Alchemisten nahe zu bringen, bedient Schütt sich aber auch anekdotischer Einschübe, philosophischer Betrachtungen und ahistorisch anmutender psychologischer Erklärungen auf der Basis von C. G. Jung, die sein Werk durchziehen. Nach Absicht des Autors sollen sie den Leser auf über mehr als 500 Seiten unterhalten und zum Weiterlesen reizen. Ob das gelingt, muss der Geschmack des Lesers entscheiden, der solch vielschichtigen Ausführungen vielleicht nicht immer folgen mag und die Lektüre daher als streckenweise anstrengend empfinden kann. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.

Claudia Kauertz