Eleonóra Géra: Neuanfang in Buda. Deutsche Familien in der ehemaligen ungarischen Hauptstadt nach der osmanischen Herrschaft 1686-1736. Aus dem Ungarischen übersetzt von Márta Szabady und Eleonóra Géra (= Fokus. Neue Studien zur Geschichte Polens und Osteuropas; Bd. 19), Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2025, XIV + 228 S., 1 Farb-, 3 s/w-Abb., ISBN 978-3-506-79745-2, EUR 99,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Der Leser hält einen Aufsatzband der Budapester Frühneuzeithistorikerin Eleonóra Géra über den Neuanfang des Lebens der alten und vor allem der neuen Einwohner der im Jahre 1686 von der Herrschaft der Osmanen befreiten Stadt Buda in den Händen. Im Band nicht erwähnt wird die Tatsache, dass die hier abgedruckten Beiträge bereits andernorts in ungarischer und zum Teil auch in deutscher Sprache erschienen sind. Sie spiegeln die Forschungsinteressen und -gebiete der Autorin wider, die hier um vier größere Themen (in zwölf Kapiteln) gruppiert werden: (1) die Umweltfaktoren der Stadt an der Donau, verbunden einerseits mit regelmäßigen Überschwemmungen des Flusses, andererseits mit Erholung bietenden Heilquellen; (2) die Anfänge des neuen gesellschaftlichen und ökonomischen Systems in der Stadt nach 1686; (3) die Suche der alten osmanischen Einwohner nach einer neuen Heimat und die Hoffnung der deutschen Einwanderer auf ein besseres Leben; sowie (4) die Familienverhältnisse der deutschen Bewohner.
Von diesen vier Bereichen sollen hier nur die beiden zur Sprache kommen, die die im Untertitel aufgeführten Deutschen betreffen: die Neueinrichtung der Stadt und die Familienverhältnisse. Die Jahrzehnte nach 1686 zählen zweifellos zu den spannendsten Abschnitten der Stadtgeschichte, da sich am Beginn dieser neuen gesellschaftlichen und ökonomischen Ordnung exemplarisch zeigen lässt, durch welche Ideen und praktischen Bestrebungen eine neu etablierte Macht und die Bewohner einer frühneuzeitlichen Stadt geleitet wurden. Géra zeigt, wie sich der König und die zentralen Regierungsstellen eine Neueinrichtung Budas als deutsche und katholische Stadt vorstellten. In der Stadt lebten jedoch mehrere ethnische und religiöse Gruppen, darunter auch Osmanen, die bereit waren, sich taufen zu lassen und die im vierten Kapitel näher behandelt werden, sowie die Südslawen, die in den ersten Kapiteln des Bandes immer wieder erwähnt werden. Zu den Maßnahmen der Regierung, um das Leben wenigstens teilweise nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, gehörten die Förderung der Einwanderung aus den österreichischen Erbländern und anderen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (exemplarisch vorgestellt im sechsten Kapitel anhand von Einwanderern und ihren Motiven) sowie die Schaffung eines Konsenses über Werte und Normen, der etwa durch Vorschriften zur Vergabe des Bürgerrechts und zur Mitgliedschaft in Zünften erreicht werden sollte.
Den größten Raum widmet Géra den Familienverhältnissen der deutschen Stadtbewohner. Hierbei geht es vor allem um die juristische und gesellschaftliche Stellung der Frau. Behandelt werden Themen wie die Auswahl des Ehepartners, die gesellschaftlichen und ökonomischen Motive für eine Wiederheirat Verwitweter sowie Konflikte zwischen Ehepartnern, häusliche Gewalt, Ehebruch und Unzucht. Geschildert werden nicht nur Fälle der Erduldung von Missbrauch, sondern auch die helfende Rolle der Verwandtschaft und weibliche Solidarität bei der Überwindung von Gewalt sowie Beispiele dafür, wie Frauen eine Trennung erzwingen konnten. Ebenso werden die Umstände und verschiedenen Varianten des Witwenstandes aufgezeigt, darunter Witwen mit eigenen Kindern und Stiefkindern sowie Witwen, die als anerkannte Mitglieder der Bürgerschaft ein von der Gesellschaft akzeptiertes, unabhängiges Leben führen konnten.
Géra macht andererseits auf Frauen am Rande der Gesellschaft aufmerksam, die sich meistens ohne eigenes Verschulden - etwa aufgrund von Überschwemmungen, Bränden oder anderen Katastrophen - in schwierigen Umständen befanden. Dazu zählten arme unverheiratete Frauen und arme Witwen, die anders als die Frauen aus dem bürgerlichen Milieu ohne familiären oder verwandtschaftlichen Schutz mittellos und obdachlos zurückblieben. Behandelt werden auch reiche und arme Waisenkinder, die entweder wegen ihres Erbes von den sogenannten Waisenvätern und städtischen Ämtern ausgenutzt wurden oder aufgrund ihrer Armut schutzlos ausgeliefert waren.
Der Leser erfährt von einer Vielzahl kürzerer und längerer Geschichten, die Géra anhand eines vielseitigen Ensembles an Quellen aus dem "Hauptstädtischen Archiv" in Budapest präsentiert. Dazu gehören Protokolle von Stadtratssitzungen, Ratskorrespondenz, juristische Dokumente, Testamente und Nachlassverzeichnisse. Mit sicherer Hand arrangiert und wertet sie diese Quellen aus und kann auf diese Weise nicht nur den allmählichen Wandel von der ehelichen Verbindung als einer rein wirtschaftlich-sozialen Versorgungs- und Zweckgemeinschaft zu einem Band gegenseitiger Zuneigung und "häuslicher Liebe" nachweisen, was in Buda im 18. Jahrhundert - wie in Europa insgesamt - eine wachsende, wenn auch nicht dominante Rolle spielte. Die dargestellten Beispiele belegen auch, dass Frauen im bürgerlichen Milieu, denen es im Laufe ihres Lebens gelungen war, Ehre und guten Ruf zu wahren, durchaus in der Lage waren, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
Die Autorin kann das allgemeine Bild von der frühneuzeitlichen Familie und Ehe ausdifferenzieren, indem sie die praktische Umsetzung zeitgenössischer gesellschaftlicher Vorstellungen sowie den Erfolg bzw. Misserfolg obrigkeitlicher Moralpolitik untersucht. Bei der Rekonstruktion der Lebens- und Bewältigungsstrategien ihrer Akteure und Akteurinnen öffnet sie zugleich ein Fenster zum Leben der Deutschen im frühneuzeitlichen Buda.
Die Stärke des Buches besteht darin, dass es sich sowohl als Sozial- und Frauengeschichte wie auch als Studie zur Krisengeschichte (und deren Bewältigung) sowie als sozialanthropologische Analyse lesen lässt. Insgesamt vermisst die Rezensentin jedoch eine stärkere inhaltliche Kohärenz der an sich überaus aufschlussreichen und wertvollen Beiträge sowie einen die einzelnen Darstellungen und Analysen zusammenhaltenden methodischen Interpretationsrahmen.
Márta Fata