Theofanis Tsiampokalos / Georg Wöhrle (Hgg.): Archelaos von Athen (= Traditio Praesocratica; Bd. 5), Berlin: De Gruyter 2025, VII + 394 S., 8 Tbl., ISBN 978-3-11-914788-0, EUR 159,95
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Unter den vorsokratischen Philosophen bildet Archelaos von Athen eine Gestalt, deren Rang und Stellung nicht leicht zu bestimmen ist. Die moderne philosophiegeschichtliche Betrachtung hat ihn bislang überwiegend als vernachlässigbare Randfigur eintaxiert. So taucht er in den neueren einschlägigen Quellensammlungen entweder gar nicht [1] oder nur in mäßiger Berücksichtigung auf. [2] Und auch die immer noch maßgebliche Vorsokratikeredition von Diels-Kranz weist für ihn lediglich 18 A-Testimonien und zwei B-Fragmente auf, dazu ein als unecht bewertetes Zeugnis, das Ganze beschränkt auf fünf Seiten. [3] Doch andererseits weist die Standardformel der Philosophensukzession auf der ionisch-athenischen Linie gerade Archelaos eine Zentralposition zu für den Übergang von einer auf Physis und Kosmos gerichteten Orientierung (Anaxagoras) hin zur Betrachtung anthropologisch-ethischer Belange (Sokrates/Platon). Da liegt durchaus der Verdacht nahe, dass eine bislang unzureichende Ausschöpfung des Überlieferungsmaterials die doch recht diffuse Konturierung dieses ersten aus Athen selbst stammenden Philosophen begünstigt hat und eine weitere Exploration ein aufschlussreicheres Bild ergeben kann.
Vor diesem Hintergrund ist es in hohem Maße zu begrüßen, dass mit dem hier vorzustellenden Titel nunmehr eine umfassende Sammlung aller Nachrichten und Texte, die einen (namentlichen) Bezug zu Archelaos aufweisen, vorliegt. Allein der Editionsteil der jeweils mit einer deutschen Übersetzung vorgelegten Originalexte ist immens und beinhaltet 129 Textperikopen auf mehr als 240 Seiten (14 bis 259). Jedem Textstück ist eine kontextualisierende Einführung vorangestellt, in der weitergehende Fragestellungen erläutert und durch Anmerkungen auf den neuesten wissenschaftlichen Sachstand gebracht werden. Ein breit angelegter Anhang von weiteren 130 Seiten gibt Auskunft über Textausgaben, Sekundärliteratur, die zitierten Autoren und stellt Konkordanzen (insbesondere zu den Textsammlungen von Diels-Kranz und Most-Laks) sowie Register zu Personen, Begriffen und Sachen bereit.
Der Bogen des vorgeführten Textmaterials erstreckt sich von ersten möglichen Bezugnahmen im zeitgenössischen Umfeld (Sophokles und Ion von Chios) über viele bekannte Namen aus der doxographischen Tradition bis hin zu hochmittelalterlichen (Johannes von Salisbury, Vincent von Beauvais, Roger Bacon, Thomas von Aquin, Jan Hus) und byzantinischen Geistesgrößen (Gennadios Scholarios, Michael Apostolos) - die Grenze ist wohl mit der Einführung des Buchdrucks gesetzt, da etwa Agrippa von Nettesheim oder Paracelsus, die sich immerhin auch deutlich mit Archelaos auseinandergesetzt haben, nicht mehr berücksichtigt sind. Dazu kommt - von der Wiener Arabistin Elvira Wakelnig als Mitautorin beigesteuert - als wichtigstes und umso begrüßenswerteres Novum die erstmalige Erfassung der arabischsprachigen Überlieferung, ein Faktum, das weitere Aufhellung der Problematik um die geistesgeschichtliche Bedeutung des Archelaos zu versprechen scheint. Dieser Teil setzt ein (bei Arch 80) mit einem alchemistisch orientierten Text des späten 7. Jahrhunderts n. Chr. und umfasst insgesamt 20 Perikopen, zeitlich kommt man dabei bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Am wichtigsten aus dieser arabischen Tradition ist das vermutungsweise auf das Ende des 10. Jahrhunderts zurückzuführende Testimonium Arch 112, das ein ansonsten nirgends belegtes angebliches Diktum des Archelaos beinhaltet. Dieses formuliert in einem an Heraklits Verachtung der breiten Masse gemahnenden Gestus einen elitären Anspruch der philosophischen Erkenntnis und könnte ein Indiz für die auch sonst mehrfach bezeugte Öffnung von Archelaos' Denken zu ethischen und politischen Fragestellungen sein.
Die Präsentation der Texte selbst folgt einer strikt nach der chronologischen Datierung der jeweiligen die Überlieferung tragenden Autoren gehaltenen Anordnung, wie sie Georg Wöhrle in der Einleitung der die Reihe der "Traditio Praesocratica" einleitenden Ausgabe (Die Milesier: Thales, Berlin 2009, 3f.) begründet hat. Damit soll, wie es dort in etwas vager Weise heißt, "eine Darlegung der Rezeptionsströme" erreicht werden, im engeren Sinn könnte dieses Anordnungsprinzip auch der - historisch allerdings nicht zu sichernden - Logik geschuldet sein, die ältesten Zeugnisse müssten auch die unverfälschtesten sein. Ohnehin wird bei dem vorliegenden Verfahren nicht mehr nach Zeugnissen mit Originalwortlaut und indirekt referierenden Testimonien unterschieden.
So wohlüberlegt und konsequent dieses Prinzip gehandhabt ist, in der methodischen Erschließungskraft führt es allerdings in ein Dilemma: So gehen bei der sukzessiven Anordnung der Texte nach der Autorenchronologie die inhaltlich-sachlichen Zuordnungen und Bezugnahmen, an denen sich die Verbindung und Entwicklung von Rezeptionsströmen zeigen könnte, oftmals wieder verloren, andererseits tauchen etwa allbekannte Daten, die vor allem Archelaos' Einordnung in die philosophiegeschichtliche Sukzession betreffen oder biographische Einzelheiten liefern und insgesamt kaum strittig sind, bei fortschreitender Lektüre in ermüdender aleatorischer Zufälligkeit und Wiederholung auf. Als Heilmittel gegen die hier vorliegende Zerfaserung von sachlichen und thematischen Zusammenhängen ist jeweils im Anschluss an das jeweilige Testimonium unter der Titulatur "Similien" ein Indexschema eingebracht, das mit stichwortartigen Formeln im Rekurs auf einen sog. "Similienapparat" (323-326) die sachlichen Verbindungslinien herstellen soll. Freilich bleibt hierbei manches eher unscharf (wozu nicht zuletzt die rein schematisch angewandte, nicht wirklich sinnstiftende alphabetische Ordnung nach dem Anfangsbuchstaben des jeweiligen Similientitels beiträgt), etwa wenn unter der wiederholt verwendeten Formel "Ablehnung durch Sokrates" eigentlich subsumiert werden soll, dass Sokrates zwar als Schüler des Archelaos mit dessen physikalischen Theoremen in Berührung kam, sich aber in der weiteren Folge gänzlich der ethischen Betrachtung zugewandt habe. So erschließt sich die weit interessantere Frage, inwieweit Archelaos selbst schon an ethisch-politischen Fragestellungen interessiert war und hierdurch möglicherweise motivierend für die mit dem Namen den Sokrates verbundene Neuorientierung geworden ist, erst im weiteren Fortgang. Hier hätte eine stärkere thematische Verschränkung mit den auf Sokrates bezogenen Aussagen deutlich machen können, dass diese Problematik in der Wirkungsgeschichte sehr uneinheitlich Niederschlag gefunden hat.
Leider tragen auch die arabischsprachigen Texte zu dieser Frage nichts Schlüssiges bei, da diese einesteils überwiegend nur den Aspekt vorstellen, Archelaos (in den arabischen Texten als Arḫilāwus/Arsilāwus/Arsalāwus apostrophiert) sei eine Koryphäe der Alchemie gewesen, andererseits ihn spürbar in ein pythagoreisches Wunderlicht rücken, wobei er gar als angeblicher Sohn des Pythagoras eine weitere Nobilitierung erfährt. Immerhin aber wird hier - und speziell auch an den Texten aus der Turba philosophorum und der sog. Visio Arislei - deutlich, dass Archelaos für die Wirkungsgeschichte eine hochrangige philosophische Leitfigur gewesen sein muss - wenngleich dies hier in ganz anderer Weise zum Ausdruck kommt als etwa in dem Faktum, dass schon Theophrast eigens eine Schrift "Über die Lehren des Archelaos" verfasst hat (Diog. Laert. 5,42).
Dass der Papyrus von Derveni angesichts der doch recht dürftigen Zeugnisse, die noch in unmittelbarer Nähe zur Lebenszeit des Archelaos stehen, keinerlei Berücksichtigung unter den Materialien gefunden hat, scheint doch etwas seltsam. Denn immerhin decken sich die Modifikationen und Umakzentuierungen, die Archelaos an der Lehre des Anaxagoras vorgenommen hat, mit den Kommentaren des Anonymus in einigen wichtigen Punkten zur Kosmogonie. Gabor Bethegh und Vojtěch Hladký haben auf solche Zusammenhänge hingewiesen und sogar Verbindungslinien zu den Ideen des Archelaos von der Genese der soziopolitischen Welt gezogen (OSAPh 51, 2016, 1-40). Die Begründung der Herausgeber (S. 2 Anm. 5), es sollten nur solche Texte berücksichtigt werden, in denen eine namentliche Bezugnahme auf Archelaos vorliegt, überzeugt hier nicht so recht, denn dann hätte man auch die beiden Platontexte (Arch 3 und 4), in denen ebenfalls keinerlei namentliche Zuordnung vorliegt, nicht aufnehmen dürfen.
Was die Lesefreundlichkeit angeht, fordert das Werk einem allerhand ab. So sind die fremdsprachigen Textpartien und die deutsche Übersetzung vielfach nicht auf gleicher Seitenhöhe zueinander angeordnet, im Fall von langen Einleitungspartien findet sich die Übersetzung öfters erst auf der Folgeseite. Und wenn man häufig verwendete Kürzel für weitere Testimonien, die auf andere Ausgaben der vorliegenden Reihe der Traditio Praesocratica verweisen (so Alk, Ar, As, Hipp, Th, Xen), im Abkürzungsverzeichnis aufgelöst hätte, hätte das sicherlich nicht zu einer unverhältnismäßigen Ausweitung geführt. Eine andere Folge der streng chronologischen Anordnung der Testimonien ist, dass manche Nummern vollkommen "textfrei" daherkommen, wenn nämlich das ursprüngliche Textwerk, auf das ein späterer Autor als Quelle zurückverweist, sich nicht erhalten hat - was beispielsweise unter den ersten zwölf Nummern gleich neunmal der Fall ist. Allerdings macht dieses Prinzip gerade auch ein zentrales Anliegen der vorliegenden Reihe der Traditio Praesocratica umso augenscheinlicher, nämlich die oftmals recht bedauernswerte Lückenhaftigkeit der Rezeption zu dokumentieren. Mit dem vorliegenden Werk hat man nunmehr ein recht gediegenes und überaus willkommenes Arbeitsinstrument zur Hand, um sich der Komplexität dieser Aufgabe zu stellen.
Anmerkungen:
[1] So bei L. Gemelli Marciano: Die Vorsokratiker, Griechisch-lateinisch-deutsch. Bde. I-III, Düsseldorf / Zürich 2007-2008 oder J. Mansfeld / O. Primavesi: Die Vorsokratiker. Ausgewählt, übersetzt und erläutert, Ditzingen 2021.
[2] A. Laks / G. Most: Early Greek Philosophy, vol. VI: Later Ionian and Athenian Thinkers, Part 1, Cambridge/Mass 2016 dort auch der markige Hinweis (185): "At the time of this writing (2016), there is no edition of the fragments of Archelaus besides that in Diels-Kranz."
[3] Ähnlich bei G. S. Kirk / J. E. Raven / M. Schofield: The Presocratic philosophers. A critical history with a selection of texts, Cambridge 1983 (dt. Ausg. Stuttgart / Weimar 1994) oder in den Philosophiegeschichten von W.K.C. Guthrie: vol. II, The Presocratic tradition from Parmenides to Democritus, Cambridge 1965, ND 1990 und J. Barnes: The presocratic philosophers, London / Boston 1982, ND 1996.
Georg Rechenauer