Rezension über:

Lena Dorn / Marek Nekula / Václav Smyčka (Hgg.): Zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungsnarrativen in Zentraleuropa (= Medien und kulturelle Erinnerung; Bd. 4), Berlin: de Gruyter 2021, VI + 256 S., ISBN 978-3-1107-1758-7, EUR 49,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Matthias E. Cichon
Münster
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Matthias E. Cichon: Rezension von: Lena Dorn / Marek Nekula / Václav Smyčka (Hgg.): Zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungsnarrativen in Zentraleuropa, Berlin: de Gruyter 2021, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 3 [15.03.2023], URL: https://www.sehepunkte.de
/2023/03/37876.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Lena Dorn / Marek Nekula / Václav Smyčka (Hgg.): Zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungsnarrativen in Zentraleuropa

Textgröße: A A A

Europa eint seine Geschichte. Europa trennt seine Erinnerung. Auf diese plakative Formel lassen sich die Ergebnisse zahlreicher Arbeiten über die Erinnerungskulturen auf dem "alten Kontinent" bringen - ein Befund, der auch jenseits der einschlägigen Fachzirkel kaum auf Widerspruch stoßen dürfte. Schließlich sind die teils immensen Unterschiede, die zwischen den einzelnen Nationen bei der Wahrnehmung der Vergangenheit bestehen, nur allzu offensichtlich. In vielen Fällen hat man es gar mit konfligierenden Erzählsträngen zu tun. Von daher ist es kaum verwunderlich, dass gerade Befürworter einer intensivierten europäischen Integration eine Verknüpfung oder Vereinheitlichung von Erinnerungsnarrativen als notwendig erachten. Entsprechend viel Aufmerksamkeit hat der Vorstoß der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann gefunden, die wenige Monate nach der Veröffentlichung ihrer Monografie Der europäische Traum [1] in einem Interview mit der taz für ein "dialogisches Erinnern" plädierte. [2]

Assmanns Grundüberlegung, nationale Erinnerungsnarrative "dialogisch" zu transnationalisieren, teilen auch die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes. Dieser ist aus einem 2019 im Rahmen des Forschungsverbunds "Grenze/n in nationalen und transnationalen Erinnerungskulturen zwischen Tschechien und Bayern" abgehaltenen Workshop hervorgegangen und versammelt zehn Beiträge, die sich, zumeist aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, mit Erinnerungsnarrativen im deutschen und tschechischen Kontext befassen. Dabei wenden sich die Beiträge vorwiegend literarischen Texten zu, die von der Shoa, der Zwangsmigration der tschechoslowakischen Deutschen und der kommunistischen Herrschaft handeln. Auf den geografischen Fokus des Bandes weist die umfangreiche Einleitung ausdrücklich, allerdings recht spät (18), hin. Inwieweit der titelgebende Zentraleuropa-Begriff, den die Herausgeber als Alternative zu den "belasteten" Termini "Mitteleuropa" und "Ostmitteleuropa" (18, Anmerkung 11) verwenden, glücklich gewählt ist, ist vor diesem Hintergrund mit einem Fragezeichen zu versehen. Schließlich greift lediglich ein Beitrag über den deutsch-tschechischen Rahmen hinaus. Auch rekurriert kaum ein Artikel explizit auf den Zentraleuropa-Begriff. Öfter ist stattdessen nonchalant von "mitteleuropäisch-jüdischen Erinnerungen" (45) und "Mitteleuropäern" (241) die Rede. Eine genauere, allenfalls auf den ersten Blick trivial wirkende Erörterung dessen, worin sich "nationale" von "transnationalen" Erinnerungsnarrativen eigentlich grundsätzlich unterscheiden (vergleiche 8f.), wäre da sinnvoller gewesen.

Mit der Erinnerung an ethnisch motivierte Massenmorde beschäftigt sich Ljiljana Radonić. Die in Wien tätige Politikwissenschaftlerin wendet sich in ihrem Aufsatz den Narrativen zu, mit denen im böhmischen Theresienstadt/Terezín und im kroatischen Jasenovac an den dort während des Zweiten Weltkriegs verübten Völkermord gedacht wird. Dazu holt sie zu einem längeren Vergleich aus, der vor dem Entstehen der beiden Gedenkstätten (1991 beziehungsweise 1968) ansetzt. Dabei weist die Autorin für die 1960er Jahre erkennbare Parallelen zwischen dem Gedenken an beiden Orten nach. Sowohl in Theresienstadt, dem vormaligen deutschen Konzentrationslager, als auch in Jasenovac, wo das kroatische Ustaša-Regime Serben und Angehörige anderer Nationalitäten internierte, sei die Ethnizität der Opfer zunächst kaum beachtet worden und zugunsten eines allgemeineren, staatstragenden, "antifaschistischen" Narrativs in den Hintergrund getreten. Beide Zugänge hätten sich mit der Zeit indes deutlich verändert und erst im Kontext der EU-Osterweiterung wieder einander angenähert. Dies illustriert Radonić anhand einer das individuelle Schicksal der einstigen Insassen betonenden Ausstellung (1986) in Theresienstadt, die sie mit dem Gedenken in Jasenovac vergleicht, das unter den Vorzeichen eines "Krieg[es] um die Erinnerung" (62) zunehmend eine antikroatische Stoßrichtung bekommen und wenige Jahre später den Serben zur ideologischen Unterfütterung des Jugoslawienkriegs gedient habe.

Unter den zahlreichen literaturwissenschaftlichen Beiträgen verdient der Aufsatz Václav Smyčkas und Stefan Segis (beide Prag) besondere Beachtung. Die Autoren wenden sich dem populären Genre des Kriminalromans zu und untersuchen, auf welche Weise die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und die Ära des Sozialismus in die jüngere deutsche und tschechische Kriminalliteratur Eingang gefunden haben. Sie konstatieren dabei eine durch "Doppelnarrative" bedingte "Ambivalenz". Täter der Vergangenheit würden vielfach als Opfer der Gegenwart - und umgekehrt - erscheinen. Eine klare Unterscheidung von Gut und Böse sei oft unmöglich und von einer Reihe weiterer Faktoren abhängig. Nach Ansicht der beiden Literaturwissenschaftler ist diese ethische Uneindeutigkeit auch auf die Lebenserfahrungen mancher Autoren zurückzuführen, deren "Auffassung von Verbrechen und Schuld" (181) sich im Zuge der Systemtransformation grundlegend verändert habe. Diese These überzeugt nicht vollends, da Uneindeutigkeiten und Doppelnarrative ein allgemeineres Phänomen der Moderne darstellen.

Die eingangs geschilderten Überlegungen Assmanns greift Manfred Weinberg auf. Dabei verwirft der in Prag lehrende Literaturwissenschaftler das Konzept eines "dialogischen Erinnerns" als ebenso wenig praktikabel wie wünschenswert. Schließlich würde dieser Ansatz letztlich auf ein gesamteuropäisches Narrativ abzielen und die Vergangenheit Europas auf "eine Geschichte der Gewalt" (233) reduzieren. Dabei sei, ohne Auslassungen oder Zwang, eine Vereinheitlichung der einander oftmals widersprechenden nationalen Erzählstränge kaum möglich. Als Gegenentwurf zu einem solchen de facto hegemonialen Ansatz bringt der Verfasser ein "translationales Erinnern" ins Spiel, dessen Anliegen nicht die Vereinheitlichung, sondern die Wahrung der Vielstimmigkeit des Erinnerns sei. Konkret solle ein beständiger Dialog, in dem jede Seite ihren Standpunkt darlege, Perspektivwechsel ermöglichen und dadurch einem über das jeweilige "Erinnern-wie-üblich" hinausgehenden Umgang mit der Vergangenheit den Weg ebnen. Dieser Gedankengang lädt zu einer gesonderten Diskussion ein. In ihrem Rahmen wäre speziell der Frage nachzugehen, inwiefern ein vereinheitlichtes, europäisches Erinnerungsnarrativ nicht selbst auf ein (makro-)nationales Narrativ hinausliefe. Für eine solche Debatte hat Weinberg mit seinen mitunter zum Widerspruch anregenden Beobachtungen den Boden bereitet. Allein schon mit Blick auf das sich daraus ergebende diskursive Potenzial ist dem Sammelband eine größere Leserschaft zu wünschen.


Anmerkungen:

[1] Aleida Assmann: Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte, München 2018.

[2] "Etwas Großartiges geschafft". Aleida Assmann über Europa, in: taz vom 21.05.2019, https://taz.de/Aleida-Assmann-ueber-Europa/!5593934/ (06.02.2022).

Matthias E. Cichon